
Necla Kelek
Im Juni 2009 war ich in Gaziantep, um dort auf Einladung des Goethe-Instituts im Rahmen des Projekts „Yollarda- auf dem Weg“ aus meinem Buch „Bittersüße Heimat“ zu lesen.
Ich bin das zweite Mal hier. Das erste Mal war ich vor einem Jahr hier, um über die Lage der Frauen im Osten der Türkei zu recherchieren. Ich hatte mich u.a. mit den Frauen der Hilfsorganisation KAMER getroffen, die hier wie überall im Osten der Türkei die einzige Hilfs- und Schutzorgansation für Frauen ist. Bei einem Gespräch vor einem Jahr berichteten sie mir, wie schwer es ist, gegen die Männerbünde anzugehen. Viele Frauen sind Heimarbeiterinnen, weil sie ihre Mahalles, ihre Stadtviertel, nicht verlassen dürfen. So knacken sie zum Beispiel zuhause die Pistazien, die in der Provinz angebaut werden – werden aber miserabel bezahlt.
So organisierte KAMER eine Flugblattaktion gegen diese Unterbezahlung. Aber es ist schwierig, dafür eine Öffentlichkeit herzustellen. Das regionale Fernsehen, über das sie die Frauen erreichen könnten, sperrte sich, über die KAMER-Arbeit zu berichten. Aber die Frauen waren voller Tatendrang und jede Gesellschaft kann stolz auf solche Bürgerinnen sein. Aber sie erzählten auch, dass sie in ihrem Engagement weder unterstützt, noch anerkannt wurden. Im Gegenteil: Jede Form von Bürgerengagement wurde mit Tricks und Drohungen im Keim erstickt.
Auch über diesen Besuch in Gaziantep im Jahr 2008 schrieb ich in meinem Buch.
Nun bin ich wieder hier, um von meinen Erfahrungen zu berichten. Wir fahren mit der rollenden Bibliothek, einem zu einer Bücherei umgebauten Reisebus, hinaus zur Universität Antep, die vor den Toren der Stadt liegt. Vorbei an den kilometerlangen Blockbauten der Millionenstadt ist der Campus, wie so oft in der Türkei, fast nach Manier amerikanischer Universitäten eine kleine Stadt für sich. Der Hörsaal im germanistischen Institut ist voll. Selbst aus der Nachbarstadt Adana ist eine Dozentin mit ihren Studenten gekommen. Sie alle möchten hören, wie die Literatur in Deutschland mit ihren eigenen Problemen umgeht, wie diskutiert wird und was über die Türken und die Türkei gedacht wird.
Ich lese auf Türkisch ein Kapitel aus der „Bittersüßen Heimat.“ Es ist die Geschichte von Fatma, einer jungen kurdischen Frau, die in Deutschland mit ihrem Cousin aus der Türkei verheiratet wurde, damit der eine Aufenthaltsgenehmigung bekam, die dann vor den Schlägen und dem gewalttätigen Vater in ein Frauenhaus flüchtete. Unter dem Vorwand, die Mutter sei todkrank, lockte man sie in die Türkei und verlangte dort, sie sollte zum zweiten Mal einen Verwandten heiraten. Als sie sich weigerte, nahm man ihr den Pass ab und sperrte sie ein. Eine deutsche Sozialarbeiterin alarmierte mich und ich konnte sie - wieder einmal unterwegs in der Türkei - mithilfe der deutschen Botschaft und der türkischen Polizei aus ihrer Familie befreien.
Die sich an die Lesung anschließende Diskussion war sehr offen und konstruktiv kritisch. Das lag vielleicht auch daran, weil die Dozentinnen, die in Deutschland studiert hatten, die Thematik mit ihren Studenten bereits kritisch bearbeitet hatten. Aber es ging in der Diskussion auch darum, ob mit der Schilderung von Missständen nicht in Deutschland Ängste und Vorurteile gegenüber Türken entstehen oder verfestigt würden. Die Studenten konnten meine Argumentation nachvollziehen, dass man die Probleme benennen und analysieren muss, um sie begreifen und lösen zu können und dass eine Analyse niemals diskriminierend sein kann. Auffällig war die große Neugier und das unbändige Interesse zu debattieren und sich auszutauschen. Die Universität bot dafür nicht nur die modernen Räume, sondern öffnete sich den Gästen aus dem Ausland, um neue Anschauungen kennenzulernen. Viele Studenten sagen mir anschließend, dass sie gern ein oder zwei Semester in Europa oder anderswo studieren wollten. Man spürte förmlich, dass sich die jungen Leute Fragen nach ihrer Zukunft stellen und Antworten nicht nur in der Tradition suchen. Offenheit oder ein gutes Bild abgeben, dass war auch bei den anderen Veranstaltungen das Thema.
