
Alek Popov
In unseren mehr oder weniger offenen Zeiten sind Literatur und Kultur generell eine relativ verschlossene Sphäre geblieben, wo sich immer noch Protektionismus und nationale Vorurteile behaupten. Wir kommunizieren mehr durch Etiketten als durch Texte, trotz der hehren Versprechen, die wir ablegen. Die Wirtschaft hat es irgendwie geschafft, der Kultur den Platz streitig zu machen. Einen gemeinsamen kulturellen Raum zu schaffen heißt, sich auf individuelle Charaktereigenschaften zu konzentrieren, statt auf Stereotypen und Klischees. Dies ist unerlässlich, wenn die Künste blühen sollen, vor allem in diesem Teil Europas, wo Kultur oft eine Sache staatlicher Patronage ist. Der interessanteste Aspekt meiner Erfahrungen bei „Yollarda“ war die Möglichkeit, zu beobachten, wie die lokalen Etiketten im Kommunikationsprozess schmolzen und verschwanden. Ich konnte die Entstehung einer neuen Identitätsebene ausmachen, wenn auch noch fragil und diffus - eine geteilte europäische Identität. Das Publikum verändert sich. Autoren ändern sich. Das Resultat: die Erschaffung einer völlig neuen Perspektive.
Für den Künstler heißt ein breiteres Publikum, dass er oder sie freier, inspirierender und unabhängiger ist. Trotzdem sollten wir, bevor wir es mit Globalisierung versuchen, der Regionalisierung eine Chance geben. Obwohl ich vom universellen Wert der Kultur überzeugt bin, hat mich die Realität irgendwie gelehrt, dass kulturelle Gemeinsamkeiten wichtig sind. Die Welt ist so groß, und es gibt so viele Dinge überall um uns herum, dass es schlicht unmöglich ist, alles zu fassen. Und in den meisten Fällen ist der Versuch nutzlos. Das Paradoxe ist, dass oft die nahesten Dinge die unbekanntesten sind. In meinem Verständnis ziehen Kunstwerke eher wie Wellen als wie Kometen durch die Welt. Darum reden wir so oft über Einflüsse, wenn wir über Kultur reden. Es ist schwierig, einfach so in das Zentrum der globalen Aufmerksamkeit zu gelangen. Natürlich kann das passieren; normalerweise aber breitet sich Literatur wie eine Welle aus. Es ist besser, bestimmte Etappen nicht zu überspringen, wenn man nachhaltiges Wachstum haben möchte. Ich kann mir meine Karriere als Schriftsteller schlicht und ergreifend nicht vorstellen ohne Übersetzungen meiner Werke in der Nachbarschaft! Ich würde denken, irgendwas sei falsch. „Yollarda“ war wie eine Welle: sie brachte uns wie eine steigende Flut in die Türkei und kam dann zurück, und trug dabei all die unterschiedlichen und wunderschönen Stimmen moderner türkischer Literatur und Kultur nach Europa hinein.
