Das Goethe-Institut Istanbul organisierte von Mai 2009 bis Juni 2010 in 24 Städten der Türkei und acht Städten Europas eine literarische Tournee. „European Literature Goes to Turkey/ Turkish Literature Goes to Europe“ wurde im Rahmen des Cultural Bridges Programms der EU gefördert und führte 48 namhafte Schriftsteller sowie zahlreiche Musiker, Filmemacher, Fotografen und Künstler aus acht teilnehmenden Ländern Europas in die Türkei. Begleitet wurde die Tournee von einem Bücherbus, der neben den Werken der Autoren auch Internet- und Multimedia-Stationen bereitstellte.
Montag, 17. Januar 2011
Mercan Dede: „Unterwegs“

Mercan Dede
Wege trennen die Menschen, doch in gleichem Maße sind sie imstande, mithilfe der Sprache, der Kunst und Kultur, die Schicksale zahlreicher Intellektueller, Künstler und Wissenschaftler zusammenzuführen und so die Verbindung und den Dialog zwischen verschiedenen Orten und Traditionen herzustellen. In diesem Sinne war „Yollarda” ein ausgesprochen bedeutsames und wichtiges Projekt.
Unsere Überzeugung, dass unser Beitrag an einem Projekt mit derart unterschiedlichen kulturellen, sozialen und politischen Dimensionen sich nicht nur auf Musik beschränken, sondern auch andere Bereiche der Kunst und Kultur zusammenbringen soll, hat uns mit Elif Shafak zusammmengeführt. Mit Spannung verfolgen wir ihre literarischen Werke, und seit langem wünschen wir uns die Zusammenarbeit mit ihr in einem Projekt. Insofern hat „Yollarda” für uns eine ganz eigene Bedeutung und eine besonders schöne Seite.
Dem hochgeschätzten Team, das ein aufrichtiges und schlichtes, aber ebenso komplexes und intensives Projekt von Meisterhand plante, leitete und mit Rund-um-die-Uhr- Einsatz erfolgreich zu Ende führte, bei dem aus endlosen und unterschiedlichen Wegen völlig neue Brücken gebaut wurden, Wege nicht trennten, sondern zusammenführten, der Reisende nicht Findender, sondern Suchender war, möchte die Mercan Dede Familie ihren tiefen Respekt und großen Dank aussprechen.
Donnerstag, 24. Juni 2010
Murat Uyurkulak: „Eine Lesung in Duisburg“

Murat Uyurkulak
Noch einmal verstand ich folgendes: eigentlich sind wir alle gleich, und wenn der Kapitalismus uns in Ruhe lässt, also dieser wirtschaftliche Trubel, all die Vorurteile, Brutalitäten und Ungerechtigkeiten, wenn die Bildungssysteme, die uns in Räder einer ungezähmten Maschine verwandelt, von uns ablassen, dann hindert uns nichts daran, ein glückliches Leben miteinander und im Einklang mit der Natur zu führen.
Mittwoch, 23. Juni 2010
Ayfer Tunç: „Unterwegs“

Ayfer Tunç
15. Juni 2010. Am Morgen machen wir uns mit Murat Uyurkulak auf den Weg. Wir kommen am Atatürk Flughafen an. Wir lernen das wunderbare Team des Projekts „Yollarda”, Çiğdem, Tijen, Melis und Özlem kennen und fühlen uns sogleich vertraut. Noch wissen wir nicht, dass wir am Ende dieser Reise dicke Freunde sein werden.
Wir landen am Düsseldorfer Flughafen und fahren nach Duisburg. Wohnen werden wir im Ferrotel. Ferr/Eisen, denn wir befinden uns im Ruhrgebiet. Das Gebiet, das im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht wurde, weil es das Herz der deutschen Industrie darstellte, wird beherrscht von einander ähnelnden, bescheidenen Häusern mit vier, fünf Etagen. Sie unterscheiden sich stark von jenen ehrwürdigen, jedoch aristokratisch aussehenden, sogar insgeheim hochmütigen Gebäuden Mitteleuropas. Vereinzelt existieren auch noch Gebäude aus der Zeit vor dem Krieg. Die althergebrachte Schwerindustrie wich neuen Energiequellen und modernen Technologien, wodurch die Bevölkerung der Stadt schrumpfte. Die Stadt wirkt ruhig, still und introvertiert. Die Leere im Leben füllt sie intensiv mit Kunst und Kultur.
Wir kamen aus dreißig Grad Hitze. Der bei unserer Ankunft bedeckte Himmel reißt am Nachmittag auf. Als wir uns nach einem kurzen Rundgang an dem von Bäumen umstandenen Platz in der Nähe des Hotels in einem der Cafés an langen Bänken ein Bier genehmigen, werden wir von der Sonne leicht gerötet. Am Abend essen wir mit der gesamten Mannschaft im Restaurant des Skulpturenmuseums. So lernen wir die übrigen Mitglieder des Teams, Claudia Dollinger, den Bücherbusfahrer Hakan, den Verantwortlichen für die Technik Mehmet Bey und Sabine und Thomas Büsch kennen, die während des Projekts filmen und Interviews mit den teilnehmenden Autoren führen.
Die Arbeiterstadt Duisburg geht früh zu Bett. Um 19 Uhr sind die Straßen leergefegt. Wir aber amüsieren uns bis zur Schließungszeit des Restaurants. Wenn wir bereits am ersten Abend soviel Spaß haben, weiß ich nicht, wie das enden wird.
16. Juni. Vormittags haben wir eine Lesung in der Gustav- Heinemann-Gesamtschule in Essen. Eine Schule mitten im Grünen. Die Schüler müssen im Unterricht sein, es ist mucksmäuschenstill. In der Bücherei wird die Veranstaltung vorbereitet. Wir trinken Kaffee im Garten.
Die Zeit für die Lesung ist gekommen. Bei allen Veranstaltungen ist die liebe Fügen Uğur sowohl Moderatorin als auch Übersetzerin. Mit zunehmenden Fragen dürfte ihre Aufgabe schwieriger werden, so denken wir. Doch unter den Schülern herrscht Trägheit. Es ist weniger Desinteresse als vielmehr Stille. Als wüssten sie nicht, wie sie sich verhalten sollten. Nach der Lesung kommen keine Fragen. Ein deutscher Lehrer stellt ein paar Fragen, als wolle er die Schüler motivieren, es nützt jedoch nicht viel. Ein, zwei gequälte Fragen, mehr nicht. Im Garten reden wir mit Murat, wir können nicht behaupten, dass es gut gelaufen ist, wir sind sogar ein wenig besorgt.
Doch plötzlich werden wir von türkischen Schülern umringt. Sie sind von einer Lebhaftigkeit, die sie drinnen nicht an den Tag legten. Ununterbrochen stellen sie Fragen. Warum wir schreiben, was wir schreiben, woher wir kommen. Die meisten Fragen betreffen Istanbul. Sie zeigen reges Interesse an uns und scheinen ihren deutschen Freunden gegenüber ein wenig stolz zu sein.
Am Nachmittag findet in Duisburg eine Pressekonferenz statt. Der in ein Kulturzentrum umgewandelte Landschaftspark, in dessen Garten alte, verrostete Züge und einige mechanische Maschinen ausgestellt sind, vermittelt einen guten Eindruck von der Schwerindustrie Deutschlands im 20. Jahrhundert. Bei einem früheren Besuch in Essen hatte ich bereits die zum Weltkulturerbe gehörende Zeche Zollverein besucht, und die Geschichten, die ich hörte, regten mich stark zum Nachdenken über den im 19. und 20. Jahrhundert vorherrschenden Kapitalismus und die Arbeiterklasse an. Die Pressekonferenz findet in einem ehemaligen Kommandoraum statt. Die Maschinen sind gut erhalten und sehr beeindruckend. Sogar die Instruktionstafeln aus den 1950er Jahren sind erhalten.
Claudia Hahn-Raabe informiert über das Projekt. Der Leiter des Landschaftsparks leistet uns aufrichtige Unterstützung. Einer der teilnehmenden Journalisten zieht mein Interesse auf sich. Er hört aufmerksam zu, macht sich Notizen. Er ist über fünfzig. In der Türkei schickt man auf solche Pressekonferenzen die unerfahrendsten Praktikanten, ein Zeichen dafür, wieviel Wert die türkische Presse auf kulturelle Veranstaltungen legt.
Beim Mittagessen besucht uns Mehmet Bey vom deutschen Arbeitgeberverein. Er erzählt, dass 2011 das 50. Jahr der Einwanderung nach Deutschland ist und man ein Einwanderungsmuseum gründen will. Ein spannendes und bedeutungsvolles Projekt. Das Einwanderungsmuseum ist eine Form des „Integriertseins” in der „Integration”. Wir besichtigen die Duisburger Moschee. Es ist die größte in Deutschland und die zweitgrößte in Europa. Der gigantische Kronleuchter und der den gesamten Boden bedeckende Teppich stammen aus der Türkei. Finanziert wurde sie zum größten Teil von der EU. Es ist eine mit Sorgfalt erbaute, ansehnliche Moschee. Dennoch drängt sich mir der Gedanke auf, wann und warum die Türken ihr ästhetisches Empfinden für Moscheen verloren haben. Keine der im 20. Jahrhundert gebauten Moscheen kann es von der Ästhetik her etwa mit einer Ortaköy Moschee aufnehmen. Die Duisburger Moschee gehört zum touristischen Inventar der Stadt. Der Imam, der uns ohne Kopftuch eintreten lässt, ja nicht einmal eine Andeutung diesbezüglich macht, bereitet sich darauf vor, die draußen wartende deutsche Gruppe durch die Moschee zu führen.
