Allora, ragazzi! Das war es also. Meinen ersten Rechercheauftrag, zu erkunden, wie die Deutschen in Parma leben, habe ich erst heute zu Ende bringen können. Es ist nicht leicht, Menschen zu finden, die längst in der Stadt assimiliert sind.
Ich hingegen mache heute früher Schluss, bummele noch einmal rings um den Palazzo Pilotta und muss dann rasch meine Siebensachen zusammenräumen.
Ich fahre zurück nach Deutschland und packe in meinen Koffer: Die Schmutzwäsche und die Souvenirs, den Schinken, den Käse und den Wein – und natürlich die Coppa di Parma, eine Spezialität, die es nur hier gibt. Mehr als 700 Fotos, von denen die meisten dann doch für die Arbeit bei der Zeitung entstanden sind. Meinen elektronischen Übersetzer, den ich mir eigens für die Reise zugelegt habe und der sich als ziemlicher Schrott erwiesen hat – bis man ein Wort eingetippt hat, hat der Gesprächspartner es längst mit anderen und verständlicheren Worten erklärt.
Ich fahre zurück nach Hause und packe in meinen Koffer: Die Vorfreude auf die Familie und die eigenen vier Wände, die Erinnerungen an ein gutes Dutzend neuer Freunde, die ich hier gefunden habe, ein wenig italienische Gelassenheit in der Hoffnung, ich kann sie lange konservieren.
Ich packe meinen Koffer und lasse zurück: die engen Gassen und die akute Parkplatznot in Parma, die hohe Luftfeuchtigkeit, die einem an manchen Tagen das Atmen schwer machte. Und natürlich die Waschmittel, die ich in den drei Wochen nicht aufgebraucht habe. Es gibt ja Nachmieter.
Drei Wochen Tapetenwechsel beim Redakteurstausch. Was mich am meisten an dem Va-Bene-Projekt fasziniert hat, war, dass es tatsächlich funktioniert. Drei Wochen lang konnte ich das Leben hier wie Schwamm aufsaugen, konnte mich unauffällig ins Stadtbild einfügen, durfte – ein Privileg der Journalisten – neugierig sein auf die Menschen und das, was sie treibt. Leben und Arbeiten in Parma: Ich habe dennoch freilich nur eine erste Ahnung, wie das wirklich ist. Aber für diese Eindrücke danke ich ausdrücklich allen Beteiligten. Dem Goethe-Institut, dass diesen Austausch erst möglich gemacht hat, den Kollegen in Deutschland, die in dieser Zeit meine Arbeit erledigt haben, den Kollegen in Parma, die mich drei Wochen wie einen der ihren aufgenommen haben – und Andrea Affaticati, meiner charmanten Übersetzerin aus Mailand, die meine Beiträge für die Gazzetta (ebenso wie die Einträge in diesen Blog) in ein korrektes Italienisch übersetzte.
Ich habe ein Abenteuer gesucht, war auf einer wahrhaftigen Entdeckungsreise und habe Freunde gefunden.
Der unendlichen Liebesgeschichte zwischen Italienern und Deutschen ein weiteres Kapitel hinzufügen zu dürfen, betrachte ich wahrlich als Geschenk.
Thursday, 9. June 2011
Essen mit Genuss
Überall wird man in Parma mit Essen und mit Genuss konfrontiert. Gestern Abend lud mich Anna zu einem Essen mit Freunden ein – alles ebenfalls Journalisten. Und wieder wurde mir deutlich: Das späte Abendessen ist nichts für meinen Biorhythmus. Um halb neun sollte das Essen beginnen, doch wir mussten warten und überbrückten die Zeit mit einem wunderbaren weißen Frizzante. Als es endlich losging – es gab herrlichen Parma-Schinken, Salami und Melanzane mit Käse als Vorspeise, war ich schon fast wieder satt. Die in Parma allgegenwärtigen Tortelli d'Erbetta durften nicht fehlen. Und als es Zeit für den Hauptgang war, fielen mir schon wieder fast die Augen zu. Gesprächsthema waren neben den Unterschieden im Arbeitsalltag der Journalisten in Deutschland und Italien vor allem die Essenszeiten. Meine Freunde wollten sich schier ausschütten vor Lachen, als sie sich vergegenwärtigten, dass die Deutschen zwischen 18 und 20 Uhr zu Abend essen. Und den Vorwurf, die Italiener essen sehr spät, wollten sie nicht gelten lassen. Schließlich lasse man sich in Spanien oft erst gegen 23 Uhr am Abend am Tisch nieder. Die Uhr ging auf Mitternacht zu, als ich schließlich zurück in meine Wohnung ging. Satt und todmüde.
Heute morgen zum Interview mit einer deutschen Mitarbeiterin der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit kam das Gespräch wie von alleine auf das Essen und den Genuss. Ich erfuhr, wo man die beste Coppa di Parma, ein spezielles rundes Fleischstück kaufen kann: In der Fleischerei Farina oder bei Verdi in der Strada Garibaldi. Das ist gut für die Qualität der Mitbringsel, wenn ich am Samstag wieder nach Hause fahre.
Und heute Mittag? Anna lud mich und die Kollegen zu einem Pranzo lavoro, einem Arbeitsessen ein. Mehr als zwei Stunden saßen wir zu elft an einem großen Restauranttisch, der vor Leckereien schier überquoll. Es war eine wunderbare Idee, als Vorspeise Meeresfrüchte zu ordern. Muscheln und kleine Tintenfischchen, frittierte Filets und eingelegte Meeresschnecken – dazu ein erfrischend kalter Weißwein. Als leichtes Hauptgericht standen verschiedene Pizzas auf dem Tisch.
Das waren 24 Stunden, die mir in Sachen Genuss noch lange in Erinnerung bleiben werden. In Parma versteht man es, zu tafeln! Nur an die Essenszeit am Abend – an die werde ich mich wohl nie gewöhnen.
Heute morgen zum Interview mit einer deutschen Mitarbeiterin der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit kam das Gespräch wie von alleine auf das Essen und den Genuss. Ich erfuhr, wo man die beste Coppa di Parma, ein spezielles rundes Fleischstück kaufen kann: In der Fleischerei Farina oder bei Verdi in der Strada Garibaldi. Das ist gut für die Qualität der Mitbringsel, wenn ich am Samstag wieder nach Hause fahre.
Und heute Mittag? Anna lud mich und die Kollegen zu einem Pranzo lavoro, einem Arbeitsessen ein. Mehr als zwei Stunden saßen wir zu elft an einem großen Restauranttisch, der vor Leckereien schier überquoll. Es war eine wunderbare Idee, als Vorspeise Meeresfrüchte zu ordern. Muscheln und kleine Tintenfischchen, frittierte Filets und eingelegte Meeresschnecken – dazu ein erfrischend kalter Weißwein. Als leichtes Hauptgericht standen verschiedene Pizzas auf dem Tisch.
Das waren 24 Stunden, die mir in Sachen Genuss noch lange in Erinnerung bleiben werden. In Parma versteht man es, zu tafeln! Nur an die Essenszeit am Abend – an die werde ich mich wohl nie gewöhnen.
Wednesday, 8. June 2011
Denglienisch in der Bar
Die Sprache ist nicht nur der Schlüssel zur Kultur, die Sprache ist auch der Schlüssel zum Herzen. Und Sprache kann nerven. Das merke ich hier in Parma jeden Tag.
Fernsehen und Zeitung, die Auslagen in den Läden, der Gang zum Gemüsehändler, der Schwatz morgens in der Bar oder in der Pause mit Kollegen – die italienische Sprache umgibt mich mit einer bedrückenden Präsenz, zwingt mich, Tag und Nacht zu übersetzen, in jeder Situation meines Lebens. Inzwischen ist es nicht nur soweit, dass ich jedes deutsche Wort als eine kleine Erholung betrachte, als willkommene Ablenkung vom Alltag.
Inzwischen kommt es auch zu skurrilen Situationen in den Grenzgebieten zwischen den Sprachen, weil man eben nicht mit dem pausenlosen Übersetzen aufhören kann.
Ganz bewusst rede ich mit Anna Maria Ferrari zweisprachig, der Austauschredakteurin, die im Oktober bei der „Thüringer Allgemeinen“ arbeiten wird. Sie fragt mich deutsch, ich antworte ihr italienisch. Die Kollegen amüsieren sich über unser Sprach-Switching. Regina Roland, Autorin der „Deutschen Welle“, will ein Interview mit dem Chefredakteur. Sie fragt in Englisch, er antwortet in Italienisch, ich übersetze ins Deutsche. Alles gewollt und gesteuert.
