Gegenüber dem Rathaus verbreitet ein Stand aus Santiago de Cuba an der Sebalduskirche Rhythmen der Karibik. Das macht einen entschieden seltsamen Eindruck, schließlich steht das Holzhäuschen bei sechs Grad unter Null im tiefen Schnee. Kunsthandwerk, Taschen, Ketten, Fahnen, Skulpturen und Musikinstrumente flößen kubanische Gefühle ein.
Der Nürnberger Weihnachtsmarkt ist auch eine internationale Messe, auf der Kulturen sich präsentieren und einander begegnen. Es begann 1982 mit Krakau als Sondergast in der Nische der Lorenzkirche. Zwei Jahre später wurde auf dem Rathausplatz mit Ständen aus Krakau, Skopje und Glasgow ein „Weihnachtsmarkt der Partnerstädte“ eingeführt. Die Stadt richtete 1997 ein eigenes Amt für internationale Beziehungen ein, das humanitäre Projekte und Initiativen in Städten wie San Carlos in Nicaragua, Charkow in der Ukraine sowie im mazedonischen Skopje und in Krakau auf den Weg brachte. Heute gibt es 21 Stände aus 13 der insgesamt 14 Partnerstädte auf dem Rathausplatz, nur das israelische Hadera fehlt. Darüber hinaus unterhält Nürnberg zu Kronstadt in Rumänien, Bar in Montenegro und Verona, Klausen und Montan in Italien freundschaftliche Beziehungen. Die Liste ließe sich um das französische Limousin, das Dorf Kalkudah in Sri Lanka und nun erstmals auch um Santiago de Cuba erweitern.
Bei einer Runde über den Platz stößt man auf schottische Kilts, rumänische Puppen, Schnäpse aus Montenegro und Parfümseifen aus Nizza, die Stadt an der Côte d'Azur unterhält bereits seit 1954 eine Partnerschaft mit Nürnberg. Außerdem gibt es griechische Ikonen, Prager Weihnachtsschmuck, Ketten und Tigerbalsam bei der Chinesin Shenzen und Birkenholzschachteln aus der Ukraine. Sie sollen Bakterien abhalten und für die Aufbewahrung von Nahrungsmitteln geeignet sein. Dafür stehen sie neben russischen Steckpuppen mit den Gesichtern von Putin, Medvedjew und Bill Clinton. Die Stadt Atlanta schmettert von ihrem Stand aus Filmmusik aus „Vom Winde verweht“ herüber, während Nicaragua sich mit einer Auswahl an Kaffeesorten präsentiert.
Italien ist in Nürnberg gut vertreten, Neben Verona, Klausen und Montan präsentiert sich Venedig mit einem Stand, die Lagunenstadt unterhält seit 1954 partnerschaftliche Beziehungen zu Nürnberg. Natürlich geht es vor allem um gastronomische Produkte. Die Veronesen Vanni Caldari und Loredana Boresi bieten an ihrem Stand Salami und Käse an, darunter den „ubriaco“ (den „besoffenen“), der seinen Namen dem Wein verdankt, mit dem er verarbeitet wird. Außerdem gibt es Grappa und warmen Pandoro-Weihnachtskuchen mit Puderzucker. Besonders stolz sind sie auf ihren Glühwein, den sie eigentlich ‚ „vin brulé“ nennen und aus Merlot-Wein, wenig Zucker, Orangen und einer geheimen Gewürzmischung mixen. „Wie viel wir mitgebracht haben? Genügend, um ganz Nürnberg damit abzufüllen“, lacht Vanni, der hofft, dass er wie letztes Jahr am Ende des Weihnachtsmarkts ausverkauft ist. Sie sagen es nur hinter vorgehaltener Hand, aber am Veroneser Stand ist man überzeugt, dass der „vin brulé“ sehr wohl mit dem besten Glühwein mithalten kann. „Das hier ist der älteste Weihnachtsmarkt der Welt, für uns ist es eine große Ehre, das wir daran teilnehmen dürfen. Wir verstehen genügend Deutsch, um uns verständlich zu machen, aber die Besucher sind ohnehin an uns gewöhnt und mögen uns.“ Komplimente erntet auch der Glühwein aus Klausen und Montan aus achtzig Prozent Schiava-Trauben und zwanzig Prozent Lagrein. Michael und Sandra Oberpertinger fungieren gemeinsam mit Richard Giovanelli als Botschafter der beiden Südtiroler Orte. Bereits zum vierten Mal bieten sie regionale Produkte wie Speck und geräucherte Würste an, Schüttelbrot und Apfelsaft, aber auch Weihnachtsschmuck aus Holz, Engel und Krippenfiguren. Die deutsche Sprache ist für sie natürlich kein Problem, aber auch Alberto Castelli, der Maskenbauer aus Venedig plaudert mühelos mit deutschen Besuchern. „Ich bin Autodidakt“, erzählt er an seinem Stand, während er Käse zum Probieren abschneidet. „Ich habe es beim Sprechen gelernt, man darf nur keine Angst vor den eigenen Fehlern haben.“ Alberto lebt seit 1998 in Nürnberg, vorher hat er als Vertreter für eine der traditionellen Glasbläsereien auf Murano gearbeitet. Hier in Nürnberg organisiert er Veranstaltungen, die den Venedig-Tourismus fördern, darunter ein Karnevalsfest mit hundert Masken aus Venedig und einen Markt für italienische Spezialitäten.
Auf dem Weihnachtsmarkt einkaufen kann auch einem guten Zweck dienen, etwa mit der Srilankahilfe Nürnberg. Deren Vorsitzende Ulrike Schöneberg hilft damit seit dem Tsunami vor sechs Jahren dem Land. Der Verein ist auf dem Rathausmarkt mit mehreren Freiwilligen vertreten, die Holzspielzeug, kleine Elefanten, gerahmte Zeichnungen von Schulkindern und erstmals auch von Künstlern gestalteten Elefantenmist anbieten. Neben Projekten im Gesundheits- und Bildungsbereich für Kinder wird der Verein im kommenden Sommer gemeinsam mit der Stadt eine neuartige Initiative veranstalten. „Die beiden Künstler Thomas May und Pirko Schroeder werden in Sri Lanka kunsthandwerkliche Produkte für die Touristen entwickeln“, erklärt Norbert Schürgers vom Amt für internationale Beziehungen. „Vor Ort die Bedingungen zu schaffen, damit sich die Bevölkerung von ihrer eigenen Arbeit ernähren kann anstatt auf ausländische Hilfe angewiesen zu sein, halten wir für besonders wirksam und nachhaltig. Natürlich braucht man eine kreative Ader, um das Projekt ans Laufen zu bringen, aber es kann funktionieren und darüber hinaus Verdienstmöglichkeiten für Menschen schaffen, die vom blutigen Bürgerkrieg, der Jahre lang in ihrem land herrschte, schwere Behinderungen davongetragen haben.“
(Deutsche Übersetzung: Bettina Gabbe)
Freitag, 3. Dezember 2010
Die weite Welt in Nürnberg
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