Beim Abendessen amüsieren wir uns wieder köstlich. Melis spielt uns die Geschichte vor, wie sie einen Türken wegen einer Telefonkarte fragte. Sie erzählt das so schön, dass wir es uns immer wieder erzählen lassen. Auch in den folgenden Tagen wollen wir, dass sie die Geschichte wiederholt. So sehr gefiel sie uns!
17. Juni. Wir sind in Bochum. Eine Lesung in der Cafeteria der Maria Sibylla Merian-Gesamtschule steht an. Eifrig bereiten sie alles vor. Die Cafeteria ist brechend voll. Die Lesung verläuft unerwartet gut, lebhaft und fröhlich. Die aus Deutschen und Türken bestehenden Schüler stellen jede Menge Fragen. Die türkischen Schüler bemühen sich, Türkisch zu sprechen. Sie beteiligen sich kräftig, scheinen mit ihrem Gelächter über Scherze vor ihren deutschen Mitschülern zu prahlen.
Nach der Lesung kommen im Garten immer mehr Fragen. Einer spricht von Stolz. Er möchte seinen deutschen Freunden wohl sagen: „Auch wir haben Schriftsteller.” Die türkischen Schüler brauchen eindeutig etwas, auf das sie stolz sein können. Sie leben zwischen zwei Welten. Und in beiden Welten fühlen sie sich wie Stiefkinder. Ihre Aufregung, ja ihr Stolz beim Zuhören sind klar zu spüren. Manche lauschen dem Text in ihrer Muttersprache, die sie nicht perfekt beherrschen, hören aufmerksam zu, sehr bemüht, ihn zu verstehen. Sie steigen in den Bücherbus und stöbern interessiert in den Büchern.
Der Schulleiter empfängt uns in seinem Büro und schenkt jedem von uns ein Buch mit Illustrationen der Naturmalerin/Illustratorin und Namensgeberin der Schule, Maria Sibylla Merian, die von 1647-1717 lebte. Das Buch ist wunderschön, man kann den Blick von den Illustrationen kaum abwenden.
Wegen dichten Verkehrs treffen wir am Nachmittag ein wenig verspätet in Gelsenkirchen ein. Im Grillo Gymnasium mit dem von vier prächtigen Säulen gesäumten Portal werden wir eine Lesung abhalten. Dieses Gymnasium blickt auf eine hundertjährige Geschichte zurück. Es ist nicht nur eine Schule, sondern eine Institution, ähnlich dem Galatasaray Lisesi in Istanbul. Auf dem Grillo zu sein ist wichtig. Das historische Gebäude mit den hohen Decken, den großen Doppelflügeltüren und den breiten Treppen ist äußerst beeindruckend.
Der Schulleiter, der zur 68er Generation zu gehören scheint, ist ein überzeugter Anhänger der Multikulturalität. Dass er sich für Türkisch als Wahlfach stark machte und dies auch durchsetzte, erfahren wir vom Türkischlehrer der Schule. Der Schulleiter ist tatsächlich ein feiner Mann. Von Murats Buch “Zorn” kaufte er zwei Exemplare, eins für sich und eins für die Schulbücherei.
Auch hier verläuft die Lesung in lebhafter Atmosphäre. Nur wenige in Deutschland lebende türkische Kinder schaffen den Sprung aufs Gymnasium. Dementsprechend sind die türkischen Schüler auf dem Grillo für die dort lebenden Türken ein Grund, stolz zu sein. Leider sind es jedoch nur wenige. Draußen lesen wir ein oben auf die Schulmauer geschriebenes langes und sehr schönes Gedicht. Das Türkisch ist fehlerfrei. Ein lebendiges, eindringliches Gedicht. Entweder ist der Türkischunterricht sehr erfolgreich, oder der Verfasser stammt aus der Türkei. Ein derart gepflegtes Türkisch und ein so gutes Gedicht findet man sogar in der Türkei selten. Ich bedaure, nicht einige Zeilen notiert zu haben.
Am Abend essen wir wieder im Garten des Skulpturenmuseums, wieder haben wir viel Spaß, und das Wetter kühlt immer mehr ab, empfindlich sogar.
18. Juni. Wir sind in Duisburg. Am Vormittag haben wir eine Lesung in der Zentralbibliothek. Ein großzügiges Gebäude an einem Platz gelegen. Drinnen ist mehr los als erwartet. Die meisten sind Murats Leser. Es gibt Leute, die das Buch signiert haben möchten. Einer der türkischen Jugendlichen fragt, ob man mit Schreiben Geld verdienen kann. Darüber lachen wir eine Weile. Ja und nein. Das hängt davon euer ab, wie Ihr Talent einsetzt. Dem Blick des Jungen allerdings ist zu entnehmen, dass ihn unsere Antwort nicht zufriedenstellt. Ihre Fragen betreffen natürlich weniger die Literatur, als vielmehr das Leben und sie selbst. Sie möchten wissen, wie sie auf uns wirken. Was wir über die in Deutschland lebenden Türken denken, was man in der Türkei denkt. Manche formulieren Sätze voller Heimweh. Beim ersten Satz einer der Jugendlichen erkenne ich, dass er aus Rize stammt. Er spricht Türkisch mit starkem Rize- Akzent.
Am Nachmittag haben wir keine Veranstaltung. Ich treffe mich mit Semra und Fatma, die in Essen leben und das Literaturfestival Literatürk organisieren. Wir plaudern, bis es dunkel wird.
Claudia Hahn-Raabe lädt uns abends ins Theater ein. Darauf freuen wir uns. Sie sagt, wir sollen uns warm anziehen. Die Aufführung findet nämlich im Freien statt. Wir fahren durch relativ wohlhabende Viertel Duisburgs hinaus aus der Stadt. Wir sind in einem Industriegebiet, das mittlerweile für kulturelle Zwecke genutzt wird. Zuerst trinken wir Wein in einem grünen, angelegten Park, auf einer für einen Empfang hergerichteten Fläche. Die beiden Claudias, Murat und ich. Claudia Hahn-Raabe macht uns mit dem Regisseur des Stücks bekannt, einem weltberühmten Namen des avantgardistischen Theaters, dem 48jährigen René Pollesch. Pollesch, der in diesem Jahr auch beim Istanbuler Theaterfestival teilnahm, ist ein kräftiger, fröhlich aussehnender Mann mit grauen Augen und weißem Haar. Er ist starker Raucher, hat stets eine Zigarette in der Hand. Er hat einen spitzbübischen Gesichtsausdruck. Noch weiß ich nicht, dass diese Spitzbübigkeit nach Betrachten des Stücks an Bedeutung gewinnen wird.
Das Stück beginnt gleich, und gemeinsam verlassen wir den Park und gehen in dem Industriegelände über Kohlestaub und Schotter. Die Sonne geht unter. Es wird noch kälter. Wir kommen an eine große Fläche. Aber sie ist nicht einfach nur groß. Es ist das endlose Gelände einer ehemaligen Industrieanlage. Sieben, acht Wohnwagen, die an einen Zirkus erinnern, stehen herum. Weiße Plastikstühle sind aufgereiht. Über dem Grundstück schwebt ein riesiger Ballon, auf dem, so vermute ich, Polleschs Gesicht aufgedruckt ist. Er hat eine herrlich fluoreszierende Wirkung. Auf einer Tafel aus Eisenbalken steht in Neon „La camera de la muerte”. Wir befinden uns an einem bemerkenswerten, beeindruckenden Ort. Es ist allerdings acht Grad, und ich friere, obwohl ich alles, was ich dabei habe, übereinander ziehe. Die deutschen Zuschauer sind besser gerüstet.
Manche haben Decken dabei, andere tragen Pelze. Murat ist sehr dünn angezogen. Wie sehr ich bereue, mir nichts Warmes gekauft zu haben. Neidisch betrachte ich die Leute, die ihre Thermoskanne mitgebracht haben und während der Vorführung etwas Alkoholisches oder einen Kaffee trinken. Das Stück heißt Der perfekte Tag. Das Stück beginnt und Fabian, den Claudia Dollinger als äußerst berühmt bezeichnet, betritt mit einem nur die Hüften bedeckenden winzigen Fell die Bühne/den Platz. Er beginnt, die Geschichte der Menschheit zu erzählen. Von der Entdeckung des Feuers bis zum Telefon. An einer Stelle legt er auch noch das winzige Fell ab. Im Slip geht er in die Dusche. Bei der Kälte! Das Stück ist auf Deutsch. Eigentlich sollte ich es nicht verstehen, aber die gemeinsame Sprache der Kunst verstehe ich. Nur über Fabians Witze, über die das Publikum in Gelächter ausbricht, kann ich nicht lachen, und ich beneide die Deutschen. Das Stück ist eindeutig sehr amüsant.
Nach eineinhalb Stunden geht das Stück immer noch weiter. Fabian bittet die Zuschauer, ihre Stühle zu nehmen, und sich woanders auf dem Platz hinzusetzen. Es kommt Bewegung ins Publikum. Würde ich nicht so frieren, könnte ich bis zum Morgen weiter zuschauen. Doch die beiden Claudias haben Mitleid mit uns, und wir kehren ins Hotel zurück. Claudia Dollinger bringt Schokolade aus ihrem Zimmer, Claudia Hahn-Raabe bestellt an der Rezeption Tee und Cognac, und bei Schokolade und Tee mit Cognac wärmen wir uns auf.