Doch selbst im Alltag springe ich zwischen den Sprachen hin und her. Mit Sabrina beispielsweise, der netten Kellnerin in meiner Lieblingsbar, spreche ich „denglienisch“. Sabrinas Mutter ist Italienerin, die nicht englisch spricht. Sabrinas Vater ist Engländer, der nicht italienisch spricht. Kennengelernt haben sich die beiden während des Studiums in Berlin. Beide sprachen deutsch. Sabrina kann alle drei Sprachen und rührt sie kräftig durcheinander. Und als sie mich neulich – auf deutsch – fragte, ob Thüringen an der Grenze zu Polen liegt, antwortete ich ihr wie selbstverständlich italienisch.
Wenn ich am Samstag in Richtung Deutschland zurück fahre, bin ich schon neugierig darauf, in welcher Sprache ich mir den ersten Kaffee bestelle.
Fernsehen und Zeitung, die Auslagen in den Läden, der Gang zum Gemüsehändler, der Schwatz morgens in der Bar oder in der Pause mit Kollegen – die italienische Sprache umgibt mich mit einer bedrückenden Präsenz, zwingt mich, Tag und Nacht zu übersetzen, in jeder Situation meines Lebens. Inzwischen ist es nicht nur soweit, dass ich jedes deutsche Wort als eine kleine Erholung betrachte, als willkommene Ablenkung vom Alltag.
Inzwischen kommt es auch zu skurrilen Situationen in den Grenzgebieten zwischen den Sprachen, weil man eben nicht mit dem pausenlosen Übersetzen aufhören kann.
Ganz bewusst rede ich mit Anna Maria Ferrari zweisprachig, der Austauschredakteurin, die im Oktober bei der „Thüringer Allgemeinen“ arbeiten wird. Sie fragt mich deutsch, ich antworte ihr italienisch. Die Kollegen amüsieren sich über unser Sprach-Switching. Regina Roland, Autorin der „Deutschen Welle“, will ein Interview mit dem Chefredakteur. Sie fragt in Englisch, er antwortet in Italienisch, ich übersetze ins Deutsche. Alles gewollt und gesteuert.
Doch selbst im Alltag springe ich zwischen den Sprachen hin und her. Mit Sabrina beispielsweise, der netten Kellnerin in meiner Lieblingsbar, spreche ich „denglienisch“. Sabrinas Mutter ist Italienerin, die nicht englisch spricht. Sabrinas Vater ist Engländer, der nicht italienisch spricht. Kennengelernt haben sich die beiden während des Studiums in Berlin. Beide sprachen deutsch. Sabrina kann alle drei Sprachen und rührt sie kräftig durcheinander. Und als sie mich neulich – auf deutsch – fragte, ob Thüringen an der Grenze zu Polen liegt, antwortete ich ihr wie selbstverständlich italienisch.
Wenn ich am Samstag in Richtung Deutschland zurück fahre, bin ich schon neugierig darauf, in welcher Sprache ich mir den ersten Kaffee bestelle.
Tuesday, 7. June 2011
Drehtag in Parma
Ich gehe durch die Strada Cavour und habe eine Gazzetta di Parma in der rechten Hand. Das Fernsehen verfolgt mich. Immer wieder muss ich den Weg gehen, die Passanten drehen sich schon um. Doch ich wache nicht auf. Es ist auch kein Albtraum, sondern die – zugegebenermaßen etwas nervige - Realität. Sechs Stunden Dreharbeiten veranschlagt die „Deutsche Welle“, das offizielle Auslandsfernsehen der BRD für einen Sechs-Minuten-Beitrag über das Va-Bene-Projekt und meine Abenteuer in Parma. Das nenne ich gründlich. Regina Roland ist dafür eigens morgens um drei Uhr aufgestanden und hat die strapaziöse Flug-Bahn-Reise von Berlin nach Parma auf sich genommen.
Und ich? Ich lasse sie gar nicht ausreden.Schon als wir den Drehplan besprechen, „texte“ ich sie zu, um sie mit soviel Informationen wie möglich zu füttern. Immerhin, die Frau muss sich nach zwei Tagen buchstäblich ein Bild von mir gemacht haben. Im Gespräch lässt sie sich die Kollegin vom Fernsehen schnell anstecken von meiner Begeisterung für den interessanten Perspektiv-Wechsel. Sie erkennt - es gibt dabei nur Gewinner. Die Zeitungen in Parma und Erfurt, das Goethe-Institut in Rom und Berlin, letztlich ich selbst und sie auch wohl ein bisschen. Vor allem natürlich die Leser und Zuschauer – die viel über das andere Land und die Sicht des Fremden darauf erfahren. Das ist dann die Verantwortung von uns Journalisten, die bei ihrer Arbeit immer hoffen, dass die Leser oder die Fernsehzuschauer von unseren Ängsten und Zweifeln nur wenig mitkriegen. Ich habe Glück - was ich verbocke, kann Anna Ferrari wieder ausbügeln. Denn natürlich wird das Experiment erst im Herbst mit ihrer Entdeckungsreise nach Erfurt abgeschlossen sein.
„Prego!“ Kameramann Giovanni, der aus Bologna rüberkam, reißt mich aus meinen Gedanken. Ich muss wieder los. Ich gehe durch die Strada Cavour mit einer Gazzetta di Parma in der Hand.
Und ich? Ich lasse sie gar nicht ausreden.Schon als wir den Drehplan besprechen, „texte“ ich sie zu, um sie mit soviel Informationen wie möglich zu füttern. Immerhin, die Frau muss sich nach zwei Tagen buchstäblich ein Bild von mir gemacht haben. Im Gespräch lässt sie sich die Kollegin vom Fernsehen schnell anstecken von meiner Begeisterung für den interessanten Perspektiv-Wechsel. Sie erkennt - es gibt dabei nur Gewinner. Die Zeitungen in Parma und Erfurt, das Goethe-Institut in Rom und Berlin, letztlich ich selbst und sie auch wohl ein bisschen. Vor allem natürlich die Leser und Zuschauer – die viel über das andere Land und die Sicht des Fremden darauf erfahren. Das ist dann die Verantwortung von uns Journalisten, die bei ihrer Arbeit immer hoffen, dass die Leser oder die Fernsehzuschauer von unseren Ängsten und Zweifeln nur wenig mitkriegen. Ich habe Glück - was ich verbocke, kann Anna Ferrari wieder ausbügeln. Denn natürlich wird das Experiment erst im Herbst mit ihrer Entdeckungsreise nach Erfurt abgeschlossen sein.
„Prego!“ Kameramann Giovanni, der aus Bologna rüberkam, reißt mich aus meinen Gedanken. Ich muss wieder los. Ich gehe durch die Strada Cavour mit einer Gazzetta di Parma in der Hand.
Monday, 6. June 2011
Vom Wunder des Parkens
Nun ist es also doch passiert. Gestern noch freute ich mich, in der Strada del Parmigianino einen Parkplatz ergattert zu haben. Heute morgen hat ein Range-Rover offenbar beim Einrangieren nicht genügend Platz und versuchte es „französisch“: Mit der Stoßstange bugsierte er mein Auto ein paar Zentimeter nach vorn. Als ich mir den Schaden besehe, atme ich auf. Nur zwei winzige Pünktchen sind an der schwarzen Plastik zu sehen. Der Mann versteht es, einzuparken. Glücklicherweise gehöre ich zu den Menschen, für die ein Auto ein Gebrauchsgegenstand ist, der auch mal eine Schramme vertragen muss. Für die vielen Deutschen jedoch, für die ihr Stück Blech geradezu heilig ist, wäre das eine Katastrophe, die zwangsläufig einen mittelschweren Polizeieinsatz einschließlich Spurensicherung hinter sich herziehen würde.
Auch beim vermeintlichen Recht auf einen Parkplatz gleich vor der Haustür sind viele meiner Nachbarn zuhause sehr, nun ja, eigenwillig. Steht ein Fremder vor dem Haus – auf einem öffentlichen Parkplatz wohlgemerkt, dann bläst man gleich die Backen auf und eine Zornesader schwillt an der Stirn. Na ja, oder beinahe.
Mit dieser Mentalität sollte man in italienischen Städten die Park-and-Ride-Angebote nutzen, die sehr verbreitet sind. Denn das Parken in den Stadtzentren ist schon ein Abenteuer für sich. Nicht nur wegen der vielen zu Recht für die Anwohner reservierten Zonen. Auch auf den großen Parkplätzen, etwa an Supermärkten oder Straßen an der Peripherie sind die Buchten so knapp bemessen, dass ich inzwischen überzeugt bin: Italiener steigen nicht aus ihren Autos aus - sie diffundieren in ihre Umwelt. Gesehen habe ich das freilich noch nicht. Die stehen ja immer alle schon da, wenn ich komme.
