Der palästinensische Blogger Saed Karzoun wundert sich darüber, dass die Einwohner Ramallahs keine Einwände erheben gegen die zunehmende Verschlechterung der Lebensumstände, die alle zu verschlingen droht.
Sonntag, 23. Oktober 2011
Ramallah frisst sich und seine Kinder
Der palästinensische Blogger Saed Karzoun wundert sich darüber, dass die Einwohner Ramallahs keine Einwände erheben gegen die zunehmende Verschlechterung der Lebensumstände, die alle zu verschlingen droht.
Meine Liebe zu Ramallah hat mich eine Zeit lang davon abgehalten, über die negativen Seiten dieser Stadt zu schreiben. Aber ich kann über die Gefahr, die Ramallah und seine Bewohner zu verschlingen droht, nicht länger schweigen: dieses Mal ist es keine Flut, sondern es sind die herrschenden Lebensumstände und die Ausbeutung jedes Bürgers, der irgendein Anliegen hat.
Für den Verfall der Stadt und den Tod ihrer Bewohner durch die Krankheit der Armut mache ich primär die palästinensische Regierung verantwortlich, die von ihrer Ausbeutung profitiert. An zweiter Stelle ziehe ich die Einwohner zur Verantwortung, wegen ihres ständigen Schweigens und der andauernden Schwäche, mit der sie ihre Ausbeutung erdulden.
Ich fordere alle Menschen dazu auf, sich gegen jede Form der Ausbeutung und gegen alle Versuche aufzulehnen, unsere Gehirne durch niedrige Löhne zu kontrollieren und unsere Schaffenskraft und Kreativität einzuschränken.

Jeder Supermarkt setzt seine Warenpreise nach Lust und Laune – der Verbraucherschutz ist ohnmächtig. Die Menschen zahlen wie fromme Schafe alles, was man von ihnen verlangt. Auf dem Marktplatz entscheidet der Verkäufer nach eigenem Gutdünken was ein Kilogramm Tomaten, Zwiebeln oder Gurken kostet. Beim Verbraucherschutz geht niemand ans Telefon. Sucht man ihn in der Zentrale auf, hört man die Angestellten schwierige Lebensfragen diskutieren, zum Beispiel „Sie hat geheiratet – aber ihr Make-up war fürchterlich“ oder „Sie zieht sich so an, dass sie es eigentlich gleich bleiben lassen könnte“. „Er hat seiner Frau die Scheidung vorgelegt“, und „Er hat jetzt mehr Facebook-Freunde“. Und natürlich das Wichtigste: „Heute gibt’s Molokhiya“ (ein spinat-ähnliches Gericht).
Gehen wir vom Kochen zur ungerechten Wasserverteilung: Was ist mit den Leuten, die eine Wasserkostenabrechnung erhalten noch ehe das Wasser ihre Speicher erreicht hat? Wie sollen sie ohne Wasser Molokhiya kochen? Wie oft habe ich schon bei Facebook geschrieben: „Ramallah ist die Stadt der Rechnungen und Steuern.“ Rechnungen und Steuern wofür? Wir wissen es nicht. Wie können die Internet-, Telefon-, Strom- und Wasserrechnungen solch hohe Ausmaße erreichen? Wir wissen es nicht. Und wenn man bei den Firmen die Zahlen nachprüfen will, gilt man als Randalierer.

Die Schulausbildung in Jerusalem ist vor langem von der Wirtschaftszeitung für tot erklärt worden. Andere Städte warten darauf, dass ihnen die Zeitung bei nächster Gelegenheit und zu einem Sonderpreis den Platz für ihre eigenen Todesanzeigen überlässt, in der sie ihre Schulen für tot erklären können. Der vom Glück verwöhnte Schüler aus Ramallah muss der Sohn einer Familie sein, der das halbe Land gehört. Firmen und Fabriken müssen auf seinen Namen eingetragen sein, damit er die Gelegenheit bekommt, in Ramallah auf eine private Handelsschule zu gehen. Was die palästinensischen Universitäten betrifft, habe ich eine Idee: Warum benennen wir sie nicht um, in „Palästinensische Universitäten & Co.“ oder „Palästinensische Universitäten für unbegrenzte kommerzielle Beteiligung“?
Über die kulturellen Aktivitäten, die wie in einem Kartell immer noch der „intellektuellen“ Schicht vorbehalten sind, und die die Jugendlichen in den Dörfern, Zeltlagern und in kleineren Städten entbehren müssen, will ich nicht sprechen. Wie sollen die Leute an Kultur und Theater, an Musik und Tanz denken, wenn ihre Mägen leer sind und die Rente nicht ausreicht, um bei der „Handelsapotheke“ die Medizin fürs Kind zu besorgen, oder es in einer Zahnklinik behandeln zu lassen?
Noch grausiger als das alles sind die Mieten in Ramallah. Wenn du ein mittelschönes Haus für 700 Dollar mietest, musst du zu denen gehören denen das Paradies versprochen ist. Falls der Hausbesitzer überhaupt bereit ist an dich zu vermieten, obwohl Du ganz einfach palästinensischer oder arabischer Staatsangehöriger bist und Deine Augen nicht so blau sind wie die der Franzosen, Deutschen oder Amerikaner.
Das Ekelhafte ist, dass die Menschen echt wie Schafe sind. Kein Sturm und kein Erdbeben bewegt sie dazu, sich gegen die Ausbeutung aufzulehnen. Oh Einwohner Ramallahs, schlaft weiter. Ramallah frisst sich selbst auf und euch dazu.
Saed Karzoun ist ein palästinensischer Blogger und Radiomoderator, er ist auch Trainer für Neue Medien und Musiker. Er spielt die arabische Kurzhalslaute, den Oud.
Übersetzt von Tarek Khafaga.
Links
Saed Karzouns persönlicher Blog.
Für den Verfall der Stadt und den Tod ihrer Bewohner durch die Krankheit der Armut mache ich primär die palästinensische Regierung verantwortlich, die von ihrer Ausbeutung profitiert. An zweiter Stelle ziehe ich die Einwohner zur Verantwortung, wegen ihres ständigen Schweigens und der andauernden Schwäche, mit der sie ihre Ausbeutung erdulden.
Ich fordere alle Menschen dazu auf, sich gegen jede Form der Ausbeutung und gegen alle Versuche aufzulehnen, unsere Gehirne durch niedrige Löhne zu kontrollieren und unsere Schaffenskraft und Kreativität einzuschränken.