19. Juni. Meine erste Amtshandlung morgens ist ein Gang zum Kaufhof, um eine Outdoorjacke zu kaufen. Da es Sommer ist, habe ich keine andere Wahl, als in ein Geschäft für Outdoorartikel zu gehen. Die Schaufenster sind voll mit Sommersachen. Aber es ist kalt. Hätte ich gleich am ersten Tag eingekauft, dann wäre ich nicht derart krank geworden.
An dem Tag gehe ich nicht aus meinem Zimmer, ich kann nicht. Weil ich mich nicht wohl fühle, kann ich abends nicht zum Galakonzert „Sounds of Love”. Ich schlafe, wache auf, schlafe weiter. Spät nachts werde ich von fröhlichen Stimmen wach. Ich sehe aus dem Fenster, aber es ist nichts zu sehen. Es sind unsere Leute, die in der stillen Duisburger Nacht diesen Krach machen. Die Tür des Ferrotel ist abgeschlossen. Sie denken, man hat sie ausgesperrt. Dabei kennt Fügen das Konzept, dass manche Hotels nachts abschließen. Sie weiß, dass man mit dem Zimmerschlüssel auch die Außentür öffnen kann. Der Spaß vor der Tür klingt verlockend. Ich bin traurig, dass ich das fröhliche Treiben verpasst habe.
20. Juni. Abreisetag. Die Veranstaltungen des Projekts “Yollarda” im Ruhrgebiet gehen zu Ende. Murat kehrt nach Istanbul zurück, um sich in ein paar Tagen mit uns in Brüssel wieder zu treffen. Ich fahre mit dem Team im Bus weiter nach Brüssel
Das Programm „Yollarda” war ein Teil des Hauptprojekts „Cultural Bridges”. Als Begriff sind mir sowohl Brücke als auch Unterwegssein wichtig. Brücke und Weg sind lebenswichtige Strukturen. Sie sind Fluss und Kommunikation. Sie sind die Freiheit, gehen, kommen und kennenlernen zu können. Die Möglichkeit, in andere Leben einzutauchen und Verbindungen einzugehen. Der Mensch wird in dem Maße reicher, in dem er eintauchen, Verbindungen eingehen und kennenlernen kann.
Ich danke allen, die sich um diese Brücke bemüht haben.
Sonntag, 20. Juni 2010
Sema Kaygusuz: „Zürich: Geben und Nehmen“

Sema Kaygusuz
Auch machten wir die Bekanntschaft einiger Leute aus der Türkei. Verwundete Menschen im Exil die meisten, aus Not ans andere Ende der Welt verschlagen. Da war zum Beispiel Elif. Sie ging am Stock. Wie sie uns mit der Gabe einer Gastgeberin umgab! Und wie erschütternd war ihre filmreife Lebensgeschichte!
Auch Haydar Karataş war da. Sein Nachtfalter, Perperık-a Söe, war gerade erschienen. Er war noch ganz aufgeregt ob des Debüts.
Weitere Leute, leidenschaftliche, zuverlässige Menschen... Sich auf den Weg machen bedeutet eigentlich, anderen in den Weg zu treten. Sich begegnen, sich zufällig treffen, sich kennenlernen... Welche Spuren wir gegenseitig hinterlassen, wie wir aufeinander einwirken, stellen wir so richtig erst im Nachhinein fest. Was wir aneinander gelernt haben, erfahren wir erst Jahre später. Das Projekt war meines Erachtens Hingabe an die Zeit, war das Bestreben, der Zukunft im Voraus ein paar Worte mitzugeben. Es ging längst nicht mehr nur um türkische Literatur. Auf diesen Reisen wurde eingetreten für die Literaturen von wer weiß wie vielen Sprachen. Es ging nicht nur darum, sich auf den Weg zu machen und anzukommen, es galt, auch etwas mit nach Hause zu bringen. Was ich unterwegs anderen gab, sei von Herzen gegeben, was ich aber bekam, kann ich niemals vergelten.
Donnerstag, 10. Juni 2010
Mario Levi: „Unsere Station hieß Venedig“

Mario Levi
Dann erreichten wir unser Ziel. Piazzale Roma... Ein Stückchen weiter begann das Meer, besser gesagt das Wasser. Wir waren in dem Venedig, das ich kannte und vermisst hatte. Dort trafen wir Claudia Hahn-Raabe und ihre Kolleg/innen. Auch Tijen war dort... Als wir das Vaporetto zu unserem Hotel bestiegen, in dem wir zwei Nächte übernachten würden, spürte ich, dass die Geschichte dieses Wassers auch in andere Zeilen gegossen werden würde. Wir fuhren los. Nun waren wir in dem Venedig, das ich kannte, besser gesagt, zu kennen glaubte. Zu kennen glaubte ist der korrektere Ausdruck. Denn jedes Mal traf ich in diesen Kanälen auf unerwartete Bilder. Am schönsten war das ständig sich wiederholende Gefühl, sich verirrt zu haben.
Gleich nach ihrem Umzug nach Istanbul hatte Claudia Hahn-Raabe ihre Arbeit aufgenommen, und innerhalb kurzer Zeit gelang es ihr mit ihrer Energie, Warmherzigkeit und interessanten Projekten, die Herzen vieler Menschen zu erobern. Nun war der richtige Zeitpunkt gekommen, um mit ihr darüber zu sprechen, an welchem Punkt der Reise wir uns befanden. Sie erzählte, dass sie zahlreiche Stationen, Städte hinter sich gelassen hätten. Wie geplant ging das Projekt weiter und erreichte dabei unterschiedliche Menschen. Auch hier würden wir wieder andere Menschen ansprechen. In dem Moment erinnerte ich mich an die ersten Tage. Die Tage, an denen sie mir von dem Projekt erzählte. Unter der Federführung des Goethe-Instituts sollte sich die türkische Literatur über einen anderen Weg nach Europa aufmachen. Verschiedene Schriftstellerkolleg/ innen würden in verschiedene Städte reisen. Ich hatte die Möglichkeit, mir eine Stadt auszusuchen. Ohne auch nur im Geringsten zu zögern, wählte ich Venedig...
Später wurde dieser Traum Wirklichkeit. Die Diskussionen, an denen wir gemeinsam mit Fethiye Çetin unter der Moderation meines Übersetzers Gianpiero Bellingeris teilnahmen, waren äußerst interessant. Ich werde nie vergessen, wie ich in der Zeit, die uns nach den Lesungen verblieb, mit all der Energie, die ich durch die neuen oder enger gewordenen Freundschaften auf dieser Reise gewonnen hatte, unbekannte Ecken Venedigs erkundete.
Wie schön es war, auf einer Piazza, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann, in einem Restaurant Pizza zu essen, oder in einer programmgemäß knapp bemessenen Mittagspause in einem typisch venezianischen Café ein Sandwich zu verspeisen… In San Marco spazieren zu gehen und ein Glas Wein zu trinken, während eines Bummels durch die Straßen des „Ghettos” seiner Geschichte zu lauschen… In den engen Gassen umherzuschlendern mit dem Gefühl, jeden Moment die Orientierung zu verlieren. Das Allerschönste an Venedig ist, jenes Gefühl des Verlorenseins bis zum Schluss auszukosten, um eins zu werden mit der Stadt… Eines ist allerdings Tatsache. Man hätte nicht im Sommer nach Venedig kommen sollen. Wie sehr hatte ich in jener Junihitze trotz allem, was ich erlebte, das melancholische Venedig der Wintermonate vermisst…
Um eine Art Feier zu begehen, wollten wir uns mit den anderen Schriftstellerkolleg/innen, die unterschiedliche kleine Reisen in andere Städte unternahmen, ungefähr einen Monat später in Brüssel treffen. Wenn man die heutigen Möglichkeiten bedenkt, sind die Wege kurz. Dagegen ist der Weg, den die türkische Literatur zurücklegen wird und muss, noch lang… Doch wir haben unseren Schritt beschleunigt. Ich glaube fest an diesen Weg. Und an das, was wir tun müssen und wozu wir imstande sind… Claudia und ihre aufopferungsvollen Kolleg/innen haben etwas Großes geleistet. Die Ergebnisse und Gewinne schenken einem so viel Kraft zum Weitermachen…
Sonntag, 30. Mai 2010
Şebnem İşigüzel: „Wien: ein Fenster zu den Anderen“

Şebnem İşigüzel
Meine Großmutter sagte immer: „Fangt eure Rede mit etwas Schönem an.“ Es war gut, dass ich mir diesen Ratschlag zu Herzen nahm und an jenem Tag gleich zu Beginn meinen Geburtstag erwähnte. Die Lesung verlief in sehr vergnüglicher Atmosphäre. Eine türkische Schülerin äußerte, dass die türkischen Romane uns Türken negativ darstellten. „Wie meinst du das?“, fragte ich nach. „Als wären wir ein Land voller Ehrenmorde, wo die Mädchen sehr jung verheiratet und die Frauen unters Kopftuch gezwungen werden“, lautete ihre Antwort. Da ist das Leben zu tadeln, nicht die Literatur, sagte ich. Ihr Gesicht hellte sich auf, als hätte ich eine zauberhafte Bemerkung gemacht. Diese jungen Leute mitten in Europa sind weit von ihren Wurzeln entfernt. Sie waren emotional verwirrt, das war offensichtlich. Ich wollte ihnen Mut machen und sagte: Vergesst nicht, wo ihr herkommt. Ihr kommt aus dem Land von Orhan Pamuk, Yaşar Kemal, Adalet Ağaoğlu, Nuri Bilge Ceylan und Ara Güler. Aber vergesst auch nicht, dass ihr hier im Land von Elfriede Jelinek, Michael Haneke und Freud seid. Als ich sagte, es erweitere den Horizont, wenn man sich von beiden Kulturen nähre, lächelten sie. Ich erklärte ihnen, es sei möglich, das brüchige Gefühl, Migrant zu sein, ins Gegenteil zu verwandeln, wie Fatih Akın es vorgemacht hat. Da strahlten ihre Gesichter und sie lachten. Nach der Lesung umringten sie mich gleich einem fröhlich zwitschernden Schwalbenschwarm.
