Die Zeit fliegt und meine "Neapel-Mission" geht zu Ende. Zeit fuer eine Bilanz. Vor allem aber Zeit, Dank zu sagen.
Als erstes und vor allem bedanke ich mich beim Goethe Institut in Neapel, bei der Direktorin Maria Carmen Morese und ihren Mitarbeiterinnen, die mir mit der Teilnahme an ihrem grossartigen "Tapetenwechsel"-Programm den Aufenthalt in Neapel erst ermoeglicht und mich waehrend meiner drei Wochen in der Stadt grossartig betreut haben. Wie sagte schon Johann Wolfgang von Goethe: "Leider laesst sich eine wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht ausdruecken." Wie immer hat er Recht.
Ich danke den Kolleginnen und Kollegen bei Il Mattino mit Virman Cusenza an der Spitze, die mich in der Redaktion herzlich aufnahmen, mir spannende Einblicke in ihre Arbeit gewaehrten und die mit ihrem enormen Arbeitspensum nicht nur eine tolle und engagierte Zeitung machen, sondern auch Tag fuer Tag beweisen, wie falsch die deutsche Bundeskanzlerin mit ihrem Spott ueber die angeblich so faulen Suedeuropaer liegt. Ein besonderer Dank geht dabei an Annamaria Asprone, die den fremden Kollegen aus Deutschland unter ihre Fittiche nahm und ihm ganz nebenbei die kleinste und gemuetlichste Mittagspausen-Trattoria Neapels zeigte. Spezieller Dank gebuehrt auch Rosaria Capacchione, die mich von ihren profunden Kenntnissen ueber die Geschaefte der Camorra profitieren liess und Massimo Zivelli auf Ischia, dem ich wertvolle Tipps, aber auch die schweisstreibendste Taxifahrt meines Lebens verdanke. Und danken moechte ich nicht zuletzt Paolo Barbuto, dem Indiana Jones von Neapel, der mich mitnahm auf eine ganz spezielle Schatzsuche in der Unterwelt von Neapel und mich ausserdem fuer kurze Zeit zum Kardinal machte. Gewissermassen.
Danken moechte ich Andrea Affaticati in Mailand, die nicht nur meine Berichte fuer Il Mattino und meine Blogs fuer diese Seite fantastisch uebersetzte, sondern dabei manchmal auch eine Engelsgeduld bewies, wenn doch wieder alles anders kam als geplant.
Und danken moechte ich meinen Kollegen in Essen bei der WAZ, die waehrend meiner drei Wochen in Neapel meine Arbeit mit uebernommen haben. Ab Montag bin ich wieder am gewohnten Platz.
Was bleibt?
Ganz gewiss unvergessliche Eindruecke einer Stadt, die den Besucher bei fast jedem Schritt ueberrascht. Neapel ist keine herausgeputzte Touristenstadt, die mit ihrer Schoenheit hausieren geht. Neapel ist eine eigenwillige Metropole, deren Schaetze erobert werden wollen. Wer die Kirchen von Neapel besucht, sei es San Gregorio Armeno mit ihrem versteckten Klostergarten, sei es Gesù Nuovo mit ihrem verschwenderischen Marmor, wird diese Eindruecke lange nicht vergessen. Wer einen Ausflug in die neapolitanische Unterwelt unternimmt, in die Jahrhunderte alten Katakomben und Zisternen, die die Griechen und Roemer hinterliessen, der bekommt einen neuen Eindruck vom dem Begriff Unendlichkeit. Man entspannt sich im mondaenen Café Gambrinus, bei einem caffè oder einer fogliatella, oder auch in einem der kleinen Cafés an der Piazza Bellini in der Altstadt. Man sieht den Menschen zu in einer Stadt, die auf den ersten Blick (und auch auf den zweiten) hektisch daher kommt, deren Einwohner aber immer Zeit haben, dem Fremden in aller Ruhe zu erklaren, warum die Via Toledo, wie sie in allen Stadtplaenen verzeichnet ist, eigentlich Via Roma heisst.
Der neapolitanische Krimi-Autor Maurizio de Giovanni hat mir gesagt: "Wer Neapel nicht gesehen hat, der hat keine Ahnung von Europa." Ich bin nach drei Wochen in dieser Stadt der festen Ueberzeugung: Wer Neapel nicht kennt, der kennt Italien nicht. Und ein Besuch reicht nicht, um die Stadt wirklich kennenzulernen. Deshalb:
Ciao, Napoli. Ci vediamo.
Thursday, 23. June 2011
Caserta-Neapel - ein Zugfahrt mit Hindernissen
Bei meiner "Neapel-Mission" habe ich die Umgebung der Stadt bislang etwas vernachlaessigt. Ein Ausflug nach Ischia, ein Abstecher nach Marechiaro und Pozzuoli - das war's. Wenigstens die riesige Schloss- und Parkanlage der Reggia Caserta will ich mir aber nicht entgehen lassen. Und auf dem Rueckweg vielleicht ein Abstecher zum beruehmten Aquaedukt von Maddaloni. Die Fahrt per Zug scheint mir am bequemsten. So kann man sich irren.
Auf der Hinreise geht es noch gut, jedenfalls nachdem ich herausgefunden habe, dass man am Hautpbahnhof Neapel ausgerechnet die Tickets fuer die Fahrt nach Caserta weder am Fahrkartenautomaten noch am Ticketschalter, sondern am Zeitschriftenstand bekommt. In 35 Minuten bin ich vor Ort, noch recht frueh am Morgen, um den Park nicht in der Mittagshitze durchwandern zu muessen. Um es kurz zu machen: Die gesamte Reggia ist ein Ereignis, das den Besucher ueberwaeltig: Die Parkanlagen mit ihren Wasserspielen und Kaskaden, die maechtigen Saele, die schier ueberquellen von Wand- und Deckenmalereien. Unverzeihlich, waere ich nicht dorthin gefahren. Dann mache ich mich auf den Rueckweg.
Am Bahnhof Caserta heisst es, wegen einer Blockade der Gleise am Hauptbahnhof Neapel fahre kein Zug in die Richtung. Nein, man wisse nicht, wann es weitergehe. Ein Mann im Zug meint,es sei besser zu warten, als nach einem Bus Ausschau zu halten. Das tun wir dann auch. Warten. Eine Stunde. Dann heisst es, der Zug fahre los. Allerdings in die andere Richtung. Also aussteigen. Ob ein Taxi eine Alternative ist, frage ich einen Mitreisenden. Der winkt ab. Einmal sei er von Caserta nach Maddaloni gefahren: "Vier Kilometer, 30 Euro. Alles Banditen."
Nach gut eineinhalbstuendiger Wartezeit wird ein Bus nach Neapel angekuendigt, wenig spaeter aber wieder abgesagt. Stattdessen faehrt ein Zug. Aber zunaechst nur bis Maddaloni, vielleicht sogar bis Cancello. Immerhin.
In Maddaloni ueberlegte ich einen Moment, ob ich mir noch schnell den Aquaedukt ansehen soll, bleibe dann aber lieber in Wartestellung am Bahnhof. Das erweist sich als richtige Entscheidung, weil nur 15 Minuten spaeter ein Zug nach Cancello faehrt. Dort ist wieder Pause. Nach einer Weile wird ein Zug nach Acerra angekuendigt. Weiterfahrt ueber Casalnuovo Richtung Neapel nicht ausgeschlossen. Die Waggons sind voll besetzt, dafuer aber nicht klimatisiert, was die Fahrt zu einem ganz speziellen Ereignis macht.
Schliesslich, dreieinhalb Stunden nachdem "mein" Zug in Caserta starten sollte, erreiche ich Neapel. Am Bahnsteig verteilen zwei Maedchen kostenlose Werbeproben eines Deodorants an die Passagiere. Ich nehme gleich zwei.
Auf der Hinreise geht es noch gut, jedenfalls nachdem ich herausgefunden habe, dass man am Hautpbahnhof Neapel ausgerechnet die Tickets fuer die Fahrt nach Caserta weder am Fahrkartenautomaten noch am Ticketschalter, sondern am Zeitschriftenstand bekommt. In 35 Minuten bin ich vor Ort, noch recht frueh am Morgen, um den Park nicht in der Mittagshitze durchwandern zu muessen. Um es kurz zu machen: Die gesamte Reggia ist ein Ereignis, das den Besucher ueberwaeltig: Die Parkanlagen mit ihren Wasserspielen und Kaskaden, die maechtigen Saele, die schier ueberquellen von Wand- und Deckenmalereien. Unverzeihlich, waere ich nicht dorthin gefahren. Dann mache ich mich auf den Rueckweg.
Am Bahnhof Caserta heisst es, wegen einer Blockade der Gleise am Hauptbahnhof Neapel fahre kein Zug in die Richtung. Nein, man wisse nicht, wann es weitergehe. Ein Mann im Zug meint,es sei besser zu warten, als nach einem Bus Ausschau zu halten. Das tun wir dann auch. Warten. Eine Stunde. Dann heisst es, der Zug fahre los. Allerdings in die andere Richtung. Also aussteigen. Ob ein Taxi eine Alternative ist, frage ich einen Mitreisenden. Der winkt ab. Einmal sei er von Caserta nach Maddaloni gefahren: "Vier Kilometer, 30 Euro. Alles Banditen."
Nach gut eineinhalbstuendiger Wartezeit wird ein Bus nach Neapel angekuendigt, wenig spaeter aber wieder abgesagt. Stattdessen faehrt ein Zug. Aber zunaechst nur bis Maddaloni, vielleicht sogar bis Cancello. Immerhin.
In Maddaloni ueberlegte ich einen Moment, ob ich mir noch schnell den Aquaedukt ansehen soll, bleibe dann aber lieber in Wartestellung am Bahnhof. Das erweist sich als richtige Entscheidung, weil nur 15 Minuten spaeter ein Zug nach Cancello faehrt. Dort ist wieder Pause. Nach einer Weile wird ein Zug nach Acerra angekuendigt. Weiterfahrt ueber Casalnuovo Richtung Neapel nicht ausgeschlossen. Die Waggons sind voll besetzt, dafuer aber nicht klimatisiert, was die Fahrt zu einem ganz speziellen Ereignis macht.
Schliesslich, dreieinhalb Stunden nachdem "mein" Zug in Caserta starten sollte, erreiche ich Neapel. Am Bahnsteig verteilen zwei Maedchen kostenlose Werbeproben eines Deodorants an die Passagiere. Ich nehme gleich zwei.