Jeder Supermarkt setzt seine Warenpreise nach Lust und Laune – der Verbraucherschutz ist ohnmächtig. Die Menschen zahlen wie fromme Schafe alles, was man von ihnen verlangt. Auf dem Marktplatz entscheidet der Verkäufer nach eigenem Gutdünken was ein Kilogramm Tomaten, Zwiebeln oder Gurken kostet. Beim Verbraucherschutz geht niemand ans Telefon. Sucht man ihn in der Zentrale auf, hört man die Angestellten schwierige Lebensfragen diskutieren, zum Beispiel „Sie hat geheiratet – aber ihr Make-up war fürchterlich“ oder „Sie zieht sich so an, dass sie es eigentlich gleich bleiben lassen könnte“. „Er hat seiner Frau die Scheidung vorgelegt“, und „Er hat jetzt mehr Facebook-Freunde“. Und natürlich das Wichtigste: „Heute gibt’s Molokhiya“ (ein spinat-ähnliches Gericht).
Gehen wir vom Kochen zur ungerechten Wasserverteilung: Was ist mit den Leuten, die eine Wasserkostenabrechnung erhalten noch ehe das Wasser ihre Speicher erreicht hat? Wie sollen sie ohne Wasser Molokhiya kochen? Wie oft habe ich schon bei Facebook geschrieben: „Ramallah ist die Stadt der Rechnungen und Steuern.“ Rechnungen und Steuern wofür? Wir wissen es nicht. Wie können die Internet-, Telefon-, Strom- und Wasserrechnungen solch hohe Ausmaße erreichen? Wir wissen es nicht. Und wenn man bei den Firmen die Zahlen nachprüfen will, gilt man als Randalierer.

Die Schulausbildung in Jerusalem ist vor langem von der Wirtschaftszeitung für tot erklärt worden. Andere Städte warten darauf, dass ihnen die Zeitung bei nächster Gelegenheit und zu einem Sonderpreis den Platz für ihre eigenen Todesanzeigen überlässt, in der sie ihre Schulen für tot erklären können. Der vom Glück verwöhnte Schüler aus Ramallah muss der Sohn einer Familie sein, der das halbe Land gehört. Firmen und Fabriken müssen auf seinen Namen eingetragen sein, damit er die Gelegenheit bekommt, in Ramallah auf eine private Handelsschule zu gehen. Was die palästinensischen Universitäten betrifft, habe ich eine Idee: Warum benennen wir sie nicht um, in „Palästinensische Universitäten & Co.“ oder „Palästinensische Universitäten für unbegrenzte kommerzielle Beteiligung“?
Über die kulturellen Aktivitäten, die wie in einem Kartell immer noch der „intellektuellen“ Schicht vorbehalten sind, und die die Jugendlichen in den Dörfern, Zeltlagern und in kleineren Städten entbehren müssen, will ich nicht sprechen. Wie sollen die Leute an Kultur und Theater, an Musik und Tanz denken, wenn ihre Mägen leer sind und die Rente nicht ausreicht, um bei der „Handelsapotheke“ die Medizin fürs Kind zu besorgen, oder es in einer Zahnklinik behandeln zu lassen?
Noch grausiger als das alles sind die Mieten in Ramallah. Wenn du ein mittelschönes Haus für 700 Dollar mietest, musst du zu denen gehören denen das Paradies versprochen ist. Falls der Hausbesitzer überhaupt bereit ist an dich zu vermieten, obwohl Du ganz einfach palästinensischer oder arabischer Staatsangehöriger bist und Deine Augen nicht so blau sind wie die der Franzosen, Deutschen oder Amerikaner.
Das Ekelhafte ist, dass die Menschen echt wie Schafe sind. Kein Sturm und kein Erdbeben bewegt sie dazu, sich gegen die Ausbeutung aufzulehnen. Oh Einwohner Ramallahs, schlaft weiter. Ramallah frisst sich selbst auf und euch dazu.
Saed Karzoun ist ein palästinensischer Blogger und Radiomoderator, er ist auch Trainer für Neue Medien und Musiker. Er spielt die arabische Kurzhalslaute, den Oud.
Übersetzt von Tarek Khafaga.
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