
Mario Levi
Dann erreichten wir unser Ziel. Piazzale Roma... Ein Stückchen weiter begann das Meer, besser gesagt das Wasser. Wir waren in dem Venedig, das ich kannte und vermisst hatte. Dort trafen wir Claudia Hahn-Raabe und ihre Kolleg/innen. Auch Tijen war dort... Als wir das Vaporetto zu unserem Hotel bestiegen, in dem wir zwei Nächte übernachten würden, spürte ich, dass die Geschichte dieses Wassers auch in andere Zeilen gegossen werden würde. Wir fuhren los. Nun waren wir in dem Venedig, das ich kannte, besser gesagt, zu kennen glaubte. Zu kennen glaubte ist der korrektere Ausdruck. Denn jedes Mal traf ich in diesen Kanälen auf unerwartete Bilder. Am schönsten war das ständig sich wiederholende Gefühl, sich verirrt zu haben.
Gleich nach ihrem Umzug nach Istanbul hatte Claudia Hahn-Raabe ihre Arbeit aufgenommen, und innerhalb kurzer Zeit gelang es ihr mit ihrer Energie, Warmherzigkeit und interessanten Projekten, die Herzen vieler Menschen zu erobern. Nun war der richtige Zeitpunkt gekommen, um mit ihr darüber zu sprechen, an welchem Punkt der Reise wir uns befanden. Sie erzählte, dass sie zahlreiche Stationen, Städte hinter sich gelassen hätten. Wie geplant ging das Projekt weiter und erreichte dabei unterschiedliche Menschen. Auch hier würden wir wieder andere Menschen ansprechen. In dem Moment erinnerte ich mich an die ersten Tage. Die Tage, an denen sie mir von dem Projekt erzählte. Unter der Federführung des Goethe-Instituts sollte sich die türkische Literatur über einen anderen Weg nach Europa aufmachen. Verschiedene Schriftstellerkolleg/ innen würden in verschiedene Städte reisen. Ich hatte die Möglichkeit, mir eine Stadt auszusuchen. Ohne auch nur im Geringsten zu zögern, wählte ich Venedig...
Später wurde dieser Traum Wirklichkeit. Die Diskussionen, an denen wir gemeinsam mit Fethiye Çetin unter der Moderation meines Übersetzers Gianpiero Bellingeris teilnahmen, waren äußerst interessant. Ich werde nie vergessen, wie ich in der Zeit, die uns nach den Lesungen verblieb, mit all der Energie, die ich durch die neuen oder enger gewordenen Freundschaften auf dieser Reise gewonnen hatte, unbekannte Ecken Venedigs erkundete.
Wie schön es war, auf einer Piazza, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann, in einem Restaurant Pizza zu essen, oder in einer programmgemäß knapp bemessenen Mittagspause in einem typisch venezianischen Café ein Sandwich zu verspeisen… In San Marco spazieren zu gehen und ein Glas Wein zu trinken, während eines Bummels durch die Straßen des „Ghettos” seiner Geschichte zu lauschen… In den engen Gassen umherzuschlendern mit dem Gefühl, jeden Moment die Orientierung zu verlieren. Das Allerschönste an Venedig ist, jenes Gefühl des Verlorenseins bis zum Schluss auszukosten, um eins zu werden mit der Stadt… Eines ist allerdings Tatsache. Man hätte nicht im Sommer nach Venedig kommen sollen. Wie sehr hatte ich in jener Junihitze trotz allem, was ich erlebte, das melancholische Venedig der Wintermonate vermisst…
Um eine Art Feier zu begehen, wollten wir uns mit den anderen Schriftstellerkolleg/innen, die unterschiedliche kleine Reisen in andere Städte unternahmen, ungefähr einen Monat später in Brüssel treffen. Wenn man die heutigen Möglichkeiten bedenkt, sind die Wege kurz. Dagegen ist der Weg, den die türkische Literatur zurücklegen wird und muss, noch lang… Doch wir haben unseren Schritt beschleunigt. Ich glaube fest an diesen Weg. Und an das, was wir tun müssen und wozu wir imstande sind… Claudia und ihre aufopferungsvollen Kolleg/innen haben etwas Großes geleistet. Die Ergebnisse und Gewinne schenken einem so viel Kraft zum Weitermachen…