Ich habe hier in Parma schnell gelernt und parke von Tag zu Tag besser ein. Dennoch. Mein Auto misst in der Länge 4507 Millimeter, behauptet mein Zulassungsschein. Das nächste wird garantiert ein Kleinwagen. Das Raumgefühl beim Parken wird ein ganz anderes sein. Und gerade die Italiener bieten da sehr charmante Alternativen zu den großen Familienkutschen an.
Auch beim vermeintlichen Recht auf einen Parkplatz gleich vor der Haustür sind viele meiner Nachbarn zuhause sehr, nun ja, eigenwillig. Steht ein Fremder vor dem Haus – auf einem öffentlichen Parkplatz wohlgemerkt, dann bläst man gleich die Backen auf und eine Zornesader schwillt an der Stirn. Na ja, oder beinahe.
Mit dieser Mentalität sollte man in italienischen Städten die Park-and-Ride-Angebote nutzen, die sehr verbreitet sind. Denn das Parken in den Stadtzentren ist schon ein Abenteuer für sich. Nicht nur wegen der vielen zu Recht für die Anwohner reservierten Zonen. Auch auf den großen Parkplätzen, etwa an Supermärkten oder Straßen an der Peripherie sind die Buchten so knapp bemessen, dass ich inzwischen überzeugt bin: Italiener steigen nicht aus ihren Autos aus - sie diffundieren in ihre Umwelt. Gesehen habe ich das freilich noch nicht. Die stehen ja immer alle schon da, wenn ich komme.
Ich habe hier in Parma schnell gelernt und parke von Tag zu Tag besser ein. Dennoch. Mein Auto misst in der Länge 4507 Millimeter, behauptet mein Zulassungsschein. Das nächste wird garantiert ein Kleinwagen. Das Raumgefühl beim Parken wird ein ganz anderes sein. Und gerade die Italiener bieten da sehr charmante Alternativen zu den großen Familienkutschen an.
Sunday, 5. June 2011
Strangers in the Night
Samstagabend in Parma. Bewaffnet mit einem Regenschirm unternehme ich einen Nachtspaziergang durch die annähernd menschenleeren Straßen und Gassen. Die paar Regentropfen sind kühl, die Luft ist mild und mir fallen amerikanische Schnulzen ein: Strangers in the Night. Singing in the Rain. Fast hätte ich selber gesungen.
Plötzlich ruft mir jemand hinterher: „Aspetti“ - Warte! Eine kleine junge Frau, nur etwas über 1,50 groß, löst sich aus einem Hauseingang und huscht auf mich zu. Eine Philippina mit einem freundlichen Gesicht, lustig blitzenden Augen und einem kleinen fetten Bauch. Sie fragt nicht nach dem Weg sondern macht mir auf der Stelle eine Liebeserklärung. Und während ich noch verblüfft rätsele, ob ich die beiden Worte auch wirklich richtig verstanden habe, redet sie schon weiter. Sie würde mich gerne in ihre kleine Wohnung mitnehmen und mir dort zeigen, wie sehr sie mich liebt. Für 30 Euro. Wenn ich eine halbe Stunde Zeit hätte, für 50. Und schon hab ich sie am Arm. Nur wenig geübt im Umgang mit solchen Angeboten erkläre ich ihr freundlich lächelnd, nicht so viel Zeit zu haben. Doch das versteht sie offenbar nicht. Oder will es nicht verstehen.
Es brauchte schon eines energischen „Adesso basta“ - Jetzt aber Schluss! -, bis mich meine neue Freundin schmollend wieder freigibt.
Straßenstrich in Parma.
Bei Recherchen im Internet stoße ich anschließend auf den Report „Hidden Prostitution“ von Claudio Donadel und Raffaello Martini vom Europäischen Regionalen Entwicklungs-Fonds ERDF. Unter anderem mit Unterstützung der Landesregierung der Emilia-Romagna untersuchten sie den Straßenstrich in verschiedenen Provinzen. In Parma haben sie 30 Frauen ermittelt, die dieser Art der Prostitution nachgehen, ein Drittel von ihnen kommen aus dem europäischen Osten. Diese, überwiegend aus Albanien und Rumänien, verdrängen gerade die Mehrheit der Frauen aus Afrika (vor allem Nigeria), aus der Dominikanischen Republik und aus den Philippinen, die sich prostituieren.
Der Hintergrund der Prostitution ist oft ein wirtschaftlicher – deswegen sind es überwiegend Immigrantinnen, die sich auf der Straße verkaufen.
Im Straßenbild fallen die Huren nicht weiter auf. Dass es sie dennoch gibt, ist der
Studie nach ein Stück italienischer Normalität. Ihr Vorhandensein macht aus Parma keine Lasterhöhle.
Plötzlich ruft mir jemand hinterher: „Aspetti“ - Warte! Eine kleine junge Frau, nur etwas über 1,50 groß, löst sich aus einem Hauseingang und huscht auf mich zu. Eine Philippina mit einem freundlichen Gesicht, lustig blitzenden Augen und einem kleinen fetten Bauch. Sie fragt nicht nach dem Weg sondern macht mir auf der Stelle eine Liebeserklärung. Und während ich noch verblüfft rätsele, ob ich die beiden Worte auch wirklich richtig verstanden habe, redet sie schon weiter. Sie würde mich gerne in ihre kleine Wohnung mitnehmen und mir dort zeigen, wie sehr sie mich liebt. Für 30 Euro. Wenn ich eine halbe Stunde Zeit hätte, für 50. Und schon hab ich sie am Arm. Nur wenig geübt im Umgang mit solchen Angeboten erkläre ich ihr freundlich lächelnd, nicht so viel Zeit zu haben. Doch das versteht sie offenbar nicht. Oder will es nicht verstehen.
Es brauchte schon eines energischen „Adesso basta“ - Jetzt aber Schluss! -, bis mich meine neue Freundin schmollend wieder freigibt.
Straßenstrich in Parma.
Bei Recherchen im Internet stoße ich anschließend auf den Report „Hidden Prostitution“ von Claudio Donadel und Raffaello Martini vom Europäischen Regionalen Entwicklungs-Fonds ERDF. Unter anderem mit Unterstützung der Landesregierung der Emilia-Romagna untersuchten sie den Straßenstrich in verschiedenen Provinzen. In Parma haben sie 30 Frauen ermittelt, die dieser Art der Prostitution nachgehen, ein Drittel von ihnen kommen aus dem europäischen Osten. Diese, überwiegend aus Albanien und Rumänien, verdrängen gerade die Mehrheit der Frauen aus Afrika (vor allem Nigeria), aus der Dominikanischen Republik und aus den Philippinen, die sich prostituieren.
Der Hintergrund der Prostitution ist oft ein wirtschaftlicher – deswegen sind es überwiegend Immigrantinnen, die sich auf der Straße verkaufen.
Im Straßenbild fallen die Huren nicht weiter auf. Dass es sie dennoch gibt, ist der
Studie nach ein Stück italienischer Normalität. Ihr Vorhandensein macht aus Parma keine Lasterhöhle.
Friday, 3. June 2011
Schön und gut
Besorgt fragte mich aus der Ferne die Gattin: Gibt’s denn in Italien überhaupt Himmelfahrt? Offenbar gönnt sie mir eine kleine Auszeit.
Christi Himmelfahrt heißt hierzulande Ascensione. Das klingt ein bisschen nach Fahrstuhl (Ascensore) und ich finde das lustig. Aber hat ja beides miteinander zu tun. Ja, Himmelfahrt gibt es auch in Italien und es ist ein Feiertag. In diesem Jahr fiel er genau auf den Tag der Republik, der hier mit viel grün-weiß-roten Feierlichkeiten begangen wird. Vor allem in Rom, wo es jährlich eine martialisch anmutende Militärparade gibt.
In Parma wird Himmelfahrt vier Tage lang gefeiert – der Freitag macht seinem Namen alle Ehre und ist für die meisten ebenfalls frei, das Wochenende folgt. Viele Parmigiani nutzen das lange Wochenende, um in die Berge zu fahren oder „an den Strand“ - gemeint ist dabei meist das 120 Kilometer entfernte La Spezia.
Wer hiergeblieben ist, vergnügt sich bei diversen Festen in der Stadt, und zwar ganz in Familie. So beim „Belli e buoni“ (Schön und gut). Dabei verwandelt sich die Strada Cavour, die wichtigste Einkaufsstraße in der Fußgängerzone, für drei Tage in eine „Fressmeile“, eine Straße des Genusses, die dem Ruf Parmas als Hauptstadt des guten Geschmacks alle Ehre erweist. Schon zum Start am Freitagvormittag schmücken 15 Verkaufspavillons die Cavour. In ihnen bieten die Händler feil, was die einzelnen Regionen an Leckereien zu bieten haben.
