Ob Martin Behaim, geboren 1459 oder vielleicht auch schon 1436 in Nürnberg und 1507 gestorben, wohl jemals Christoph Kolumbus aus Genua (1451-1506) begegnet ist? Möglicherweise traf der deutsche Tuchhändler, Seefahrer und Kartograph den Entdecker von Amerika am Hof des portugiesischen Königs Johann II., den Kolumbus vergeblich versuchte, zur Kasse zu bitten, um seine Unternehmung zu finanzieren. Für die verschiedenen Annahmen über eine hypothetische Begegnung zwischen den beiden finden sich allerdings keine Belege. Behaim war in Lissabon sicher eine herausragende Figur, schließlich hatte der König ihn sogar in die Mathematikerkommission berufen, die ein System zur Berechnung der Breitengrade entwickeln sollte. Im Jahr 1484 wurde er dann aufgefordert, an einer Entdeckungsfahrt zur westafrikanischen Küste teilzunehmen.
Die dabei gewonnenen Erkenntnisse übertrug Behaim auf den ersten Globus der Geschichte, der im Germanischen Nationalmuseum von Nürnberg aufgewahrt wird, einer enormen Fundgrube für deutsche Kunst- und Kulturgeschichte von der Frühzeit bis zur Gegenwart, nicht zu vergessen die Alltagsgegenstände sowie die außergewöhnliche Sammlung an Klavieren und anderen Musikinstrumenten, deren Besichtung viele Stunden wenn nicht gar Tage erfordert. Das einzige Handicap für Italiener besteht darin, dass es keinen eigenen Audioguide gibt, wirklich schade, alles nur auf Englisch).
Zurück zu Behaim: Wissenschaftler sind uneins über die Frage, ob seine Forschungsarbeiten am portugiesischen Hof Kolumbus und Magellan beeinflusst haben, wohl eher nicht, aber aus seinem Globus, dem so genannten „Erdapfel“, geht hervor, dass er sich sicher auf einer Wellenlänge mit dem Seefahrer aus Genua befand. Die Stadt Nürnberg beauftragte ihn 1490 mit der Herstellung des Globus, als er zur Lösung von Erbschaftsfragen in seine Heimat zurückgekehrt war. Behaim fügte sämtliche Kenntnisse zusammen, die er im Rahmen seiner Studien, bei der Lektüre von Strabon, Plinius, Ptolemäus und Marco Polo sowie bei seiner Afrikareise gesammelt hatte, und erstellte zwei Jahre später 1492 das heute in einem Saal des Nationalmuseums ausgestellte Wunderding. Seine unglaublichen Mühen wurden zwei Jahre später durch die Entdeckung von Amerika regelrecht zunichte gemacht, schließlich hatte er den Kontinent auf seinem Globus nicht verzeichnet. Auch Behaim wäre gern nach Westen gereist, jenseits der damals bekannten Inseln im Atlantik. Sein Globus war auch als Werbung für potentielle Investoren zugunsten einer Reise gedacht. Damit werden zahlreiche schriftliche Hinweise auf dem „Erdapfel“ erklärt, die das Interesse ehrgeiziger Kaufleute an Edelsteinen, Gewürzen und Edelholzen schüren sollten. So wird auf den König von Sri Lanka als Eigentümer des schönsten und größten Rubins der Welt hingewiesen, auch wenn sein Volk keine Bekleidung kennt, während die Bewohner der Nikobaren Hundeköpfe tragen. Wie man sieht, mangelt es nicht an Legenden, auch wenn kein Garten Eden verzeichnet ist, schließlich ist Behaim ein Mann der Wissenschaft. Präzise Hinweise betreffen etwa Walfische am Kap der Guten Hoffnung, während im Meer vor Genua Delfine verzeichnet sind. Im italienischen Stiefel kann man sogar einzelne Städte und Regionen unterscheiden. Japan nennt sich Cipango und ist als größte und reichste Insel zwischen Europa und Asien eingetragen, während die beiden Pole noch Niemandsland sind. Für die Arktis, in der ein Mann einen Bären jagt, greift die Topographie auf die Phantasie zurück. In der Antarktis findet sich hingegen ein Adler mit Frauenkopf, dem Wappentier der Stadt und damit der Auftraggeber. Die Welt war damals mit 28.000 Kilometern umfang im Unterschied zu den tatsächlichen 40.000 kleiner als heute, aber darum nicht weniger interessant.
(Deutsche Übersetzung: Bettina Gabbe)
Montag, 6. Dezember 2010
Behaims (kleine) Welt
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