Auch wenn es keine Konkurrenz zwischen mehreren Kandidaten gibt, bleibt die Frage offen, wer sich schlussendlich durchsetzen wird: Diejenigen, die wollen, dass die Wahlen scheitern, oder diejenigen, die wollen, dass der Jemen einen neuen Präsidenten bekommt und dadurch eines der Hauptziele der Revolution erreicht wird?
Erstere hoffen, dass alles beim Alten bleibt, weil sie von der Vetternwirtschaft unter Saleh profitiert haben. Sie wissen genau, dass die Revolution nicht bloß das Ende der Ära Saleh sondern des ganzen korrupten Systems erreichen will. Für sie wäre ein neuer Präsident glatter Selbstmord.
Zu den Befürwortern eines Machtwechsels zählen vor allem die Mitglieder des Oppositionsbündnisses, aber auch gemäßigte Angehörige der Regierungspartei „Allgemeiner Volkskongress“. Sie glauben, dass nur durch eine erfolgreiche Durchführung der Wahlen der Wandel stattfinden kann, der den jungen Revolutionären in ihrer Funktion als Verbündete im Widerstand gegen Saleh versprochen worden ist. Nur auf diese Weise wird man den Jemen gemeinsam ans rettende Ufer bringen können.
Viele der Revolutionäre selbst betrachten die Wahl allerdings inzwischen als Farce: Nachdem man ein ganzes Jahr lang für einen demokratischen, säkularen Staat demonstriert hat, werden jetzt Wahlen durchgeführt, bei denen nur ein einziger Kandidat antreten darf. Und das, obwohl es an Kandidaten aus den Reihen der Revolution nicht gefehlt hätte, wie das Beispiel des Journalisten Ahmed al-Masibli beweist. Ihm und anderen wurde die Kandidatur unter Hinweis auf entsprechende Auflagen der Golf-Initiative nicht gestattet. Viele der jungen Revolutionäre sind deshalb kurz vor der Wahl verärgert und skeptisch.
Trotzdem kann davon ausgegangen werden, dass sie die Wahl nicht boykottieren werden. Natürlich ist Abd Rabbo Mansur Hadi nicht ihr Wunschkandidat. Viele halten ihn sogar nicht einmal für einen starken Mann in schweren Zeiten. Dennoch glaubt man, dass er dazu in der Lage sein wird, den Jemen vor einem Abgleiten in die Gewalt und vor einem Comeback von Ali Abdullah Saleh zu bewahren. Würde die Wahl des derzeitigen Vizepräsidenten scheitern, hätten Saleh und seine Anhänger das Ziel erreicht, das sie durch konsequentes Stiften von Unruhe im Land verfolgen.
Allerdings wollen die jungen Revolutionäre die Wahl nur unter der Bedingung unterstützen, dass Hadi die Revolution anerkennt. Einige gehen sogar so weit, zu fordern, dass Hadi aus Salehs Regierungspartei austreten soll.
Die Angst vor Gewaltakten durch die Wahlgegner bleibt indes überall spürbar. In großen Teilen des Landes konnte die Terrororganisation Al-Qaida sich in Windeseile weiter ausbreiten. Im Süden versuchen sich zudem separatistische Gruppierungen zu etablieren. Sie haben bereits durch demonstratives Verbrennen von Wahlscheinen ihre ablehnende Haltung gegenüber den Wahlen signalisiert. In Kreisen der Revolutionäre und der Opposition gilt als sicher, dass diese Kräfte bislang ungehindert ihr Spiel treiben konnten und sich deshalb vor einem Machtwechsel fürchten.
Viele von uns können sich immer noch nicht vorstellen, wie ein Jemen ohne Präsident Saleh, der 34 Jahre lang an der Macht war, aussehen könnte. Viele von uns haben deshalb Angst vor der ungewissen Zukunft und hoffen, dass alles friedlich über die Bühne gehen wird.
Mahmoud Radman hat auf dem „Platz der Freiheit“ in Taiz zusammen mit anderen jungen Revolutionären demonstriert.