Wednesday, 22. June 2011
Ueber den Muell in die Unterwelt
Nun hat er mich also doch noch erwischt: der Muell von Neapel. Die Abfallberge in den Strassen, die ich zu Anfang meiner Neapel-Mission vergeblich gesucht habe, sie wachsen jetzt wieder. Und das warme Wetter sorgt dafuer, dass die Haufen aufgeplatzter Plastiksaecke und zerrissener Kartons zum Himmel stinken. Fussgaenger halten sich Mund und Nase zu, Anwohner schliessen die Fenster, Cafes und Geschaefte machen zu, weil die Kunden angesichts der unappetitlichen Abfallberge nebenan ohnehin nicht kommen. Und die Politiker schieben sich in geuebter Choreografie, die sie mit Politikern in anderen Laendern vereint, gegenseitig die Schuld fuer die Misere zu. Es ist eine Schande.
Heute morgen musste ich mit Hilfe von ein paar Holzbrettern ueber einen dieser stinkenden Haufen klettern, in der Altstadt, um mit einem Kollegen, der sich auf die Erkundung der vergessenen Kirchen im Untergrund von Neapel spezialisiert hat, durch ein quietschendes Eisentor in ein verfallenes Gebaeude zu gelangen. Nach einer einstuendigen Besichtigung staubiger Keller, unter zerbroeselnden Decken und morschen Holzbacken, die uns in ein Verlies fuehrte, wo uralte Wandmalereien an einen hunderte Jahre alten Kirchenraum erinnern, sahen wir entsprechend aus: verdreckt, verschwitzt, reif fuer eine Dusche. Doch der Ausflug in die Unterwelt der Stadt, an den sich noch ein Besuch in (allerdings gaenzlich sauberen) Kellern anschloss, die einstmals ein Teil des antiken Amphitheaters der Stadt waren, erlaubte einen Einblick in die Unterwelt der Stadt, abseits der touristisch erschlossenen Katakomben und Zisternen. Ein einmaliges Erlebnis.
Einmalig ist der Muellnotstand in der Stadt leider nicht. Trotzdem gewohnen sich die Neapolitaner nicht an dieses inzwischen immer oefter wiederkehrende Aergernis. Sondern sie greifen zur "Selbsthilfe": sie zuenden Muellhaufen an oder errichten aus dem Abfall Strassenbarrikaden, die den Verkehr stoppen, und versuchen so, die Politiker zum Handeln zu zwingen. Er wisse nicht, ob dies etwas helfe, sagt einer dieser Buerger skeptisch, aber irgendwie muesse man sich ja wehren. Und unweigerlich fragt man sich, wie in Deutschland Buerger wohl reagierten, wuerde sich bei ihnen in den Strassen der Abfall auch nur annaehhernd so anhaeufen. Wo unser Nachbar zuhause mich doch schon schief anguckt, wenn ich den Hausmuell mal nicht akurat trenne. Solche Probleme relativieren sich hier in Neapel.
Heute morgen musste ich mit Hilfe von ein paar Holzbrettern ueber einen dieser stinkenden Haufen klettern, in der Altstadt, um mit einem Kollegen, der sich auf die Erkundung der vergessenen Kirchen im Untergrund von Neapel spezialisiert hat, durch ein quietschendes Eisentor in ein verfallenes Gebaeude zu gelangen. Nach einer einstuendigen Besichtigung staubiger Keller, unter zerbroeselnden Decken und morschen Holzbacken, die uns in ein Verlies fuehrte, wo uralte Wandmalereien an einen hunderte Jahre alten Kirchenraum erinnern, sahen wir entsprechend aus: verdreckt, verschwitzt, reif fuer eine Dusche. Doch der Ausflug in die Unterwelt der Stadt, an den sich noch ein Besuch in (allerdings gaenzlich sauberen) Kellern anschloss, die einstmals ein Teil des antiken Amphitheaters der Stadt waren, erlaubte einen Einblick in die Unterwelt der Stadt, abseits der touristisch erschlossenen Katakomben und Zisternen. Ein einmaliges Erlebnis.
Einmalig ist der Muellnotstand in der Stadt leider nicht. Trotzdem gewohnen sich die Neapolitaner nicht an dieses inzwischen immer oefter wiederkehrende Aergernis. Sondern sie greifen zur "Selbsthilfe": sie zuenden Muellhaufen an oder errichten aus dem Abfall Strassenbarrikaden, die den Verkehr stoppen, und versuchen so, die Politiker zum Handeln zu zwingen. Er wisse nicht, ob dies etwas helfe, sagt einer dieser Buerger skeptisch, aber irgendwie muesse man sich ja wehren. Und unweigerlich fragt man sich, wie in Deutschland Buerger wohl reagierten, wuerde sich bei ihnen in den Strassen der Abfall auch nur annaehhernd so anhaeufen. Wo unser Nachbar zuhause mich doch schon schief anguckt, wenn ich den Hausmuell mal nicht akurat trenne. Solche Probleme relativieren sich hier in Neapel.
Tuesday, 21. June 2011
Maradona und seine Erben
Man kann nicht aus Dortmund, der Stadt des amtierenden deutschen Fussballmeisters, nach Neapel kommen, also in die Stadt Diego Maradonas, wo der SSC Napoli gerade wieder an grosse Erfolge der Vergangenheit anknuepft, ohne ueber Fussball zu reden. Schon gar nicht in einer Zeitungsredaktion, in der ein mannshohes Poster von SSC-Star Edinson Cavani an der Wand haengt und wo der Redakteur den Kollegen aus Deutschland erst so richtig zur Kenntnis nimmt, als der das "richtige" Mineralwasser auf dem Schreibtisch stehen hat - naemlich die Marke, fuer die der SSC auf dem Trikot wirbt.
Welche Rolle der Fussball in dieser Stadt spielt, wird einem schnell bewusst. Allein die zahllosen Maradona-Gedenkposter an allen moeglichen (und unmoeglichen) Stellen der Stadt, die neuerdings immer oefter mit einem aktuellen Mannschaftsfoto des SSC flankiert werden, sprechen Baende. Maradona ist trotz all seiner Eskapaden und Drogen-Skandale ein unangetastetes Idol geblieben. Dazu die Verkaeufer von Neapel-Trikots und -Flaggen an der Meerespromenade.
Italienischer Fussball, das hiess bei den Fans in Deutschland lange Jahre allerdings nur Juve, Milan, Inter - und das war's. Neapel sorgte nur einmal kurz fuer Schlagzeilen, naemlich als der Traditions-Club in die dritte Liga verschwand. Auch Borussia Dortmund stand vor Jahren am Rande der Pleite, konnte aber den Abstieg auf der 1. Bundesliga knapp verhindern und ist nun - aehnlich wie der SSC in Neapel - wieder in der Erfolgsspur. Demnaechst koennten sich beide Clubs in der Champions League begegnen. Eine reizvolle Perspektive. Die Italiener duerften sich freuen - das Dortmunder Stadion mit den Borussia-Fans gilt in Deutschland als "Fussballtempel", als Stadion mit der maechtigsten Kulisse in der gesamten Bundesliga. Und die Tifosi aus Neapel, so versichern mir die Kollegen in der Redaktion, sind bekannt fuer die witzigsten Schmaeh-Gesaenge auf die Gegner.
Es waere Zeit fuer ein neapolitanisches Gastspiel in einer deutschen Arena. In der deutschen Bundesliga hat Neapel naemlich bisher kaum Spuren hinterlassen. Eine dieser Spuren traegt den Namen Maurizio Gaudino. Der Mittelfeldspieler, der zwar in Deutschland geboren wurde, dessen Eltern aber aus Frattaminore bei Neapel stammen, erfuellte so ziemlich jedes Klischee des "typischen Italieners" in Deutschland: Goldkettchen, Ferrari, stets braungebrannt, reichlich Gel im Haar. Als er dann noch waehrend einer Fernsehshow, in der er zu Gast war, wegen Beteiligung an Autoschiebereien verhaftet wurde, war das Bild rund. Seinen groessten sportlichen Erfolg verpasste Gaudino uebrigens 1989, als er mit dem VfB Stuttgart im Finale des Uefa-Pokals verlor - gegen den SSC Neapel.
Welche Rolle der Fussball in dieser Stadt spielt, wird einem schnell bewusst. Allein die zahllosen Maradona-Gedenkposter an allen moeglichen (und unmoeglichen) Stellen der Stadt, die neuerdings immer oefter mit einem aktuellen Mannschaftsfoto des SSC flankiert werden, sprechen Baende. Maradona ist trotz all seiner Eskapaden und Drogen-Skandale ein unangetastetes Idol geblieben. Dazu die Verkaeufer von Neapel-Trikots und -Flaggen an der Meerespromenade.
Italienischer Fussball, das hiess bei den Fans in Deutschland lange Jahre allerdings nur Juve, Milan, Inter - und das war's. Neapel sorgte nur einmal kurz fuer Schlagzeilen, naemlich als der Traditions-Club in die dritte Liga verschwand. Auch Borussia Dortmund stand vor Jahren am Rande der Pleite, konnte aber den Abstieg auf der 1. Bundesliga knapp verhindern und ist nun - aehnlich wie der SSC in Neapel - wieder in der Erfolgsspur. Demnaechst koennten sich beide Clubs in der Champions League begegnen. Eine reizvolle Perspektive. Die Italiener duerften sich freuen - das Dortmunder Stadion mit den Borussia-Fans gilt in Deutschland als "Fussballtempel", als Stadion mit der maechtigsten Kulisse in der gesamten Bundesliga. Und die Tifosi aus Neapel, so versichern mir die Kollegen in der Redaktion, sind bekannt fuer die witzigsten Schmaeh-Gesaenge auf die Gegner.
Es waere Zeit fuer ein neapolitanisches Gastspiel in einer deutschen Arena. In der deutschen Bundesliga hat Neapel naemlich bisher kaum Spuren hinterlassen. Eine dieser Spuren traegt den Namen Maurizio Gaudino. Der Mittelfeldspieler, der zwar in Deutschland geboren wurde, dessen Eltern aber aus Frattaminore bei Neapel stammen, erfuellte so ziemlich jedes Klischee des "typischen Italieners" in Deutschland: Goldkettchen, Ferrari, stets braungebrannt, reichlich Gel im Haar. Als er dann noch waehrend einer Fernsehshow, in der er zu Gast war, wegen Beteiligung an Autoschiebereien verhaftet wurde, war das Bild rund. Seinen groessten sportlichen Erfolg verpasste Gaudino uebrigens 1989, als er mit dem VfB Stuttgart im Finale des Uefa-Pokals verlor - gegen den SSC Neapel.
Monday, 20. June 2011
Currywurst oder lieber Pizza mit Gouda?
