Freitag, 29. April 2011
Ein weißes Blatt und die Farben des Regenbogens (Teil 1)
Es war das Glück, das mich und andere diese ruhmreichen Momente erleben ließ, damit wir eine Revolution sehen, hören, ja sogar an ihr teilnehmen konnten. Und schließlich haben wir mit unseren eigenen Augen ihre ersten Früchte gesehen . Was waren das für historische Momente, die wir erlebt und selbst herbeigeführt haben.
Noch besser als all das, ist das Gefühl, dass etwas, das verloren gegangen war, nun langsam wieder entsteht. Vielleicht ist es das Gefühl der Würde, des Stolzes, des Sieges, des Einswerdens mit dem Anderen. Oder vielleicht ist es das gewaltige Gefühl, das die undurchsichtige Zukunft auf einmal zu einem offenen Platz geworden ist, der grenzenlose Möglichkeiten enthält. So als ob sich die Traumpforten geöffnet hätten, nachdem sie für Jahrhunderte verschlossen waren.
Das Leben hat uns eine Gelegenheit gewährt. Ein leuchtend-weißes Blatt und die Farben des Regenbogens. Darauf malen wir alles, was wir von der Zukunft erwarten. Ein besseres, edleres, saubereres, schöneres Leben. Freiheit, Musik, ein klarer Himmel und ruhiger Schlaf am Abend. Ich weiß nicht … sicher hat jeder von uns einen Traum und ein weißes Blatt, das für alle diese Träume und noch mehr ausreicht. Alles kann verwirklicht werden. Alles, von dem wir geträumt haben, ist plötzlich möglich geworden.
Aber bevor ihr, meine revolutionären Freunde, euch ganz den Träumen hingebt, wenden wir uns einigen Traumbildern der Wirklichkeit zu, die ihr vielleicht noch nicht in Betracht gezogen habt. Denn all das, was passiert ist, ist nichts weiter als der Anfang eines langen und beschwerlichen Weges hin zu der Zukunft, von der wir träumen. Wir haben die Angelegenheit in der Hand, wenn wir sie nur wir vollenden wollen – in den nächsten Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Es gibt Dinge, für die wir uns von jetzt an bereit machen und die wir lernen müssen. Je mehr wir uns mit dem Lernen beeilen, desto mehr Fortschritt wird es geben.
Die erste Lektion ist, dass die weiße Tafel, die jeder von uns gerne nach seinem eigenen Gusto bemalen würde, das Recht eines jeden Individuums auf dieser Erde ist. Es ist nicht möglich, dass du Träume unter der Annahme baust, dass der Andere nicht vorhanden ist. Derjenige, der sich ausmalt, dass sich Ägypten innerhalb von Monaten in einen Staat der Freiheiten und der Gesetze verwandeln wird, muss erkennen, dass die Abwesenheit von Gesetzen vielen nützlich war und dass sie sich ihnen widersetzen werden.
Derjenige, der träumt, dass Ägypten zu einem zivilen Staat wird, ohne das er von der Religion beeinflusst würde, muss erkennen, dass mehr als 80 Millionen Menschen die Religion als ihre primäre Autorität ansehen. Sie zu ignorieren ist unmöglich. Derjenige, der sich einbildet, dass Ägypten in einen islamisch-wahhabitischen Staat verwandelt wird, sollte sich bewusst machen, dass er dadurch eine endlose Isolation in Kauf nimmt, die der Staat nicht länger als ähnliche Staaten in der Geschichte überleben wird. Jeder von uns muss begreifen, dass es einen „Anderen“ gibt, den man finden und mit dem man reden muss. Und gemeinsam müssen wir beschließen, wie ein Gemälde geschaffen werden kann, das für alle geeignet ist.
Zweitens gibt es die erstaunliche Vorstellung, dass die Korruption – von der wir alle wissen, wie verbreitet sie war – durch einen militärischen Beschluss beseitigt werden kann! Ich fordere diese Träumer auf, die Korruption, die wir jeden Tag auf der Strasse, in den Häusern, in der Schule und auf der Arbeit erleben, zu betrachten. Wenn sie sich einen Moment Zeit ließen, würden sie entdecken, dass ein einseitiger militärischer Beschluss nichts nützen wird. Es ist unvermeidlich, dass ein geschlossenes System zur Annahme von Beschwerden und ihrer Untersuchung geschaffen wird. Genauso muss jeder von uns zu der Anzeige und der Verfolgung der Korruption beitragen. Es wird einige Zeit vergehen und es wird unser aller Pflicht sein, von der allgemeinen Gleichgültigkeit des „Das ist doch nicht mein Problem“ und von der mitleiderregenden Zeit des „Die werden sowieso nichts machen, die sind doch alle korrupt!“ loszukommen.
Mary Morad, 34, wurde in Kairo geboren und hat in Kairo und England Wirtschaft studiert. Heute ist sie Forscherin und Journalistin.
Manche haben das Glück, dass sie während ihrer Lebzeit von gewaltigen Revolutionen hören. Andere haben das größere Glück, sie auf den Fernsehbildschirmen mitzuverfolgen. Nur eine äußerst kleine Minderheit aber erlebt die Revolutionen von Nahem. Und noch w
Aufgenommen: Mai 02, 11:39