Ende Januar rief der tunesische Journalistenverband alle Presseeinrichtungen dazu auf, den 1. Februar 2012 zum „Tag der Verteidigung der Pressefreiheit“ zu machen. Alle Diskussionsforen sollten sich an diesem Tag, mehr als ein Jahr nach Beginn der 14.-Januar-Revolution, mit der Presse-Lage in Tunesien auseinandersetzen. Journalisten sollten eine schwarze Armbinde tragen, mit dem Slogan „Nein zu den Angriffen gegen Journalisten! Nein zur Zensur der Meinungsfreiheit! Nein zur Bevormundung der Presse!“.
Am Tag des Aufrufs befand ich mich in einem der nationalen Sicherheitszentren in der Provinz Mahdia in Untersuchungshaft. Der Grund: eine kritische Reportage. Vergangenen August hatte ich über die Not der Textilarbeiter in den Fabriken der Boumerdeès-Region, in der Provinz Mahdia, berichtet, und dies auf der Internetseite
latunisievote.org veröffentlicht.
Latunesievote.org ist ein Projekt der deutschen Organisation MICT, das mit Unterstützung des deutschen Außenministeriums jungen tunesischen Journalisten professionelle Fortbildungen anbietet.
Der Besitzer einer der größten dieser Textilfabriken gehört zu den einflussreichsten Unternehmern in der Region. Mein Artikel hat ihn scheinbar sehr verärgert; er hat gegen mich Anklage erhoben.
Bei dem anstehenden Prozess werde ich unzähliger Vergehen beschuldigt, davon sind die wichtigsten „Verleumdung, Beleidigung, Schädigung des Ansehens des Unternehmens, Anstiftung zum Aufruhr mit dem Ziel, die Arbeiter gegen den Fabrikbesitzer aufzuhetzen“ sowie „Verfälschung von Tatsachen“. Diese Anschuldigungen, so viele sie auch sind, sind haltlos und entbehren jeder realen Grundlage. Keinen dieser Vorwürfe verdient die Reportage. Die journalistische Moral verbietet es mir solche Verbrechen zu begehen, und die neue, am 2. November 2011 verabschiedete „Verordnung über den Beruf des Journalismus in Tunesien“ hat dies bestätigt.
Meine Reportage beschreibt lediglich die miserable Lage der Fabrikarbeiter, die unterdrückt und moralischen Übergriffen ausgesetzt sind, ganz zu schweigen von den niedrigen Löhnen und den Verstößen gegen die Menschenrechte. Die im Landesinneren gelegenen Regionen werden von den Menschenrechtsorganisationen vernachlässigt. Eine der wichtigsten Parolen der Revolution lautete aber „Arbeit, Freiheit, nationale Würde“. Das heißt: keine Arbeit ohne Würde, und keine Würde ohne Arbeit.
Andererseits erhalte ich jetzt, während des Prozesses, auch sehr viel Unterstützung von Journalistenkollegen und von Studenten des Instituts für Journalismus und Kommunikationswissenschaften in Tunis, sowie von zahlreichen Bürgern, die die Pressefreiheit verteidigen und freier Meinungsäußerung als Grundbedingung einer Demokratie anerkennen.
Selbst wenn man mir das Messer an den Hals setzt, „Die Stimme der Wahrheit wird immer zu hören sein und nie übertönt werden“. Bis zu meinem letzten Tag werde ich weder aufhören, die Unterdrückten zu verteidigen, noch mein Recht auf freie Meinungsäußerung aufgeben. Die tunesische Revolution wollte den Einfluss reicher Unternehmer zwar beschneiden und soziale Gerechtigkeit herbeiführen, doch seitdem hat sich deren Einfluss eher vergrößert – und die Unterdrückung der Arbeiter verstärkt.
Daher rufe ich jeden, der mich in diesem Prozess unterstützen will, dazu auf: Schließe Dich der Facebook-Gruppe „
Gemeinsam unterstützen wir den jungen Journalisten Ghazi al-Mabrouk“ an.
Hier ist der
Link zur englischen Übersetzung meiner Reportage, die Gegenstand meines Prozesses ist.
Ghazi Mabrouk, 21, ist Student am Institut für Presse- und Kommunikationswissenschaften in Tunis. Nach der Revolution vom 14. Januar 2011 hat er gemeinsam mit Kommilitonen das Online-Magazin „Kalima Hurra“ („Freie Rede“) gegründet: „Wir haben das Projekt selbst finanziert und mussten dazu etwas vom Studiengeld abzweigen, das wir von den Eltern bekommen. Manchmal waren wir gezwungen, Abstriche beim Essen zu machen, damit wir in verschiedene Landesteile reisen konnten, um von dort zu berichten. Eine wunderbare Erfahrung.“ Das Projekt musste inzwischen aus finanziellen Gründen eingestellt werden.
Übersetzt von Fabian Ledwon.