Monday, 12. March 2012
Die Spannung
Ich bin noch nicht in Algerien gewesen, aber ein Freund hat mir viel über das Land erzählt. Und wenn ich richtig verstanden habe, besteht der größte Unterschied zwischen Algerien und der Elfenbeinküste in der Zensur und der Spannung in einem Actionfilm. Bei uns zum Beispiel sind Actionfilme sehr beliebt. Alle finden sie attraktiv wegen der großen Spannung.
Sogar im Dorf in dem es vor zehn Jahren manchmal zwei oder nur einen Fernseher gab, also den Volksfernseher, sind Namen wie John Travolta, Bruce Willis, Johny Depp usw. sehr bekannt. Der Name Sylvester Stallone ist aber gar nicht bekannt; alle sagen einfach Rambo. Der Volksfernseher wird an den Marktplatz gebracht und wird genau um halb zehn eingeschaltet. Um halb zehn gibt es eigentlich jeden Tag einen Actionfilm im Nationalfernsehen. Schon um 8 ist der Marktplatz voll und die Spannung steigt vor dem noch nicht eingeschalteten Volksfernseher. Leider können sie ihn nicht früher einschalten, weil er nur drei Stunden laufen kann. Und wenn man rechnen will: ein Actionfilm dauert eine Stunde fünfundvierzig; der Film müsste eigentlich um halb zehn anfangen, aber das Nationalfernsehen wird sich bestimmt um 30 bis 45 Minuten verspäten. Das heißt das alles dauert ungefähr 2 Stunden 45. Halb zehn ist also die richtige Zeit wenn man den ganzen Film schauen will. 89,5% der Dorfbewohner verstehen gar nicht, was im Film gesagt wird, weil Französisch gesprochen wird und 90% verstehen kein Französisch. 8% verstehen kaum den Film und 1,5%, die seit etwa zwei Stunden auf den Film warten, sind inzwischen eingeschlafen. Aber am Ende finden 100% der Dorfbewohner den Film interessant und sehr spannend, weil es ein Actionfilm ist.
In Algerien ist es aber nicht so. Es ist nicht normal, dass die Spannung bei Actionfilmen groß wird. Wird er das Mädchen ermorden oder wird sie gerettet? sind keine spannenden Fragen. Er kann sie einfach umbringen, erschießen, hängen, erwürgen, erdolchen oder sie totschlagen, das ist scheißegal. Was sie eigentlich interessiert ist aber: werden sie sich küssen, obwohl sie nicht verheiratet sind? Denn es gibt dort eine starke Zensur. Kommt sowas vor dann gibt es einen Mann mit zwei Scheren, der schnippschnapp! den Filmstreifen zerschneidet. Und alle sind dann zufrieden. Aber wenn er nicht aufpasst und alle den Kuss gesehen haben, dann ruft der Bürgermeister ihn an: „Hallo Mostafa, sind diese Schauspieler verheiratet?“ Wenn nicht, muss Mostafa sich eine neue Arbeit suchen. Deswegen war Mostafa sehr aufmerksam. Einmal aber war es ihm unmöglich da zu sein und er ließ sich von Abdulaha ersetzen. Abdulaha war ein bisschen zerstreut und er hat die Gefahr nicht kommen sehen. Das war Antonio Banderas und Sharlize Theron in einer sozusagen Sex Szene. Sie schauten sich gegenseitig in die Augen; Antonio machte einen Schritt und kam Theron fünf Meter näher, drei Meter näher, zwei Meter. Alle Gesichter waren schon verkrampft, einen Meter näher. Den Kindern wurde es peinlich, sie verabschiedeten sich, sie hätten viele Hausaufgaben, sagten sie. 50 Zentimeter näher; die Väter suchten schon die Fernbedienung, 25 Zentimeter; die ganze Stadt war verkrampft, alle schwitzten, die Frauen schlossen ihre Augen, die Mütter weinten; was macht eigentlich Abdulaha? Werden sie sich küssen? Sind sie zumindest verheiratet? waren die größten Fragen im Moment. Abdulaha hatte einfach vergessen seine Scheren mitzubringen und konnte leider den Filmstreifen nicht zerschneiden. Der Druck stieg immer weiter, eine 70jährige starb an einem Herzinfarkt bei den Nachbarn, an vielen Orten der Stadt gab es Meutereien, viele Verwaltungsgebäude wurden in Brand gesetzt. Zehn Zentimeter, jetzt nahm der Bürgermeister das Telefon, fünf Zentimeter und Schnippschnapp! wie ein Held zerschnitt Mostafa, der gerade drei Kilometer gerannt war, mit einem alten Messer den Filmstreifen. Das war eine große Erleichterung für die Stadt, denn ein Kuss von nicht verheirateten Akteuren wird schnell zu einer Staatssache; alle tiefsten moralischen Prinzipien Algeriens wären in den Schmutz getreten worden. Sie hatten noch nie so eine große Spannung erlebt, und alle jubelten und juchzten. Mostafa wurde deswegen am nächsten Tag vom Bürgermeister ausgezeichnet und alle waren zufrieden.
