Dunkle Gassen, zwielichtige Gestalten und natuerlich die allgegenwaertige Camorra - Neapel ist wie gemacht fuer Krimis. Trotzdem spielt die Stadt bei deutschen Krimifans bislang nur eine Nebenrolle. Und dies, obwohl Krimis made in Italy in Deutschland seit Jahren Hochkonjunktur haben. Doch vielen Lesern kommt es dabei weniger auf eine ausgefeilte Story, als vielmehr auf reichlich Lokalkolorit und - angebliches - mediterranes Lebensgefuehl an. Dabei macht es ihnen auch nichts aus, wenn die Lieblings-Autoren gar keine Italiener sind. Doch nun bricht ein Neapolitaner in diese Phalanx der Etablierten ein.
Donna Leon - das klingt so wunderbar italienisch. Dass die Autorin, die seit knapp 20 Jahren mit ihren Krimis rund um den venezianischen Commissario Guido Brunetti einen Bestseller nach dem anderen produziert, in Wahrheit Amerikanerin mit Wohnsitz in Venedig ist, stoert ihre treuen Fans nicht. Hauptsache Leons Geschichten liefern zuverlaessig das gewohnte Venedig-Flair, bei dem man so schoen vom letzten Urlaub am Canal Grande traeumen kann. Auch dass die Autorin reichlich Klischees und Stereotypen produziert, schadete ihrem Erfolg bislang nicht.
Erfolg, wenn auch nicht im gleichen Masse wie Donna Leon, kann auch Veit Heinichen vorweisen. Der Deutsche, der seit einigen Jahren in Triest lebt, schickt in seinen Buechern den Commissario Proteo Laurenti auf die Strassen seiner Wahlheimat, wo er sich mit Rechtsradikalen oder Banden aus dem ehemaligen Jugoslawien herumschlagen muss. Verglichen mit Donna Leons Venedig-Krimis, bieten Heinichens Romane allerdings praezise und exakt beschriebene Charaktere sowie glaubwuerdige Plots. Auch er kann inzwischen auf eine treue Fangemeinde zaehlen.
Gemeinsam haben die Italien-Romane der Amerikanerin und des Deutschen, dass sie fuer das deutsche Fernsehen verfilmt wurden - an den italienischen Originalschauplaetzen, allerdings mit deutschen Schauspielern. Wenn dann Deutsche Italiener spielen (so wie Deutsche sich Italiener eben vorstellen), dann wirkt das bisweilen unfreiwillig komisch. Die Brunetti-Verfilmungen schwelgen ausserdem in endlosen Kameraschwenks ueber Rialto-Bruecke oder Markusplatz, so dass man sich als Zuschauer bisweilen in einen Werbestreifen des venezianischen Fremdenverkehrsamts versetzt fuehlt.
Der beliebteste italienische Krimi-Autor, dessen Buecher sich auch gelegentlich in den Bestsellerlisten wiederfinden, ist der Sizilianer Andrea Camilleri. Sein atmosphaerisch dichter, aber bisweilen auch sproeder Erzaehlstil ist nicht jedermanns Sache in Deutschland, zumal die sizilianischen Eigenheiten in Sprache und Handlung oft kaum ins Deutsche uebertragbar sind. Auch die Verfilmung der Geschichten um den sizilianischen Commissario Salvo Montalbano fanden in Deutschland kein sehr grosses Publikum.
Wachsender Beliebtheit erfreuen sich jetzt die Krimis des Neapolitaners Maurizio de Giovanni. Die steigenden Verkaufszahlen seiner Buecher koennten den Beginn einer Trendwende in der deutsch-italienischen Krimi-Beziehung markieren. Der Mann aus Napoli, dessen duester-melancholische Faelle fuer seinen Commissario Ricciardi im Neapel der 30er Jahre angesiedelt sind, verzichtet konsequent auf folkloristisches Beiwerk. "Wer Wohlgefuehl sucht", sagt Maurizio de Giovanni, "der soll in die Toskana oder an die Seen im Norden gehen. Wer aber eine Narbe auf der Seele sucht, der muss nach Napoli kommen." Immer mehr Deutsche folgen ihm dorthin. Zumindest literarisch.
Sunday, 19. June 2011
Ein Commissario aus Neapel
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