Die erste Arbeitswoche ist fast um und noch immer bin ich von der Geschichte der Gazzetta di Parma beeindruckt.
Die Zeitung, bei der ich für drei Wochen arbeiten darf, erscheint seit 1735 ununterbrochen, seit einer Zeit, in der Italien noch unter spanischer Vorherrschaft stand. Die Zeitung war schon 51 Jahre alt, als die französischen Revolutionstruppen die Macht an sich rissen.
Heute ist die Gazzetta ein modernes Blatt, dank der Arbeit der Journalisten und Redakteure erreicht sie eine Auflage von knapp 45.000 Exemplaren. Für eine Zeitung, deren Leser sich überwiegend in der Stadft (180.000 Einwohner) und im Großraum Parma (zirka 420.000 Einwohner) befinden, eine beachtliche Zahl. Die Akzeptanz des Blattes ist hoch, der Chefredakteur, Giuliano Molossi, gilt in Parma als einflussreicher Mann.
Molossi erscheint wie ein moderner Patriarch. Korrekt gekleidet, grauhaarig und mit fein geschnittenen Zügen, sparsam mit Worten und Gesten, dirigiert er das Geschehen in dem modernen Redaktionsgebäude an der Via Mantova, genau an der Grenze zwischen der Stadt und einem vorgelagerten Industriegebiet. An der Wand in Molossis immer offenen Büro mit den zwei großen Glasfronten hängen historische Ausgaben, Urkunden, und ein poster-großes Schwarz-Weiß-Foto von seinem Vater. Der war vor Giuliano Molossi Chefredakteur des Blattes – 35 Jahre lang. Dort stellt er sich auch mit großem Selbstverständnis hin, als ich ihn um ein Porträt bitte.
Zweimal täglich gibt es Redaktionssitzungen beim Direttore. In lockerer Runde besprechen die Ressortleiter ihre Pläne für die Seiten und den Arbeitsstand. Molossi spricht leise, korrigiert, fragt, fordert, lächelt. Aber er kann auch urplötzlich laut und leidenschaftlich werden, wenn er mit seinen Ressortleitern in Streit gerät.
Als der Chefredakteur die Ausgaben der „Thüringer Allgemeine“ durchblättert, hellt sich seine Miene auf. Vor allem die Struktur in einzelnen Bücher fällt ihm auf - bei der Gazzetta sind alle Seiten in ein Buch gefaltet. Die Thüringer Art, Zeitung zu machen, gefällt ihm. „Warum funktioniert das nicht in Italien?“, fragt er die Kollegen. Den Sportteil für den Papa, das Lokale für die Mama und die Weltnachrichten für den Filius – das gefällt ihm. Und dann der Druck der Thüringer Zeitung. Da schwingt sogar ein bisschen Begeisterung mit, als er die Ausgabe lobt. Tolle Fotos, auf denen man jedes Detail erkennt, lebensechte Farben, das muss an der Rotation liegen, ist sich Molossi sicher. Ich lächele artig, weil ich vom Druck einer Zeitung nun wirklich keine Ahnung habe, freue mich aber quasi als Gesandter der vielen Frauen und Männer im fernen Thüringen über das Lob.
Friday, 27. May 2011
Eine beeindruckende Zeitung
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