Ein türkischer Schüler berichtete, wie er seine ältere Schwester unterstützt, die Schriftstellerin werden wolle. Er formulierte einen so kleinen und banalen Satz, dass mir sofort klar war, wie er seiner Schwester auf dem Weg zum Schreiben den Rücken stärkte. Die aufrichtigen Gefühle, die dieser junge Mann mit mir teilte, waren mein Geburtstagsgeschenk. Irgendwann fragte mich jemand aus der Menge, wie alt ich denn geworden sei. 37, sagte ich. „Sie sehen aber jünger aus“, meinte er, „so um die 35...“ In jenem Augenblick konnte ich nicht über diese bittere Wahrheit lächeln. Als ich nach der Rückkehr nach Istanbul aber meinem Mann und meiner Tochter davon erzählte, lachte ich.
Wien bedeutet für mich Freud. Denn ich habe mich eine Weile ernsthaft mit Psychoanalyse beschäftigt. Es sollte mein zweiter Besuch im Freud-Museum sein. Bei meinem ersten Besuch, daran erinnere ich mich, war Freuds Kokainflasche ausgestellt. Diesmal stand die Kokainflasche nicht an ihrem Platz. Das wunderte mich. Ich würde wirklich gern wissen, warum Freuds Kokainflasche nicht länger in der Ausstellung ist.
Kommen wir zur Ausbeute meines Geburtstags. Schwarze Häkelhandschuhe, eine Teetasse mit Klimt-Motiv und ein fliederfarbener Schal. Sie erinnern mich an Wien. Wie Sylvia Plaths Heldin, die mit jedem Blick auf das Schminktäschchen, das man ihr geschenkt hatte, an die Schönheitswettbewerbe erinnert wurde, an denen sie teilgenommen hatte.
In Wien erwartete mich ein weiterer schöner Tag. Ich traf mich mit Kusinen meines Mannes und ihrer Mutter. Sie unternahmen eine unvergessliche Tour durch Wien mit mir. Seit Jahren leben sie dort. So zeigten sie mir die Stadt im Licht ihrer eigenen Erinnerungen. Dadurch wurde diese Tour für mich noch wertvoller. Dann aßen wir ein fantastisches Schnitzel und tranken eine super Margarita. Von Kaffee und Apfelkuchen ganz zu schweigen. Eine wunderbare Familie aus drei Schwestern und ihrer Mutter, ergänzt durch die Ehemänner der Töchter und die Enkel. Ich hatte die ganze Familie noch gar nicht kennengelernt. Endlich traf ich sie nun in Wien und verstand, warum jeder voller Zuneigung gern von dieser Familie sprach.
Bei der Lesung in der Bibliothek wurde ich gefragt, welche Gefühle Wien bei mir auslöse. Ich weiß nicht warum, aber mir fiel Großmutter Fatma aus dem Dorf an der Ägäis ein, in dem wir die Sommermonate verbringen. Das verband ich mit Freud. Unbewusst, sagte ich. Seit neunzig Jahren spielt Großmutter Fatma eine besondere Rolle in dem merkwürdigen Verhältnis, dass die Bewohner des Dorfes unmittelbar gegenüber der Halbinsel Midilli, wo wir nur im Sommer wohnen, zu der Insel haben. Sie sprechen von ihr, als wäre sie ein lebendiges Wesen. Es heißt zum Beispiel, heute ist sie nah oder heute ist sie fern, heute zeigt sie ihr Gesicht oder heute nicht. Und Großmutter Fatmas Blicke zur Insel sind angeblich anders als die aller anderen. So verliebt schaue sie hinüber, dass ihr Mann das Haus verkehrt herum habe errichten lassen.
Denn es sei eine Sünde, dass jemand derart verliebt zu jenem Landstück, wo Menschen eines anderen Glaubens leben, hinüberschaue. Es heißt, Großmutter Fatma könne, wenn sie in ihrem umgekehrten Haus sitzt und ihre Augen schließt, doch die Insel sehen. Irgendwann habe sie sich gegen ihren Mann, der sogar das Haus verkehrt herum bauen ließ, nur damit sie die Insel der „Ungläubigen“ nicht sehe, aufgelehnt und ihn gefragt: „Hat Gott nicht jene ebenso erschaffen wie uns?“ An jenem Tag öffnete sich in der blinden Mauer ein Fenster.
Ich glaube, die Literatur und das Projekt „Yollarda“ öffnen ein solches Fenster, damit wir uns gegenseitig besser sehen können.
Dienstag, 25. Mai 2010
Ayşe Kulin: „Da liegt ein Pécs in der Ferne“

Ayşe Kulin
Auch wenn wir nicht viel davon hören und wissen, gibt es fern in Ungarn ein Pécs. Pécs ist sogar Kulturhauptstadt. Wenn Sie nun denken, eine Kulturhauptstadt müsse sein wie Istanbul, dicht bevölkert, vom Verkehr verstopft, mit tief verwurzelter Geschichte, eine Stadt, in der das Leben ohne Unterlass vierundzwanzig Stunden atemlos pulsiert, chaotisch und prachtvoll zugleich, dann haben Sie sich geirrt, so leid es mir tut.
Pécs ist eine Stadt mit nur 150.000 Einwohnern, ruhig, unaufgeregt und ohne nennenswerten Verkehr. Doch was für eine Stadt! Eine Fee scheint diesen Ort mit ihrem Zauberstab berührt und die Zeit zum Stillstand gebracht zu haben. Aufgrund eines für Türken unfassbaren Bürgersinns hat dort nie jemand die vor Jahrhunderten errichteten Bauten beschädigt, nicht einen Nagel eingeschlagen, nicht um etwas Neuen willen abgerissen, noch ein Geschoss oben drauf gesetzt. So blieben die Stile Westroms, der Osmanen, von Gotik, Barock und Rokoko, einmal abgesehen von Naturkatastrophen, bis heute unbeschadet erhalten. Ein Städtchen wie ein Freiluftmuseum, jedes Bauwerk vom Wert eines Brillanten, erteilt jenen, die durch seine Gassen schlendern, eine Lehre in Sachen Humanität und Zivilisation. Beim Gang durch Pécs läuft man vom Mittelalter durch die Geschichte bis in die Gegenwart hinein. Wie glücklich kann ich mich schätzen, dass mir durch das Projekt „Yollarda“ vier Tage geschenkt wurden in dieser Stadt, die sowohl die Vergangenheit bewahrt, wie auch im Heute lebt.
Für seine Kirchen, die Gazi-Khassim-Moschee, die Madonnenstatuen und die Denkmäler des Nationalhelden Johann Hunyadi, der die Ungarn vom Joch der Türken befreite, für die Universität und ihre Bibliothek, für seine engen Gassen und winzigen Erkerhäuser ist Pécs ebenso berühmt wie für seine Kaffeehäuser, Bars und Gaststätten. Gruppen musizierender Studenten ziehen durch die Straßen. Es ist eine Universitätsstadt und erst recht am Wochenende quellen die Gassen über von Studenten, die das Leben genießen.
In Istanbul steht eine Bank neben der anderen, in Pécs dagegen stößt man auf Schritt und Tritt auf Buchhändler. Läden mit Markenartikeln sind selten, stattdessen häufen sich Märkte, auf denen fliegende Händler persönlich gefertigte Produkte darbieten.
Der Dienstleistungssektor der Ungarn, die lange unter dem Einfluss sowjetischer Herrschaft standen, funktioniert nach wie vor behäbig. Von Speisen soll gar nicht die Rede sein, doch selbst auf ein alkoholisches Getränk gilt es, mindestens eine Viertelstunde zu warten, schier unerträglich für ungeduldige Türken. Auch sind die Ungarn im Vergleich zu uns sehr still. Selbst in stark von jungen Leuten frequentierten Cafés trafen wir niemanden an, der sich gleich uns lautstark unterhalten oder lauthals gelacht hätte.
Wir können den Ungarn wohl einiges vormachen, wenn es ums Amüsieren, ums Lachen oder um flotten Service geht. Doch es gibt da etwas sehr Wichtiges, das wir von ihnen lernen können. Ich will versuchen, es anhand eines Beispiels darzustellen: Es gibt dort einen Friedhof, der im Jahr 2000 den Weltkulturerbestatus der UNESCO erhielt. Auf diesem christlichen Friedhof aus dem dritten Jahrhundert mit mehrstöckigen Gräbern sind auf einem Areal Werke aus unserer Zeit ausgestellt. Dort befindet sich eine Skulptur, die sich Menschen aus aller Welt ansehen und zum Vorbild nehmen sollten. Sie wird demnächst in den Vatikan gebracht. Von der einen Seite betrachtet sieht man den Judenstern, von einer anderen das Kreuz als Symbol des Christentums und von einer weiteren Seite aus Halbmond und Stern, die Symbole des Islam. Der Künstler hat in einem genialen Verfahren die Symbole der drei himmlischen Religionen zu einer Einheit verschmolzen. Dies, so meine ich, ist die herausragendste Eigenschaft der Ungarn: ihre Fähigkeit, Religionen, Ansichten und Meinungen zusammenzuführen und zu integrieren. Es gelingt ihnen, aus Unterschieden Integrität statt Konflikt zu schaffen und ihre 6000-jährige Geschichte, die Besatzungen und Qualen, die sie im Laufe der Geschichte durchlitten haben, mit einem Blick, wie er Philosophen zu eigen ist, ohne die geringste Spur von Feindseligkeit zu beurteilen.
