
Yadé Kara
Mein erster Abend in Erzurum beginnt mit einem Brecht Liederabend, der von Sema Moritz hervorragend gestaltet wird. Mit ihrer wunderbaren Stimme nimmt Sema das Publikum auf eine Zeitreise, in eine längst vergangene Zeit der dreißiger und vierziger Jahre in Europa, wo viele dieser Brecht Lieder entstanden sind. Für einen Augenblick schaue ich mich im dunklen Theatersaal um, sehe Hunderte von jungen Studenten aus allen Teilen Anatoliens, die deutschen Liedern zuhören, die von einer türkisch/ deutschen Künstlerin gesungen werden und das mitten in Erzurum, im Nordosten der Türkei! Plötzlich ist Europa so nah, fühlbar und hörbar in diesem Saal.
Der Abend endet im Güzelyurt Restaurant, das mit seinen schmackhaften lokalen Gerichten alles Kulinarische schlägt, was ich aus Berlin, Istanbul und London kenne. Honig aus den Bergen, Butter vom Bauern, selbstgemachter Traubensaft aus Üzümlü, Forelle aus dem Euphrat, eingemachte grüne Bohnen... Sorry, da kann wahrscheinlich ein 3-Sterne Michelin Restaurant kaum mit dem Geschmack dieser Gerichte mithalten! Als Großstadtmensch merke ich, dass ich den reinen Geschmack von Kürbissen, Bohnen und einfach guter Butter vergessen habe. Kein Wunder, die Supermarktwaren im Westen hatten über Jahre meine Geschmacksknospen verkümmern lassen. Es lebe die lokale Küche von Erzurum
Am nächsten Tag dann Lesung und Diskussion im blauen Saal der Atatürk Universität. Ein anregendes Gespräch mit Studenten über Vorurteile, Multikulturalität, Migration in Europa/Türkei, Identität und Deutschtürken (Almanci). Der Migrant ist der Jedermann dieses Jahrhunderts und fast jeder im Saal hat eine Migrationgeschichte in seiner eigenen Familie. Es sind wache, interessierte Studenten, die offen und lernbegierig sind, - die neue Internetgeneration der Türkei!
Zweiter Tag: Ein freier Vormittag. Sightseeing. Die Herbstsonne scheint auf den Vorhof der alten Cifte Minare Moschee. Drei alte Männer sitzen auf einer Bank. Sie beobachten eine französische Touristengruppe, einer von ihnen trägt eine Breschnew Wollmütze mit Ray Ban Brille. Er wirkt ruhig und cool. Er fragt mich: “Woher kommst du?“, lächelt dabei breit und eine Reihe von Goldzähnen blitzt aus seinem Mund. Die Franzosen sind ganz angetan von diesen alten Männern, sie greifen zu ihren Kameras. Die Alten posieren in bester Manier vor der Medrese, ein Prachtstück seldschukischer Baukunst, die von Sultan Alaeddin Keykubat erbaut wurde. Keykubat und die abendländischen Kreuzritter -ein blutiges historisches Kapitel der Plünderung und Ohnmacht! Und nun sind wieder die Nachfahren (Touristen) dieser Schreck und Tod verbreitenden Kreuzritter auf anatolischem Boden, aber diesmal in friedlicher Mission. Die gastfreundlichen Alten posieren stolz vor der Kamera, schließlich sind sie „echte Dadas“, Urgestein Erzurums!
Im Gespräch mit den Einheimischen erfahre ich, dass die Urquelle des alten Flusses Euphrat hier in den Bergen entspringt und eine der besten Wasserqualitäten der Welt hat. Angeblich können viele Flaschenwasser, die man in Europa in den Supermärkten bekommt, da gar nicht mithalten. Weiterhin erfahre ich, dass der berühmte kräftige Erzurum Käse (civil peynir) im Volkmund „imansiz peynir“ (ohne Glaube) heißt, weil er kein Gramm Fett hat. Die sehr süße Nachspeise Erzurum Kadayif Dolmasi heißt im Volksmund „Erzurum Viagra...“, sehr energiereich! Die Erzurum Leute haben einen versteckten Humor, der ironisch und bissig ist, was mir wieder an den „Dadas“ gefällt, - obwohl an der Oberfläche eine sichtbare Trennung von Männer- und Frauenwelten vorhanden ist, scheint es im Privaten lockerer zuzugehen.
Hier noch ein Hinweis: Die Stadtbibliothek mit ihrem Archiv an wunderbaren alten arabischen und osmanischen Schriften braucht dringend fachmännische Beratung und Hilfe!

Hallo Frau Kara,
Erzurum ist wirklich eine sehr schöne Stadt. Eine Stadt, die man aus meiner Sicht unbedingt besuchen sollte.
Gruß
Erzurumlu