
Müge İplikçi
Reisen und die Veränderungen, die Menschen auf Reisen durchmachen, interessieren mich sehr. Eine Reise ist ein Versprechen. Das Versprechen, zu Veränderung und Wandel bereit zu sein. Zugleich ist sie ein Risiko. Im Zuge der Veränderung kann es nötig werden, sich seinen Erinnerungen zu stellen. Eben deshalb ist Veränderung schwierig. Das Alte ins Neue transferieren und dabei erneut die Abgründe zwischen Erinnern und Vergessen ausloten.
Stets haben mir konkrete Reisen etwas bedeutet, die durch die zurückgelegten Wege vielfarbig und kompliziert werden und sich gabeln. Darüber hinaus interessieren mich auch abstrakte Reisen. Reisen in den Geist, in die Erinnerung. Um ehrlich zu sein, gehöre ich zu jenen, die glauben, das wichtigste Element in unserer von Globalisierung geprägten Zeit sei aus Steinen der Erinnerung gemauert. Meines Erachtens ist insbesondere angesichts der schweren historischen Last des 20. Jahrhunderts die beste Reise jene in die Erinnerung. Das ist ein Wunsch, den ich nicht nur in Bezug auf mein Land, sondern um der ganzen Welt willen hege. Es kommt mir so vor, als könnten wir, wenn wir uns nur der Vergangenheit stellen und vergeben können, uns sehr viel leichter neuen Dynamiken zuwenden.
Ob wir nun den Verlauf der Moderne kritisch betrachten, kurz sei behauptet, dass wir noch immer etwas von ihr lernen können, oder ob wir eine postmoderne Auffassung vertreten, um ihre sich allseits zeigende Hinfälligkeit zu studieren, eines ist doch deutlich: Die Dynamik des Lebens findet heute im konservativen Stil neoliberaler Politik statt. Der fast überall auf der Welt direkt oder indirekt vorkommende Rassismus ist ein Beweis dafür. Es handelt sich hier um einen seltsamen Konservatismus, der sich auf Religion, Sprache, Ethnizität und Geschlechteridentität richtet und der keine Grenzen kennt.
Im Verlauf des Projekts „Yollarda“ fand ich die Gelegenheit, bei Kaffee, Tee mit Zitrone oder eisigem Wein mit einer Vielzahl von Autoren, Lesern, Schülern und Journalisten über diese und ähnliche Themen zu plaudern. Zu sehen, dass wir in unterschiedlichen Gegenden doch ähnliche Sorgen teilen, war ebenso deprimierend wie erfreulich. Es liegt auf der Hand, dass unsere Kraft nicht ausreichen wird, die Welt zu verändern. Wir können ihr aber Fragen stellen, können fragen, hätten fragen können.
Und das bedeutet manchmal schon alles.