Zweite Eroberung der Stadt Pécs durch die Türken
Vom 20. bis 23. Mai 2010 erlebten die Einwohner von Pécs ein zweites Mal den Ansturm von Türken. Diesmal fand der türkische Vorstoß nicht mit tausend Reitern statt, sondern mit zwei Schriftstellerinnen, einem Komponisten, einer Sopranistin, einer Meisterin auf der Rohrflöte Ney und einer Tänzerin. Von den Schriftstellerinnen spreche ich nur, um die Lesungen, die Perihan Mağden und ich an mehreren Orten durchführten, nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Denn was zählen schon unsere Lesungen, ganz egal, was wir dort lasen, gegen ein eindrucksvolles Konzert und eine Tanzperformance? Tuluğ Tırpan mit seinem symphonischen Poem Mewlana-Alchemist und seinem Piano, Burcu Karadağ mit ihrer Ney, Sertap Erener mit ihrer Stimme und Su Güneş Mıhladız mit ihrem Tanz nahmen die Ungarn gefangen, bezauberten sie, eroberten ihre Herzen. Wenn die Pécser, die diese Aufführung erlebten, fortan an Türken denken, werden ihnen die Ney einfallen, mit der Burcu ihre Seelen anhauchte, Sertaps kristallklare Stimme und die zeitgenössischen Kompositionen für Streich- und Schlaginstrumente, mit denen Tuluğ sie hinriss. Vollkommen unvergesslich aber wird ihnen Su Güneş bleiben, die mit ihren mystischen Gewändern eine Dreiviertelstunde lang unaufhörlich kreiste, ihr Ego abstreifte und Wiedergeburt symbolisierte.
Zögen wir zur Eroberung aller Länder stets mit einer solchen Mannschaft aus, kämen wir nie mit leeren Händen zurück.
Kunst und Wein
Drei Tage lang erfüllten Perihan und ich klaglos unsere Aufgaben im Rahmen des Projekts „Yollarda“, lasen, beantworteten Fragen, posierten für Videoaufnahmen an den unterschiedlichen Orten der Stadt. Dann kam der Sonntag. Die Veranstalter hatten beschlossen, unser ganzes Team zur Belohnung für unsere intensive Arbeit zu einem Weinfestival in einem nahe gelegenen Dorf zu bringen. Die Trauben, die dort auf reichhaltigem Boden in einer sonnigen Region unter geradezu mediterranen Bedingungen reifen, ergeben einen ausgezeichneten Weißwein. Wir sollten den Chardonnay und den Cirfandli probieren, die dort in den Weinbergen auf 630 Hektar angebaut werden, und auch von den Rotweinen aus der Region Villány kosten. Mit Weinkelchen um den Hals, Weincoupons und Bewertungsbögen in den Händen, betraten wir mit den beiden Claudias vom Goethe-Institut und den Veranstaltern des Projekts zum Auftakt unserer Weinprobentour durch vierzehn verschiedene Keller das erste Haus. Als wir aus dem vierten Weinkeller heraustraten, hatte keiner mehr einen klaren Kopf. Eine der Claudias wurde von einer Biene gestochen, ich klaubte ein wenig feuchte Erde auf und presste sie ihr auf die Wange. Perihan kam mit durchgekautem Brot zu Hilfe und Claudia wehrte sich nicht gegen die türkischen Behandlungsmethoden. Als Letztes erinnere ich noch, dass wir pitschnass wurden, als wir unter einem plötzlichen Regenguss auf unseren Wagen warteten. Die Tränen, die mir beim abendlichen Konzert mit Tuluğs Werk in der Interpretation der Vienna Classical Players unaufhörlich aus den Augen rannen, schrieb ich zunächst dem Wein zu, den ich verkostet hatte, doch die Ungarn im Saal waren mindestens so aufgewühlt wie ich. Gute Kunst und guter Wein kennen keine Grenzen, Freunde. Mein herzlicher Dank für den Besuch in Pécs, der uns beides so generös darbot, gilt meinen Freunden, die das Projekt „Yollarda“ auf die Beine stellten.
Sonntag, 16. Mai 2010
Buket Uzuner: „Mit dem Goethe-Institut Istanbul auf Literatur-Tournee in Rumänien“

Buket Uzuner
Der Begriff “Weltliteratur”, den Goethe, der große Humanist und Dichter, den ich zu meinen literarischen Vätern zähle, der Weltkultur geschenkt hat, bewies lange vor unserem Zeitalter den intellektuellen Mut zu sagen, dass die Literatur keine Nationalität hat und lediglich in verschieden Sprachen für die ganze Menschheit geschrieben wird. Ich denke, dass das vom Goethe-Institut Istanbul durchgeführte Projekt, bei dem europäische Autoren in der Türkei und türkische Autoren in den europäischen Ländern, in deren Sprachen sie übersetzt wurden, Lesungen abhalten, mithilfe der Literatur die unterschiedlichen Kulturen positiv beeinflusst.
Montag, 10. Mai 2010
Müge İplikçi: „Unterwegs“

Müge İplikçi
Reisen und die Veränderungen, die Menschen auf Reisen durchmachen, interessieren mich sehr. Eine Reise ist ein Versprechen. Das Versprechen, zu Veränderung und Wandel bereit zu sein. Zugleich ist sie ein Risiko. Im Zuge der Veränderung kann es nötig werden, sich seinen Erinnerungen zu stellen. Eben deshalb ist Veränderung schwierig. Das Alte ins Neue transferieren und dabei erneut die Abgründe zwischen Erinnern und Vergessen ausloten.
Stets haben mir konkrete Reisen etwas bedeutet, die durch die zurückgelegten Wege vielfarbig und kompliziert werden und sich gabeln. Darüber hinaus interessieren mich auch abstrakte Reisen. Reisen in den Geist, in die Erinnerung. Um ehrlich zu sein, gehöre ich zu jenen, die glauben, das wichtigste Element in unserer von Globalisierung geprägten Zeit sei aus Steinen der Erinnerung gemauert. Meines Erachtens ist insbesondere angesichts der schweren historischen Last des 20. Jahrhunderts die beste Reise jene in die Erinnerung. Das ist ein Wunsch, den ich nicht nur in Bezug auf mein Land, sondern um der ganzen Welt willen hege. Es kommt mir so vor, als könnten wir, wenn wir uns nur der Vergangenheit stellen und vergeben können, uns sehr viel leichter neuen Dynamiken zuwenden.
Ob wir nun den Verlauf der Moderne kritisch betrachten, kurz sei behauptet, dass wir noch immer etwas von ihr lernen können, oder ob wir eine postmoderne Auffassung vertreten, um ihre sich allseits zeigende Hinfälligkeit zu studieren, eines ist doch deutlich: Die Dynamik des Lebens findet heute im konservativen Stil neoliberaler Politik statt. Der fast überall auf der Welt direkt oder indirekt vorkommende Rassismus ist ein Beweis dafür. Es handelt sich hier um einen seltsamen Konservatismus, der sich auf Religion, Sprache, Ethnizität und Geschlechteridentität richtet und der keine Grenzen kennt.
Im Verlauf des Projekts „Yollarda“ fand ich die Gelegenheit, bei Kaffee, Tee mit Zitrone oder eisigem Wein mit einer Vielzahl von Autoren, Lesern, Schülern und Journalisten über diese und ähnliche Themen zu plaudern. Zu sehen, dass wir in unterschiedlichen Gegenden doch ähnliche Sorgen teilen, war ebenso deprimierend wie erfreulich. Es liegt auf der Hand, dass unsere Kraft nicht ausreichen wird, die Welt zu verändern. Wir können ihr aber Fragen stellen, können fragen, hätten fragen können.
Und das bedeutet manchmal schon alles.
Mittwoch, 5. Mai 2010
DIE BRÜCKE - Attila Bartis

Attila Bartis
Eine Brücke ist ein Bau, der zwei unverbundene Dinge miteinander verbindet. Zu diesem Zweck hat man sie erfunden. Damit man dem Propheten gleich das Wasser überqueren kann, ohne nasse Füße zu bekommen. Geschichte ist nichts anderes als die Geschichten von Brücken, die gebaut, in die Luft gesprengt und wieder aufgebaut wurden. Anders gesagt, ein geografischer Raum, der über keine gesprengte Brücke verfügt, hat auch keine Geschichte. Da es einen solchen geografischen Raum nicht gibt, ist die Menschheit eins und miteinander verbunden.
Es gibt eine Brücke, die Europa und Asien miteinander verbindet. Als ich diese Brücke zum ersten Mal überquerte, weinte ich. Das ist beinahe zwanzig Jahre her. Damals war sogar das Überqueren der Donau eine unvergessliche Erfahrung. Die Strecke zwischen den beiden benachbarten Ländern Rumänien und Bulgarien über die Brücke in Giurgiu zurückzulegen dauerte exakt neun Stunden. Dementsprechend hatte ich, während wir am Bosporus unter dem Dröhnen eines klapprigen Busses zwischen zwei Kontinenten vorwärts fuhren, allen Grund, ein Papiertaschentuch vollzuschneuzen. Ich hätte damals übrigens nicht gedacht, zwanzig Jahre später die Tränen zurückhalten zu können. Ich hätte nie gedacht, dass die eineinhalbminütige Entfernung von Giugiu weniger als neun Stunden dauern könnte. Nie hätte ich gedacht, dass Geschichte mit schwarzer anstatt mit roter Tinte geschrieben werden könnte. Eigentlich wäre mir nichts von dem, was ich heute denke, damals in den Sinn gekommen.