Reden wir ueber Interkulturalitaet. Reden wir ueber den Austausch von Kultur, Traditionen, Gewohnheiten. Doch reden wir nicht ueber die hehre Kunst, nicht ueber Goethe oder Dante, schon gar nicht ueber Politik, nur das nicht! Reden wir ueber die alltaegliche Interkulturalitaet. Reden wir ueber Essen und Trinken.
In Dortmund, also in der Stadt, in der ich wohne, leben ueber 3000 Italiener. Viele kommen aus Sizilien, andere aus Rom, Venetien, Apulien. Und natuerlich stammen auch viele der Familien, die sich seit den 60er Jahren dort niedergelassen haben, aus dem Raum Neapel. In Dortmund und Umgebung gibt es das "Café Napoli" und die "Pizzeria Napoli". Letztere ist nicht zu verwechseln mit der Pizzeria "Bella Napoli", die schon seit 1970 besteht und sich ruehmt, die erste Pizzeria in Dortmund gewesen zu sein. Der heutige Besitzer heisst Amir Abbas Ebrehimian und man kann nur vermuten wie original seine italienische Kueche wirklich ist. Dortmund, wie alle grossen Staedte in Deutschland, ist voller italienischer Ristoranti, Pizzerie und Gelaterie, wobei sich die Gerichte oft den deutschen Gewohnheiten erheblich angenaehert haben. Nur so viel: Pizza mit Mozzarella gibt es nur selten, stattdessen bedeckt eine dicke Schicht Gouda-Kaese den Teig.
Dass der gastronomische Austausch keine Einbahnstrasse darstellt, fiel dem Besucher aus Deutschland nun bei einem Bummel durch das Chiaia-Viertel Neapels auf. Zwischen brasilianischen, spanischen oder griechischen Lokalen findet sich dort ein Lokal, das nicht nur eine bemerkenswerte Auswahl deutscher Biersorten, sondern auch "typisch deutsche Kueche" anbietet. Darunter die besonders in Berlin und im Ruhrgebiet, zu dem auch Dortmund gehoert, verbreitete Currywurst. Wer's nicht kennt: eine gebratene oder gegrillte Wurst aus Schweinefleisch, uebergossen mit einer tiefroten, zaehfluessigen Curry-Ketchup-Sosse. Als Beilage gibt es meist Pommes Frites, nicht selten mit einem dicken Klacks Mayonnaise obendrauf.
Wie meinen Sie? Dann lieber Pizza mit Gouda? Guten Appetit!
In Dortmund, also in der Stadt, in der ich wohne, leben ueber 3000 Italiener. Viele kommen aus Sizilien, andere aus Rom, Venetien, Apulien. Und natuerlich stammen auch viele der Familien, die sich seit den 60er Jahren dort niedergelassen haben, aus dem Raum Neapel. In Dortmund und Umgebung gibt es das "Café Napoli" und die "Pizzeria Napoli". Letztere ist nicht zu verwechseln mit der Pizzeria "Bella Napoli", die schon seit 1970 besteht und sich ruehmt, die erste Pizzeria in Dortmund gewesen zu sein. Der heutige Besitzer heisst Amir Abbas Ebrehimian und man kann nur vermuten wie original seine italienische Kueche wirklich ist. Dortmund, wie alle grossen Staedte in Deutschland, ist voller italienischer Ristoranti, Pizzerie und Gelaterie, wobei sich die Gerichte oft den deutschen Gewohnheiten erheblich angenaehert haben. Nur so viel: Pizza mit Mozzarella gibt es nur selten, stattdessen bedeckt eine dicke Schicht Gouda-Kaese den Teig.
Dass der gastronomische Austausch keine Einbahnstrasse darstellt, fiel dem Besucher aus Deutschland nun bei einem Bummel durch das Chiaia-Viertel Neapels auf. Zwischen brasilianischen, spanischen oder griechischen Lokalen findet sich dort ein Lokal, das nicht nur eine bemerkenswerte Auswahl deutscher Biersorten, sondern auch "typisch deutsche Kueche" anbietet. Darunter die besonders in Berlin und im Ruhrgebiet, zu dem auch Dortmund gehoert, verbreitete Currywurst. Wer's nicht kennt: eine gebratene oder gegrillte Wurst aus Schweinefleisch, uebergossen mit einer tiefroten, zaehfluessigen Curry-Ketchup-Sosse. Als Beilage gibt es meist Pommes Frites, nicht selten mit einem dicken Klacks Mayonnaise obendrauf.
Wie meinen Sie? Dann lieber Pizza mit Gouda? Guten Appetit!
Sunday, 19. June 2011
Ein Commissario aus Neapel
Dunkle Gassen, zwielichtige Gestalten und natuerlich die allgegenwaertige Camorra - Neapel ist wie gemacht fuer Krimis. Trotzdem spielt die Stadt bei deutschen Krimifans bislang nur eine Nebenrolle. Und dies, obwohl Krimis made in Italy in Deutschland seit Jahren Hochkonjunktur haben. Doch vielen Lesern kommt es dabei weniger auf eine ausgefeilte Story, als vielmehr auf reichlich Lokalkolorit und - angebliches - mediterranes Lebensgefuehl an. Dabei macht es ihnen auch nichts aus, wenn die Lieblings-Autoren gar keine Italiener sind. Doch nun bricht ein Neapolitaner in diese Phalanx der Etablierten ein.
Donna Leon - das klingt so wunderbar italienisch. Dass die Autorin, die seit knapp 20 Jahren mit ihren Krimis rund um den venezianischen Commissario Guido Brunetti einen Bestseller nach dem anderen produziert, in Wahrheit Amerikanerin mit Wohnsitz in Venedig ist, stoert ihre treuen Fans nicht. Hauptsache Leons Geschichten liefern zuverlaessig das gewohnte Venedig-Flair, bei dem man so schoen vom letzten Urlaub am Canal Grande traeumen kann. Auch dass die Autorin reichlich Klischees und Stereotypen produziert, schadete ihrem Erfolg bislang nicht.
Erfolg, wenn auch nicht im gleichen Masse wie Donna Leon, kann auch Veit Heinichen vorweisen. Der Deutsche, der seit einigen Jahren in Triest lebt, schickt in seinen Buechern den Commissario Proteo Laurenti auf die Strassen seiner Wahlheimat, wo er sich mit Rechtsradikalen oder Banden aus dem ehemaligen Jugoslawien herumschlagen muss. Verglichen mit Donna Leons Venedig-Krimis, bieten Heinichens Romane allerdings praezise und exakt beschriebene Charaktere sowie glaubwuerdige Plots. Auch er kann inzwischen auf eine treue Fangemeinde zaehlen.
Gemeinsam haben die Italien-Romane der Amerikanerin und des Deutschen, dass sie fuer das deutsche Fernsehen verfilmt wurden - an den italienischen Originalschauplaetzen, allerdings mit deutschen Schauspielern. Wenn dann Deutsche Italiener spielen (so wie Deutsche sich Italiener eben vorstellen), dann wirkt das bisweilen unfreiwillig komisch. Die Brunetti-Verfilmungen schwelgen ausserdem in endlosen Kameraschwenks ueber Rialto-Bruecke oder Markusplatz, so dass man sich als Zuschauer bisweilen in einen Werbestreifen des venezianischen Fremdenverkehrsamts versetzt fuehlt.
Der beliebteste italienische Krimi-Autor, dessen Buecher sich auch gelegentlich in den Bestsellerlisten wiederfinden, ist der Sizilianer Andrea Camilleri. Sein atmosphaerisch dichter, aber bisweilen auch sproeder Erzaehlstil ist nicht jedermanns Sache in Deutschland, zumal die sizilianischen Eigenheiten in Sprache und Handlung oft kaum ins Deutsche uebertragbar sind. Auch die Verfilmung der Geschichten um den sizilianischen Commissario Salvo Montalbano fanden in Deutschland kein sehr grosses Publikum.
Wachsender Beliebtheit erfreuen sich jetzt die Krimis des Neapolitaners Maurizio de Giovanni. Die steigenden Verkaufszahlen seiner Buecher koennten den Beginn einer Trendwende in der deutsch-italienischen Krimi-Beziehung markieren. Der Mann aus Napoli, dessen duester-melancholische Faelle fuer seinen Commissario Ricciardi im Neapel der 30er Jahre angesiedelt sind, verzichtet konsequent auf folkloristisches Beiwerk. "Wer Wohlgefuehl sucht", sagt Maurizio de Giovanni, "der soll in die Toskana oder an die Seen im Norden gehen. Wer aber eine Narbe auf der Seele sucht, der muss nach Napoli kommen." Immer mehr Deutsche folgen ihm dorthin. Zumindest literarisch.
Donna Leon - das klingt so wunderbar italienisch. Dass die Autorin, die seit knapp 20 Jahren mit ihren Krimis rund um den venezianischen Commissario Guido Brunetti einen Bestseller nach dem anderen produziert, in Wahrheit Amerikanerin mit Wohnsitz in Venedig ist, stoert ihre treuen Fans nicht. Hauptsache Leons Geschichten liefern zuverlaessig das gewohnte Venedig-Flair, bei dem man so schoen vom letzten Urlaub am Canal Grande traeumen kann. Auch dass die Autorin reichlich Klischees und Stereotypen produziert, schadete ihrem Erfolg bislang nicht.
Erfolg, wenn auch nicht im gleichen Masse wie Donna Leon, kann auch Veit Heinichen vorweisen. Der Deutsche, der seit einigen Jahren in Triest lebt, schickt in seinen Buechern den Commissario Proteo Laurenti auf die Strassen seiner Wahlheimat, wo er sich mit Rechtsradikalen oder Banden aus dem ehemaligen Jugoslawien herumschlagen muss. Verglichen mit Donna Leons Venedig-Krimis, bieten Heinichens Romane allerdings praezise und exakt beschriebene Charaktere sowie glaubwuerdige Plots. Auch er kann inzwischen auf eine treue Fangemeinde zaehlen.
Gemeinsam haben die Italien-Romane der Amerikanerin und des Deutschen, dass sie fuer das deutsche Fernsehen verfilmt wurden - an den italienischen Originalschauplaetzen, allerdings mit deutschen Schauspielern. Wenn dann Deutsche Italiener spielen (so wie Deutsche sich Italiener eben vorstellen), dann wirkt das bisweilen unfreiwillig komisch. Die Brunetti-Verfilmungen schwelgen ausserdem in endlosen Kameraschwenks ueber Rialto-Bruecke oder Markusplatz, so dass man sich als Zuschauer bisweilen in einen Werbestreifen des venezianischen Fremdenverkehrsamts versetzt fuehlt.