Brote und Braten von unvorstellbarer Größe; echten Büffel-Mozarella; Wildschwein-Salami aus der Toskana; Trockenfrüchte, darunter auch Melonen und Pomelo; sizilianische „Arancini“, frittierte orangefarbene Reiskugeln mit Erbsen-Ragout und Mozzarella; Speck, Würstchen und Strudel aus Südtirol. Auch ein Inder mit einem Schmuckstand und ein Zelt mit Haushaltwaren sind dabei, wurden aber von den Veranstaltern an den Rand der Gourmet-Zone verbannt.
Ich probiere und staune, frage nach Preisen und wäge ab. Natürlich sollte man – vor allem als Fremder - die Preise kritisch hinterfragen. Dennoch: Zehn Euro für 225 Gramm sizilianische Cantuccini mit Mandeln sind mir dann doch zuviel. Das Geld investiere ich lieber in ein Filetto di Suino. Und weiß, dass ich damit Zuhause Freude auslösen werde, auch wenn das Schwein aus Sardinien und nicht aus Parma kommt. Immerhin: es ist hier gekauft.
Christi Himmelfahrt heißt hierzulande Ascensione. Das klingt ein bisschen nach Fahrstuhl (Ascensore) und ich finde das lustig. Aber hat ja beides miteinander zu tun. Ja, Himmelfahrt gibt es auch in Italien und es ist ein Feiertag. In diesem Jahr fiel er genau auf den Tag der Republik, der hier mit viel grün-weiß-roten Feierlichkeiten begangen wird. Vor allem in Rom, wo es jährlich eine martialisch anmutende Militärparade gibt.
In Parma wird Himmelfahrt vier Tage lang gefeiert – der Freitag macht seinem Namen alle Ehre und ist für die meisten ebenfalls frei, das Wochenende folgt. Viele Parmigiani nutzen das lange Wochenende, um in die Berge zu fahren oder „an den Strand“ - gemeint ist dabei meist das 120 Kilometer entfernte La Spezia.
Wer hiergeblieben ist, vergnügt sich bei diversen Festen in der Stadt, und zwar ganz in Familie. So beim „Belli e buoni“ (Schön und gut). Dabei verwandelt sich die Strada Cavour, die wichtigste Einkaufsstraße in der Fußgängerzone, für drei Tage in eine „Fressmeile“, eine Straße des Genusses, die dem Ruf Parmas als Hauptstadt des guten Geschmacks alle Ehre erweist. Schon zum Start am Freitagvormittag schmücken 15 Verkaufspavillons die Cavour. In ihnen bieten die Händler feil, was die einzelnen Regionen an Leckereien zu bieten haben.
Brote und Braten von unvorstellbarer Größe; echten Büffel-Mozarella; Wildschwein-Salami aus der Toskana; Trockenfrüchte, darunter auch Melonen und Pomelo; sizilianische „Arancini“, frittierte orangefarbene Reiskugeln mit Erbsen-Ragout und Mozzarella; Speck, Würstchen und Strudel aus Südtirol. Auch ein Inder mit einem Schmuckstand und ein Zelt mit Haushaltwaren sind dabei, wurden aber von den Veranstaltern an den Rand der Gourmet-Zone verbannt.
Ich probiere und staune, frage nach Preisen und wäge ab. Natürlich sollte man – vor allem als Fremder - die Preise kritisch hinterfragen. Dennoch: Zehn Euro für 225 Gramm sizilianische Cantuccini mit Mandeln sind mir dann doch zuviel. Das Geld investiere ich lieber in ein Filetto di Suino. Und weiß, dass ich damit Zuhause Freude auslösen werde, auch wenn das Schwein aus Sardinien und nicht aus Parma kommt. Immerhin: es ist hier gekauft.
Thursday, 2. June 2011
Erlaubnis? - Va bene!
Erlaubnisse sind in Italien enorm wichtig. Kann man mit irgendeinem Papier wedeln, öffnen sich Türen, hat man keine „Permesso“, schütteln die Hüter nur stoisch mit dem Kopf. Die Erlaubnisse handhabt man außerordentlich differenziert. Auch im Straßenverkehr ist es so kompliziert, dass sich kaum die Italiener auskennen. In Parma gibt es 5 Zonen mit limitiertem Verkehr, dazu verschiedene Farbkombinationen auf der Fahrbahn. Inzwischen schmücken mein Armaturenbrett vier Erlaubnisse – und ich weiß noch immer nicht, was ich darf und wofür ich ein Knöllchen riskiere. Die nämlich sind hier erheblich kostspieliger als in heimischen Gefilden. 39 Euro, den Mindestsatz, berappe ich für eine Nacht im Parkverbot. Und beinahe vergesse ich doch, das Kleingedruckte zu lesen. Denn man hat nur fünf Tage Zeit, bei der Post den Strafzettel zu bezahlen. Ab dem sechsten Tag verdoppelt sich die Verwarngebühr. Kein Wunder, dass hier alle so scharf auf Erlaubnisse sind.
Mit einem Presseausweis wird man in Sachen Bildung und Kultur bevorzugt behandelt. Beispielsweise kommt man gratis in jedes Museum und jede Bibliothek. Aber ein Kamera? Gott bewahre, dafür braucht man natürlich eine Permesso – und die gibt es nur in irgendeiner Verwaltung. Mir ging es gestern so. Zum zweiten Mal schon war ich in der Kathedrale, um mir die Kuppel anzusehen. Eine Kuppel, von der ein Bildband (erhältlich in der Nationalgalerie im Palazzo Pilotta) behauptet, sie sei „Die Schönste der Welt“. Ausgemalt von Correggio, einem Meister der Renaissance, kann man den Blick kaum von den Deckengemälden lösen. Ich habe meine Kamera mit und bin fest gewillt, ein paar Bilder zu machen. Doch wie überall verrät mir ein Signet: Fotografieren verboten. Ich gehe in die Information an der Seite des Doms, wo die Signora mit den Schultern zuckt. Ich müsse den Custos fragen. Ich erkläre ihm wer ich bin, dass ich ohne Blitz und nur mit Stativ fotografieren werde, dass ich die Aufnahmen nur für mich und die Zeitung brauche. Doch sein Kopfschütteln bleibt. Dann fordert er mich zum Mitkommen auf und eilt zurück in die Info-Stelle. Schließlich – erst müsse der Ingegnere die Erlaubnis geben. Nach einem kurzen Telefonat gibt er mir den Hörer und eilt zurück in die Kirche. Der Ingegnere redet schnell. Und er nuschelt so, dass ich kaum ein Wort verstehe. Ich bedanke mich dennoch bei ihm. „Wofür bedankst Du Dich?“, fragt er. „Allora, weil ich denke, dass das Fotografieren verboten ist.“ Was hat er nur gesagt, frage ich mich, als ich zurück in die Kirche gehe.
„Und?“, fragt der Custos. „Ich habe mit dem Ingegnere geredet“, erkläre ich wahrheitsgemäß. Das stellt ihn vollkommen zufrieden. „Va bene“, nickt er und winkt mich durch.
Es werden schöne Fotos.
Mit einem Presseausweis wird man in Sachen Bildung und Kultur bevorzugt behandelt. Beispielsweise kommt man gratis in jedes Museum und jede Bibliothek. Aber ein Kamera? Gott bewahre, dafür braucht man natürlich eine Permesso – und die gibt es nur in irgendeiner Verwaltung. Mir ging es gestern so. Zum zweiten Mal schon war ich in der Kathedrale, um mir die Kuppel anzusehen. Eine Kuppel, von der ein Bildband (erhältlich in der Nationalgalerie im Palazzo Pilotta) behauptet, sie sei „Die Schönste der Welt“. Ausgemalt von Correggio, einem Meister der Renaissance, kann man den Blick kaum von den Deckengemälden lösen. Ich habe meine Kamera mit und bin fest gewillt, ein paar Bilder zu machen. Doch wie überall verrät mir ein Signet: Fotografieren verboten. Ich gehe in die Information an der Seite des Doms, wo die Signora mit den Schultern zuckt. Ich müsse den Custos fragen. Ich erkläre ihm wer ich bin, dass ich ohne Blitz und nur mit Stativ fotografieren werde, dass ich die Aufnahmen nur für mich und die Zeitung brauche. Doch sein Kopfschütteln bleibt. Dann fordert er mich zum Mitkommen auf und eilt zurück in die Info-Stelle. Schließlich – erst müsse der Ingegnere die Erlaubnis geben. Nach einem kurzen Telefonat gibt er mir den Hörer und eilt zurück in die Kirche. Der Ingegnere redet schnell. Und er nuschelt so, dass ich kaum ein Wort verstehe. Ich bedanke mich dennoch bei ihm. „Wofür bedankst Du Dich?“, fragt er. „Allora, weil ich denke, dass das Fotografieren verboten ist.“ Was hat er nur gesagt, frage ich mich, als ich zurück in die Kirche gehe.
