Seit einer Woche bin ich nun in Neapel, und so langsam beginne ich die eine oder andere Sache zu verstehen. Ich habe verstanden, dass hier die Strassen manchmal anders heissen als sie von den meisten genannt werden (was noch nicht bedeutet, dass ich mich stets zurechtfinde). Ich habe auch verstanden, dass man in manchen Wohnhaeusern den Aufzug mit einer 10-Cent-Muenze fuettern muss, damit er faehrt (in Deutschland undenkbar). Und ich habe jetzt ebenfalls verstanden, dass der Anlass fuer das kurze, dafuer aber umso lautere Feuerwerk, das gelegentlich ganz in der Naehe meines Hotels abgebrannt wird, nicht unbedingt eine Hochzeit oder eine ausgelassene Geburtstagsfeier sein muss, sondern eine Art der Kommunikation zwischen rivalisierenden Gangs von Viertel zu Viertel sein kann (man muss es nur wissen, bevor man womoeglich hingeht und fragt, ob man mitfeiern darf...).
Ein weiterer Aspekt der Stadt, der den Besucher aus Deutschland staunen laesst, ist - natuerlich - der Verkehr. Verkehrsregeln werden hier offenbar eher als unverbindliche Empfehlungen der Behoerden betrachtet denn als feste Vorgaben. Dass trotzdem nicht das Chaos ausbricht, ist letztlich der Beweis fuer den Triumph der Individualitaet ueber das Kollektiv. Allerdings: Die eindrucksvollste Bestaetigung dieser These habe ich nicht in Neapels Zentrum gefunden - sondern im vermeintlich beschaulichen Ischia.
Bei meiner Eintages-Recherche auf der Insel war mir die Zeit davongelaufen. Zunaechst hatte der hilfsbereite Kollege mich als Sozius auf seiner Vespa zu den Gaerten des Poseidon chauffiert, wobei er mir waehrend der Fahrt von seinen zahlreichen Verkehrsunfaellen ("sechs in den letzten zwei Jahren") und deren Folgen ("acht Wochen Gips") erzaehlte und gleichzeitig versuchte, die Schlagloecher zu umkurven. Doch nun, da es hoechste Zeit wurde, wollte ich das letzte Aliscafo nach Neapel nicht verpassen, meinte der Kollege, ein Taxi sei schneller. So kann man sich irren.
Bis Forio ging es noch, aber in Casamicciola war der Stau perfekt. Und die Zeit lief unbarmherzig weiter. Der Taxifahrer sah in den Rueckspiegel, erkannte wohl meine aufkommende Verzweiflung - und scherte kurzerhand aus auf die Gegenfahrbahn. Was folgte war eine knapp zehnminuetige, halsbrecherische Fahrt ueber Randstreifen, Gehwege, Nebenwege oder eben ueber die Gegenfahrbahn. Blass und mit Schweisstropfen auf der Stirn erreichte ich auf diese Weise gerade noch das Schiff.
Am Anleger in Mergellina angekommen, bot ein Taxifahrer seine Dienste an. Ich lief lieber. Das beruhigt die Nerven.
Sunday, 12. June 2011
Eine schweisstreibende Taxifahrt
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