
Ayşe Kulin
Auch wenn wir nicht viel davon hören und wissen, gibt es fern in Ungarn ein Pécs. Pécs ist sogar Kulturhauptstadt. Wenn Sie nun denken, eine Kulturhauptstadt müsse sein wie Istanbul, dicht bevölkert, vom Verkehr verstopft, mit tief verwurzelter Geschichte, eine Stadt, in der das Leben ohne Unterlass vierundzwanzig Stunden atemlos pulsiert, chaotisch und prachtvoll zugleich, dann haben Sie sich geirrt, so leid es mir tut.
Pécs ist eine Stadt mit nur 150.000 Einwohnern, ruhig, unaufgeregt und ohne nennenswerten Verkehr. Doch was für eine Stadt! Eine Fee scheint diesen Ort mit ihrem Zauberstab berührt und die Zeit zum Stillstand gebracht zu haben. Aufgrund eines für Türken unfassbaren Bürgersinns hat dort nie jemand die vor Jahrhunderten errichteten Bauten beschädigt, nicht einen Nagel eingeschlagen, nicht um etwas Neuen willen abgerissen, noch ein Geschoss oben drauf gesetzt. So blieben die Stile Westroms, der Osmanen, von Gotik, Barock und Rokoko, einmal abgesehen von Naturkatastrophen, bis heute unbeschadet erhalten. Ein Städtchen wie ein Freiluftmuseum, jedes Bauwerk vom Wert eines Brillanten, erteilt jenen, die durch seine Gassen schlendern, eine Lehre in Sachen Humanität und Zivilisation. Beim Gang durch Pécs läuft man vom Mittelalter durch die Geschichte bis in die Gegenwart hinein. Wie glücklich kann ich mich schätzen, dass mir durch das Projekt „Yollarda“ vier Tage geschenkt wurden in dieser Stadt, die sowohl die Vergangenheit bewahrt, wie auch im Heute lebt.
Für seine Kirchen, die Gazi-Khassim-Moschee, die Madonnenstatuen und die Denkmäler des Nationalhelden Johann Hunyadi, der die Ungarn vom Joch der Türken befreite, für die Universität und ihre Bibliothek, für seine engen Gassen und winzigen Erkerhäuser ist Pécs ebenso berühmt wie für seine Kaffeehäuser, Bars und Gaststätten. Gruppen musizierender Studenten ziehen durch die Straßen. Es ist eine Universitätsstadt und erst recht am Wochenende quellen die Gassen über von Studenten, die das Leben genießen.
In Istanbul steht eine Bank neben der anderen, in Pécs dagegen stößt man auf Schritt und Tritt auf Buchhändler. Läden mit Markenartikeln sind selten, stattdessen häufen sich Märkte, auf denen fliegende Händler persönlich gefertigte Produkte darbieten.
Der Dienstleistungssektor der Ungarn, die lange unter dem Einfluss sowjetischer Herrschaft standen, funktioniert nach wie vor behäbig. Von Speisen soll gar nicht die Rede sein, doch selbst auf ein alkoholisches Getränk gilt es, mindestens eine Viertelstunde zu warten, schier unerträglich für ungeduldige Türken. Auch sind die Ungarn im Vergleich zu uns sehr still. Selbst in stark von jungen Leuten frequentierten Cafés trafen wir niemanden an, der sich gleich uns lautstark unterhalten oder lauthals gelacht hätte.
Wir können den Ungarn wohl einiges vormachen, wenn es ums Amüsieren, ums Lachen oder um flotten Service geht. Doch es gibt da etwas sehr Wichtiges, das wir von ihnen lernen können. Ich will versuchen, es anhand eines Beispiels darzustellen: Es gibt dort einen Friedhof, der im Jahr 2000 den Weltkulturerbestatus der UNESCO erhielt. Auf diesem christlichen Friedhof aus dem dritten Jahrhundert mit mehrstöckigen Gräbern sind auf einem Areal Werke aus unserer Zeit ausgestellt. Dort befindet sich eine Skulptur, die sich Menschen aus aller Welt ansehen und zum Vorbild nehmen sollten. Sie wird demnächst in den Vatikan gebracht. Von der einen Seite betrachtet sieht man den Judenstern, von einer anderen das Kreuz als Symbol des Christentums und von einer weiteren Seite aus Halbmond und Stern, die Symbole des Islam. Der Künstler hat in einem genialen Verfahren die Symbole der drei himmlischen Religionen zu einer Einheit verschmolzen. Dies, so meine ich, ist die herausragendste Eigenschaft der Ungarn: ihre Fähigkeit, Religionen, Ansichten und Meinungen zusammenzuführen und zu integrieren. Es gelingt ihnen, aus Unterschieden Integrität statt Konflikt zu schaffen und ihre 6000-jährige Geschichte, die Besatzungen und Qualen, die sie im Laufe der Geschichte durchlitten haben, mit einem Blick, wie er Philosophen zu eigen ist, ohne die geringste Spur von Feindseligkeit zu beurteilen.