Der beliebteste italienische Krimi-Autor, dessen Buecher sich auch gelegentlich in den Bestsellerlisten wiederfinden, ist der Sizilianer Andrea Camilleri. Sein atmosphaerisch dichter, aber bisweilen auch sproeder Erzaehlstil ist nicht jedermanns Sache in Deutschland, zumal die sizilianischen Eigenheiten in Sprache und Handlung oft kaum ins Deutsche uebertragbar sind. Auch die Verfilmung der Geschichten um den sizilianischen Commissario Salvo Montalbano fanden in Deutschland kein sehr grosses Publikum.
Wachsender Beliebtheit erfreuen sich jetzt die Krimis des Neapolitaners Maurizio de Giovanni. Die steigenden Verkaufszahlen seiner Buecher koennten den Beginn einer Trendwende in der deutsch-italienischen Krimi-Beziehung markieren. Der Mann aus Napoli, dessen duester-melancholische Faelle fuer seinen Commissario Ricciardi im Neapel der 30er Jahre angesiedelt sind, verzichtet konsequent auf folkloristisches Beiwerk. "Wer Wohlgefuehl sucht", sagt Maurizio de Giovanni, "der soll in die Toskana oder an die Seen im Norden gehen. Wer aber eine Narbe auf der Seele sucht, der muss nach Napoli kommen." Immer mehr Deutsche folgen ihm dorthin. Zumindest literarisch.
Saturday, 18. June 2011
Eine Prozession im Trubel der Stadt
Eine Deutsche, die seit ein paar Jahren in Neapel lebt, hatte mir folgenden Tipp fuer die Erkundung der Stadt gegeben: Entweder, so sagte sie, du machst dir einen festen Plan fuer Rundgaenge, an den du dich dann auch haeltst, oder aber du laesst dich treiben, ohne feste Ziele. Nun, ehrlich gesagt, diese Wahl hat man wohl in jeder Stadt, nicht nur in Neapel. Und die ersten beiden Wochen meines Aufenthalts hier habe ich es mit einer Mischung aus beiden Alternativen versucht und bin damit gut zurechtgekommen. Was mir allerdings auffaellt: In Neapel geraet man immer wieder unvermittelt in Situationen, die sich nicht planen lassen.
So vor einigen Tagen beim abendlichen Spaziergang durch die Altstadt, durch die verwinkelten Gassen des historischen Zentrums. Als wir in der Naehe von San Lorenzo Maggiore um eine Strassenecke bogen, gerieten wir unvermittelt in eine kleine Prozession zu Ehren des Heiligen Antonius von Padua. Rund 80 Leute, Priester, Messdiener, eine Musikkapelle. Der Priester betete vor, die Gemeinde intonierte. Die Glaeubigen wechselten sich ab beim Tragen der schwere Antonius-Figur. Dann legte die Kapelle los, das Stueck erinnerte allerdings mehr an amerikanischen Dixieland-Jazz als an einen Choral oder ein anderes religioeses Lied. Viele Menschen am Strassenrand, egal ob gerade mit Telefonieren, Einkauf oder sonstigen Geschaeften beschaeftigt, blieben stehen und bekreuzigten sich, als die kleine Prozession vorueberzog. Auch eine Gruppe von Jungen liess den Fussball liegen. Ein Moment des Innehaltens inmitten von Trubel und Laerm. Eine beinahe unwirklich anmutende Szene.
Ganz anders dagegen die "Foto-Sessions", denen man beim Stadtbummel nicht entkommen kann. Kein Tag, an dem nicht am Castel Nuovo, am Borgo Marinaro oder an der Piazza Plebiscito irgendein familiaerer Fototermin stattfindet. Sei es, dass sich anlaesslich der Hochzeit das Brautpaar in allen moeglichen Posen dem Fotografen stellen muss, sei es dass Kommunionkinder in festlichen Kleidern und Anzuegen schwitzend und zunehmend gernervt unter den strengen Blicken der Eltern abgelichtet werden. Dass den Kleinen mit Kleidern, die unter den Armen kneifen und mit Krawatten, die am Hals zwicken, alsbald die Lust vergeht, hilft ihnen nicht. Das Foto des Festtags muss sein.
Das sind nur zwei Beispiele fuer das gleiche Phaenomen: In Neapel vermischen sich Privates und Oeffentliches in einer Weise wie in keiner anderen Stadt, die ich bislang besucht habe. Durch die offenen Fenster dringen private Gespraeche nach draussen, andererseits ist jeder Versuch, in Wohnungen und Zimmern die Geraeusche der Stadt aussen vor zu halten, zum Scheitern verurteilt. Diesem Phaenomen muss man sich stellen - egal, ob man sich nun treiben laesst oder mit festem Ziel loszieht.
So vor einigen Tagen beim abendlichen Spaziergang durch die Altstadt, durch die verwinkelten Gassen des historischen Zentrums. Als wir in der Naehe von San Lorenzo Maggiore um eine Strassenecke bogen, gerieten wir unvermittelt in eine kleine Prozession zu Ehren des Heiligen Antonius von Padua. Rund 80 Leute, Priester, Messdiener, eine Musikkapelle. Der Priester betete vor, die Gemeinde intonierte. Die Glaeubigen wechselten sich ab beim Tragen der schwere Antonius-Figur. Dann legte die Kapelle los, das Stueck erinnerte allerdings mehr an amerikanischen Dixieland-Jazz als an einen Choral oder ein anderes religioeses Lied. Viele Menschen am Strassenrand, egal ob gerade mit Telefonieren, Einkauf oder sonstigen Geschaeften beschaeftigt, blieben stehen und bekreuzigten sich, als die kleine Prozession vorueberzog. Auch eine Gruppe von Jungen liess den Fussball liegen. Ein Moment des Innehaltens inmitten von Trubel und Laerm. Eine beinahe unwirklich anmutende Szene.
Ganz anders dagegen die "Foto-Sessions", denen man beim Stadtbummel nicht entkommen kann. Kein Tag, an dem nicht am Castel Nuovo, am Borgo Marinaro oder an der Piazza Plebiscito irgendein familiaerer Fototermin stattfindet. Sei es, dass sich anlaesslich der Hochzeit das Brautpaar in allen moeglichen Posen dem Fotografen stellen muss, sei es dass Kommunionkinder in festlichen Kleidern und Anzuegen schwitzend und zunehmend gernervt unter den strengen Blicken der Eltern abgelichtet werden. Dass den Kleinen mit Kleidern, die unter den Armen kneifen und mit Krawatten, die am Hals zwicken, alsbald die Lust vergeht, hilft ihnen nicht. Das Foto des Festtags muss sein.
Das sind nur zwei Beispiele fuer das gleiche Phaenomen: In Neapel vermischen sich Privates und Oeffentliches in einer Weise wie in keiner anderen Stadt, die ich bislang besucht habe. Durch die offenen Fenster dringen private Gespraeche nach draussen, andererseits ist jeder Versuch, in Wohnungen und Zimmern die Geraeusche der Stadt aussen vor zu halten, zum Scheitern verurteilt. Diesem Phaenomen muss man sich stellen - egal, ob man sich nun treiben laesst oder mit festem Ziel loszieht.
Friday, 17. June 2011
Neapel als musikalische Entdeckung
"Zwei kleine Italiener, die traeumen von Napoli." Es war 1962, als der Schlager von Conny Froboes im Wirtschaftswunderland Deutschland zum Hit wurde. Erstmals beschaeftigte sich ein Lied, allerdings sehr romantisierend, mit der Thematik der "Gastarbeiter", wie die aus Suedeuropa angeworbenen Arbeitskraefte damals genannt wurden. Der Schlager, der in Deutschland zum Millionen-Hit wurde und der auch heute noch immer mal wieder von anderen Kuenstlern neu arrangiert wird, erzaehlt von den beiden Neapolitanern, die am Bahnhof traurig dem Zug Richtung Heimat hinterherschauen und dabei "an Tina und Marina" denken, bei denen sie so gern waeren. Gleichzeitig fuhren immer mehr Deutsche mit ihren VW Kaefern und Opel Kadetts Richtung Venedig, Rimini oder Neapel, um ihre Italien-Sehnsucht zu stillen. Verkehrte Welt.
Auch wenn Tausende Menschen aus Neapel den Weg nach Deutschland fanden, ob als Bergarbeiter in Dortmund oder Duisburg oder als Arbeiter in den grossen Autofabriken in Wolfsburg oder Koeln, die urtuemliche Musik der Italiener, die sie im Gepaeck hatten, blieb den meisten Deutschen fremd und vielen ist sie es bis heute geblieben. Daran aenderten auch die Hit-Erfolge von Eros Ramazzotti, Umberto Tozzi, Alice oder Gianna Nannini in den 70er und 80er Jahren nichts. Die Volksmusik, wie sie in vielen Teilen Italiens populaer ist und bis heute gepflegt wird, kennt kaum jemand - es reicht so gerade noch fuer "O sole mio".
In der Stadt gibt es neuerdings fuer Neapel-Neulinge wie unsereins, denen das Schlager-Einerlei aus dem Radio nicht reicht, eine empfehlenswerte Gelegenheit, einen ersten Einblick in die traditionelle Musik Neapels zu bekommen: "Aria di Napoli" im traditionsreichen Theater Trianon, das in diesem Jahr sein einhundertjaehriges Bestehen feiert, lautet der Titel dieser Musik-Revue, die sich ganz dem neapolitanischen Lied widmet. Die Hits der "canzoni napoletane" wie "Santa Lucia", "Era de maggio" oder "'O surdato 'nnammurato" werden entstaubt, vom folkloristischen Schmalz befreit und in ein modernes Gewand gekleidet. Mit einem Augenzwinkern und einer Portion Selbstironie - etwa wenn immer wieder ein lang gewandetes Model mit todernster Mine als Parthenope stilvoll ueber die Buehne schreitet - liefert die Show ein stimmungsvolles Neapel-Potpourri fuer musikalische Einsteiger. Und "O sole mio" ist natuerlich auch dabei.
Uebrigens: Conny Froboes hat ihr Lied von den zwei traurigen Neapolitanern damals auch in einer italienischen Fassung aufgenommen, und zwar unter dem Titel "Un bacio all'italiana". Diese Fassung wollte in Deutschland kein Mensch hoeren und verschwand alsbald wieder in der Versenkung.
