Aus der Taufe gehoben wurde die Generation 09 durch Studentenproteste in Österreich, die sich dann im Juni 2009 auf mehrere Bundesländer in Deutschland „ausgeweitet“ haben. Vor etwa drei Jahren um diese Zeit, rief die 2009 ins Leben gerufene Projektgruppe „Bildungsstreik“ Schüler und Studenten dazu auf, bundesweit gegen die deutsche Bildungssituation zu demonstrieren.

In der Aktionswoche vom 15-19. Juni 2009 protestierten etwa 4000 Schüler und Studenten auf öffentlichen Plätzen, vor dem Landtag oder auch in den Universitäten selber. Die Bildungssituation der Universitäten und Schulen in Deutschland wird schon seit längerer Zeit diskutiert und kritisiert: die Zulassungsverfahren der Universitäten sind undurchsichtig und undemokratisch; das neue Bachelor-/Mastersystem adaptiert sich nicht; die Studiengebühren verhindern konzentriertes und effektives Studieren. An den Schulen herrscht Lehrernotstand, Unterfinanzierung, die Schulklassen sind zu groß, das vielgliederige Schulsystem zu undurchschaubar.
Eine zweite Protestwelle erfolgte im November desselben Jahres: bundesweit gingen ca. 200.000 Studenten auf die Straße, um zu protestieren. Ganz ähnlich den aktuellen Studentenprotesten in Québec stand die Forderung nach Abschaffung und Nicht-Erhöhung der Studiengebühren an erster Stelle, in Deutschland dann jedoch dicht gefolgt von dem Ruf nach Verbesserung der allgemeinen Studienbedingungen, allen voran die Neureformierung der sog. "Bologna-Reform".
Der Bologna-Prozess
Der Bologna-Prozess ist ein politisches Vorhaben, welches 1999 von etwa 30 europäischen Bildungsministern ins Leben gerufen wurde, um bis 2010 einen gemeinsamen europäischen Bildungsraum zu schaffen. Die Bachelor- und Masterabschlüsse sollen eine höhere Mobilität der Studenten für Auslandsaufenthalte erreichen und die Studiengänge europaweit vernetzen. Durch die starke Modularisierung der neuen Studienform kommt es allerdings zu einer höheren Verschulung der deutschen Universitäten.
Bei dem Streik wurde genau dies als Hauptpunkt kritisiert: das Bachelor- und Mastersystem sei nicht umsetzbar, die Universitäten neigen zur Verschulung, man müsse das gesamte Hochschulsystem reformieren. Sogar Bildungsministerin Annette Schavan bestätigte, dass es an dem „neu“ eingeführten System noch einiges zu verbessern gäbe. Der Bologna-Prozess hat seine Ziele verfehlt, anstatt Grenzen zu öffnen, schränkte sich die Mobilität der Studenten sogar noch ein, der Bürokratieaufwand für die Anerkennung europäischer Kreditpunkte stieg gewaltig.

Die Ergebnisse des Streiks 2009 befriedigten jedoch nur punktuell: Die Studiengebühren wurden nur an einer handvoll Universitäten gesenkt und das Bafög (finanzielle Regierungshilfe für Kinder aus gering verdienenden Familien) ein wenig erhöht. Nur wenige Prüfungsordnungen der Bachelorstudiengänge wurden überprüft. Im Großen und Ganzen bleibt das Bologna-System somit erhalten.
Positive, längerfristige Auswirkungen waren allerdings das große Medieninteresse, die Bildung von Vereinigungen, welche sich mit bildungspolitischen Fragen auseinandersetzten und die Bereitschaft, von der Generation 2009 zu lernen und auch in Zukunft gegen kritikwürdige Bildungspolitik auf die Straße zu gehen.
Zentrum Dresden – vom Lehrstuhl zum Leerstuhl
So zum Beispiel in Dresden, Sachsen: auch hier protestierten die Studenten 2009 für eine bessere Bildung und die Streiks setzten sich bis 2012 fort. Erst vor zwei Wochen gingen wieder mehrere Tausend Schüler und Studenten gegen die sächsische Bildungspolitik auf die Straße; hier geht es ans Kleingedruckte: denn die Dresdner Studenten beschäftigt hauptsächlich die Frage danach, was passiert, wenn aus einem Lehrstuhl ein Leerstuhl wird. Damit protestieren sie gegen die zahlreichen Stellenstreichungen an den sächsischen Universitäten. Unter anderem aus dem sächsischen Chemnitz und Leipzig kamen die Studenten zusammen, um am 11. Mai 2012 gemeinsam in der Landeshauptstadt Dresden gegen den Bildungsnotstand zu demonstrieren. Und diesmal folgten die Ergebnisse prompt: auf Grund der anhaltenden Proteste wurde von der sächsischen Wirtschaftsministerin Sabine von Schorlemer ein Millionenstarkes Förderpaket für den Bereich der Lehrerbildung auf den Weg gebracht, welches die schon seit Jahren überfällige Sanierung der Lehrerbildung, der Lehrpläne und Hochschulen ins Rollen bringen soll und bis zu diesem Wintersemester 2012/13 etwa 300 neue Stellen schaffen will. Für die Stellenschaffung im Bereich der Lehrerausbildung bekommt die TU Dresden 13 Millionen und die Universität Leipzig noch einmal 29 Millionen Euro.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Ankündigungen auch umgesetzt werden, damit endlich aus Leerstühlen wieder Lehrstühle werden können und diese Veränderungen auch im Rest Deutschlands positive Entwicklungen anstoßen.
Für mehr Informationen über den bundesweiten Bildungsstreik, die eigens dafür geschaffene Website: Bildungsstreik