Zweite Eroberung der Stadt Pécs durch die Türken
Vom 20. bis 23. Mai 2010 erlebten die Einwohner von Pécs ein zweites Mal den Ansturm von Türken. Diesmal fand der türkische Vorstoß nicht mit tausend Reitern statt, sondern mit zwei Schriftstellerinnen, einem Komponisten, einer Sopranistin, einer Meisterin auf der Rohrflöte Ney und einer Tänzerin. Von den Schriftstellerinnen spreche ich nur, um die Lesungen, die Perihan Mağden und ich an mehreren Orten durchführten, nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Denn was zählen schon unsere Lesungen, ganz egal, was wir dort lasen, gegen ein eindrucksvolles Konzert und eine Tanzperformance? Tuluğ Tırpan mit seinem symphonischen Poem Mewlana-Alchemist und seinem Piano, Burcu Karadağ mit ihrer Ney, Sertap Erener mit ihrer Stimme und Su Güneş Mıhladız mit ihrem Tanz nahmen die Ungarn gefangen, bezauberten sie, eroberten ihre Herzen. Wenn die Pécser, die diese Aufführung erlebten, fortan an Türken denken, werden ihnen die Ney einfallen, mit der Burcu ihre Seelen anhauchte, Sertaps kristallklare Stimme und die zeitgenössischen Kompositionen für Streich- und Schlaginstrumente, mit denen Tuluğ sie hinriss. Vollkommen unvergesslich aber wird ihnen Su Güneş bleiben, die mit ihren mystischen Gewändern eine Dreiviertelstunde lang unaufhörlich kreiste, ihr Ego abstreifte und Wiedergeburt symbolisierte.
Zögen wir zur Eroberung aller Länder stets mit einer solchen Mannschaft aus, kämen wir nie mit leeren Händen zurück.
Kunst und Wein
Drei Tage lang erfüllten Perihan und ich klaglos unsere Aufgaben im Rahmen des Projekts „Yollarda“, lasen, beantworteten Fragen, posierten für Videoaufnahmen an den unterschiedlichen Orten der Stadt. Dann kam der Sonntag. Die Veranstalter hatten beschlossen, unser ganzes Team zur Belohnung für unsere intensive Arbeit zu einem Weinfestival in einem nahe gelegenen Dorf zu bringen. Die Trauben, die dort auf reichhaltigem Boden in einer sonnigen Region unter geradezu mediterranen Bedingungen reifen, ergeben einen ausgezeichneten Weißwein. Wir sollten den Chardonnay und den Cirfandli probieren, die dort in den Weinbergen auf 630 Hektar angebaut werden, und auch von den Rotweinen aus der Region Villány kosten. Mit Weinkelchen um den Hals, Weincoupons und Bewertungsbögen in den Händen, betraten wir mit den beiden Claudias vom Goethe-Institut und den Veranstaltern des Projekts zum Auftakt unserer Weinprobentour durch vierzehn verschiedene Keller das erste Haus. Als wir aus dem vierten Weinkeller heraustraten, hatte keiner mehr einen klaren Kopf. Eine der Claudias wurde von einer Biene gestochen, ich klaubte ein wenig feuchte Erde auf und presste sie ihr auf die Wange. Perihan kam mit durchgekautem Brot zu Hilfe und Claudia wehrte sich nicht gegen die türkischen Behandlungsmethoden. Als Letztes erinnere ich noch, dass wir pitschnass wurden, als wir unter einem plötzlichen Regenguss auf unseren Wagen warteten. Die Tränen, die mir beim abendlichen Konzert mit Tuluğs Werk in der Interpretation der Vienna Classical Players unaufhörlich aus den Augen rannen, schrieb ich zunächst dem Wein zu, den ich verkostet hatte, doch die Ungarn im Saal waren mindestens so aufgewühlt wie ich. Gute Kunst und guter Wein kennen keine Grenzen, Freunde. Mein herzlicher Dank für den Besuch in Pécs, der uns beides so generös darbot, gilt meinen Freunden, die das Projekt „Yollarda“ auf die Beine stellten.
