Die saudi-arabische Autorin Huda Al-Daghfaq hat das Buch „Ich zerreiße den Schleier und sehe“ geschrieben. Ahmed Al-Wassel berichtet vom Kampf einer intellektuellen Frau in Saudi-Arabien.
Montag, 14. November 2011
Huda Al-Daghfaq schreibt sich frei
Die saudi-arabische Autorin Huda Al-Daghfaq hat das Buch „Ich zerreiße den Schleier und sehe“ geschrieben. Ahmed Al-Wassel berichtet vom Kampf einer intellektuellen Frau in Saudi-Arabien.
Huda Al-Daghfaq ist eine Kämpferin. Ihre Karriere als Dichterin und Journalistin steht ganz im Zeichen der innovativen Impulse, die ihre Vorgängerinnen Samira Kashoggi, Sultana As-Sudairi und Sara Buhaimed in den 1960er Jahren gesetzt haben. Nach Ende der 1970er wurden sie in den Gedichten, Kurzgeschichten und Romanen von Latifa Al-Salim, Huda Al-Rashid, Fawzia Abu Khaled, Ghayda Al-Manfa (Haya Al-Ariny) und Badia Kashgari aufgegriffen.
Die zeitgenössische Autorin Huda Al-Daghfaq wird deshalb oft in einem Atemzug mit Fawzia Al-Bakr, Badriya Al-Bishr, Umaima al-Khamis und Leila Al-Uheidab genannt. Über zwanzig Jahre lang hat sie es auf einzigartige Weise geschafft, sich als Journalistin, Kulturschaffende und Dichterin einen Namen zu machen.
Mit ihrer dieses Jahr im Jadawel-Verlag, in Beirut, erschienenen Autobiografie „Ich zerreiße den Schleier und sehe“ hat sie jetzt auf ausgezeichnete Weise das Schicksal einer intellektuellen Frau in Saudi-Arabien beschrieben. Kritisch setzt sie sich darin mit den Traditionen und dem Familienrecht in der modernen saudi-arabischen Gesellschaft auseinander. Vor allem dem patriarchalischen Umgang mit Frauen, in der Öffentlichkeit und im Staatsapparat, gilt ihr Augenmerk.
Huda Al-Daghfaq zu Folge wird Sexualität in Saudi-Arabien „als reine Männersache“ betrachtet. „Die Bedürfnisse der Ehefrau fallen unter den Tisch.“ Viele Frauen leiden noch nach mehreren Jahren der Ehe darunter, dass sie mit ihrem Ehemann ihre Weiblichkeit nicht ihren Bedürfnissen entsprechend ausleben können. Vielen muss die Selbstbefriedigung genügen.
Den Schleier betrachtet Huda Al-Daghfaq als Fessel, die die Existenzberechtigung der Frau von Kindesbeinen an in Frage stellt. Der Geschlechterkonflikt im Spannungsfeld des kulturellen Alltags beschäftigt sie ebenso, wie die Farben der traditionellen Frauenkleidung in den Golfstaaten. „Das schwarze Gewand ist mein Schicksal und zugleich Symbol einer vorislamischen Tradition, die meine Ehrbarkeit prinzipiell in Frage stellt. Die Farbe Schwarz konnte ich noch nie leiden! Sie erinnert mich an Krähen und an trostloses Dunkel. Sie nimmt mir die Luft zum Atmen.“
Besonders eindrücklich wird die lähmende Abhängigkeit der Frauen von ihren Vätern und Ehemännern beschrieben, zum Beispiel wenn sie eine Reise unternehmen oder ein Bankkonto eröffnen möchten. Huda Al-Daghfaq selbst hat – trotz des saudi-arabischen Fahrverbots für Frauen – 2004 in Bahrain den Führerschein gemacht.
Unter dem Titel „Mein verhinderter Lebenslauf“ schildert die Autorin den Widerstand, der ihr von Anfang an gegenüber stand. Sie schreibt über ihren Vater und den Bruder ihrer Mutter, die sie bei ihren ersten literarischen Gehversuchen unterstützten. Ihre Schwestern versuchten sie dagegen zu überzeugen, ihre Artikel unter einem Pseudonym zu veröffentlichen.
Sie erzählt wie Extremisten ihr Gedicht „Ausbruch der unterdrückten Freude“ aufnahmen, das vom ultrakonservativen Scheich Awad Al-Qarni schwer verunglimpft wurde. Er gilt als erbarmungsloser Kritiker von Künstlern und hat in seinem 1988 erschienen Buch „Die Moderne aus islamischer Sicht“ eine ganze Generation von Kulturschaffenden verurteilt.
Inhaltlich besteht Al-Qarnis Buch weitgehend aus den Tonband-Vorträgen, die sich Mitte der 80er Jahre bei den saudi-arabischen Anhängern des Predigers Mohammed Kishk großer Beliebtheit erfreuten. Es hat jedoch die Literaturszene im Saudi-Arabien der 1990er Jahre direkt beeinflusst. Auch Huda Al-Daghfaq war unmittelbar betroffen. Als Dichterin der Moderne sah sich die damals frisch gebackene Lehrerin ständig Anfeindungen ausgesetzt.
Stets darauf bedacht, ihre Analysefähigkeiten und juristischen Kenntnisse zu erweitern, um für ihr Recht kämpfen zu können, besuchte sie Seminare, auch in Europa. Darüber hinaus veröffentlichte sie wissenschaftliche Aufsätze und hielt Vorträge über Frauen und Journalismus, Publizistik und Kreativität.
Reger Kulturaustausch, findet Huda Al-Daghfaq, hilft intellektuellen Frauen ihre literarischen Projekte zu verwirklichen. Aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung schreibt sie auch, in einer Zeit in der Saudi-Arabien zusehends den Anschluss an die Realität der arabischen und globalen Welt verliert, könne man die Rolle der elektronischen Medien für Literatur und Bildung nicht hoch genug einschätzen. Ihr Tagebuch habe ihr geholfen, ihre Kreativität zu entfalten, auch wenn diese Aufzeichnungen nicht in ihre Werke einfließen. Auch Kunst und Musik haben ihren Horizont erweitert und ihre Fantasie angeregt.
Zuletzt schreibt die Autorin in einer „Letzten Stellungnahme“ über ihre Dichterlesung in Dschidda. Dass eine Frau vor einem männlichen Publikum Gedichte vorträgt, ist in Saudi-Arabien unschicklich. Doch Huda Al-Daghfaq setzte sich durch, obwohl sie deswegen scharf angegriffen wurde.
Schreibend hat sie ihre Persönlichkeit entfaltet. Und wenn sie den Schleier zerreißt, eröffnen sich ihr neue Horizonte.
Huda Al-Daghfaq ist 1967 in Riadh geboren und schreibt seit 1983. Sie hat Arabistik an der King Saud University in Riadh studiert und als Lehrerin und Journalistin gearbeitet. Zuletzt hat sie den Gedichtband „Mein Schmerz, der nie vergeht“ (2011) veröffentlicht.
Ahmed Alwasel ist ein saudi-arabischer Dichter, Schriftsteller und Kulturanthropologe. 2005 gewann er den von der Zeitung Al-Riad ausgeschriebenen „Preis des arabischen Dichters“ und 2006 den vom Verlagshaus Al-Sada verliehenen „Preis für den besten Roman“. Sein letzter Gedichtband „Die Schrecken der Heiterkeit“ erschien 2009. Neben mehreren literaturkritischen Büchern hat er zwei Romane verfasst: „Die Riad-Sure“ (2007) und „Rosen und Cappuccino“ (2011).
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