In Algerien ist es aber nicht so. Es ist nicht normal, dass die Spannung bei Actionfilmen groß wird. Wird er das Mädchen ermorden oder wird sie gerettet? sind keine spannenden Fragen. Er kann sie einfach umbringen, erschießen, hängen, erwürgen, erdolchen oder sie totschlagen, das ist scheißegal. Was sie eigentlich interessiert ist aber: werden sie sich küssen, obwohl sie nicht verheiratet sind? Denn es gibt dort eine starke Zensur. Kommt sowas vor dann gibt es einen Mann mit zwei Scheren, der schnippschnapp! den Filmstreifen zerschneidet. Und alle sind dann zufrieden. Aber wenn er nicht aufpasst und alle den Kuss gesehen haben, dann ruft der Bürgermeister ihn an: „Hallo Mostafa, sind diese Schauspieler verheiratet?“ Wenn nicht, muss Mostafa sich eine neue Arbeit suchen. Deswegen war Mostafa sehr aufmerksam. Einmal aber war es ihm unmöglich da zu sein und er ließ sich von Abdulaha ersetzen. Abdulaha war ein bisschen zerstreut und er hat die Gefahr nicht kommen sehen. Das war Antonio Banderas und Sharlize Theron in einer sozusagen Sex Szene. Sie schauten sich gegenseitig in die Augen; Antonio machte einen Schritt und kam Theron fünf Meter näher, drei Meter näher, zwei Meter. Alle Gesichter waren schon verkrampft, einen Meter näher. Den Kindern wurde es peinlich, sie verabschiedeten sich, sie hätten viele Hausaufgaben, sagten sie. 50 Zentimeter näher; die Väter suchten schon die Fernbedienung, 25 Zentimeter; die ganze Stadt war verkrampft, alle schwitzten, die Frauen schlossen ihre Augen, die Mütter weinten; was macht eigentlich Abdulaha? Werden sie sich küssen? Sind sie zumindest verheiratet? waren die größten Fragen im Moment. Abdulaha hatte einfach vergessen seine Scheren mitzubringen und konnte leider den Filmstreifen nicht zerschneiden. Der Druck stieg immer weiter, eine 70jährige starb an einem Herzinfarkt bei den Nachbarn, an vielen Orten der Stadt gab es Meutereien, viele Verwaltungsgebäude wurden in Brand gesetzt. Zehn Zentimeter, jetzt nahm der Bürgermeister das Telefon, fünf Zentimeter und Schnippschnapp! wie ein Held zerschnitt Mostafa, der gerade drei Kilometer gerannt war, mit einem alten Messer den Filmstreifen. Das war eine große Erleichterung für die Stadt, denn ein Kuss von nicht verheirateten Akteuren wird schnell zu einer Staatssache; alle tiefsten moralischen Prinzipien Algeriens wären in den Schmutz getreten worden. Sie hatten noch nie so eine große Spannung erlebt, und alle jubelten und juchzten. Mostafa wurde deswegen am nächsten Tag vom Bürgermeister ausgezeichnet und alle waren zufrieden.
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