All das erzähle ich, weil ich eben diese Brücke wieder überquert habe. Wie viele Schriftsteller war auch ich eingeladen. Ich nahm an Gesprächen und Galadinners teil, führte stundenlange überflüssige Gespräche mit Bürgermeistern und plauderte herzlich mit Studenten. Ich war als Gast geladen, um Unterschiede zu sehen und Ähnlichkeiten aufzuzeigen, gleichsam einer lebenden Brücke. Ein europäischer ungarischer Schriftsteller in der europäischen Türkei von morgen. Ein ungarischer Schriftsteller, der hundertfünfzig Jahre der Vergangenheit nie aus seinem Gedächtnis streicht. Jene hundertfünfzig Jahre müssen dem nicht ungarischen Leser erläutert werden. In diesem Zeitraum herrschten die Türken auf unserem Boden. Stets hatten unsere prächtigen Könige sie besiegt, doch verfügten wir nur über wenige prächtige Könige. In Mohács wurden sie einer nach dem anderen beseitigt. Heute ist die Stadt Mohács Grenzhafen der Europäischen Gemeinschaft an der Donau, aber das wissen nicht einmal die Mohácser selbst, geschweige denn die Europäer oder Türken. Dennoch bin ich hier, kam ich in einem rosa Bus, um Brücke zu sein. Ich beuge mich, bitte sehr, gehen Sie über mich nach Europa. Dazu bin ich hierher gekommen.
Am letzten Tag beim Abendessen stellte ich dann fest, dass man mich, also eine Brücke, gar nicht benötigte. Eine Brücke braucht man, wenn existenziell wichtige Dinge an unterschiedlichen Orten sind. Natürlich gibt es wichtige Dinge, die uns dort von hier unterscheiden, doch sind diese Unterschiede nicht lebenswichtig. Das eigentlich Wichtige ist die Tinte, mit der die Menschen ihr Schicksal schreiben, und ich habe begriffen, dass die Tinte in beiden Ländern die gleiche ist.
Mit der türkischen Übersetzerin meines Romans, Sevgi Can Yağcı, sind wir in ein herzliches Gespräch vertieft. Gemeinsam suchen wir nach Worten. Nach Worten, die es in beiden Sprachen gibt. Besipielsweise tabut (Sarg). Welch eine Übereinstimmung. Dann ertappen wir uns, wie wir mit diesen Worten in unseren beiden Sprachen logische Sätze bilden. Über die Muttersprache gelangen die Worte zum Tod ihrer Mutter. Sie starb eine Weile vor meiner. Beide Mütter spielten Geige. Auch das ist ein großer Zufall. Wer glaubt schon, dass zwei Mütter zu beiden Seiten des Bosporus Geige spielen und sterben, bevor sie ihre Kinder großziehen konnten?
–Ist dein Vater Schriftsteller wie meiner? Er schrieb ein Buch für dich? Klar, schreibende Väter
schreiben in der Regel eines ihrer Bücher für ihre Kinder. Das ist ganz normal. Ist vielleicht eine Gewissenssache. – Das Buch, das mein Vater für mich schrieb, heißt Steine und Kräuter. Deins heißt Schneeglöckchen? Dabei gibt es hier mehr Steine und weniger Schneeglöckchen als bei uns. Offensichtlich ist da etwas durcheinander geraten. Er hat es nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis veröffentlicht? Er war tatsächlich, so wie mein Vater, sieben Jahre lang politischer Gefangener? In Kleinasien werden die Menschen also genauso verhört wie in Europa? Werden die Fingernägel auch hier genauso herausgerissen? Schießt einem, wenn es soweit ist, das Blut genauso ins Hirn? Ja, genauso.
Mittwoch, 21. April 2010
Leonhard Thoma: „Der Bus. Die Krawatte. Istanbul.“

Leonhard Thoma
Der rollende Bus. Bibliothek, Botschaft auf Rädern. Eine Art fliegendes Klassenzimmer.
In Istanbul stockt er, zwangläufig. Der Verkehr! Zu Fuß wäre man schneller, denke ich anfangs. Aber nach der ersten Lesung habe ich schon verstanden: Der Bus muss mit. Der Bus ist die Hauptsache, der heimliche Protagonist. Was heißt: der heimliche? Die Sensation auf dem Schulhof
AMir haben die Schüler zugehört, höflich, interessiert, fröhlich. Den Bus aber stürmen sie begeistert und wollen gar nicht mehr raus. Das liegt nicht nur an den Büchern und Heften, ahne ich. Aber auch nicht nur an der bequemen Sitzecke, in die man sich so schön reinlümmeln kann. Das liegt vor allem an seiner Seele. Ja, der Bus hat sogar eine Seele: Claudia, die alle mit ihren Geschichten bezaubert. Was wären der Bus samt Bücher ohne sie
ADie Krawatte
Was ich gleich bemerke: dass ich hier das einzige männliche Wesen ohne Krawatte bin. Zuerst hoffe ich noch: auf die jüngeren Schüler, auf den Hausmeister, auf irgendeinen Lehrer. Keine Chance. Nur ich laufe in dieser Schule krawattenlos herum. Ob das gut geht? Und jetzt soll ich vor der Lesung auch noch schnurstracks zum Schuldirektor kommen, flüstert der Deutschlehrer. Alte Erinnerungen an die Schulzeit ... da war das ja kein gutes Zeichen. Das kann ja heiter werden.
Ein Raum fast nur in Brauntönen, wie der Tee auf dem Tischchen. Als einzige Farbtupfer die strahlend blauen Augen an der Wand hinter dem riesigen Schreibtisch: Atatürk, kühner Blick in die Ferne. Die des Direktors sind auf mich gerichtet, genauer gesagt: auf die Stelle an meinem Kragen, wo eigentlich die Krawatte hängen müsste. Strenger Blick auf ein Vakuum. Wir unterhalten uns ein wenig, über die Schule, über Deutsch an der Schule. Ein bisschen zäh, aber wir bemühen uns.
Ein Ritual und seine Regeln. Der Deutschlehrer übersetzt ausführlich hin und her. Er übersetzt mehr, als wir sagen, glaube ich. Besser so. Irgendwann erwähnt er, dass ich in Barcelona wohne. Plötzlich leuchten die Augen des Direktoren: Barca, die beste Fußballmannschaft der Welt! Plötzlich plaudern wir, die Namen von Spielern und Vereinen sprudeln nur so, Resultate werden mit den Fingern angezeigt, da brauchen wir auch keine Übersetzung mehr.
Fünfzehn Minuten später schütteln wir uns herzlich die Hände. Ich bekomme sogar noch eine Einladung, zum hauseigenen Lehrerkick am nächsten Tag, abends. Er sei auch dabei, lächelt der Direktor, selbstverständlich. Leider kann ich nicht, wirklich schade, aber allein die Vorstellung gefällt mir. Eine ganz krawattenlose Vorstellung...
Istanbul
Einiges werde ich wieder nicht sehen: In der Blauen Moschee war ich gestern noch ganze zehn Minuten, für die berühmte Therme hat es nicht mehr gereicht. Auch sonst: kaum eine Moschee und gar kein Museum. Keine gute Ausbeute, touristisch gesehen.
Wenn mein Reiseführer kein Buch wäre, würde er nur noch den Kopf schütteln. Wozu ich ihn überhaupt mitgenommen habe, würde er die ganze Zeit fragen.
Ich weiß, ich weiß, die Kirche hier, der Palast dort, ein absolutes Muss. Aber ich kann halt nicht.
Nur über den Bosporus bin ich gefahren, aber nicht auf der nachdrücklich empfohlenen Ganztagestour, sondern mit der Arbeiterfähre um sechs Uhr morgens.
Ja, der Reiseführer muss mit mir völlig unzufrieden sein: Ich bin ständig unterwegs, aber auf keiner einzigen seiner Geheimtipprouten. Und die meisten seiner Top Ten habe ich nur aus der Ferne gesehen, Silhouetten am Horizont.
Und dennoch habe ich überhaupt kein schlechtes Gewissen! Tage voller überraschender Erlebnisse und interessanter Begegnungen, der berühmte Blick hinter die Kulissen, die herzliche Gastfreundschaft, das alles darf ich hier erleben. (Ganz nah an Land und Leuten, würde mein Reiseführer sagen.)
Meine Paläste sind die Schulen, meine Schatzkammern die Klassenzimmer.
Istanbul, wie es leibt und lebt! Was will ich mehr? Halt, und dann noch nach getaner Arbeit auf dem Rückweg ein Päuschen unten an der Galatabrücke. Mit einem Fischbrötchen (balık ekmek, mein türkisches Lieblingswort!) in der Hand ein bisschen den Anglern zusehen.
Auch das ist für mich Glück in Istanbul und... steht sogar im Reiseführer!
Montag, 19. April 2010
„Die Türkei muss sich endlich der Geschichte stellen.“ Bericht über eine Rede von Günter Grass in Istanbul. Von Radikal / Cem Erciyes

Günter Grass
Einer der größten lebenden Schriftsteller der deutschen Sprache, Günter Grass, war zu Besuch in der Türkei. Begleitet wurde der Nobelpreisträger von dem ebenso großen türkischen Schriftsteller Yaşar Kemal. Grass kam zum Finale der Türkei-Tournee des Projekts “Europäische Literatur in der Türkei – türkische Literatur in Europa”.
