
Dimitré Dinev
Trotzdem konnte die Maschine aus Wien pünktlich landen. Wir mussten weiter nach Adana, um von dort nach Mersin zu kommen. Wir fragten einen der Sicherheitskräfte am Flughafen von wo die Innenflüge starten. Er erwies sich als Bulgare. Er komme aus Haskovo, woher ich komme, wollte er wissen. „Aus Plovdiv“, sagte ich, um gleich zu ergänzen, „aber ich lebe schon lange in Wien“. „Und ich in Istanbul, aber wir leben, oder“, lachte er.
Es war schon dunkel, als der Flieger in Adana landete. Die 18 Grad Celsius waren eine schöne Begrüßung, aber es regnete. Der Bus des Goethe-Instituts wartete auf uns. Wir stiegen ein und fuhren nach Mersin. Der Bus war wie eine Bibliothek eingerichtet. Den Büchern habe ich viele Reisen zu verdanken, aber diesmal fuhr mich eine Bibliothek und ich brauchte dabei nicht mal meine Phantasie anzustrengen. „Ich kann mich nicht mehr verlieren. Ich bin zuhause“, dachte ich. Dieses Gefühl wurde noch verstärkt von all denen, die sich darum kümmerten, das Wunder der reisenden Bibliothek aufrecht zu erhalten, die fuhren, organisierten, übersetzten, zauberten. Cigdem, Fügen, Claudia, Cemal, Mehmet, Hakan... Ihre Namen lesen sich wie ein Lexikon der guten Geister.
Später dann kamen die Lichter, der Geruch des Meeres, der Lärm der Straßen, das Hotel, ein Wolkenkratzer, aus dessen Fenster man in dieser Nacht das Meer nur dank der Dunkelheit erahnen konnte, die dort, wo es sein sollte, dichter und endloser wurde. Später dann kam der Tag und noch weitere Tage, die es immer wieder schafften, ihr zerbrechliches Licht an Wolken und Regen vorbei zu schmuggeln. Später gab es die Spaziergänge durch die Gassen, den Geschmack von frisch gepressten Granatäpfeln, die Verkäufer, die ihr Leben in Form von Orangenbergen in knirschenden Karren vor sich schoben, mal süß, mal sauer, aber niemals ganz leicht, der Mann im verwelkten Anzug, der mir von einem Friedhof in der Stadt erzählte, in dem Moslems und Christen nebeneinander ruhten.
Dann das Essen mit dem Gouverneur, dem Bürgermeister und dem Polizeichef, eine Band, die den Raum mit den Wellen vieler Schwarzmeerlieder füllte, Lieder, die die Schlösser vieler rostiger Seelen schon aufgesperrt haben, das Essen, bei dem der Bürgermeister nach dem Mikro griff, aber nicht, um zu reden, sondern um zu singen. Später dann die Lesungen, die Gespräche mit dem Publikum, die Einladung der Schülerinnen, einen Raki mit ihnen zu trinken, die vielen Fragen und immer wieder die eine „Gehört die Türkei zu Europa?“.
Für mich ist das Land längst ein Teil Europas. Aber vielleicht sollten wir öfter Raki miteinander trinken und Kaffee und Tee, öfter miteinander reden, vielleicht braucht es viel mehr Bürgermeister und Politiker, die sich zu singen trauen. Jedenfalls sollte man nicht mehr auf einen Kälteeinbruch warten oder auf eine neue Eiszeit, die den Bosporus wieder einfrieren lässt.
Bei der Rückreise lag Istanbul weiter im Schnee.

