
Günter Grass
Einer der größten lebenden Schriftsteller der deutschen Sprache, Günter Grass, war zu Besuch in der Türkei. Begleitet wurde der Nobelpreisträger von dem ebenso großen türkischen Schriftsteller Yaşar Kemal. Grass kam zum Finale der Türkei-Tournee des Projekts “Europäische Literatur in der Türkei – türkische Literatur in Europa”.
Bevor er mit seinen türkischen Lesern am 15. April im Muhsin Ertuğrul Theater im Istanbuler Stadtteil Harbiye zusammentraf, hielt er eine Pressekonferenz mit den Organisatoren des Projekts ab. Nach Ansprachen des deutschen Botschafters Eckart Cuntz, des EU-Botschafters in der Türkei Marc Pierini und der Leiterin des Goethe-Instituts Istanbul Claudia Hahn-Raabe ergriff Yaşar Kemal das Wort. Kemal, zu dessen Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1997 Grass die Laudatio gehalten hatte und mit dem er danach bei verschiedenen Anlässen zusammentraf, stellte seinen Freund vor mit den Worten: “Einen solchen Schriftsteller gibt es auf der Welt kein zweites Mal mehr.” Des weiteren sagte Kemal über Grass: “Ich bin ein engagierter Schriftsteller, das habe ich schon oft gesagt. Das erfüllt mich mit Stolz. Ich engagiere mich für den Frieden und gegen den Krieg. Günter Grass ist auch so ein Schriftsteller, von ihm habe ich sogar gelernt, mich zu engagieren. Ich freue mich sehr über seinen Besuch in der Türkei und heiße ihn aufs Herzlichste willkommen.”
Im Anschluss an Yaşar Kemal sprach Günter Grass. Er begann mit seiner Biografie und seinem eigenen Land, ging über zur Türkei und hielt eine mutige Rede, die sein Engagement wahrlich demonstrierte. Grass erzählte: “Yaşar Kemal ist seit langem mein Freund. Weder spreche ich Türkisch noch spricht er Deutsch. Kennengelernt haben wir uns über die Lektüre unserer Bücher. Ich wurde im polnischen Danzig geboren, Yaşar Kemal stammt aus der Çukurova. Beide haben wir in größenwahnsinniger Manier diese winzigen Orte auf der Welt ins Zentrum unseres Schreiben gerückt und unsere Geschichten erzählt.”
“1945 war ich 17 Jahre alt. Ich stand unter dem Einfluss der Naziideologie. Zwölf Jahre lang hatte ich die Gräuel, die die Nazis begangen hatten, nicht wahrhaben wollen. Dann kamen allmählich die Beweise, ich sah Bilder von den Taten. Ich musste lernen, diese Verbrechen zu akzeptieren. Das war nicht leicht für mich und meine Generation. Aber diese Dinge waren in Deutschland passiert. Die, die das nicht akzeptieren wollten, meinten: ‘Ihr verdreht die Tatsachen’, aber die Vergangenheit holte uns immer wieder ein. Auch die Türkei trägt an einer schweren Last aus ihrer Vergangenheit. Wann wird sich die Türkei dem stellen, was 1915-1916 dem armenischen Volk angetan wurde? Ich wünsche mir, dass die Türkei sich mit den Ereignissen auseinandersetzt und Teil der europäischen Gemeinschaft wird. Tabus muss man angreifen. Wo immer es ein Tabu gibt, muss man es bekämpfen. Wir taten es, und die Türkei muss es ebenfalls tun.”
“Ich weiß, wie schwer es für ein Land ist, an der Last aus der Vergangenheit zu tragen. Pınar Selek wird noch immer strafrechtlich verfolgt. Ein armenischer Journalist wurde ermordet. Ich erinnere mich aber, wie nach seinem Tod Hunderttausende auf die Straße gingen. In der Türkei hatte ein Wandel eingesetzt. Und kein diplomatischer oder politischer Prozess wird dies aufhalten können. Dies ist der wichtigste Schritt der Türkei in Richtung Europa.”
“Während eines Gesprächs an einer Universität, an dem ich heute teilnahm, äußerte ein Student den Gedanken, man solle die Vergangenheit ruhen lassen und sich der Zukunft zuwenden. Ich halte das nicht für angemessen. In Deutschland haben wir das immerzu gehört. Aber man sollte besonders achtsam sein. Willy Brandt machte auf seiner Polenreise 1970 vor einem Konzentrationslager, in das Tausende von Menschen geschickt worden waren, einen Kniefall und entschuldigte sich beim polnischen Volk. Ich meine, dass die Zeit für eine solche Geste, für eine Entschuldigung bei den Armeniern gekommen ist.”
“Sie werden bemerkt haben, dass ich das Wort Völkermord nicht verwende. Ich denke, die Türkei muss selbst entscheiden, welchen Namen sie den Ereignissen geben will.”
“1997 sprach ich das Kurdenproblem an und sprach mich gegen den Einsatz deutscher Waffen im Kampf gegen sie aus. Dieser Kampf geht seit Jahren weiter, hat aber zu keinem Ergebnis geführt. Die Existenz des kurdischen Volkes ist eine Bereicherung für die Türkei, doch vergeudet man diese dadurch, dass man alle als Türken bezeichnet. Stattdessen sollte die Türkei diesen Reichtum nutzen und davon profitieren. Noch nie wurden solche Probleme mithilfe von Waffen gelöst.”
“Dem türkischen Ministerpräsidenten, der sich am Samstag mit den Autoren trifft, möchte ich sagen: “Hören Sie den Schriftstellern gut zu. Sie sind es, die ihre Länder am besten beobachten. Und die kurdischen Autoren sind es, die am besten über ihre Länder erzählen können.”