„Und?“, fragt der Custos. „Ich habe mit dem Ingegnere geredet“, erkläre ich wahrheitsgemäß. Das stellt ihn vollkommen zufrieden. „Va bene“, nickt er und winkt mich durch.
Es werden schöne Fotos.
Wednesday, 1. June 2011
Deutsch als Fremdsprache
Neapel ist von einem neuerlichen Ausbruch des Vesuvs zerstört und an seiner Stelle entsteht Newpoli. Capri hat seine Grenzen geschlossen und ein Journalist, der eigentlich über die schönsten Städte der Welt schreiben soll, erkennt deprimiert, dass alle Städte gleich aussehen. Wir schreiben das Jahr 2033. „Napoli-Blues“ heißt die spannende Geschichte von Barbara Krohn.
Am Liceo Romagnosi, einem humanistischen Gymnasium in Parma, beweisen die Schüler, dass sie alles andere als sprachfaul sind. Mit Feuereifer arbeiten sich Laura Gelmini (17), Buirma Malo (19), Esperia Bianchi (17) und Gianpaolo Mora (18) in den anspruchsvollen Text ein. Sie gehören zu den 14 Schülern an dem humanistischen Gymnasium, die die Sprachkundigenprüfung B2 (Goethe-Zertifikat) erfolgreich absolviert haben. Buirma hat es dabei besonders schwer. Sie kam vor fünf Jahren aus Albanien nach Italien und so ist schon italienisch ihre erste Fremdsprache, englisch die zweite und deutsch die dritte. Mehr noch: Der Unterricht in den Fächern Geschichte und Geografie erfolgt komplett in Deutsch.
Professor Gerhard Hassler, der als externer Prüfer an den Schulen der Stadt wirkt, weiß um die Bedeutung der Sprache: Deutschland ist für die Emilia-Romagna der wichtigste Handelspartner, noch vor Frankreich. „Schwer, aber schön“, sei die Sprache, sagt Esperia. Und Gianpaolo weiß: „Deutsch ist wichtig für die Wirtschaft und für die Arbeit.“
Die Schule liegt an der Via Maria Luigia, einem wunderschönen Boulevard am westlichen Ufer des Flusses Parma. Alte Bäume säumen die Straße, ein steinernes Geländer grenzt sie zum Fluss hin ab, der in diesen Tagen nur wenig Wasser führt. Hunderte von Mopeds, Rollern und Fahrrädern säumen die Straße, die nur wenig befahren ist. Nur zum Mittagszeit, wenn Unterrichtsschluss ist und die Handelsschule, das wissenschaftliche und das klassische Lyzeum Tausende von Schülern auf die Straße spucken, herrscht hier wirklich dichter Verkehr.
Nicht nur das Liceo Romagnosi beweist übrigens, dass die Italiener entgegen aller Vorurteile sogar sehr fleißig Sprachen lernen. Im italienischen Bildungswesen ist Fremdsprachenunterricht ab der zweiten Klasse obligatorisch.
So erweisen sich eher die Deutschen als sprachfaul. In Deutschland, wo Bildungsfragen im Gegensatz zu Italien Ländersache sind, gibt es die Pflicht zum Erlernen einer Fremdsprache erst am Gymnasium.
Am Liceo Romagnosi, einem humanistischen Gymnasium in Parma, beweisen die Schüler, dass sie alles andere als sprachfaul sind. Mit Feuereifer arbeiten sich Laura Gelmini (17), Buirma Malo (19), Esperia Bianchi (17) und Gianpaolo Mora (18) in den anspruchsvollen Text ein. Sie gehören zu den 14 Schülern an dem humanistischen Gymnasium, die die Sprachkundigenprüfung B2 (Goethe-Zertifikat) erfolgreich absolviert haben. Buirma hat es dabei besonders schwer. Sie kam vor fünf Jahren aus Albanien nach Italien und so ist schon italienisch ihre erste Fremdsprache, englisch die zweite und deutsch die dritte. Mehr noch: Der Unterricht in den Fächern Geschichte und Geografie erfolgt komplett in Deutsch.
Professor Gerhard Hassler, der als externer Prüfer an den Schulen der Stadt wirkt, weiß um die Bedeutung der Sprache: Deutschland ist für die Emilia-Romagna der wichtigste Handelspartner, noch vor Frankreich. „Schwer, aber schön“, sei die Sprache, sagt Esperia. Und Gianpaolo weiß: „Deutsch ist wichtig für die Wirtschaft und für die Arbeit.“
Die Schule liegt an der Via Maria Luigia, einem wunderschönen Boulevard am westlichen Ufer des Flusses Parma. Alte Bäume säumen die Straße, ein steinernes Geländer grenzt sie zum Fluss hin ab, der in diesen Tagen nur wenig Wasser führt. Hunderte von Mopeds, Rollern und Fahrrädern säumen die Straße, die nur wenig befahren ist. Nur zum Mittagszeit, wenn Unterrichtsschluss ist und die Handelsschule, das wissenschaftliche und das klassische Lyzeum Tausende von Schülern auf die Straße spucken, herrscht hier wirklich dichter Verkehr.
Nicht nur das Liceo Romagnosi beweist übrigens, dass die Italiener entgegen aller Vorurteile sogar sehr fleißig Sprachen lernen. Im italienischen Bildungswesen ist Fremdsprachenunterricht ab der zweiten Klasse obligatorisch.
So erweisen sich eher die Deutschen als sprachfaul. In Deutschland, wo Bildungsfragen im Gegensatz zu Italien Ländersache sind, gibt es die Pflicht zum Erlernen einer Fremdsprache erst am Gymnasium.
Tuesday, 31. May 2011
Nicht ohne meinen Senf
Im Ausland arbeiten heißt auch, den Alltag bewältigen. Das merke ich sehr schnell, als ich eines Abends mit knurrendem Magen in den leeren Kühlschrank blickte. Dabei ist es einfach, sich hier zu ernähren. Im nächsten Lebensmittelladen, von denen auch die kleinen Supermercato heißen, besorgt man sich ein wenig Pasta und Vino, Schinken und Mortadella, ein paar Tomaten, Essig, Öl und ein Zwiebel. Va bene, schnell ist da der Tisch gedeckt.
Im italienischen Alltag gewöhnt man sich auch schnell an die Essgewohnheiten der Einheimischen. Etwas später aufstehen als Zuhause, gleich nach der Morgentoilette aus dem Haus und ab in die nächste Bar, um einen Caffe – in Deutschland nur als Espresso bekannt – und ein Brioche mit Schokofüllung zu frühstücken. Primo Colazione, erstes Frühstück, heißt diese Koffein- und Kalorienbombe, mit der ich es locker bis zum Mittag aushalte. Und wenn ich dann keinen Appetit auf die Sandwiches aus dem Automaten habe, fahre ich in der Siesta zurück in meine Wohnung und machte mir ein kaltes Mittagessen. Abends bleibt dann Zeit für Pasta und Vino.
Doch bei aller Liebe zum italienischen Essen - nach einer Woche spätestens vermisst man deutsches Mischbrot, eine deftige Leberwurst oder ein paar Salzkartoffeln. Die teuren Ristorante, in denen es wirklich erlesenen Fisch und gutes Fleisch gibt, bieten auch regionale Spezialitäten an. Besondere Frischkäse-Mischungen für gefüllte Tortellini oder für gerollte Rindfleisch-Spezialitäten zum Beispiel. Oder diesen leckeren undefinierbaren hochprozentigen Likör aus Parma als Digestif.
Heute habe ich mir für den Alltag etwas Besonderes gegönnt: In der Fleischerei holte ich mir ein paar Scheiben Porchetta, würzigen kalten Schweinebraten mit viel Fett als wahrem Geschmacksträger. Deswegen auch habe ich den Braten mit Senf bestrichen – mit Born-Senf aus Erfurt, den ich auch in Italien stets im Reisegepäck haben. So viel Deutschland muss es dann doch sein – und das eher frugale Mahl wurde schnell ein wahres Festessen.
