Das Jahr 2011 ist das Jahr der Frauen in Saudi-Arabien. Wie noch nie zuvor traten sie öffentlich in Erscheinung – im Internet durch Kampagnen oder Blogs und im realen Leben durch Demonstrationen und andere Protestaktionen. Der saudi-arabische Blogger Ahmed Alwassel berichtet vom Kampf der Frauen und den bisher erreichten Erfolgen.
Dienstag, 18. Oktober 2011
Die Revolution der saudi-arabischen Frauen
Das Jahr 2011 ist das Jahr der Frauen in Saudi-Arabien. Wie noch nie zuvor traten sie öffentlich in Erscheinung – im Internet durch Kampagnen oder Blogs und im realen Leben durch Demonstrationen und andere Protestaktionen. Der saudi-arabische Blogger Ahmed Alwassel berichtet vom Kampf der Frauen und den bisher erreichten Erfolgen.
Womöglich war der Beginn des „Arabischen Frühlings“ und seinen kurz hintereinander beginnenden Revolutionen – Tunesien am 14. Januar, Ägypten am 25. Januar, Jemen am 11. Februar, Bahrein am 14. Februar, Libyen am 15. Februar, Saudi-Arabien am 11. März und Syrien am15. März – die große Überraschung des Jahres 2011. Zwei Revolutionen führten zum relativ friedlichen Sturz der Präsidenten, während die Revolutionen im Jemen, in Libyen und Syrien zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Volk und Regime führten. In Bahrein wurden die Demonstrationen mit Gewalt unterdrückt und die in einigen Regionen Saudi-Arabiens aufflammenden Proteste wurden schnell voneinander isoliert.
Jedoch kann dieses Jahr auch als das „Jahr der Revolution der saudi-arabischen Frauen“ bezeichnet werden, denn 2011 ist ein ausgesprochen „feministisches Jahr“ in Saudi-Arabien. Schon in den ersten Monaten wurden verschiedene feministische Initiativen auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter sowie Blogs gegründet, die sich für die Rechte der Frauen einsetzen. Dazu kamen noch eine Vielzahl von Protestaktionen, Aufrufen und Protestmärschen, die durch Einzelpersonen und Gruppen initiiert wurden, außerdem wurden erste politische Interessengruppen mit feministischer Ausrichtung ins Leben gerufen.
Aktives und passives Wahlrecht für Frauen
Am 16. März gründeten Fawzia Al-Hani und Inaam al-Usfur die „Baladi“-Kampagne (Mein Land). Sie wollen durchsetzen, Frauen die Mitgliedschaft im Schura-Rat, dem höchsten Parlament in Saudi-Arabien, und die Kandidatur bei den Kommunalwahlen zu ermöglichen. Sie bezeichnen sich selbst als „patriotische Interessengruppe und unabhängige feministische Initiative“.
Eine ausführliche Beschreibung der Ziele ihrer Kampagne findet sich auf der Internet-Seite der „Baladi“-Kampagne:
1. Das Bewusstseins der Gesellschaft und der staatlichen Institutionen für die Wichtigkeit der Teilnahme von Frauen an den Kommunalwahlen soll gehoben werden.
2. Das aktive und passive Wahlrecht der Frauen bei den Kommunalwahlen im Jahr 2011 soll erreicht werden.
3. Kurse zur Qualifizierung der Kandidaten und Kandidatinnen bei den Kommunalwahlen werden angeboten.
Die „Baladi“-Kampagne hat gezeigt, dass es möglich ist, ein begrenztes Ziel festzulegen und durch seine Erreichung möglicherweise sehr viel weitreichendere Veränderungen anzustoßen. Durch seinen Erfolg, der durch mediale und gesellschaftliche Aufklärungsarbeit erreicht wurde, ist die „Baladi“-Kampagne zu einem Vorbild für andere erfolgreiche Kampagnen geworden, die es schafften, mit ihren Ideen und Zielen die politischen Entscheidungsträger zu erreichen. So verkündete der saudische König Abdullah bin Abdulaziz am 25. September diesen Jahres tatsächlich, dass Frauen die Mitgliedschaft im Schura-Rat sowie das aktive und passive Wahlrecht bei den Kommunalwahlen erlaubt wird.
