
Antonia Michaelis
Am nächsten Morgen lassen Sie sich im Bus des Goethe- Instituts zur Lesung in der Universität fahren. Schließen Sie die Augen, wenn der Busfahrer den gefühlte-100-Meter-langen Bus in einem Nadelöhr einparkt. Er kann das, versichern einem die anderen, rums! Ach, das war nur ein Baum, die Bäume nimmt er immer mit, aber anders geht es nicht.
Und nun dürfen Sie im großen Hörsaal der Universität lesen, zusammen mit einer deutschen Kollegin. Vor der Lesung werden einige kürzere Reden über interkulturelle Brücken gehalten (insgesamt zwei Stunden), und die Studenten spielen ein Theaterstück, das sie aus Frau Schmitters Roman gemacht haben, einmal auf türkisch und einmal auf deutsch. Das Stück ist sehr schön, nur bleibt nun kaum noch Zeit zum Lesen. Es ist in diesem Fall anzuraten, dass beide deutschen Autoren gleichzeitig lesen und die Übersetzerin synchron übersetzt, am besten einen dritten, ganz anderen Text. Nein, entschuldigen Sie, das haben wir nicht getan. In meinem Fall las zuerst Frau Schmitter und dann Fügen, die Übersetzerin mit den schönen Schals, und dann ging das Publikum. Danach las ich...
Um zu unserer Anleitung zurückzukehren: Es folgen nach der Universität die Lesungen an den Schulen, und dort werden Sie zunächst Tee trinken. Tee mit dem Direktor, Tee mit dem Konrektor, Tee mit dem Exrektor und dem Rektor in spe. Wirklich. Auch nach der Lesung wird Tee getrunken, und vor der nächsten Lesung, und gäbe es eine Lesungspause, wir tränken Tee.
„Was für schöne Büros“, werden Sie womöglich sagen, so wie ich, „aber warum hängt hinter dem Direktor neben Atatürk immer ein platt gebügeltes goldgerahmtes Noppensofa an der Wand?“ Man wird Ihnen antworten: „Das ist kein Sofa, das ist die Tür zum Safe.“ Und Sie werden sich fragen, was sich in einem Safe von den Ausmaßen eines Sofas befindet. Ich kann es Ihnen sagen: Der Teevorrat des Direktors.
Denken Sie daran, dass Sie auch auf die Buchmesse und zum Gouverneur fahren müssen, um Tee zu trinken, eine einzige unterlassene Tasse Tee kann zu schlimmen innenpolitischen Problemen zwischen Deutschland und der Türkei führen.
Im Übrigen: Wenn Sie lesen, lesen Sie rasch! Jede Schule wird Ihnen vor der Lesung ein wenig Volkstanz, mehrere Gedichte und etwas Gitarrenmusik vorführen, und es bleibt wenig Zeit. Aber die türkischen Schüler sind aufmerksame Zuhörer. Wenn der Sauerstoff in den Räumen gar zu knapp wird und die Aufmerksamkeit doch entgleitet, empfehlen Sie allen im Raum, aufzustehen und ein paar Mal zu hüpfen. Es lohnt sich, denn auch die Direktoren, Konrektoren, Exrektoren und Rektoren in spe hüpfen in all ihrer Würde. Wenn Sie, lieber Autor, so lesen wie ich, also dabei herumlaufen und herumfuchteln, dann hoffe ich, dass Fügen für Sie übersetzen wird. Seitdem ich sie angesteckt habe, hat sie sich nämlich in eine Schauspielerin verwandelt.
Und was fragen sie hinterher so, die türkischen Schüler? Sie wollen wissen, worin sich Autoren von normalen Menschen unterscheiden. Nun, sage ich, Autoren sind recht zerstreut, weil sie ständig mit dem Kopf in einer Geschichte hängen, und daher verlieren sie viel. Ich zum Beispiel in der letzten Schule meinen USB-Stick. Aber den hat mir der Kon-Di-Ex-Rektor zum Tee ins nächste Büro nachgetragen. Und Frau Schmitter, die hat es sogar geschafft, sich bei ihrer Ankunft am Flugplatz selbst zu verlieren. Das ganze Goethe-Institut hat sie drei Stunden lang gesucht… Ich persönlich glaube allerdings, das war ein Trick. Sie wollte sich die ersten drei Tassen Tee sparen.
Aber es gibt auch ein Adana jenseits des Tees. Das existiert erst nach 21 Uhr. Trinken Sie dann in der Hotellounge Raki mit den Leuten vom Institut. Helfen Sie den veralberten Institutlern, Gastgeschenke zu verpacken, indem Sie Halbmonde aus Glanzpapier ausschneiden; der Busfahrer kann sehr schöne Sterne dazu.
Wandern Sie durch den Garten der großen Moschee, dort wachsen schon im Januar Tulpen in den Beeten, eingerahmt von - ja! - dekorativem Weißkohl. Und dann treten Sie hinaus auf die uralte, nicht interkulturelle Brücke über den Fluss. Nur zwei stumme Angler sitzen dort und beobachten die Silberleiber der Fische tief unten im Fluss, auf denen sich die Nacht spiegelt.
Sonst ist die Brücke leer: Platz für Gedanken, Platz für Figuren aus Büchern, die aus dem Nichts auftauchen und über die alten Steine wandern, Platz für neue Geschichten.
Und dann setzen Sie sich, ohne Honoratioren und Schlipse und Reden, in das kleinste Straßencafé und bestellen Sie ein versteinertes Spiegelei auf Spinat. Fragen Sie nach dem türkischen Wort für Spiegelei, damit sich der Servierjunge freut. Lehnen Sie sich zurück und schließen Sie die Augen. Adana ist schön.
