
Nikolay Stoyanov
Austausch über Kultur und insbesondere Literatur, Treffen mit Lesern verschiedener Generationen und Nationalitäten, Besuche zu völlig oder nahezu unbekannten Ländern, die Gelegenheit, mehr über ihre einzigartige Welt und Geschichte zu lernen, Übersetzung und Veröffentlichung von literarischen Werken, sowie deren Rezeption - all das bereichert nicht nur die Sinne des Künstlers, sondern hilft, nutzbringende, starke Künstlerfreundschaften und echte menschliche Beziehungen zu erschaffen.
Diese meine Eindrücke werden geteilt von bulgarischen Kollegen, welche die verschiedenen „Äste“ dieser bunten literarischen Reise abgeschritten sind. Wir fühlen alle, dass sich das Yollarda-Projekt in ein traditionelles, periodisches Ereignis entwickeln könnte, das andere Kunstformen einschließt – etwa die Bildenden Künste. Es wäre gut, wenn das Yollarda-Projekt zusammen mit literarischen Lesungen aus verschiedenen Ländern und Begegnungen mit Lesern begänne, kreative Diskussionen zwischen Autoren und Übersetzern aus verschiedenen Ländern zu organisieren; so können diese Informationen austauschen und neue Entwicklungen und Phänomene in ihrer nationalen Literatur mitteilen. Und warum sollte man nicht in Zukunft weitere Treffen mit Schriftstellern aller in Yollarda einbezogenen Länder planen?
Aber dies sind letztlich alles Geschäftsideen. Meine Gedanken wandern zurück zur emotionalen Atmosphäre dieser wenigen Tage, die ich in Edirne verbracht habe. Die Nähe dieser Stadt zur Grenze stellt sie irgendwie in eine ungleiche Situation. Wenn man nach Istanbul reist, ist man immer in Eile, sein Ziel zu erreichen, und verschiebt den Besuch Edirnes auf ein anderes Mal hinaus. Und dann stellt sich natürlich immer heraus, dass man zu spät dran ist. Man schaut aus der Ferne auf die prächtigen Minarette ihrer Moscheen und die Kurven der Maritsa, und verspricht sich selbst, dass man nächstes Mal auf jeden Fall... Wie schlau Kavafis Worte: „Wenn du dich auf den Weg machst nach Ithaka, bete, dass der Weg weit sein möge.” Es gab eine Zeit, in der die Zeit in Kilometern gemessen wurde, nicht in Stunden, und die Straße führte durch die bunte Welt von Edirnes offenen Märkten, mit seinen Händlern, Barbieren und magischen Kaffeemachern. Wie dem auch sei, die moderne Autobahn „stiehlt“ jetzt Edirne die Reisenden. Aber es geschah, dass dieses Mal unser Ziel, das meinige und das des Dramatikers Konstantin Iliev, Edirne war. Es ist unmöglich, die orientalische Freundlichkeit der Einheimischen zu vergessen, denen es nichts ausmachte, ihren Schwatz zu unterbrechen und ihre Begleiter stehenzulassen, um uns durch das Labyrinth kleiner, sich dahinschlängelnder Straßen zu unserem Hotel zu führen. Dann reichten unsere Reiseführer, sobald sie selbst nicht mehr weiter wussten, uns an die nächste liebenswürdige Person weiter, die dann wiederum jemand anderen fragte, bis wir schließlich den Ort erreichten, den wir gesucht hatten.
Intimität ist der einzigartige Vorteil kleinerer Städte. In Edirne kann man ohne Schwierigkeiten von der Vergangenheit in die Zukunft wandern, von historischen und religiösen Denkmälern zu Symbolen des 21. Jahrhunderts. Die Grenzen dreier Länder treffen sich hier, was ein Gefühl des Wettstreits erzeugt, der Konkurrenz. Es gibt eine thrakische Universität sowohl in Griechenland als auch in Bulgarien, aber die hiesige erscheint neuerer und moderner - und offensichtlich von sehr ehrgeizigen Leuten erbaut. Fast nirgendwo im Balkan, einer Region, die ich gut kenne, habe ich so stilvolle, moderne und funktionale Gebäude gesehen wie die des privaten Kollegs von Edirne. Und genauso beeindruckt war ich von der Yıldırım Beyazıt Gymnasium. Diese waren die Orte meiner Dichterlesungen, der Begegnungen und Gespräche mit den jungen Menschen der Türkei. Fast überall setzten sich meine Lesungen über zwei Stunden fort. Ich wurde überflutet mit schlauen Fragen zu meinen Büchern, den Wegen zum Erfolg in der Kunst, meinen Bekanntschaften mit türkischen Autoren, das Leben in meinem eigenen Land.
Alle diese Veranstaltungen wurden äußerst professionell organisiert, und der Professor der Universität zu Ankara, Hüseyin Mevsim, der Übersetzer unserer Texte und Moderator aller unserer Diskussionen, hat sich wieder einmal als einer der besten Experten auf dem Gebiet der bulgarischen Sprache und Literatur in der Türkei erwiesen. Und es war wieder einmal Hüseyin, der meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen prachtvollen Brücken Edirnes lenkte. Und die Brücke ist, wie wir alle wissen, eine altehrwürdige Metapher, und eine wundervolle Realität. Ich frage mich jetzt - ist es ein Zufall, dass es im Balkan mehr Brücken gibt als irgendwo sonst?