Auch wenn Tausende Menschen aus Neapel den Weg nach Deutschland fanden, ob als Bergarbeiter in Dortmund oder Duisburg oder als Arbeiter in den grossen Autofabriken in Wolfsburg oder Koeln, die urtuemliche Musik der Italiener, die sie im Gepaeck hatten, blieb den meisten Deutschen fremd und vielen ist sie es bis heute geblieben. Daran aenderten auch die Hit-Erfolge von Eros Ramazzotti, Umberto Tozzi, Alice oder Gianna Nannini in den 70er und 80er Jahren nichts. Die Volksmusik, wie sie in vielen Teilen Italiens populaer ist und bis heute gepflegt wird, kennt kaum jemand - es reicht so gerade noch fuer "O sole mio".
In der Stadt gibt es neuerdings fuer Neapel-Neulinge wie unsereins, denen das Schlager-Einerlei aus dem Radio nicht reicht, eine empfehlenswerte Gelegenheit, einen ersten Einblick in die traditionelle Musik Neapels zu bekommen: "Aria di Napoli" im traditionsreichen Theater Trianon, das in diesem Jahr sein einhundertjaehriges Bestehen feiert, lautet der Titel dieser Musik-Revue, die sich ganz dem neapolitanischen Lied widmet. Die Hits der "canzoni napoletane" wie "Santa Lucia", "Era de maggio" oder "'O surdato 'nnammurato" werden entstaubt, vom folkloristischen Schmalz befreit und in ein modernes Gewand gekleidet. Mit einem Augenzwinkern und einer Portion Selbstironie - etwa wenn immer wieder ein lang gewandetes Model mit todernster Mine als Parthenope stilvoll ueber die Buehne schreitet - liefert die Show ein stimmungsvolles Neapel-Potpourri fuer musikalische Einsteiger. Und "O sole mio" ist natuerlich auch dabei.
Uebrigens: Conny Froboes hat ihr Lied von den zwei traurigen Neapolitanern damals auch in einer italienischen Fassung aufgenommen, und zwar unter dem Titel "Un bacio all'italiana". Diese Fassung wollte in Deutschland kein Mensch hoeren und verschwand alsbald wieder in der Versenkung.
Wednesday, 15. June 2011
Platz ist in der kleinsten Gasse - fuer Autos
Neapel ist kein guter Ort fuers genussvolle Schlendern. Dabei fehlt es beileibe nicht an Strassen und Gaesschen, die zum beschaulichen Spaziergang einladen. Doch es faellt schwer, die Fassaden der alten Palazzi, die kleinen Laedchen und versteckten Osterie zu geniessen, wenn man selbst in den engsten Gassen permanent Gefahr laeuft, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden. Ein Selbstversuch.
Das Chiaia-Viertel, von deutschen Reisefuehrern wie einhemischen Taxifahrern gleichermassen als "salotto di Napoli" gelobt, also als gute Stube der Stadt. Das ist keine Uebertreibung, die Strassen und Gassen rund um die Piazza dei Martiri und die Via di Chiaia bieten elegante Geschaefte, schicke Cafes, vorbildlich restaurierte Fassaden.
Wir starten den vormittaeglichen Spaziergang an der Piazza dei Martiri durch die Via Alabardieri. Eine schmale Gasse mit liebevoll gestalteten Schaufenstern, vor denen man gern verweilen moechte. Doch sofort tauchen die ersten Motorroller auf, deren Fahrer hupend die schmale Gasse fuer sich beanspruchen. Der Fussgaenger draengt sich auf dem fast inexistenten Fussweg, weil hinter der Vespa gleich noch zwei Autos folgen, die die Breite der Strasse voll ausfuellen.
Taxis, Lieferwagen, weitere Motorroller fahren durch, waehrend wir uns zur Via Belledonne - welch verheissungsvoller Name! - durchschlagen. Ein Schild "traffico limitato" laesst in dem Passanten fuer einen Moment die Hoffnung aufkommen, es koennte ruhiger werden. Doch die Autofahrer stoeren sich nicht daran. Der erhoffte gemuetliche Bummel bleibt das was er bis hierher schon war: Ein aergerlicher Slalom zwischen abgestellten Motorini, stets unterbrochen von vorbeifahrenden Taxis und anderen Autos.
Dann ein neuer Hoffnungsschimmer. Auf der Via Imbriani sind auf einer Laenge von vielleicht hundert Metern Marktstaende aufgebaut. Das Angebot ist gemischt, es gibt Obst und Gemuese, Schuhe und T-Shirts, vieles andere. Den Kaeufern bleibt ein Weg von knapp zwei Metern Breite - wie sich alsbald herausstellt immer noch ausreichend Platz fuer Autos aller Art. Als ein ungeduldiger Fahrer seinen Gelaendewagen hier vorbei steuert, bleibt uns als Ausweichmoeglichkeit die Wahl zwischen zwei Fluchtpunkten: entweder zwischen den ueberfuellten Muellcontainer oder hinter einem Staender mit Sommerkleidern. Wir entscheiden uns fuer die Kleider. Und treten entnervt den Ruecktritt an fuer einen caffè auf der Piazza dei Martiri.
Das Chiaia-Viertel, von deutschen Reisefuehrern wie einhemischen Taxifahrern gleichermassen als "salotto di Napoli" gelobt, also als gute Stube der Stadt. Das ist keine Uebertreibung, die Strassen und Gassen rund um die Piazza dei Martiri und die Via di Chiaia bieten elegante Geschaefte, schicke Cafes, vorbildlich restaurierte Fassaden.
Wir starten den vormittaeglichen Spaziergang an der Piazza dei Martiri durch die Via Alabardieri. Eine schmale Gasse mit liebevoll gestalteten Schaufenstern, vor denen man gern verweilen moechte. Doch sofort tauchen die ersten Motorroller auf, deren Fahrer hupend die schmale Gasse fuer sich beanspruchen. Der Fussgaenger draengt sich auf dem fast inexistenten Fussweg, weil hinter der Vespa gleich noch zwei Autos folgen, die die Breite der Strasse voll ausfuellen.
Taxis, Lieferwagen, weitere Motorroller fahren durch, waehrend wir uns zur Via Belledonne - welch verheissungsvoller Name! - durchschlagen. Ein Schild "traffico limitato" laesst in dem Passanten fuer einen Moment die Hoffnung aufkommen, es koennte ruhiger werden. Doch die Autofahrer stoeren sich nicht daran. Der erhoffte gemuetliche Bummel bleibt das was er bis hierher schon war: Ein aergerlicher Slalom zwischen abgestellten Motorini, stets unterbrochen von vorbeifahrenden Taxis und anderen Autos.
Dann ein neuer Hoffnungsschimmer. Auf der Via Imbriani sind auf einer Laenge von vielleicht hundert Metern Marktstaende aufgebaut. Das Angebot ist gemischt, es gibt Obst und Gemuese, Schuhe und T-Shirts, vieles andere. Den Kaeufern bleibt ein Weg von knapp zwei Metern Breite - wie sich alsbald herausstellt immer noch ausreichend Platz fuer Autos aller Art. Als ein ungeduldiger Fahrer seinen Gelaendewagen hier vorbei steuert, bleibt uns als Ausweichmoeglichkeit die Wahl zwischen zwei Fluchtpunkten: entweder zwischen den ueberfuellten Muellcontainer oder hinter einem Staender mit Sommerkleidern. Wir entscheiden uns fuer die Kleider. Und treten entnervt den Ruecktritt an fuer einen caffè auf der Piazza dei Martiri.
Tuesday, 14. June 2011
Von Ort zu Ort
In Rom ist es di Piazza di Spagna, in Florenz der Ponte Vecchio und in Mailand der Dom. Der eine Punkt in der Stadt, die eine Sehenswuerdigkeit, die man waehlen wuerde, hatte man als Besucher nur einen Wunsch zur Besichtigung frei. Und Neapel? Gibt es hier diesen einen Ort, der den Unterschied macht? Fragt man drei Leute, so bekommt man drei verschiedene Antworten. Mindestens.
Die Piazza Bellini lautet der Tipp der Dame vom Goethe-Institut. Tatsaechlich ist dieser kleine, aber sehr stimmungsvolle Platz im centro storico unbedingt einen Besuch wert. Die wenigen kleinen Cafes sind wie geschaffen fuer einen caffè oder den digestivo nach dem Abendessen und wenn man Glueck hat, probt in einem der angrenzenden Palazzi ein Musikstudent sein neues Stueck. Napoli by night, wie man es sich wuenscht.
Die Piazza an der Certosa di San Martino, so die Empfehlung des Taxifahrers, der uns vom Flughafen in die Stadt gebracht hatte. Der Ausblick ueber die Stadt ist herrlich, der Vesuv zum Greifen nahe, das Meer funkelt, ein Kreuzfahrtriese verabschiedet sich gerade aus der Bucht. Beim Abstieg ueber die Treppen eroeffnen sich immer neue Blickwinkel. Schritt fuer Schritt naehert man sich dem Zentrum, bis die Stadt einen in einer schmalen Gasse des Spanischen Veirtels wieder verschluckt.
Das Cafe Gambrinus, so ein Kollege von der Zeitung, sei der nicht zu verpassende Fixpunkt der Stadt. Der freie Blick auf die riesige Piazza Plebiscito, der Verkehr rund um die Fontana del Carciofo (die Aehnlichkeit ist wirklich verblueffend). Dazu ein koestliches Eishoernchen. Leute gucken. So kann man die Zeit vergessen.
Aber nicht dass Sie nun meinen, damit waeren alle Empfehlungen verbraucht. Napoli Sotterranea beispielsweise, ein ganz heisser Tipp, steht noch aus. Auch die Capella Sansevero, die uns der der neapolitanische Krimi-Autor Maurizio de Giovanni ans Herz gelegt hat, wartet noch auf unseren Besuch. Aber mal sehen. Vielleicht findet sich unser ganz spezielle Ort ja auch an ganz anderer Stelle, wo wir ihn gar nicht erwarten. Es waere nicht die erste Ueberraschung, die Neapel fuer uns bereit haelt.
Die Piazza Bellini lautet der Tipp der Dame vom Goethe-Institut. Tatsaechlich ist dieser kleine, aber sehr stimmungsvolle Platz im centro storico unbedingt einen Besuch wert. Die wenigen kleinen Cafes sind wie geschaffen fuer einen caffè oder den digestivo nach dem Abendessen und wenn man Glueck hat, probt in einem der angrenzenden Palazzi ein Musikstudent sein neues Stueck. Napoli by night, wie man es sich wuenscht.