Im italienischen Alltag gewöhnt man sich auch schnell an die Essgewohnheiten der Einheimischen. Etwas später aufstehen als Zuhause, gleich nach der Morgentoilette aus dem Haus und ab in die nächste Bar, um einen Caffe – in Deutschland nur als Espresso bekannt – und ein Brioche mit Schokofüllung zu frühstücken. Primo Colazione, erstes Frühstück, heißt diese Koffein- und Kalorienbombe, mit der ich es locker bis zum Mittag aushalte. Und wenn ich dann keinen Appetit auf die Sandwiches aus dem Automaten habe, fahre ich in der Siesta zurück in meine Wohnung und machte mir ein kaltes Mittagessen. Abends bleibt dann Zeit für Pasta und Vino.
Doch bei aller Liebe zum italienischen Essen - nach einer Woche spätestens vermisst man deutsches Mischbrot, eine deftige Leberwurst oder ein paar Salzkartoffeln. Die teuren Ristorante, in denen es wirklich erlesenen Fisch und gutes Fleisch gibt, bieten auch regionale Spezialitäten an. Besondere Frischkäse-Mischungen für gefüllte Tortellini oder für gerollte Rindfleisch-Spezialitäten zum Beispiel. Oder diesen leckeren undefinierbaren hochprozentigen Likör aus Parma als Digestif.
Heute habe ich mir für den Alltag etwas Besonderes gegönnt: In der Fleischerei holte ich mir ein paar Scheiben Porchetta, würzigen kalten Schweinebraten mit viel Fett als wahrem Geschmacksträger. Deswegen auch habe ich den Braten mit Senf bestrichen – mit Born-Senf aus Erfurt, den ich auch in Italien stets im Reisegepäck haben. So viel Deutschland muss es dann doch sein – und das eher frugale Mahl wurde schnell ein wahres Festessen.
Monday, 30. May 2011
Benefiz mit Fisichella
Ich gebe es ja gerne zu: Ich mag keinen Fußball. Es gibt Sportarten, die mir wesentlich näher liegen. Auch große Menschenmengen sind nicht so mein Ding. Dennoch gibt es Gelegenheiten, die man sich nicht entgehen lassen soll. Heute Abend zum Beispiel: Im Stadio Tardini, dem Heimatstadion des selbst mir bekannten AC Parma, wird eine „Partita del Cuore“ ausgetragen, ein „Spiel des Herzens“.
Eine ganze Reihe von Prominenten treten dabei im Fußball gegeneinander an. National bekannte Sänger, wie Gigi dAlessio und Claudio Baglioni, Schauspieler wie Raoul Bova, Komiker wie Gene Gnocchi, Formel-1-Fahrer wie Giancarlo Fisichella, Felipe Massa und Fernando Alonso, Italiens Justizminister Angelino Alfano, Innenminister Roberto Maroni und andere Politiker treffen auf Einladung der Stiftung Telethon (vergleichbar der Aktion Mensch) aufeinander und spenden den Erlös des Abends für Patienten mit Muskeldystrophie. So viel Prominenz will ich mir nicht entgehen lassen, und so überwinde ich mal meine Aversionen und quetsche mich mit ins Stadion. Wer weiß, vielleicht wird ja noch ein richtiger Tifoso aus mir.
Ich hätte für den guten Zweck mein Ticket auch bezahlt, aber die Kollegen hier haben alles in die Wege geleitet, mir eine offizielle Akkreditierung zu verschaffen. Um die Aktion dennoch zu unterstützen, bleibt mir nur übrig, eine Spende zu überweisen, was hier ganz bequem geht – per Festnetz oder SMS bei vielen Telefongesellschaften. Bei den ausführlichen Informationen, die die Gazzetta di Parma im Vorfeld veröffentlicht hat (in ihrer heutigen Ausgabe eine ganze Seite), dürften das viele tun, die den Weg ins Stadion nicht mehr geschafft haben.
Eine ganze Reihe von Prominenten treten dabei im Fußball gegeneinander an. National bekannte Sänger, wie Gigi dAlessio und Claudio Baglioni, Schauspieler wie Raoul Bova, Komiker wie Gene Gnocchi, Formel-1-Fahrer wie Giancarlo Fisichella, Felipe Massa und Fernando Alonso, Italiens Justizminister Angelino Alfano, Innenminister Roberto Maroni und andere Politiker treffen auf Einladung der Stiftung Telethon (vergleichbar der Aktion Mensch) aufeinander und spenden den Erlös des Abends für Patienten mit Muskeldystrophie. So viel Prominenz will ich mir nicht entgehen lassen, und so überwinde ich mal meine Aversionen und quetsche mich mit ins Stadion. Wer weiß, vielleicht wird ja noch ein richtiger Tifoso aus mir.
Ich hätte für den guten Zweck mein Ticket auch bezahlt, aber die Kollegen hier haben alles in die Wege geleitet, mir eine offizielle Akkreditierung zu verschaffen. Um die Aktion dennoch zu unterstützen, bleibt mir nur übrig, eine Spende zu überweisen, was hier ganz bequem geht – per Festnetz oder SMS bei vielen Telefongesellschaften. Bei den ausführlichen Informationen, die die Gazzetta di Parma im Vorfeld veröffentlicht hat (in ihrer heutigen Ausgabe eine ganze Seite), dürften das viele tun, die den Weg ins Stadion nicht mehr geschafft haben.
Saturday, 28. May 2011
Bier, Schnaps und Völkerfreundschaft
Heute wache ich spät auf und habe statt der Zunge eine Flanelldecke im Mund.
Gestern Abend war ich noch in dem kleinen Irish Pub in der Nähe der Kirche San Giovanni. „Ich brauche dringend eine Toilette und einen irischen Whisky“, hatte ich der drallen Bedienung gesagt. Und ich meinte es ernst. Mein Rundgang durch den westlichen Teil des Stadtzentrums war beendet und ich wollte nach dem „Absacker“ zurück in meine Wohnung im Herzen von Parma. Doch nun bestellte ich den zweiten Jameson und blickte mich um. Hinter dem Tresen hing Bierwerbung, für Kilkenny und Guiness. Auch der Typ links neben mir an der Bar trank Bier. Ein „Rauchbier“ von Göller. Vor einem anderen stand ein Glas Paulaner, am Nachbartisch Radeberger. „Echtes Radeberger?“, frage ich den jungen Mann davor. „Echtes“, bestätigt er mir und freut sich, dass ich aus Deutschland bin. Er stellt mir Thomas vor. Der 34-jährige Wiener arbeitet seit acht Monaten im Referat für Futtermittelsicherheit bei der European Food Safety Authority (EFSA) in Parma. „Ich würde gerne italienisches Bier trinken, aber hier bekommt man ja keins“, beklagt er sich. Thomas findet die Trinkgewohnheiten der Italiener seltsam. „Wenn die ein Bier trinken, dann nippen sie daran wie am Wein. Aus einer Null-Sechsundsechziger-Flasche trinkt die ganze Familie.“
Die drei Männer vom Nachbartisch, alle um die 30, umringen uns, freundlich, kontaktfreudig, Italiener eben. Plötzlich kreist eine Plasteflasche mit glasklarem Inhalt. Ein griechischer Schnaps. Es lebe Griechenland, rufen sie und drängen Thomas und mir ein Glas auf. Jamas – auf die Freundschaft. „Deutschland, Deutschland über alles“, beginnt ein überall tätowierter Bursche in gutem Deutsch zu singen und schenkt das nächste Glas ein. Der mit dem Radeberger klärt mich auf: Drei Brauereien gibt es in der Region. Das Panil kommt aus Torrechiara, das Ducato aus Bussetto, dem Geburtsort Verdis und die dritte ist eine kleine Familienbrauerei in Parma, erfahre ich. Wieder kreist die Plasteflasche mit dem unbekannten griechischen Gesöff. Als ich nach Hause gehe, ist es Mitternacht und ich bin ziemlich betrunken.
Saufen für die Völkerfreundschaft – es gibt schlimmere Schicksale.