Bevor er mit seinen türkischen Lesern am 15. April im Muhsin Ertuğrul Theater im Istanbuler Stadtteil Harbiye zusammentraf, hielt er eine Pressekonferenz mit den Organisatoren des Projekts ab. Nach Ansprachen des deutschen Botschafters Eckart Cuntz, des EU-Botschafters in der Türkei Marc Pierini und der Leiterin des Goethe-Instituts Istanbul Claudia Hahn-Raabe ergriff Yaşar Kemal das Wort. Kemal, zu dessen Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1997 Grass die Laudatio gehalten hatte und mit dem er danach bei verschiedenen Anlässen zusammentraf, stellte seinen Freund vor mit den Worten: “Einen solchen Schriftsteller gibt es auf der Welt kein zweites Mal mehr.” Des weiteren sagte Kemal über Grass: “Ich bin ein engagierter Schriftsteller, das habe ich schon oft gesagt. Das erfüllt mich mit Stolz. Ich engagiere mich für den Frieden und gegen den Krieg. Günter Grass ist auch so ein Schriftsteller, von ihm habe ich sogar gelernt, mich zu engagieren. Ich freue mich sehr über seinen Besuch in der Türkei und heiße ihn aufs Herzlichste willkommen.”
Im Anschluss an Yaşar Kemal sprach Günter Grass. Er begann mit seiner Biografie und seinem eigenen Land, ging über zur Türkei und hielt eine mutige Rede, die sein Engagement wahrlich demonstrierte. Grass erzählte: “Yaşar Kemal ist seit langem mein Freund. Weder spreche ich Türkisch noch spricht er Deutsch. Kennengelernt haben wir uns über die Lektüre unserer Bücher. Ich wurde im polnischen Danzig geboren, Yaşar Kemal stammt aus der Çukurova. Beide haben wir in größenwahnsinniger Manier diese winzigen Orte auf der Welt ins Zentrum unseres Schreiben gerückt und unsere Geschichten erzählt.”
“1945 war ich 17 Jahre alt. Ich stand unter dem Einfluss der Naziideologie. Zwölf Jahre lang hatte ich die Gräuel, die die Nazis begangen hatten, nicht wahrhaben wollen. Dann kamen allmählich die Beweise, ich sah Bilder von den Taten. Ich musste lernen, diese Verbrechen zu akzeptieren. Das war nicht leicht für mich und meine Generation. Aber diese Dinge waren in Deutschland passiert. Die, die das nicht akzeptieren wollten, meinten: ‘Ihr verdreht die Tatsachen’, aber die Vergangenheit holte uns immer wieder ein. Auch die Türkei trägt an einer schweren Last aus ihrer Vergangenheit. Wann wird sich die Türkei dem stellen, was 1915-1916 dem armenischen Volk angetan wurde? Ich wünsche mir, dass die Türkei sich mit den Ereignissen auseinandersetzt und Teil der europäischen Gemeinschaft wird. Tabus muss man angreifen. Wo immer es ein Tabu gibt, muss man es bekämpfen. Wir taten es, und die Türkei muss es ebenfalls tun.”
“Ich weiß, wie schwer es für ein Land ist, an der Last aus der Vergangenheit zu tragen. Pınar Selek wird noch immer strafrechtlich verfolgt. Ein armenischer Journalist wurde ermordet. Ich erinnere mich aber, wie nach seinem Tod Hunderttausende auf die Straße gingen. In der Türkei hatte ein Wandel eingesetzt. Und kein diplomatischer oder politischer Prozess wird dies aufhalten können. Dies ist der wichtigste Schritt der Türkei in Richtung Europa.”
“Während eines Gesprächs an einer Universität, an dem ich heute teilnahm, äußerte ein Student den Gedanken, man solle die Vergangenheit ruhen lassen und sich der Zukunft zuwenden. Ich halte das nicht für angemessen. In Deutschland haben wir das immerzu gehört. Aber man sollte besonders achtsam sein. Willy Brandt machte auf seiner Polenreise 1970 vor einem Konzentrationslager, in das Tausende von Menschen geschickt worden waren, einen Kniefall und entschuldigte sich beim polnischen Volk. Ich meine, dass die Zeit für eine solche Geste, für eine Entschuldigung bei den Armeniern gekommen ist.”
“Sie werden bemerkt haben, dass ich das Wort Völkermord nicht verwende. Ich denke, die Türkei muss selbst entscheiden, welchen Namen sie den Ereignissen geben will.”
“1997 sprach ich das Kurdenproblem an und sprach mich gegen den Einsatz deutscher Waffen im Kampf gegen sie aus. Dieser Kampf geht seit Jahren weiter, hat aber zu keinem Ergebnis geführt. Die Existenz des kurdischen Volkes ist eine Bereicherung für die Türkei, doch vergeudet man diese dadurch, dass man alle als Türken bezeichnet. Stattdessen sollte die Türkei diesen Reichtum nutzen und davon profitieren. Noch nie wurden solche Probleme mithilfe von Waffen gelöst.”
“Dem türkischen Ministerpräsidenten, der sich am Samstag mit den Autoren trifft, möchte ich sagen: “Hören Sie den Schriftstellern gut zu. Sie sind es, die ihre Länder am besten beobachten. Und die kurdischen Autoren sind es, die am besten über ihre Länder erzählen können.”
Mittwoch, 14. April 2010
Nikolai Stoyanov: „Über Menschen, Straßen und Brücken…“

Nikolay Stoyanov
Austausch über Kultur und insbesondere Literatur, Treffen mit Lesern verschiedener Generationen und Nationalitäten, Besuche zu völlig oder nahezu unbekannten Ländern, die Gelegenheit, mehr über ihre einzigartige Welt und Geschichte zu lernen, Übersetzung und Veröffentlichung von literarischen Werken, sowie deren Rezeption - all das bereichert nicht nur die Sinne des Künstlers, sondern hilft, nutzbringende, starke Künstlerfreundschaften und echte menschliche Beziehungen zu erschaffen.
Diese meine Eindrücke werden geteilt von bulgarischen Kollegen, welche die verschiedenen „Äste“ dieser bunten literarischen Reise abgeschritten sind. Wir fühlen alle, dass sich das Yollarda-Projekt in ein traditionelles, periodisches Ereignis entwickeln könnte, das andere Kunstformen einschließt – etwa die Bildenden Künste. Es wäre gut, wenn das Yollarda-Projekt zusammen mit literarischen Lesungen aus verschiedenen Ländern und Begegnungen mit Lesern begänne, kreative Diskussionen zwischen Autoren und Übersetzern aus verschiedenen Ländern zu organisieren; so können diese Informationen austauschen und neue Entwicklungen und Phänomene in ihrer nationalen Literatur mitteilen. Und warum sollte man nicht in Zukunft weitere Treffen mit Schriftstellern aller in Yollarda einbezogenen Länder planen?
Aber dies sind letztlich alles Geschäftsideen. Meine Gedanken wandern zurück zur emotionalen Atmosphäre dieser wenigen Tage, die ich in Edirne verbracht habe. Die Nähe dieser Stadt zur Grenze stellt sie irgendwie in eine ungleiche Situation. Wenn man nach Istanbul reist, ist man immer in Eile, sein Ziel zu erreichen, und verschiebt den Besuch Edirnes auf ein anderes Mal hinaus. Und dann stellt sich natürlich immer heraus, dass man zu spät dran ist. Man schaut aus der Ferne auf die prächtigen Minarette ihrer Moscheen und die Kurven der Maritsa, und verspricht sich selbst, dass man nächstes Mal auf jeden Fall... Wie schlau Kavafis Worte: „Wenn du dich auf den Weg machst nach Ithaka, bete, dass der Weg weit sein möge.” Es gab eine Zeit, in der die Zeit in Kilometern gemessen wurde, nicht in Stunden, und die Straße führte durch die bunte Welt von Edirnes offenen Märkten, mit seinen Händlern, Barbieren und magischen Kaffeemachern. Wie dem auch sei, die moderne Autobahn „stiehlt“ jetzt Edirne die Reisenden. Aber es geschah, dass dieses Mal unser Ziel, das meinige und das des Dramatikers Konstantin Iliev, Edirne war. Es ist unmöglich, die orientalische Freundlichkeit der Einheimischen zu vergessen, denen es nichts ausmachte, ihren Schwatz zu unterbrechen und ihre Begleiter stehenzulassen, um uns durch das Labyrinth kleiner, sich dahinschlängelnder Straßen zu unserem Hotel zu führen. Dann reichten unsere Reiseführer, sobald sie selbst nicht mehr weiter wussten, uns an die nächste liebenswürdige Person weiter, die dann wiederum jemand anderen fragte, bis wir schließlich den Ort erreichten, den wir gesucht hatten.
