Sibirien lässt Japan nicht aus seinem eisigen Griff. Regenschauer, eisige Windböen und grimmig-graue Wolkenszenarien sind die Begleiter. Nur zögernd wagt die japanische Kirsche, den Kamo-Fluss in Kyoto mit ihren rosafarbenen Blüten einzurahmen. Immerhin ist es schon April. Doch zu leicht könnte die Kälte wieder alle Pracht zunichte machen. Da sind die Bäume lieber vorsichtig.
Uns geht es ein wenig wie den Kirschbäumen. Sollen wir es wagen, an den Fluss zu gehen – zum „Hanami“ oder Kirschblütenfest? Wochenlang sind Wetterberichte gescheckt, alternative Planungen erwogen worden für den Fall, dass „Hanami“ abgesagt werden muss. Japan plant lange im Voraus und zeigt sich durchaus seelenverwandt mit Deutschland. So stand der 6.4. lange fest als gemeinsamer hanami-Ausflug der bald abreisenden Stipendiaten und der Mitarbeiter der Villa Kamogawa.
Also – wir wagen es, breiten unsere riesige blaue Plastikplane unter den mutigsten Kirschbäumen nahe der Kojin-Brücke aus. Diese zeigen sich bereits in voller Blüte. Neben uns solidarisiert sich eine Gruppe Studierender mit einer zweiten blauen Plane. Ansonsten aber bleiben die Wiesen am Entenfluss leer. Eine ungewöhnliche Szenerie im April, wenn normalerweise Scharen von Kirschblüten-Fans die Ufer des Flusses säumen und mit beeindruckenden Sake-Mengen das Frühjahr begrüßen. Die Jungs neben uns sind wenigsten gegen alle Unwetter gerüstet: Sake-Flaschen in allen Größen versprechen Stimmung und Wärme. Wir sind da zurückhaltender, halten uns an Sushi, Schinkenplatten, Baguette, Camembert und Oktopus-Bällchen mit Tee und Mineralwasser. Eine Herausforderung für die vielen tombi, Milane beachtlicher Größe, kreisen über uns. Sie warten nur darauf, dass wir unaufmerksam werden. Nur zu gerne stoßen diese Raubvögel herab auf ahnungslose Picknickgäste, um ihnen das Schinken-Sandwich oder das Lachs-Sushi mit den Krallen zu entreißen. Unsere Betreuerin ist hier jedoch genauso umsichtig wie bei der hanami-Planung. Versucht ein unverschämter tombi einen Kamikaze-Angriff, so scheucht sie ihn laut klatschend von dannen.
So überstehen wir unser Picknick am Fluss unbeschadet und versammeln uns zum zweiten Teil des „Hanami“ wieder in der Villa, genauer in der Stipendiatenwohnung im zweiten Stock. Dort zeigt sich, was in manch einem schlummert: Noriko Yasui kniet plötzlich auf dem Tatami und inszeniert eine Teezeremonie für uns. Jeder darf einmal den Gast spielen und wird dabei von Noriko-san perfekt bedient: Zunächst eine Kirschblüten-Reiskuchen-Spezialität mit rotem Bohnenmus bitte, dann - noch erfüllt von der Süße des Kuchens - eine Schale matcha-Grüntee. Doch nicht irgendeine Schale, sondern eine besonders von Noriko-san ausgewählte Keramik. Mit dem kleinen Bambus-Schneebesen hat sie den Grüntee vorher perfekt aufgeschlagen und dem Gast überreicht. Peter, der Japankenner, erläutert das Zeremoniell. Wir lassen die Schale in den Händen kreisen – zweimal – um dann ganz in die Ästetik von Tee und Keramik vertieft plötzlich das lächelnde Gesicht des Tees zu entdecken, „Tee zu haben“, wie Okakura Tenshin das einst nannte, in Ruhe „zu entschleunigen“, wie wir heute gerne sagen. Drei Schlücke folgen, tief und intensiv. Das Finale: Die Köstlichkeit hat sich mit dem süßen Nachgeschmack des Küchleins vermählt. Alles geht natürlich nicht ohne Verbeugung: Vor der Geberin und den übrigen, wartenden Gästen, auf dem tatami und neben dem tokonoma, der durchgestalteten kleinen „Götterecke“.
Am Ende ist das Frösteln auf der Plastikplane ganz der wohligen Wärme des Tees gewichen – der Frühling am Entenfluss hat begonnen…