
Attila Bartis
Eine Brücke ist ein Bau, der zwei unverbundene Dinge miteinander verbindet. Zu diesem Zweck hat man sie erfunden. Damit man dem Propheten gleich das Wasser überqueren kann, ohne nasse Füße zu bekommen. Geschichte ist nichts anderes als die Geschichten von Brücken, die gebaut, in die Luft gesprengt und wieder aufgebaut wurden. Anders gesagt, ein geografischer Raum, der über keine gesprengte Brücke verfügt, hat auch keine Geschichte. Da es einen solchen geografischen Raum nicht gibt, ist die Menschheit eins und miteinander verbunden.
Es gibt eine Brücke, die Europa und Asien miteinander verbindet. Als ich diese Brücke zum ersten Mal überquerte, weinte ich. Das ist beinahe zwanzig Jahre her. Damals war sogar das Überqueren der Donau eine unvergessliche Erfahrung. Die Strecke zwischen den beiden benachbarten Ländern Rumänien und Bulgarien über die Brücke in Giurgiu zurückzulegen dauerte exakt neun Stunden. Dementsprechend hatte ich, während wir am Bosporus unter dem Dröhnen eines klapprigen Busses zwischen zwei Kontinenten vorwärts fuhren, allen Grund, ein Papiertaschentuch vollzuschneuzen. Ich hätte damals übrigens nicht gedacht, zwanzig Jahre später die Tränen zurückhalten zu können. Ich hätte nie gedacht, dass die eineinhalbminütige Entfernung von Giugiu weniger als neun Stunden dauern könnte. Nie hätte ich gedacht, dass Geschichte mit schwarzer anstatt mit roter Tinte geschrieben werden könnte. Eigentlich wäre mir nichts von dem, was ich heute denke, damals in den Sinn gekommen.
All das erzähle ich, weil ich eben diese Brücke wieder überquert habe. Wie viele Schriftsteller war auch ich eingeladen. Ich nahm an Gesprächen und Galadinners teil, führte stundenlange überflüssige Gespräche mit Bürgermeistern und plauderte herzlich mit Studenten. Ich war als Gast geladen, um Unterschiede zu sehen und Ähnlichkeiten aufzuzeigen, gleichsam einer lebenden Brücke. Ein europäischer ungarischer Schriftsteller in der europäischen Türkei von morgen. Ein ungarischer Schriftsteller, der hundertfünfzig Jahre der Vergangenheit nie aus seinem Gedächtnis streicht. Jene hundertfünfzig Jahre müssen dem nicht ungarischen Leser erläutert werden. In diesem Zeitraum herrschten die Türken auf unserem Boden. Stets hatten unsere prächtigen Könige sie besiegt, doch verfügten wir nur über wenige prächtige Könige. In Mohács wurden sie einer nach dem anderen beseitigt. Heute ist die Stadt Mohács Grenzhafen der Europäischen Gemeinschaft an der Donau, aber das wissen nicht einmal die Mohácser selbst, geschweige denn die Europäer oder Türken. Dennoch bin ich hier, kam ich in einem rosa Bus, um Brücke zu sein. Ich beuge mich, bitte sehr, gehen Sie über mich nach Europa. Dazu bin ich hierher gekommen.
Am letzten Tag beim Abendessen stellte ich dann fest, dass man mich, also eine Brücke, gar nicht benötigte. Eine Brücke braucht man, wenn existenziell wichtige Dinge an unterschiedlichen Orten sind. Natürlich gibt es wichtige Dinge, die uns dort von hier unterscheiden, doch sind diese Unterschiede nicht lebenswichtig. Das eigentlich Wichtige ist die Tinte, mit der die Menschen ihr Schicksal schreiben, und ich habe begriffen, dass die Tinte in beiden Ländern die gleiche ist.
Mit der türkischen Übersetzerin meines Romans, Sevgi Can Yağcı, sind wir in ein herzliches Gespräch vertieft. Gemeinsam suchen wir nach Worten. Nach Worten, die es in beiden Sprachen gibt. Besipielsweise tabut (Sarg). Welch eine Übereinstimmung. Dann ertappen wir uns, wie wir mit diesen Worten in unseren beiden Sprachen logische Sätze bilden. Über die Muttersprache gelangen die Worte zum Tod ihrer Mutter. Sie starb eine Weile vor meiner. Beide Mütter spielten Geige. Auch das ist ein großer Zufall. Wer glaubt schon, dass zwei Mütter zu beiden Seiten des Bosporus Geige spielen und sterben, bevor sie ihre Kinder großziehen konnten?
–Ist dein Vater Schriftsteller wie meiner? Er schrieb ein Buch für dich? Klar, schreibende Väter
schreiben in der Regel eines ihrer Bücher für ihre Kinder. Das ist ganz normal. Ist vielleicht eine Gewissenssache. – Das Buch, das mein Vater für mich schrieb, heißt Steine und Kräuter. Deins heißt Schneeglöckchen? Dabei gibt es hier mehr Steine und weniger Schneeglöckchen als bei uns. Offensichtlich ist da etwas durcheinander geraten. Er hat es nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis veröffentlicht? Er war tatsächlich, so wie mein Vater, sieben Jahre lang politischer Gefangener? In Kleinasien werden die Menschen also genauso verhört wie in Europa? Werden die Fingernägel auch hier genauso herausgerissen? Schießt einem, wenn es soweit ist, das Blut genauso ins Hirn? Ja, genauso.
