Intimität ist der einzigartige Vorteil kleinerer Städte. In Edirne kann man ohne Schwierigkeiten von der Vergangenheit in die Zukunft wandern, von historischen und religiösen Denkmälern zu Symbolen des 21. Jahrhunderts. Die Grenzen dreier Länder treffen sich hier, was ein Gefühl des Wettstreits erzeugt, der Konkurrenz. Es gibt eine thrakische Universität sowohl in Griechenland als auch in Bulgarien, aber die hiesige erscheint neuerer und moderner - und offensichtlich von sehr ehrgeizigen Leuten erbaut. Fast nirgendwo im Balkan, einer Region, die ich gut kenne, habe ich so stilvolle, moderne und funktionale Gebäude gesehen wie die des privaten Kollegs von Edirne. Und genauso beeindruckt war ich von der Yıldırım Beyazıt Gymnasium. Diese waren die Orte meiner Dichterlesungen, der Begegnungen und Gespräche mit den jungen Menschen der Türkei. Fast überall setzten sich meine Lesungen über zwei Stunden fort. Ich wurde überflutet mit schlauen Fragen zu meinen Büchern, den Wegen zum Erfolg in der Kunst, meinen Bekanntschaften mit türkischen Autoren, das Leben in meinem eigenen Land.
Alle diese Veranstaltungen wurden äußerst professionell organisiert, und der Professor der Universität zu Ankara, Hüseyin Mevsim, der Übersetzer unserer Texte und Moderator aller unserer Diskussionen, hat sich wieder einmal als einer der besten Experten auf dem Gebiet der bulgarischen Sprache und Literatur in der Türkei erwiesen. Und es war wieder einmal Hüseyin, der meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen prachtvollen Brücken Edirnes lenkte. Und die Brücke ist, wie wir alle wissen, eine altehrwürdige Metapher, und eine wundervolle Realität. Ich frage mich jetzt - ist es ein Zufall, dass es im Balkan mehr Brücken gibt als irgendwo sonst?
Sonntag, 4. April 2010
Konstantin Iliev: „Edirne”

Konstantin Iliev
Das Wort Müdür ließ mich zusammenzucken. Ich sah diesen Schriftzug an einer der Türen der Bibliothek, in der ich meine Lesung abhalten sollte. Für mich bedeutet der Ausdruck Direktor Polizeidirektor, ein Dienstgrad, der Respekt, aber nicht unbedingt auch Sympathie auslöst. In meiner Untersuchung, an der ich seit langem arbeite, nehmen zwei Direktoren wichtige Positionen ein – einer ist Türke, der andere ein ethnischer Grieche im Dienst der Osmanen. Die Tür mit der erschreckenden Aufschrift allerdings führte in das Dienstzimmer der Dame, die die Edirner Bibliothek leitete. Nach der Lesung lud sie uns gemeinsam mit dem stellvertretenden Gouverneur höflich zum Tee ein. Vali, Gouverneur, ist ein Wort, das für bulgarische Ohren zu Assoziationen mit Literatur und Geschichte führt. Bei der ersten Lesung waren die Zuhörer sehr unterschiedlich. Entsprechend war nicht zu erwarten, dass die Veranstaltung perfekt ablaufen würde. Die Studenten in den ersten Reihen stellten treffende Fragen. Eine Zuhörerin fragte nach meiner Meinung zu Goethes West-östlichem Divan. Ehrlich gestanden konnte ich mich aus meiner Studienzeit nur oberflächlich und vage an dieses Werk erinnern. Auch kamen Fragen zu Friedrich Nietzsches Philosophie.
Die 13–14-jährigen Teenager in den letzten Reihen dagegen konnten die Lehrerinnen nur mit Mühe auf ihren Stühlen halten. Wie sollte sich ein Mensch, dessen Schulzeit so lange zurücklag, an einem solchen Apriltag, an dem alles grünte und sprießte, nicht wünschen, dass sein Platz nicht vor dem Mikrophon, sondern dort, auf den hinteren Stühlen wäre?
Völlig anders waren am nächsten Tag die Zuhörer in der Universität – Studenten und Professoren der philologischen Fakultät. Auch aus Istanbul waren Gäste gekommen. Ich hatte die Organisatoren gebeten, mein auch in andere Sprachen übersetztes Stück “Francesca” einer 55–60 Jahre alten Schauspielerin anzuvertrauen, die den Monolog der Hauptfigur Oma Bonka lesen sollte. Beim Frühstück stellten sie mir die Schauspielerin vor: eine auffällig attraktive junge Frau um die 25. Die Fans der türkischen Serien, die in der letzten Zeit auch in unserem Land zuhauf verfolgt werden, erkannten sie sofort. Es hieß, sie spiele in einer dieser Serien die Hauptrolle. Ihr Name war Elif Sönmez. Eigentlich sei sie von Beruf Bildhauerin und habe ihre Ausbildung vor kurzem in Italien abgeschlossen. Versiert und kompetent las sie einige Szenen aus dem Stück. Bei jedem Umblättern ging ein Rascheln durch den Saal: Das Rascheln, wie wenn beim Notenlesen gleichzeitig umgeblättert wird. In weiser Voraussicht hatten die Mitarbeiter des Goethe-Instituts den Text des Stücks an alle Anwesenden im Saal verteilt und außerdem per Projektion an die Wand geworfen. Unser Gespräch über das Theater und Schreiben von Stücken dauerte ungefähr zwei Stunden. Vor einigen Jahren hatten mir in Erfurt junge Deutsche beinahe die gleichen Fragen gestellt. Die Welt wird in der Tat kleiner und vorhersehbar. Wenn man über die Grenze von einem Land ins andere fährt, hat man Zeit zum Nachdenken. Denn in der Regel muss man an der Grenze warten. An der bulgarisch-türkischen Grenze wartet man mitterweile nicht mehr so lang wie früher. Dennoch bleibt genug Zeit zum Nachdenken.
Irgendwo hier auf einem Friedhof für unbekannte Soldaten liegen die Gebeine meines Großvaters begraben. In meiner Tasche trage ich ein zehn Gramm leichtes Teil aus Plastik und etwas Metall: ein USB-Stick. Darauf befindet sich alles, was ich bisher geschrieben habe. Er ist leichter als eine leere Patronenhülse. Mehr Ausrüstung brauche ich zum Glück nicht.
================================================================================
ОДРИН
За мен събуждането в Одрин се оказа равнозначно на заспиване със съновидения. Картини от стария Ловеч, така както го помня от толкова далечното си вече детство. Малки дюкянчета с бодрото утринно суетене на собствениците им, бръснарници, отрано населени с клиенти и жадни за разговори кибици, димящи чаши чай, котки, създаващи домашен уют на малките улички – всичките белези на тиха, неподвластна на времето балканска провинция. Такъв се оказа кварталът в старата историческа част на града, където беше хотелът ни. Съвсем близо до него господстваше обаче вече глобализацията. Дълга търговска улица с познатите заведения за бързо хранене, витрини както във всеки европейски град, чейнчбюра, изобилно предлагане на GSM-и и фототехника. Вечерта там имаше джазконцерт с взривяващи ушите децибели.
Стресна ме думата мюдюр. Видях я написана на една от вратите в библиотеката, където предстоеше да се състои литературното четене. Мюдюр за мен е полицейски началник – вдъхваща респект, но не непременно и симпатия фигура. В изследването, с което доскоро, в продължение на дълго време бях се занимавал, важно място заемаха двама мюдюри – единият турчин, другият – етнически грък на турска служба. Оказа се обаче, че зад вратата със стряскащото обозначение е просто кабинетът на жената, която управлява Одринската библиотека. След четенето тя любезно ни покани на чай. В компанията на заместник-валията – друга будеща в българското ухо също много асоциации за литература и история дума.
Аудиторията на първото литературно четене се оказа твърде разнородна, за да може да мине то съвсем безупречно. Студентите от първите редове задаваха видимо добре обмислени въпроси. Една слушателка искаше да знае мнението ми за “Западно-источния диван” на Гьоте – произведение, за което имам само смътни спомени от студентските си години. И за философията на Фридрих Нитше… На последните редици учителките явно с мъка удържаха 13-14-годишните момчета на столовете им. Как в такъв ден на разцъвтяващия април един толкова отдавна забравил училището човек да не си помисли, колко по-хубаво би било мястото му да е там, на тези последни столове, отколкото отпред, пред микрофона.
На другия ден в университета аудиторията е друга. Студенти и преподаватели от филологическите специалности. Гости от Истанбул. Бях помолил организаторите да дадат преведения текст на пиесата ми “Франческа” на по-възрастна, примерно 55-60-годишна актриса. За да прочете монолозите на централната женска фигура – Баба Бонка. Сутринта на закуска ми представиха актрисата. Някъде около 25-годишно, впечатляващо красиво момиче. Любителите на толкова гледаните напоследък сериали веднага я разпознаха. Играела централна роля в един от тях. Elif Sonmez – така се казва. Всъщност е скулптурка по професия, наскоро завършила образованието си в Италия. Чете с интелигентност и артистизъм откъсите от пиесата. След всяка страница от столовете в залата се разнасяше еднократен задружен звук от прелистване, като при проследяване на музикална партитура. Предвидливите сътрудници от екипа на Гьоте институт бяха раздали текста на всички присъстващи, проектираха го и на видеостена. Разговор за драматургията и театъра. В течение на близо два часа. Приблизително същите въпроси ми задаваше преди няколко години една също така младежка аудитория в германския град Ерфурт. Светът става наистина малък и обозрим.
Когато човек минава междудържавни граници, разполага с време, което би могъл да използва за мислене. Защото на граница обикновено се чака. На българо-турската граница вече не така дълго както преди. И все пак време за мислене има достатъчно. Някъде по тези места в незнаен войнишки гроб лежат костите на дядо ми. В джоба си нося десетграмово съоръжение от пластмаса и мъничко метал. Флашпамет за компютъра. В него е всичко, което съм писал през живота си. По леко е от празна патронена гилза. Нямам нужда от друго въоръжение и това е добре.
(Seite 1 von 4, insgesamt 47 Einträge)
nächste Seite »
