
Barbara Frischmuth
Behic Bey hat mich auch durch das Mosaikenmuseum geführt, an dessen Wänden und auf dessen Böden hervorragende Beispiele dieser Kunstform zu sehen sind. Spuren der römischen Kultur vom 2. bis zum 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Behic Bey, ein Kenner der Mosaiken, machte mich aufmerksam auf den Höhenflug dieser Kunst- und Kunsthandwerksgattung, aber auch auf deren beginnenden Verfall zu Anfang des Mittelalters. Es fing mit buckligen Splittern an, die mit der Zeit immer geschliffener und elaborierter wirkten, bis sie dann wieder gröber und kunstloser wurden, diese kleinen quadratischen Steine, aus denen sich so wundersame Bilder zusammensetzen ließen. Behic Bey zeige mir auch sein Lieblingsmosaik, den trunkenen Gott des Weins, Dionysos, der von einem Sklaven gestützt werden muss.
Die Stadt selbst liegt in einem Tal, auf einer Seite von Bergen begrenzt, auf der anderen offen. Man hört viel Arabisch, und auch die Türken sagen zu Begrüßung Salam aleikum. Es muss ein sehr fruchtbares Tal sein mit mehreren Ernten jährlich, was an der Küche dieser Region deutlich wird, an die ich mich sogleich gewöhnen könnte.
Die beiden Lesungen, eine an der Universität, die andere zusammen mit der Kollegin Anja Tuckermann im Zimmertheater der Stadt, hatten intensive Diskussionen zu Folge - ein gutes Zeichen! Nur so erfährt man, wie und dass man tatsächlich wahrgenommen wird. Ich las bzw. es wurde auf Türkisch aus meinem Roman „Die Schrift des Freundes” gelesen, und stellte den Gegensatz von Schrift als reiner Information (wie im Computer) und Schrift als Kunst (wie z.B. in der islamischen Kalligraphie) zur Debatte, sowie anhand einiger Protagonisten des Romans die alevitische Minderheit (die immerhin laut Statistik 25-30% der türkischen Bevölkerung ausmacht) in Österreich.
An der Uni meldete sich als erster ein Student zu Wort, der meinte, die türkischen Gastarbeiter hätten wahrscheinlich etwas anderes zu tun, als sich um Kalligraphie zu kümmern, was eine breite Debatte über die türkische Kultur anregte und in welchem Maße man ihr verpflichtet sei. Ein auch für mich sehr spannender Verlauf, der mir zeigte, wie sehr das Interesse der türkischen Studenten an ihrer Vergangenheit insgesamt gewachsen ist. Eben jener Student, der die Debatte losgebrochen hatte, bat mich nach der Veranstaltung darum, ihm etwas in sein Tagebuch zu schreiben.
Auch im Zimmertheater wurden an Anja und mich viele Fragen gestellt, die wir natürlich gerne beantwortet haben, zeigte es uns doch, dass die Menschen in Antakya tatsächlich so offen und neugierig sind, wie man es ihnen nachsagt.
Die paar Tage, die ich in der Stadt verbringen durfte, haben mir Lust auf mehr gemacht. Ich hoffe, irgendwann nach Antakya zurückkehren zu können.