Diese Differenzierung gelang auf unserer nächsten Veranstaltung im städtischen Kulturhaus z.B. nicht ganz so. Die Besucher der Veranstaltung waren dem fremden und kritischen Blick gegenüber vorsichtig. Meine Lesung der Fatma-Geschichte löste bei einer der anwesenden Lehrerinnen des Gymnasiums sogar Empörung aus. Sie verließ unter Protest mit ihren Schülerinnen die Veranstaltung. Sie wollte diese furchtbaren Familiengeschichten nicht hören. Das wären private Angelegenheiten, die nicht an die Öffentlichkeit gehörten. Die KAMER-Frauen, die auch im Saal waren, widersprachen und freuten sich über die Öffentlichkeit für die Sache der Frauen. Andere Diskutanten waren nicht um die Rechte der Frauen und den Umgang mit ihnen, sondern um das Bild der Türkei und Türken besorgt. Vor allem, dass es von einer Deutschländerin wie mir formuliert wurde, war ihnen suspekt. Dass ein kritisches Verhältnis den eigenen Problemen und Schwächen gegenüber eine Gesellschaft voranbringen, ja eine Stärke sein kann, das ist manchmal schwer zu verstehen. Vor allem in einer Gesellschaft, in der Ehre, Schande und Ansehen so wichtige Rollen spielen. Bevor die Veranstaltung aus dem Ruder lief, sprang der anwesende Kulturattaché auf und hielt eine Rede auf die Liebe zum Vaterland, zur Heimat und der Familie und dass diese Eigenschaft den edlen Menschen ausmache.
Viel entspannter, aber genauso spannend verlief die Diskussion an einem privaten Gymnasium. Die 10.Klässler waren aufgeregt und von ihrer Lehrerin sehr gut vorbereitet worden. Sie wollten wissen, wie man ein Buch schreibt, wieviel Selbsterlebtes einfließen dürfe usw. Sie sprachen alle sehr gut Deutsch, ihre Lehrerin hatte in Deutschland Germanistik studiert. Der Rektor erläuterte uns nach der Lesung sein Konzept. „Die Demokratie“, sagt er, „beginnt mit Meinungsfreiheit, und die mit dem Fragen stellen und dem Suchen nach Antworten“. Das merkte man seinen Schülern an, die viel mehr Fragen hatten, als wir in der kurzen Zeit beantworten konnten. Die Lehrerin, die in Deutschland aufgewachsen ist und dort studierte, hatte mit dem Bild von den unfreien türkischen Frauen, wie ich sie schilderle, aber auch ihre Probleme. Sie erzählte, dass sie in Deutschland „unfrei“ gewesen wäre. Ihre Eltern hätten ihr den Kontakt zu Deutschen nicht erlaubt, auch konnte sie nicht außerhalb der Familie ihr eigenes Leben leben. Erst seitdem sie nach Gaziantep zurückgekommen war und geheiratet hatte, wurde sie nicht mehr kontrolliert. Jetzt sei sie frei und führe ein glückliches Leben. Ihr Bild von Deutschland war das Bild von der Familie, wie es von ihren türkischen Eltern in Deutschland gelebt wurde und sie nahm, wie so oft, die Geschichte von Fatma als „pars pro toto“, stellvertretend für das Ganze und nicht als besonderes, wenn auch verbreitetes Problem. Trotzdem konnte sie das, was sie an Freiheit zu Fragen gelernt hatte, jetzt an ihre Schüler weitergeben. Sie alle sind „Yollarda - auf dem Weg“. Genauso sollte es sein.
