
Elke Schmitter
Die Kinder hier, soviel ist mal klar, haben manches noch nicht mal einmal gesehen. Was soll ihnen eine moderne Madame Bovary erzählen, die in den siebziger Jahren Mann und Tochter verlässt, um einer amor fou zu folgen? Das ist die Kernhandlung meines Romans „Frau Sartoris“, vor Jahren ins Türkische übersetzt, aus dem ich hier lesen soll. Das hat nun, kurz gesagt, gar keinen Zweck.
Also entschließe ich mich, die Sache umzudrehen. Ich frage, wie alt meine Zuhörer sind; Ergebnis: die jüngsten 10, die ältesten 17 Jahre alt, allerdings mit Gesichtern, die Jahre jünger wirken. Am Abend zuvor haben wir eine beeindruckende Ausstellung mit Portraits besucht, die noch einmal zeigte, wie lange diese Gesichter kindlich bleiben, unbeschriftet und weich, und wie schnell dann, ab ungefähr dreißig, ein vorgezogener Alterungsprozess einsetzt; nach unseren Maßstäben, versteht sich. Kurz: ich habe das Gefühl, vor einer Versammlung von Kindern zu sprechen, alle frontal und brav aufgereiht, ein paar LehrerInnen dazwischen.
Natürlich wissen sie nichts über mich. Natürlich lese ich nicht aus „Bayan Sartoris“. Ich frage, wer schon mal am Meer gewesen ist, wer in Istanbul, wer im Ausland. Immer weniger Kinder melden sich. Ein freies Gespräch kommt naturgemäß nicht zustande, dazu sind wir zu viele, also erzähle ich etwas von mir und von der Handlung des Romans: Eine Frau, die mit Mann und Kind und Schwiegermutter in einem Reihenhaus wohnt, in Deutschland, Mitte der Siebziger Jahre. Eine Frau, die unglücklich ist.
Jetzt gehe ich es an. „Wer von Euch kann mir sagen, ob ihre, ob seine Mutter glücklich ist?“ Ein längeres Schweigen folgt - für mich womöglich noch unangenehmer als für das Publikum. Hin und wieder wurde ich darauf hingewiesen, noch öfter haben wir in der Gruppe gemerkt, dass das, was wir für üblich halten, für höflich und angemessen, hier beileibe nicht gilt. Vor allem die Konzepte von Ehre, von Diskretion und persönlicher Haltung wie des Patriotismus weichen stark voneinander ab. Wo gerade wir deutschen BesucherInnen die Unbefangenheit zelebrieren, das unverstellt Authentische, den persönlichen Zugang, stoßen wir auf eine Mischung aus würdevoller Zurückhaltung, zeremoniellen Abläufen und Privilegierung der Hierarchie vor dem individuellen Auftritt, die den Kontakt eher erschwert - jedenfalls das, was wir darunter verstehen. Wie viel auch immer der Religiösität, dem traditionellen Nationalismus, den Gesetzen der Provinz geschuldet sein mag, der bäuerlichen Gegend um das Industriezentrum Adana, der Ordnung der patriarchalen Familie, das vermögen wir nicht zu entschlüsseln. So schwanken wir zwischen tastender Höflichkeit und dem Bedürfnis, uns wiederum „zu zeigen“, denn wenn das ganz und gar nicht möglich sein sollte, warum wären wir dann hier?
So vergeht eine ungemütliche Zeit. Die Dolmetscherin neben mir lässt mit keiner Miene erkennen, ob sie meine Frage für ungehörig hält. Ich bleibe bei meinem Entschluss, das Schweigen nicht zu zerreden - zu sehr bin ich gespannt, was aus dieser Frage wird. Außerdem meine ich den Gesichtern anzusehen, dass sie ein intensives Nachdenken spiegeln. Wie alt bin ich gewesen, als ich zum ersten Mal meine Mutter als eine Person sui generis betrachtet habe, als einen Menschen mit eigenen Zielen und Wünschen, mit einem Leben jenseits meiner Bedürfnisse? Sicher nicht jünger als die Kinder hier. Schließlich heben sich die ersten Hände. Dann werden es immer mehr. Zum ersten Mal nehme ich die hierarchische Anordnung - wie im Frontal-Unterricht - als positiv wahr. Denn das Fehlen des Blickkontakts untereinander ist womöglich erleichternd: Es gibt keine direkte Kontrolle des Kollektivs, jeder ist ziemlich allein mit seiner Reaktion. Und die Tatsache, dass eine Respektsperson - die ich qua Position auf dem erhöhten Podium wohl bin - diese Frage gestellt hat, verschafft ihr eine gewisse Unantastbarkeit.
Es ist am Ende die deutliche Mehrheit, die ihren Finger hebt. Ich rufe Einzelne auf, die wirken, als ob sie etwas erzählen wollen; das ist körpersprachlich doch gut zu sehen. Und sie erzählen: Dass ihre Mutter traurig war, als sie ihr letztes Kind im Mutterleib verlor. Dass sie glücklich ist, wenn sie gut in der Schule sind. Dass, als die Großmutter starb, der Großvater zu ihnen zog und die Mutter dann nicht mehr arbeiten ging, „sie seitdem wieder froh ist“. Familiengeschichten. Sehr klar und konzis erzählt, oft von jenem Verwundern begleitet, das wir von uns allen kennen: Man hört sich beim Reden zu und überrascht sich selbst - so sehe ich das also, das ist mir zugestoßen, das wusste ich längst und wusste es nicht. Die LehrerInnen ermuntern die Kinder; es ist, nach meinem Gefühl, eine gute, entspannte Atmosphäre im Raum.
Ich weiß nicht mehr, wie sich das Ende dieser Lesung vollzog, die keine war. Klingelte es? Ich glaube nicht. Aber ich weiß noch, wie glücklich ich war, als ich die Bibliothek verließ. Es war, nach dem ersten Schreck, eine der intensivsten Veranstaltungen, an die ich mich erinnern kann - ich hoffe, für beide Seiten.