Gestern Abend war ich noch in dem kleinen Irish Pub in der Nähe der Kirche San Giovanni. „Ich brauche dringend eine Toilette und einen irischen Whisky“, hatte ich der drallen Bedienung gesagt. Und ich meinte es ernst. Mein Rundgang durch den westlichen Teil des Stadtzentrums war beendet und ich wollte nach dem „Absacker“ zurück in meine Wohnung im Herzen von Parma. Doch nun bestellte ich den zweiten Jameson und blickte mich um. Hinter dem Tresen hing Bierwerbung, für Kilkenny und Guiness. Auch der Typ links neben mir an der Bar trank Bier. Ein „Rauchbier“ von Göller. Vor einem anderen stand ein Glas Paulaner, am Nachbartisch Radeberger. „Echtes Radeberger?“, frage ich den jungen Mann davor. „Echtes“, bestätigt er mir und freut sich, dass ich aus Deutschland bin. Er stellt mir Thomas vor. Der 34-jährige Wiener arbeitet seit acht Monaten im Referat für Futtermittelsicherheit bei der European Food Safety Authority (EFSA) in Parma. „Ich würde gerne italienisches Bier trinken, aber hier bekommt man ja keins“, beklagt er sich. Thomas findet die Trinkgewohnheiten der Italiener seltsam. „Wenn die ein Bier trinken, dann nippen sie daran wie am Wein. Aus einer Null-Sechsundsechziger-Flasche trinkt die ganze Familie.“
Die drei Männer vom Nachbartisch, alle um die 30, umringen uns, freundlich, kontaktfreudig, Italiener eben. Plötzlich kreist eine Plasteflasche mit glasklarem Inhalt. Ein griechischer Schnaps. Es lebe Griechenland, rufen sie und drängen Thomas und mir ein Glas auf. Jamas – auf die Freundschaft. „Deutschland, Deutschland über alles“, beginnt ein überall tätowierter Bursche in gutem Deutsch zu singen und schenkt das nächste Glas ein. Der mit dem Radeberger klärt mich auf: Drei Brauereien gibt es in der Region. Das Panil kommt aus Torrechiara, das Ducato aus Bussetto, dem Geburtsort Verdis und die dritte ist eine kleine Familienbrauerei in Parma, erfahre ich. Wieder kreist die Plasteflasche mit dem unbekannten griechischen Gesöff. Als ich nach Hause gehe, ist es Mitternacht und ich bin ziemlich betrunken.
Saufen für die Völkerfreundschaft – es gibt schlimmere Schicksale.
Friday, 27. May 2011
Eine beeindruckende Zeitung
Die erste Arbeitswoche ist fast um und noch immer bin ich von der Geschichte der Gazzetta di Parma beeindruckt.
Die Zeitung, bei der ich für drei Wochen arbeiten darf, erscheint seit 1735 ununterbrochen, seit einer Zeit, in der Italien noch unter spanischer Vorherrschaft stand. Die Zeitung war schon 51 Jahre alt, als die französischen Revolutionstruppen die Macht an sich rissen.
Heute ist die Gazzetta ein modernes Blatt, dank der Arbeit der Journalisten und Redakteure erreicht sie eine Auflage von knapp 45.000 Exemplaren. Für eine Zeitung, deren Leser sich überwiegend in der Stadft (180.000 Einwohner) und im Großraum Parma (zirka 420.000 Einwohner) befinden, eine beachtliche Zahl. Die Akzeptanz des Blattes ist hoch, der Chefredakteur, Giuliano Molossi, gilt in Parma als einflussreicher Mann.
Molossi erscheint wie ein moderner Patriarch. Korrekt gekleidet, grauhaarig und mit fein geschnittenen Zügen, sparsam mit Worten und Gesten, dirigiert er das Geschehen in dem modernen Redaktionsgebäude an der Via Mantova, genau an der Grenze zwischen der Stadt und einem vorgelagerten Industriegebiet. An der Wand in Molossis immer offenen Büro mit den zwei großen Glasfronten hängen historische Ausgaben, Urkunden, und ein poster-großes Schwarz-Weiß-Foto von seinem Vater. Der war vor Giuliano Molossi Chefredakteur des Blattes – 35 Jahre lang. Dort stellt er sich auch mit großem Selbstverständnis hin, als ich ihn um ein Porträt bitte.
Zweimal täglich gibt es Redaktionssitzungen beim Direttore. In lockerer Runde besprechen die Ressortleiter ihre Pläne für die Seiten und den Arbeitsstand. Molossi spricht leise, korrigiert, fragt, fordert, lächelt. Aber er kann auch urplötzlich laut und leidenschaftlich werden, wenn er mit seinen Ressortleitern in Streit gerät.
Als der Chefredakteur die Ausgaben der „Thüringer Allgemeine“ durchblättert, hellt sich seine Miene auf. Vor allem die Struktur in einzelnen Bücher fällt ihm auf - bei der Gazzetta sind alle Seiten in ein Buch gefaltet. Die Thüringer Art, Zeitung zu machen, gefällt ihm. „Warum funktioniert das nicht in Italien?“, fragt er die Kollegen. Den Sportteil für den Papa, das Lokale für die Mama und die Weltnachrichten für den Filius – das gefällt ihm. Und dann der Druck der Thüringer Zeitung. Da schwingt sogar ein bisschen Begeisterung mit, als er die Ausgabe lobt. Tolle Fotos, auf denen man jedes Detail erkennt, lebensechte Farben, das muss an der Rotation liegen, ist sich Molossi sicher. Ich lächele artig, weil ich vom Druck einer Zeitung nun wirklich keine Ahnung habe, freue mich aber quasi als Gesandter der vielen Frauen und Männer im fernen Thüringen über das Lob.
Die Zeitung, bei der ich für drei Wochen arbeiten darf, erscheint seit 1735 ununterbrochen, seit einer Zeit, in der Italien noch unter spanischer Vorherrschaft stand. Die Zeitung war schon 51 Jahre alt, als die französischen Revolutionstruppen die Macht an sich rissen.
Heute ist die Gazzetta ein modernes Blatt, dank der Arbeit der Journalisten und Redakteure erreicht sie eine Auflage von knapp 45.000 Exemplaren. Für eine Zeitung, deren Leser sich überwiegend in der Stadft (180.000 Einwohner) und im Großraum Parma (zirka 420.000 Einwohner) befinden, eine beachtliche Zahl. Die Akzeptanz des Blattes ist hoch, der Chefredakteur, Giuliano Molossi, gilt in Parma als einflussreicher Mann.
Molossi erscheint wie ein moderner Patriarch. Korrekt gekleidet, grauhaarig und mit fein geschnittenen Zügen, sparsam mit Worten und Gesten, dirigiert er das Geschehen in dem modernen Redaktionsgebäude an der Via Mantova, genau an der Grenze zwischen der Stadt und einem vorgelagerten Industriegebiet. An der Wand in Molossis immer offenen Büro mit den zwei großen Glasfronten hängen historische Ausgaben, Urkunden, und ein poster-großes Schwarz-Weiß-Foto von seinem Vater. Der war vor Giuliano Molossi Chefredakteur des Blattes – 35 Jahre lang. Dort stellt er sich auch mit großem Selbstverständnis hin, als ich ihn um ein Porträt bitte.
Zweimal täglich gibt es Redaktionssitzungen beim Direttore. In lockerer Runde besprechen die Ressortleiter ihre Pläne für die Seiten und den Arbeitsstand. Molossi spricht leise, korrigiert, fragt, fordert, lächelt. Aber er kann auch urplötzlich laut und leidenschaftlich werden, wenn er mit seinen Ressortleitern in Streit gerät.
Als der Chefredakteur die Ausgaben der „Thüringer Allgemeine“ durchblättert, hellt sich seine Miene auf. Vor allem die Struktur in einzelnen Bücher fällt ihm auf - bei der Gazzetta sind alle Seiten in ein Buch gefaltet. Die Thüringer Art, Zeitung zu machen, gefällt ihm. „Warum funktioniert das nicht in Italien?“, fragt er die Kollegen. Den Sportteil für den Papa, das Lokale für die Mama und die Weltnachrichten für den Filius – das gefällt ihm. Und dann der Druck der Thüringer Zeitung. Da schwingt sogar ein bisschen Begeisterung mit, als er die Ausgabe lobt. Tolle Fotos, auf denen man jedes Detail erkennt, lebensechte Farben, das muss an der Rotation liegen, ist sich Molossi sicher. Ich lächele artig, weil ich vom Druck einer Zeitung nun wirklich keine Ahnung habe, freue mich aber quasi als Gesandter der vielen Frauen und Männer im fernen Thüringen über das Lob.
Thursday, 26. May 2011
Parma im Sattel
Gianluca ist ein Mann, der aussieht, als würde er leidenschaftlich gerne kochen oder essen. Wir sind in der Redaktion verabredet, um gemeinsam auf unsere Fahrrad-Runde durch Parma zu gehen. Ich staune, wie behende und sicher sich der 48-Jährige auf dem Fahrrad bewegt – wie angewachsen.
Er erklärt mir die Struktur der Radwege: Ein großer Ring führt um den Stadtkern herum, von da aus zweigen - wie die Strahlen einer Sonne – einzelne Wege in alle Richtungen ab. 100 Kilometer Radwege sind es insgesamt, sagt der kleine Faltplan, der leider nur eine Übersicht gibt.