Eine weitere wichtige Bewegung ist die „Revolution der saudi-arabischen Frauen“.
Sie wurde im Februar von Noha Al-Suleiman via Twitter ausgerufen. Außerdem gründete sie auf Facebook eine Gruppe unter dem gleichen Namen. Auf der Facebook-Seite stellen sich ihre Mitglieder als „saudi-arabische Frauen, die mit allen Mitteln darum kämpfen wollen, ihre Menschenrechte zu erlangen und die Rolle der Frauen als Bürgerinnen zu aktivieren, im Einklang mit den Bestimmungen der islamischen Scharia und den internationalen Chartas und Verträgen zu den Rechten der Frau vor.
Protestaktionen
Ende Februar begann eine Frauen-Gruppe einen Sitzstreik vor dem Innenministerium in Riad, um die Freilassung von Häftlingen, die ohne Gerichtsprozess festgesetzt wurden, zu erwirken. Es folgte ein weiterer in Dammam am 4. März, wo Frauen vor der Provinzverwaltung der Region Al-Sharqiyah für die Freilassung von Gefangenen, die bereits seit 1996 ohne Gerichtsurteil im Gefängnis einsitzen, demonstrierten. Am nächsten Tag, dem 5. März, protestierte eine Gruppe von Lehrerinnen vor dem Ministerium für öffentliche Dienste in Riad gegen die Untätigkeit des Ministeriums bei der Bekämpfung des Analphabetismus.
Am außergewöhnlichsten waren die Ereignisse im August, als Studentinnen mehrere Universitäten lahmlegten. Es zeigt, wie sehr das Bewusstsein für die Frauenrechte bei den jungen Frauen verbreitet ist. Im August wurde vielen jungen Frauen, die in diesem Jahr ihr Abitur gemacht hatten, die Einschreibung in der Universität verweigert. Die Abgewiesenen schwiegen aber nicht.
Was machten sie dann? Die Antwort bringt folgende Meldung aus der Riader Zeitung Al-Safir :
„Letzte Woche versammelten sich hunderte Studentinnen vor vier Universitäten und stürmten sie, aus Protest gegen das Bewerbungs- und Einschreibungssystem an den Universitäten. Des Weiteren bezichtigten sie die Verwaltung der Bevorzugung einzelner Bewerberinnen und der Günstlingswirtschaft. An den Universitäten „Umm al-Qura“ in Mekka, „Al-Malek Khaled“ in Abha und „Taibah“ in Yanbu kam es zu chaotischen Szenen, als abgewiesene Bewerberinnen ihrem Zorn Ausdruck verliehen. Auch vor der „Prinzessin-Nura“-Universität, der größten Universität in Riad, versammelten sich etwa 300 junge Frauen. In Mekka stürmten sie das Verwaltungsgebäude der „Umm al-Qura“-Universität und griffen weibliche Angestellte, die im Einschreibungsbüro arbeiten, tätlich an und zerstörten bis zum Einschreiten der Polizei verschiedene Türen und Fenster.“ (Al-Safir, 2011, AFP)
Ahmed Alwassel ist ein saudi-arabischer Dichter, Schriftsteller und Kulturanthropologe. Er gewann verschiedene Literaturpreise: 2005 den von der Zeitung Al-Riad ausgeschriebenen Preis „des arabischen Dichters“ und 2006 den Preis für den besten Roman, welcher vom Verlagshaus Al-Sada verliehen wird. Er hat bisher vier Gedichtbände veröffentlicht - der letzte, „Die Schrecken der Heiterkeit“ erschien 2009 – sowie zwei Romane: „Die Riad-Sure“
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