
Leonhard Thoma
Der rollende Bus. Bibliothek, Botschaft auf Rädern. Eine Art fliegendes Klassenzimmer.
In Istanbul stockt er, zwangläufig. Der Verkehr! Zu Fuß wäre man schneller, denke ich anfangs. Aber nach der ersten Lesung habe ich schon verstanden: Der Bus muss mit. Der Bus ist die Hauptsache, der heimliche Protagonist. Was heißt: der heimliche? Die Sensation auf dem Schulhof
AMir haben die Schüler zugehört, höflich, interessiert, fröhlich. Den Bus aber stürmen sie begeistert und wollen gar nicht mehr raus. Das liegt nicht nur an den Büchern und Heften, ahne ich. Aber auch nicht nur an der bequemen Sitzecke, in die man sich so schön reinlümmeln kann. Das liegt vor allem an seiner Seele. Ja, der Bus hat sogar eine Seele: Claudia, die alle mit ihren Geschichten bezaubert. Was wären der Bus samt Bücher ohne sie
ADie Krawatte
Was ich gleich bemerke: dass ich hier das einzige männliche Wesen ohne Krawatte bin. Zuerst hoffe ich noch: auf die jüngeren Schüler, auf den Hausmeister, auf irgendeinen Lehrer. Keine Chance. Nur ich laufe in dieser Schule krawattenlos herum. Ob das gut geht? Und jetzt soll ich vor der Lesung auch noch schnurstracks zum Schuldirektor kommen, flüstert der Deutschlehrer. Alte Erinnerungen an die Schulzeit ... da war das ja kein gutes Zeichen. Das kann ja heiter werden.
Ein Raum fast nur in Brauntönen, wie der Tee auf dem Tischchen. Als einzige Farbtupfer die strahlend blauen Augen an der Wand hinter dem riesigen Schreibtisch: Atatürk, kühner Blick in die Ferne. Die des Direktors sind auf mich gerichtet, genauer gesagt: auf die Stelle an meinem Kragen, wo eigentlich die Krawatte hängen müsste. Strenger Blick auf ein Vakuum. Wir unterhalten uns ein wenig, über die Schule, über Deutsch an der Schule. Ein bisschen zäh, aber wir bemühen uns.
Ein Ritual und seine Regeln. Der Deutschlehrer übersetzt ausführlich hin und her. Er übersetzt mehr, als wir sagen, glaube ich. Besser so. Irgendwann erwähnt er, dass ich in Barcelona wohne. Plötzlich leuchten die Augen des Direktoren: Barca, die beste Fußballmannschaft der Welt! Plötzlich plaudern wir, die Namen von Spielern und Vereinen sprudeln nur so, Resultate werden mit den Fingern angezeigt, da brauchen wir auch keine Übersetzung mehr.
Fünfzehn Minuten später schütteln wir uns herzlich die Hände. Ich bekomme sogar noch eine Einladung, zum hauseigenen Lehrerkick am nächsten Tag, abends. Er sei auch dabei, lächelt der Direktor, selbstverständlich. Leider kann ich nicht, wirklich schade, aber allein die Vorstellung gefällt mir. Eine ganz krawattenlose Vorstellung...
Istanbul
Einiges werde ich wieder nicht sehen: In der Blauen Moschee war ich gestern noch ganze zehn Minuten, für die berühmte Therme hat es nicht mehr gereicht. Auch sonst: kaum eine Moschee und gar kein Museum. Keine gute Ausbeute, touristisch gesehen.
Wenn mein Reiseführer kein Buch wäre, würde er nur noch den Kopf schütteln. Wozu ich ihn überhaupt mitgenommen habe, würde er die ganze Zeit fragen.
Ich weiß, ich weiß, die Kirche hier, der Palast dort, ein absolutes Muss. Aber ich kann halt nicht.
Nur über den Bosporus bin ich gefahren, aber nicht auf der nachdrücklich empfohlenen Ganztagestour, sondern mit der Arbeiterfähre um sechs Uhr morgens.
Ja, der Reiseführer muss mit mir völlig unzufrieden sein: Ich bin ständig unterwegs, aber auf keiner einzigen seiner Geheimtipprouten. Und die meisten seiner Top Ten habe ich nur aus der Ferne gesehen, Silhouetten am Horizont.
Und dennoch habe ich überhaupt kein schlechtes Gewissen! Tage voller überraschender Erlebnisse und interessanter Begegnungen, der berühmte Blick hinter die Kulissen, die herzliche Gastfreundschaft, das alles darf ich hier erleben. (Ganz nah an Land und Leuten, würde mein Reiseführer sagen.)
Meine Paläste sind die Schulen, meine Schatzkammern die Klassenzimmer.
Istanbul, wie es leibt und lebt! Was will ich mehr? Halt, und dann noch nach getaner Arbeit auf dem Rückweg ein Päuschen unten an der Galatabrücke. Mit einem Fischbrötchen (balık ekmek, mein türkisches Lieblingswort!) in der Hand ein bisschen den Anglern zusehen.
Auch das ist für mich Glück in Istanbul und... steht sogar im Reiseführer!