Die Piazza an der Certosa di San Martino, so die Empfehlung des Taxifahrers, der uns vom Flughafen in die Stadt gebracht hatte. Der Ausblick ueber die Stadt ist herrlich, der Vesuv zum Greifen nahe, das Meer funkelt, ein Kreuzfahrtriese verabschiedet sich gerade aus der Bucht. Beim Abstieg ueber die Treppen eroeffnen sich immer neue Blickwinkel. Schritt fuer Schritt naehert man sich dem Zentrum, bis die Stadt einen in einer schmalen Gasse des Spanischen Veirtels wieder verschluckt.
Das Cafe Gambrinus, so ein Kollege von der Zeitung, sei der nicht zu verpassende Fixpunkt der Stadt. Der freie Blick auf die riesige Piazza Plebiscito, der Verkehr rund um die Fontana del Carciofo (die Aehnlichkeit ist wirklich verblueffend). Dazu ein koestliches Eishoernchen. Leute gucken. So kann man die Zeit vergessen.
Aber nicht dass Sie nun meinen, damit waeren alle Empfehlungen verbraucht. Napoli Sotterranea beispielsweise, ein ganz heisser Tipp, steht noch aus. Auch die Capella Sansevero, die uns der der neapolitanische Krimi-Autor Maurizio de Giovanni ans Herz gelegt hat, wartet noch auf unseren Besuch. Aber mal sehen. Vielleicht findet sich unser ganz spezielle Ort ja auch an ganz anderer Stelle, wo wir ihn gar nicht erwarten. Es waere nicht die erste Ueberraschung, die Neapel fuer uns bereit haelt.
Monday, 13. June 2011
(Kein) Wochenende fuer Journalisten
Heute gibt es keine Zeitung. Jedenfalls in Deutschland nicht. Eigentlich erscheinen alle Tageszeitungen montags, aber heute eben nicht. Das liegt an Pfingsten. Denn heute feiert man in Deutschland Pfingsten. Genauso wie gestern. Verwirrend? Also gut, der Reihe nach.
Sprechen wir ueber die Arbeit. Genauer gesagt: ueber Arbeitszeiten. Die deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor wenigen Wochen fuer reichlich Aufregung gesorgt, als sie meckerte, in den suedeuropaeischen Laendern sollten die Leute lieber laenger arbeiten, als dauernd Urlaub zu machen und faul in der Sonne zu liegen. Okay, ganz so hat Merkel es nicht gesagt, aber so kam es beim Volk an.
Dass auch in Italien reichlich gearbeitet wird, weiss jeder, der einmal laenger als zwei Tage hier war und dabei den Strand fuer einen Spaziergang in die Stadt verlassen hat. Nur zwei Beispiele: Anders als in Deutschland sind etwa viele Geschaefte auch sonntags geoeffnet. Und die Tageszeitungen erscheinen zwischen Brenner und Sizilien an allen sieben Wochentagen. Womit wir beim Ausgangsthema waeren.
In Deutschland erscheint, bis auf einige wenige Ausnahmen, sonntags keine Zeitung. Die meisten Journalisten haben in der Regel samstags frei, was die italienischen Kollegen mit einer Mischung aus Staunen und Neid zur Kenntnis nehmen. Die Berichte ueber die Spiele der Fussball-Bundesliga etwa, die ueberwiegend samstags stattfinden, sind somit erst am Montag nachzulesen. Es sei denn, der Montag ist ein Feiertag. So wie der Ostermontag. Oder wie heute der Pfingstmontag, der in Italien nicht existiert, den deutschen Arbeitnehmern aber einen zusaetzlichen Feiertag beschwert. Dann wird auch am Sonntag keine Zeitung gemacht, sondern erst am Montag wieder fuer die Dienstagsausgabe. In Deutschland nennt man so etwas dann ein langes Wochenende. Vielleicht auch fuer die Bundeskanzlerin.
Sprechen wir ueber die Arbeit. Genauer gesagt: ueber Arbeitszeiten. Die deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor wenigen Wochen fuer reichlich Aufregung gesorgt, als sie meckerte, in den suedeuropaeischen Laendern sollten die Leute lieber laenger arbeiten, als dauernd Urlaub zu machen und faul in der Sonne zu liegen. Okay, ganz so hat Merkel es nicht gesagt, aber so kam es beim Volk an.
Dass auch in Italien reichlich gearbeitet wird, weiss jeder, der einmal laenger als zwei Tage hier war und dabei den Strand fuer einen Spaziergang in die Stadt verlassen hat. Nur zwei Beispiele: Anders als in Deutschland sind etwa viele Geschaefte auch sonntags geoeffnet. Und die Tageszeitungen erscheinen zwischen Brenner und Sizilien an allen sieben Wochentagen. Womit wir beim Ausgangsthema waeren.
In Deutschland erscheint, bis auf einige wenige Ausnahmen, sonntags keine Zeitung. Die meisten Journalisten haben in der Regel samstags frei, was die italienischen Kollegen mit einer Mischung aus Staunen und Neid zur Kenntnis nehmen. Die Berichte ueber die Spiele der Fussball-Bundesliga etwa, die ueberwiegend samstags stattfinden, sind somit erst am Montag nachzulesen. Es sei denn, der Montag ist ein Feiertag. So wie der Ostermontag. Oder wie heute der Pfingstmontag, der in Italien nicht existiert, den deutschen Arbeitnehmern aber einen zusaetzlichen Feiertag beschwert. Dann wird auch am Sonntag keine Zeitung gemacht, sondern erst am Montag wieder fuer die Dienstagsausgabe. In Deutschland nennt man so etwas dann ein langes Wochenende. Vielleicht auch fuer die Bundeskanzlerin.
Sunday, 12. June 2011
Eine schweisstreibende Taxifahrt
Seit einer Woche bin ich nun in Neapel, und so langsam beginne ich die eine oder andere Sache zu verstehen. Ich habe verstanden, dass hier die Strassen manchmal anders heissen als sie von den meisten genannt werden (was noch nicht bedeutet, dass ich mich stets zurechtfinde). Ich habe auch verstanden, dass man in manchen Wohnhaeusern den Aufzug mit einer 10-Cent-Muenze fuettern muss, damit er faehrt (in Deutschland undenkbar). Und ich habe jetzt ebenfalls verstanden, dass der Anlass fuer das kurze, dafuer aber umso lautere Feuerwerk, das gelegentlich ganz in der Naehe meines Hotels abgebrannt wird, nicht unbedingt eine Hochzeit oder eine ausgelassene Geburtstagsfeier sein muss, sondern eine Art der Kommunikation zwischen rivalisierenden Gangs von Viertel zu Viertel sein kann (man muss es nur wissen, bevor man womoeglich hingeht und fragt, ob man mitfeiern darf...).
Ein weiterer Aspekt der Stadt, der den Besucher aus Deutschland staunen laesst, ist - natuerlich - der Verkehr. Verkehrsregeln werden hier offenbar eher als unverbindliche Empfehlungen der Behoerden betrachtet denn als feste Vorgaben. Dass trotzdem nicht das Chaos ausbricht, ist letztlich der Beweis fuer den Triumph der Individualitaet ueber das Kollektiv. Allerdings: Die eindrucksvollste Bestaetigung dieser These habe ich nicht in Neapels Zentrum gefunden - sondern im vermeintlich beschaulichen Ischia.
Bei meiner Eintages-Recherche auf der Insel war mir die Zeit davongelaufen. Zunaechst hatte der hilfsbereite Kollege mich als Sozius auf seiner Vespa zu den Gaerten des Poseidon chauffiert, wobei er mir waehrend der Fahrt von seinen zahlreichen Verkehrsunfaellen ("sechs in den letzten zwei Jahren") und deren Folgen ("acht Wochen Gips") erzaehlte und gleichzeitig versuchte, die Schlagloecher zu umkurven. Doch nun, da es hoechste Zeit wurde, wollte ich das letzte Aliscafo nach Neapel nicht verpassen, meinte der Kollege, ein Taxi sei schneller. So kann man sich irren.
Bis Forio ging es noch, aber in Casamicciola war der Stau perfekt. Und die Zeit lief unbarmherzig weiter. Der Taxifahrer sah in den Rueckspiegel, erkannte wohl meine aufkommende Verzweiflung - und scherte kurzerhand aus auf die Gegenfahrbahn. Was folgte war eine knapp zehnminuetige, halsbrecherische Fahrt ueber Randstreifen, Gehwege, Nebenwege oder eben ueber die Gegenfahrbahn. Blass und mit Schweisstropfen auf der Stirn erreichte ich auf diese Weise gerade noch das Schiff.
Am Anleger in Mergellina angekommen, bot ein Taxifahrer seine Dienste an. Ich lief lieber. Das beruhigt die Nerven.
Ein weiterer Aspekt der Stadt, der den Besucher aus Deutschland staunen laesst, ist - natuerlich - der Verkehr. Verkehrsregeln werden hier offenbar eher als unverbindliche Empfehlungen der Behoerden betrachtet denn als feste Vorgaben. Dass trotzdem nicht das Chaos ausbricht, ist letztlich der Beweis fuer den Triumph der Individualitaet ueber das Kollektiv. Allerdings: Die eindrucksvollste Bestaetigung dieser These habe ich nicht in Neapels Zentrum gefunden - sondern im vermeintlich beschaulichen Ischia.
Bei meiner Eintages-Recherche auf der Insel war mir die Zeit davongelaufen. Zunaechst hatte der hilfsbereite Kollege mich als Sozius auf seiner Vespa zu den Gaerten des Poseidon chauffiert, wobei er mir waehrend der Fahrt von seinen zahlreichen Verkehrsunfaellen ("sechs in den letzten zwei Jahren") und deren Folgen ("acht Wochen Gips") erzaehlte und gleichzeitig versuchte, die Schlagloecher zu umkurven. Doch nun, da es hoechste Zeit wurde, wollte ich das letzte Aliscafo nach Neapel nicht verpassen, meinte der Kollege, ein Taxi sei schneller. So kann man sich irren.
Bis Forio ging es noch, aber in Casamicciola war der Stau perfekt. Und die Zeit lief unbarmherzig weiter. Der Taxifahrer sah in den Rueckspiegel, erkannte wohl meine aufkommende Verzweiflung - und scherte kurzerhand aus auf die Gegenfahrbahn. Was folgte war eine knapp zehnminuetige, halsbrecherische Fahrt ueber Randstreifen, Gehwege, Nebenwege oder eben ueber die Gegenfahrbahn. Blass und mit Schweisstropfen auf der Stirn erreichte ich auf diese Weise gerade noch das Schiff.
Am Anleger in Mergellina angekommen, bot ein Taxifahrer seine Dienste an. Ich lief lieber. Das beruhigt die Nerven.
