
Ermanno Cavazzoni
Über Attila weiß man nichts. Er ist wie eine Naturkatastrophe, etwa wie ein Erdbeben, wie die Pest oder ein Brand, für die man keine Erklärung hat. Ebenso wenig gibt es eine Biografie oder eine erzählbare menschliche Geschichte über ihn. Er gilt als ein von Asien ausgelöster Tsunami, ebenso wie die nachfolgenden Angriffswellen der türkischen Bevölkerung Richtung Westen. Und ich glaube, dass heutzutage diese wichtigen historischen Phänomene in den Schulen immer noch auf diese eurozentrische Weise erzählt werden. Das heißt, man hegt wenig Interesse zu verstehen, wer Attila war und was in dem unendlich großen Asien geschah, während das Europäische Reich darauf bedacht war, unversehrt und undurchlässig zu bleiben.
Das Bild von Attila in den türkischen Schulen hat meine Überzeugung bestätigt, dass die Nationalgeschichten letztendlich nur Märchen, nur erfundene Märchen sind, die aber im Laufe der Zeit erhalten geblieben sind, und die man in den Schulen auswendig lernt, um einen Sinn für die Zugehörigkeit zu einer Nation zu stiften. Die Feindschaft zwischen den Nationen ist in der Verschiedenheit oder Unvereinbarkeit der jeweiligen Märchen verwurzelt. Das gilt für Europa genauso wie für die Türke
Vielleicht müsste man ein neues gemeinsames Märchen schreiben, in dem sowohl Attila (mit all seinen Truppenführern, die in den Westen eindrangen) als auch die Kreuzritter vorkommen; und zwar nicht als unerklärliche Naturkatastrophen, sondern als menschliche, beschreibbare Figuren mit menschlichen Absichten und Motiven. Ich rede von Märchen und nicht von Wahrheiten, weil die historische Rekonstruktion immer eine zeit- und kontextabhängige Erfindung ist, und wenn sich die Zeiten ändern, modifizieren sich auch die Märchen. Dennoch sind die Märchen manchmal sehr wichtig, mehr als man gewöhnlich glaubt, um Völker einander näher zu bringen (oder voneinander fern zu halten).
