Goethe-Institut - Blog Transit

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Editorial




Zehn Tage nach der Revolution kehrt Kairo, so hat es den Anschein, zurück zur Normalität. Ein Ladenbesitzer poliert die Schaufensterscheiben. Von einem Lieferwagen wird Mineralwasser abgeladen. Am Goethe-Institut, um die Ecke vom Tahrir-Platz, steht noch ein schrottreifer blauer Mannschaftswagen der Sicherheitskräfte. Zwei platte Reifen, die Motorhaube abgerissen, so ist er übrig geblieben von den Demonstrationen und Straßenschlachten. Seine Flanke ziert, wie von erleichterter Hand gesprüht, das Graffiti „The end“.

Mit dem 11. Februar 2011 teilt sich unser Leben ein für alle Mal in zwei Hälften – in die alte Zeit und die neue. Etwas ist vorbei, und etwas Neues hat begonnen. Eine nicht gekannte Lebendigkeit liegt plötzlich in der Luft, verschönert die Gesichter und macht sich in Gesprächen vernehmlich. Alle haben wahnsinnig viel zu tun, man trifft sich, man kommuniziert unablässig. Kairo ist im Moment eine Großbaustelle entschlossenen Reformwillens – denn es gilt nicht weniger, als eine ganze Gesellschaft neu zu errichten.

Was begonnen hat, ist eine Übergangszeit. Niemand weiß, wie lange sie dauern wird. Ein paar Monate? Bis zu den nächsten Wahlen? In dieser Zeit muss Neues geschaffen werden, und vorerst drängt sich vor allem die eine Frage nach vorn: Die alte Zeit ist zwar vorbei, aber keineswegs vergangen, und wie soll man überhaupt mit ihr umgehen?

Der Weblog „Transit“ macht den Versuch, die laufenden Prozesse aufzuzeichnen und zu reflektieren, in Beiträgen arabischer und internationaler Autoren. Wie sieht das Leben in der Übergangsgesellschaft aus? Was geht vor sich, und wie wird es diskutiert? Wir werden uns dabei vor allem zwei Schwerpunkten widmen, dem kulturellen Sektor und den Veränderungen in den jugendlichen Lebenswelten. Der Blick soll dabei nicht auf Kairo beschränkt bleiben – unser Interesse gilt der ganzen arabischen Welt.

Konkret, vielschichtig, aus verschiedenen Perspektiven – so wollen wir eine Wirklichkeit abbilden, von der im Moment noch niemand sagen kann, wohin sie sich entwickelt.

Günther Hasenkamp
Der Autor ist Leiter der kulturellen Programmarbeit am Goethe-Institut Kairo.
Administrator
2012-02-29

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Kommentare / تعليقات

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