Saturday, 11. June 2011
Ischia - alles langweilig, oder was?
Fruehmorgens, am Molo Beverello draengeln sich die Passagiere fuer den ersten Aliscafo nach Ischia. Das Publikum ist gemischt, viele Aeltere, aber auch junge Leute. Manche haben den Koffer dabei fuer einen laengeren Aufenthalt, andere den Rucksack fuer den Tagesausflug. Es sind deutsche Stimmen zu hoeren, die meisten aber sind Italiener, dazwischen ein paar franzoesische Wortfetzen. Junge Deutsche sucht man vergeblich.
Klar, es ist nur eine Momentaufnahme. Aber was ist dran an der Einschaetzung, dass aus Deutschland ausschliesslich Urlauber jenseits der 60 nach Ischia kommen? Und wie berechtigt sind die Klagen der Jungen ueber die "langweilige" Insel? 45 Minuten spaeter, der Aliscafo legt in Ischia Porto an, beginnt die Spurensuche.
Werner und Ilse Gertler, beide 66 Jahre alt, sitzen nicht weit vom Hafen in der Bar Dell'Orologio beim Cappuccino. Das Ehepaar stammt aus der Naehe von Regensburg und kommt seit Jahren hierher. "Wir haben Ischia in den 80er Jahren kennengelernt und kommen immer wieder", sagt Ilse Gertler, "fast jedes Jahr." So wie rund 500.000 Deutsche pro Jahr, fuer die Ischia zu einem festen Urlaubs-Domizil geworden ist. Allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, die schon mehrfach hier war, in den letzten zwei Jahren allerdings nicht mehr auf der Insel gesehen wurde.
Was die Deutschen hier lieben? Die Gertlers sagen: "Die Thermen sind wunderbar, wir haben ein schoenes Hotel und es gibt herrliche Spazierwege. Das Wetter ist wunderbar, in den Lokalen und Geschaeften spricht man deutsch. Was will man mehr?"
Ja, was will man mehr? Vor allem die Verantwortlichen fuer den Tourismus auf Ischia wollen mehr. Mehr deutsche Urlauber. Jung sollen sie sein, weil man sich von der neuen Generation mehr Einnahmen verspricht. Besucher, die mehr wollen als spazieren gehen und die Therme geniessen. Die Tauchen lernen wollen und Windsurfing, die ab und zu ein Segelboot mieten, abends im Restaurant essen gehen und danach nicht gleich ins Bett gehen, sondern das Nachtleben geniessen. Leute die Geld ausgeben eben.
Das Problem: Diese Idee ist bei der jungen Generation in Deutschland noch nicht angekommen. Theresa und Sylvia, 22 und 24 Jahre alt, sitzen am Hafen von Casamicciola und blicken auf den kleinen Strand, der sich zwischen die vor Anker liegenden Boote und die Kuestenstrasse quetscht. "Das ist doch kein Strand", sagt Theresa, wie ihre Freundin aus der Naehe von Kiel in Norddeutschland, "eher ein Sandkasten." Die beiden sind von ihrem Urlaubsort Sorrent auf einen Abstecher nach Ischia gekommen, weil Sylvia Eltern es ihnen empfohlen hatten. Besonders begeistert sehen sie nicht aus. Der Hinweis auf die zahlreichen Sportmoeglichkeiten ueberall auf der Insel, auf die Strandbars und die Diskotheken verfaengt bei den beiden nicht: "Sieht ziemlich oede aus hier."
Das Problem liegt an anderer Stelle. Der Name Ischia steht in Deutschland fuer Thermen, Heilbaeder, Kuren - Begriffe, die fuer junge Leute ebenso wenig sexy klingen wie Rheumatismus, Krampfadern und Rollator. Nach Ischia fahren "die Alten". Wer Partytrubel will, reist nach Mallorca, Ibiza, Gran Canaria. Oder an die Adria. Meer und Strand gibt es da obendrein. Wer dieses Image, das sich ueber Jahrzehnte verfestigt hat, aendern will, hat noch einiges zu tun.
Zumal das Risiko besteht, dass partyfreudige junge Urlauber das aeltere Publikum vertreiben. "Ischia ist schoen so wie es ist", sind sich denn auch die drei deutschen Damen einig, die zum Bridgespielen und zum Entspannen auf die Insel gekommen sind und es sich gerade in einem Café im Zentrum von Forio gemuetlich gemacht haben. "Hier ist es sauber, keine wilden Muellkippen, kein Abfall am Strassenrand. Wenn nur dieser Verkehrslaerm nicht waere." Tatsaechlich wird der Spaziergang am Lungomare, etwa in Casamicciola, zur Nervenprobe. Knatternde Motorini und die endlose Autoschlange mit ihrem Laerm und Abgaswolken lassen erahnen, was hier erst los sein wird, wenn demnaechst die Hochsaison beginnt.
Der Verkehr truebt auch fuer den Ischia-Neuling den ansonsten positiven Eindruck erheblich. Wer weiss, womoeglich waere es sinnvoller, das Image der "gruenen Insel" neu zu polieren und den Autoverkehr auf der Insel zu begrenzen, als panisch um Besucher zu werben, die letztlich doch nicht kommen.
Klar, es ist nur eine Momentaufnahme. Aber was ist dran an der Einschaetzung, dass aus Deutschland ausschliesslich Urlauber jenseits der 60 nach Ischia kommen? Und wie berechtigt sind die Klagen der Jungen ueber die "langweilige" Insel? 45 Minuten spaeter, der Aliscafo legt in Ischia Porto an, beginnt die Spurensuche.
Werner und Ilse Gertler, beide 66 Jahre alt, sitzen nicht weit vom Hafen in der Bar Dell'Orologio beim Cappuccino. Das Ehepaar stammt aus der Naehe von Regensburg und kommt seit Jahren hierher. "Wir haben Ischia in den 80er Jahren kennengelernt und kommen immer wieder", sagt Ilse Gertler, "fast jedes Jahr." So wie rund 500.000 Deutsche pro Jahr, fuer die Ischia zu einem festen Urlaubs-Domizil geworden ist. Allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, die schon mehrfach hier war, in den letzten zwei Jahren allerdings nicht mehr auf der Insel gesehen wurde.
Was die Deutschen hier lieben? Die Gertlers sagen: "Die Thermen sind wunderbar, wir haben ein schoenes Hotel und es gibt herrliche Spazierwege. Das Wetter ist wunderbar, in den Lokalen und Geschaeften spricht man deutsch. Was will man mehr?"
Ja, was will man mehr? Vor allem die Verantwortlichen fuer den Tourismus auf Ischia wollen mehr. Mehr deutsche Urlauber. Jung sollen sie sein, weil man sich von der neuen Generation mehr Einnahmen verspricht. Besucher, die mehr wollen als spazieren gehen und die Therme geniessen. Die Tauchen lernen wollen und Windsurfing, die ab und zu ein Segelboot mieten, abends im Restaurant essen gehen und danach nicht gleich ins Bett gehen, sondern das Nachtleben geniessen. Leute die Geld ausgeben eben.
Das Problem: Diese Idee ist bei der jungen Generation in Deutschland noch nicht angekommen. Theresa und Sylvia, 22 und 24 Jahre alt, sitzen am Hafen von Casamicciola und blicken auf den kleinen Strand, der sich zwischen die vor Anker liegenden Boote und die Kuestenstrasse quetscht. "Das ist doch kein Strand", sagt Theresa, wie ihre Freundin aus der Naehe von Kiel in Norddeutschland, "eher ein Sandkasten." Die beiden sind von ihrem Urlaubsort Sorrent auf einen Abstecher nach Ischia gekommen, weil Sylvia Eltern es ihnen empfohlen hatten. Besonders begeistert sehen sie nicht aus. Der Hinweis auf die zahlreichen Sportmoeglichkeiten ueberall auf der Insel, auf die Strandbars und die Diskotheken verfaengt bei den beiden nicht: "Sieht ziemlich oede aus hier."
Das Problem liegt an anderer Stelle. Der Name Ischia steht in Deutschland fuer Thermen, Heilbaeder, Kuren - Begriffe, die fuer junge Leute ebenso wenig sexy klingen wie Rheumatismus, Krampfadern und Rollator. Nach Ischia fahren "die Alten". Wer Partytrubel will, reist nach Mallorca, Ibiza, Gran Canaria. Oder an die Adria. Meer und Strand gibt es da obendrein. Wer dieses Image, das sich ueber Jahrzehnte verfestigt hat, aendern will, hat noch einiges zu tun.
Zumal das Risiko besteht, dass partyfreudige junge Urlauber das aeltere Publikum vertreiben. "Ischia ist schoen so wie es ist", sind sich denn auch die drei deutschen Damen einig, die zum Bridgespielen und zum Entspannen auf die Insel gekommen sind und es sich gerade in einem Café im Zentrum von Forio gemuetlich gemacht haben. "Hier ist es sauber, keine wilden Muellkippen, kein Abfall am Strassenrand. Wenn nur dieser Verkehrslaerm nicht waere." Tatsaechlich wird der Spaziergang am Lungomare, etwa in Casamicciola, zur Nervenprobe. Knatternde Motorini und die endlose Autoschlange mit ihrem Laerm und Abgaswolken lassen erahnen, was hier erst los sein wird, wenn demnaechst die Hochsaison beginnt.
Der Verkehr truebt auch fuer den Ischia-Neuling den ansonsten positiven Eindruck erheblich. Wer weiss, womoeglich waere es sinnvoller, das Image der "gruenen Insel" neu zu polieren und den Autoverkehr auf der Insel zu begrenzen, als panisch um Besucher zu werben, die letztlich doch nicht kommen.
Thursday, 9. June 2011
Kaum Infos fuer deutsche Touristen
Italien, daran hat weder die Finanzkrise noch die schmerzliche Niederlage
der deutschen Fussballer bei der Weltmeisterschaft 2006 gegen die
squadra azzurra etwas geaendert, bleibt das bevorzugte Urlaubsland
der Deutschen. Sie lieben die Toskana, vor allem die kleinen Staedtchen
wie San Gimignano oder Lucca, die so sauber und herausgeputzt
sind wie Puppenstuben. Und nicht selten genau so "spannend".
Auch der Lago di Garda ist fest in deutscher Hand, vom Teutonengrill
an der Adriakueste gar nicht erst zu reden. Und Neapel?