Erst vor wenigen Jahren hat die Kommune begonnen, die Radwege mit einem grünen Anstrich zu versehen. Das ist hilfreich. Wo die Bürgersteige breit sind, kann man sich auch bequem auf dem Fahrrad bewegen. Die Verkehrsregeln in Italien sind für Radfahrer ähnlich streng wie in Deutschland. Nur es hält sich niemand daran. Siehe Zentrum: Es soll den Fußgängern vorbehalten bleiben. Die Radfahrer haben dennoch das Zentrum erobert und es wird Zeit, dass die Regeln dem Leben angepasst werden.
Die Fahrt mit Gianluca wird zur Sightseeing-Tour, ich bin begeistert. Er zeigt mir den Bahnhof und den neuen EFSA-Palast nebst Europa-Brücke, den Parco Ducale, den Wasserturm und das Stadion des AC Parma. Er zeigt mir auch den überraschenden Wechsel von der Stadt ins ländlich ruhige Gebiet ganz in der Nähe seines Hauses.
Erst nach vier Stunden schiebe ich das Rad wieder in den Punto Bici an der Via Toschi. Ich zahle 2,50 Euro – recht wenig für ein Ganztagsabenteuer an frischer Luft. Dass mir als passioniertem Radfahrer abends dennoch das Hinterteil weh tut, liegt wohl an der ungewohnt niedrigen Sitzposition auf dem alten Damenrad; etwas Moderneres hat die Stadt als Mietrad nicht zu bieten.
Parma in Bici – ein Fazit: Als Transportmittel von A nach B ist das Fahrrad in Parma ideal, auch weil die Stadt flach wie ein Eierkuchen ist. Um sportlich zu fahren, muss man die Stadt jedoch verlassen; enge Fahrspuren und reichlich Verkehr drücken aufs Tempo. Ein gemächliches Dahinrollen ist jedoch jederzeit möglich. Was die Stadtväter jetzt in Angriff nehmen müssen, ist eine Beschilderung, die den Weg zu den einzelnen touristischen Zielen weist. Ohne Gianluca nämlich wäre ich auf meinem kleinen Giro di Parma aufgeschmissen gewesen.
Er erklärt mir die Struktur der Radwege: Ein großer Ring führt um den Stadtkern herum, von da aus zweigen - wie die Strahlen einer Sonne – einzelne Wege in alle Richtungen ab. 100 Kilometer Radwege sind es insgesamt, sagt der kleine Faltplan, der leider nur eine Übersicht gibt.
Erst vor wenigen Jahren hat die Kommune begonnen, die Radwege mit einem grünen Anstrich zu versehen. Das ist hilfreich. Wo die Bürgersteige breit sind, kann man sich auch bequem auf dem Fahrrad bewegen. Die Verkehrsregeln in Italien sind für Radfahrer ähnlich streng wie in Deutschland. Nur es hält sich niemand daran. Siehe Zentrum: Es soll den Fußgängern vorbehalten bleiben. Die Radfahrer haben dennoch das Zentrum erobert und es wird Zeit, dass die Regeln dem Leben angepasst werden.
Die Fahrt mit Gianluca wird zur Sightseeing-Tour, ich bin begeistert. Er zeigt mir den Bahnhof und den neuen EFSA-Palast nebst Europa-Brücke, den Parco Ducale, den Wasserturm und das Stadion des AC Parma. Er zeigt mir auch den überraschenden Wechsel von der Stadt ins ländlich ruhige Gebiet ganz in der Nähe seines Hauses.
Erst nach vier Stunden schiebe ich das Rad wieder in den Punto Bici an der Via Toschi. Ich zahle 2,50 Euro – recht wenig für ein Ganztagsabenteuer an frischer Luft. Dass mir als passioniertem Radfahrer abends dennoch das Hinterteil weh tut, liegt wohl an der ungewohnt niedrigen Sitzposition auf dem alten Damenrad; etwas Moderneres hat die Stadt als Mietrad nicht zu bieten.
Parma in Bici – ein Fazit: Als Transportmittel von A nach B ist das Fahrrad in Parma ideal, auch weil die Stadt flach wie ein Eierkuchen ist. Um sportlich zu fahren, muss man die Stadt jedoch verlassen; enge Fahrspuren und reichlich Verkehr drücken aufs Tempo. Ein gemächliches Dahinrollen ist jedoch jederzeit möglich. Was die Stadtväter jetzt in Angriff nehmen müssen, ist eine Beschilderung, die den Weg zu den einzelnen touristischen Zielen weist. Ohne Gianluca nämlich wäre ich auf meinem kleinen Giro di Parma aufgeschmissen gewesen.
Wednesday, 25. May 2011
Deutsche Pünktlichkeit
Gestern in der Redaktion der Gazzetta: Gemeinsam mit Anna und Gianluca, der mich dabei begleiten wird, besprechen wir die Details des kleinen Giro, den ich mir vorgenommen habe. Der Treffpunkt ist vereinbart, Anna schaut auf die Uhr und erinnert mich an die Riunione, die Redaktionssitzung am Nachmittag. Es ist 15.50 Uhr. Exakt acht Minuten später stehe ich vor ihrem Schreibtisch. Andiamo – Gehen wir? Anna blickt auf ihre Uhr und bricht in Lachen aus. In ihren Augen sitzt der Schalk. 15.58 Uhr. Das ist die echte deutsche Pünktlichkeit, meint sie.
Ein Urteil oder ein Vorurteil?
Sind die Deutschen wirklich über-korrekt? In einem Kommentar auf das Online-Interview zu meiner Vorstellung bei der Gazzetta di Parma hat ein italienischer Leser eingeräumt, dass er genau das an den Deutschen liebt: Precisione - Gründlichkeit und Genauigkeit.
Und wie ist das bei den Italienern? Kommen sie grundsätzlich zu spät? Nach meinen Erfahrungen nicht. Aber, und das ist sehr angenehm, für sie geht auch wegen ein paar Minuten die Welt nicht unter.
Eine Mischung von beidem wäre wohl ideal: Kein Termindruck, aber Busse und Züge kommen wenigstens pünktlich ...
Schon heute morgen habe ich Gelegenheit, die Vorurteile auf die Probe zu stellen. Ich verspäte mich. Zu lange hat es gedauert, bis ich auf meinem kleinen Netbook die Fotos von gestern bearbeitet habe. 11.30 Uhr bin ich mit Gianluca verabredet. Doch es wird später. 11.36 Uhr, ich bin noch mitten in der Stadt, klingelt mein Handy – Anna ist dran. Oho, denke ich! Sie wird sich doch nicht etwa deutsche Pünktlichkeit angewöhnen wollen? Doch sie fragt nur, ob mir etwas zugestoßen ist – schließlich wollte ich mit dem Fahrrad kommen. Sorge schwingt in ihrer Stimme mit, aber kein bisschen Vorwurf wegen der paar Minuten. Die Welt ist wieder in Ordnung.
Ein Urteil oder ein Vorurteil?
Sind die Deutschen wirklich über-korrekt? In einem Kommentar auf das Online-Interview zu meiner Vorstellung bei der Gazzetta di Parma hat ein italienischer Leser eingeräumt, dass er genau das an den Deutschen liebt: Precisione - Gründlichkeit und Genauigkeit.
Und wie ist das bei den Italienern? Kommen sie grundsätzlich zu spät? Nach meinen Erfahrungen nicht. Aber, und das ist sehr angenehm, für sie geht auch wegen ein paar Minuten die Welt nicht unter.
Eine Mischung von beidem wäre wohl ideal: Kein Termindruck, aber Busse und Züge kommen wenigstens pünktlich ...
Schon heute morgen habe ich Gelegenheit, die Vorurteile auf die Probe zu stellen. Ich verspäte mich. Zu lange hat es gedauert, bis ich auf meinem kleinen Netbook die Fotos von gestern bearbeitet habe. 11.30 Uhr bin ich mit Gianluca verabredet. Doch es wird später. 11.36 Uhr, ich bin noch mitten in der Stadt, klingelt mein Handy – Anna ist dran. Oho, denke ich! Sie wird sich doch nicht etwa deutsche Pünktlichkeit angewöhnen wollen? Doch sie fragt nur, ob mir etwas zugestoßen ist – schließlich wollte ich mit dem Fahrrad kommen. Sorge schwingt in ihrer Stimme mit, aber kein bisschen Vorwurf wegen der paar Minuten. Die Welt ist wieder in Ordnung.
(Page 1 of 2, totaling 17 entries)
next page »