Von Neapel, und das ist keine Uebertreibung, kennen selbst von jenen
deutschen Urlaubern, die am Flughafen Capodichino ankommen, die meisten
nur eines: die Strecke vom Flughafen zum Anleger im Hafen, von wo aus sie
nach Ischia oder Capri uebersetzen. Oder sie nehmen am Flughafen gleich
den Bus, der sie nach Amalfi, Positano oder Ravello bringt. "Neapel City"
bleibt fuer die meisten terra incognita. Sozusagen eine
no-go-area.
Haelt man sich das vor Augen, dann verwundert es nicht, dass
der Angestellte in dem kleinen Buero der Touristeninformation
an der Piazza Plebiscito nur entschuldigend mit den Schultern
zuckt, als ihn der Besucher auf deutsch anspricht: "Solo
italiano, english, spagnolo." Wir beharren darauf, nur deutsch
zu sprechen. Ein Kollege, so sagt der schon leicht genervt wirkende
Herr, der spreche ganz gut tedesco, sei aber heute nicht im Dienst.
"Koennen Sie spaeter wiederkommen? Vielleicht morgen?"
Aber wir sind heute hier. Hat er denn Informationsmaterial fuer uns?
Wir zeigen auf die spaerlichen Prospekte, die wenig einladend auf
einem Holzregal liegen. Der Mann drueckt uns einen kleinen Stadtplan
in die Hand. Da sei alles drin. Tatsaechlich bietet der Plan Kurz-Infos
ueber die bekanntesten Sehenswuerdigkeiten Neapels. Allerdings
nur in italienisch und englisch.
Gibt es so etwas nicht in deutscher Sprache? Wieder ein Achselzucken.
Dann kramt er aus der untersten Schublade seines Schreibtisches
einen leicht angestaubten Prospekt hervor mit vielen Fotografien
der Stadt. Und endlich auch ein paar Informationen in deutsch.
Viele deutsche Italienurlauber umgehen Neapel, die Neapolitaner sind
nicht so recht auf Besuch aus Germania eingestellt. Dieser Teufelskreis
muss erst noch durchbrochen werden.
Wie? Nun, die Deutschen koennten ihre Neapel-Angst ueberwinden,
Neapel seinerseits koennte sich ein Beispiel nehmen an vielen anderen
italienischen Staedten und Regionen, die in Deutschland Informationstage
veranstalten und so mit ein bisschen Aufwand um Urlauber werben. Da
gibt es dann roten Wein und die in Deutschland so beliebten leckeren
antipasti. Dazu stapelweise Prospekte, Hotelverzeichnisse, Restaurant-Tipps.
Deutsche lieben Prospekte.
der deutschen Fussballer bei der Weltmeisterschaft 2006 gegen die
squadra azzurra etwas geaendert, bleibt das bevorzugte Urlaubsland
der Deutschen. Sie lieben die Toskana, vor allem die kleinen Staedtchen
wie San Gimignano oder Lucca, die so sauber und herausgeputzt
sind wie Puppenstuben. Und nicht selten genau so "spannend".
Auch der Lago di Garda ist fest in deutscher Hand, vom Teutonengrill
an der Adriakueste gar nicht erst zu reden. Und Neapel?
Von Neapel, und das ist keine Uebertreibung, kennen selbst von jenen
deutschen Urlaubern, die am Flughafen Capodichino ankommen, die meisten
nur eines: die Strecke vom Flughafen zum Anleger im Hafen, von wo aus sie
nach Ischia oder Capri uebersetzen. Oder sie nehmen am Flughafen gleich
den Bus, der sie nach Amalfi, Positano oder Ravello bringt. "Neapel City"
bleibt fuer die meisten terra incognita. Sozusagen eine
no-go-area.
Haelt man sich das vor Augen, dann verwundert es nicht, dass
der Angestellte in dem kleinen Buero der Touristeninformation
an der Piazza Plebiscito nur entschuldigend mit den Schultern
zuckt, als ihn der Besucher auf deutsch anspricht: "Solo
italiano, english, spagnolo." Wir beharren darauf, nur deutsch
zu sprechen. Ein Kollege, so sagt der schon leicht genervt wirkende
Herr, der spreche ganz gut tedesco, sei aber heute nicht im Dienst.
"Koennen Sie spaeter wiederkommen? Vielleicht morgen?"
Aber wir sind heute hier. Hat er denn Informationsmaterial fuer uns?
Wir zeigen auf die spaerlichen Prospekte, die wenig einladend auf
einem Holzregal liegen. Der Mann drueckt uns einen kleinen Stadtplan
in die Hand. Da sei alles drin. Tatsaechlich bietet der Plan Kurz-Infos
ueber die bekanntesten Sehenswuerdigkeiten Neapels. Allerdings
nur in italienisch und englisch.
Gibt es so etwas nicht in deutscher Sprache? Wieder ein Achselzucken.
Dann kramt er aus der untersten Schublade seines Schreibtisches
einen leicht angestaubten Prospekt hervor mit vielen Fotografien
der Stadt. Und endlich auch ein paar Informationen in deutsch.
Viele deutsche Italienurlauber umgehen Neapel, die Neapolitaner sind
nicht so recht auf Besuch aus Germania eingestellt. Dieser Teufelskreis
muss erst noch durchbrochen werden.
Wie? Nun, die Deutschen koennten ihre Neapel-Angst ueberwinden,
Neapel seinerseits koennte sich ein Beispiel nehmen an vielen anderen
italienischen Staedten und Regionen, die in Deutschland Informationstage
veranstalten und so mit ein bisschen Aufwand um Urlauber werben. Da
gibt es dann roten Wein und die in Deutschland so beliebten leckeren
antipasti. Dazu stapelweise Prospekte, Hotelverzeichnisse, Restaurant-Tipps.
Deutsche lieben Prospekte.
Wednesday, 8. June 2011
Eine Stadt (fast) ohne Muell
Es klang fast ein wenig bedauernd. Nein, meinte der Kollege, als wir ueber
das Muellproblem in Neapel diskutierten, im Moment seien in der Stadt
keine groesseren Abfallberge zu besichtigen. Hier und da ein paar
aufgeplatzte Muellsaecke am Strassenrand, aber das sei normal und
nichts im Vergleich zu den Zustaenden noch vor einigen Wochen.
"Tut mir leid."
Ich brauche die Muellberge natuerlich nicht, mir reichen die Bilder der mit
Abfall vollgestopften Strassen, die auch zuhause in Deutschland durch
die Medien gingen und das negative Neapel-Bild einmal mehr verfestigten.
Wir, die Medien, haben in grosser Aufmachung darueber berichtet. Und
als Journalist muss man selbstkritisch genug sein um einzugestehen, dass
die Geschichten aus Neapel ueber Muell, Camorra und Korruption,
die in der heimischen Stube so schoen gruselig und "typisch italienisch"
klingen, aber Gottseidank weit weg sind, auch ein bisschen das Bild verstellen
fuer den Blick auf die eigenen Skandale, die sich im Prinzip nur wenig von
den Missstaenden am Fusse des Vesuv unterscheiden.
In Dortmund, eine Autostunde nordoestlich von Koeln, flog gerade ein
Unternehmen auf, das jahrelang hochgiftigen Elektroschrott aus
Kasachstan und anderen Laendern importierte und unsachgemaess entsorgte.
Die Behoerden schritten nicht ein. Bei 360 Menschen - Mitarbeiter der Firma
wie Anwohner - wurden erhoehte Giftwerte im Blut festgestellt. Das
Unternehmen galt lange als Vorzeige-Betrieb.
In Sachsen, in der Naehe von Leipzig, vermuten die Behoerden auf mehreren
Deponien tonnenweise Giftmuell aus ganz Deutschland und aus Italien, der
dort nicht gelagert werden darf. Gegen die Betreiber wird ermittelt.
In Koeln wurden vor wenigen Jahren zahlreiche Politiker verurteilt, die Spenden
eines Unternehmers angenommen hatten, um im Gegenzug eine umstrittene
Muellverbrennungsanlage zu genehmigen.
Umweltverschmutzung, Bestechung, Gefaehrdung von Menschen. Dortmund,
Leipzig, Koeln. In Deutschland braeuchte man eigentlich kein Neapel, um sich
ueber Muell-Skandale jeglicher Art aufzuregen. Aber so ist das gelegentlich
in Deutschland: Die richtigen Skandale haben meist die anderen.
das Muellproblem in Neapel diskutierten, im Moment seien in der Stadt
keine groesseren Abfallberge zu besichtigen. Hier und da ein paar
aufgeplatzte Muellsaecke am Strassenrand, aber das sei normal und
nichts im Vergleich zu den Zustaenden noch vor einigen Wochen.
"Tut mir leid."
Ich brauche die Muellberge natuerlich nicht, mir reichen die Bilder der mit
Abfall vollgestopften Strassen, die auch zuhause in Deutschland durch
die Medien gingen und das negative Neapel-Bild einmal mehr verfestigten.
Wir, die Medien, haben in grosser Aufmachung darueber berichtet. Und
als Journalist muss man selbstkritisch genug sein um einzugestehen, dass
die Geschichten aus Neapel ueber Muell, Camorra und Korruption,
die in der heimischen Stube so schoen gruselig und "typisch italienisch"
klingen, aber Gottseidank weit weg sind, auch ein bisschen das Bild verstellen
fuer den Blick auf die eigenen Skandale, die sich im Prinzip nur wenig von
den Missstaenden am Fusse des Vesuv unterscheiden.
In Dortmund, eine Autostunde nordoestlich von Koeln, flog gerade ein
Unternehmen auf, das jahrelang hochgiftigen Elektroschrott aus
Kasachstan und anderen Laendern importierte und unsachgemaess entsorgte.
Die Behoerden schritten nicht ein. Bei 360 Menschen - Mitarbeiter der Firma
wie Anwohner - wurden erhoehte Giftwerte im Blut festgestellt. Das
Unternehmen galt lange als Vorzeige-Betrieb.
In Sachsen, in der Naehe von Leipzig, vermuten die Behoerden auf mehreren
Deponien tonnenweise Giftmuell aus ganz Deutschland und aus Italien, der
dort nicht gelagert werden darf. Gegen die Betreiber wird ermittelt.
In Koeln wurden vor wenigen Jahren zahlreiche Politiker verurteilt, die Spenden
eines Unternehmers angenommen hatten, um im Gegenzug eine umstrittene
Muellverbrennungsanlage zu genehmigen.
Umweltverschmutzung, Bestechung, Gefaehrdung von Menschen. Dortmund,
Leipzig, Koeln. In Deutschland braeuchte man eigentlich kein Neapel, um sich
ueber Muell-Skandale jeglicher Art aufzuregen. Aber so ist das gelegentlich
in Deutschland: Die richtigen Skandale haben meist die anderen.
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