Palästina. Im April 2011 wurde der Leiter des „Freedom Theaters“ Juliano Mer Khamis in Jenin von Unbekannten erschossen. Die Suche nach den Mördern blieb bisher erfolglos. Liva Haensel hat sich auf die Spuren von Mer Khamis gemacht und das „Freedom Theater“ aufgesucht.
Dienstag, 7. Februar 2012
„Wir vermissen ihn“
Palästina. Im April 2011 wurde der Leiter des „Freedom Theaters“ Juliano Mer Khamis in Jenin von Unbekannten erschossen. Die Suche nach den Mördern blieb bisher erfolglos. Liva Haensel hat sich auf die Spuren von Mer Khamis gemacht und das „Freedom Theater“ aufgesucht.
Die Straße ins Camp ist die Straße in die Kreativität. Immer geradeaus, vorbei an einem Billigshop mit bunten Tüchern, an nassen Jeanshosen an Wäscheleinen und kaputten Plastikstühlen. Ein kleiner Junge hockt auf einem Geländer an der Straße und starrt denen hinterher, die nicht hierher passen, weil sie anders aussehen, sich anders kleiden und weil sie alle nur das Eine wollen: Den Weg zum Freedom Theatre finden.
Dem Theater, das Juliano Mer Khamis 2006 gründete und das die Kinder der Intifada aus Terror und Zerstörung führen sollte. Aber Mer Khamis lebt nicht mehr, er wurde am 4. April 2011 erschossen. Die Schüsse brachten einen Mann zu Fall, der sich als jüdischer Palästinenser zwischen den Stühlen befand, ein Grenzgänger zwischen Israel und den besetzten Gebieten mit Wohnsitz in Haifa und Jenin. Einen, der gerne experimentierte und damit die Jugend begeisterte.
Aber sie trafen auch mitten in das Herz einer Stadt, die alte Werte und Patriarchat betont. „Ich habe keine Ahnung, wer Juliano ermordet hat“, sagt ein junger Handyverkäufer im Zentrum Jenins achselzuckend. Er habe zwar gehört, dass die Hamas dahinterstecke und man auch schon wisse, wer der Mörder sei. „Aber die dürfen das nicht sagen, weil Israel sonst Stress macht.“ Wenn sich also herausstellen sollte, dass die Hamas den Namen preisgibt, könnten zur Strafe wieder israelische Truppen in die Stadt einmarschieren wie noch vor ein paar Jahren. Darauf habe aber niemand Lust, meint er.
In Jenin gehen Frauen nur verschleiert auf die Straße, nach sechs Uhr abends werden die Bürgersteige hochgeklappt. Während in Ramallah bis zum Morgengrauen in grellen Clubs getanzt wird, achtet man in Jenin auf einen guten Ruf und seine Ehre. Das Wort Harram – unheilig, schmutzig – fliegt hier öfters durch die Luft als anderswo und hängt wie ein Dunstschleier über der Stadt.
Jenin ist eine Kleinstadt und es wird viel geredet. Auch darüber, ob Juliano Mer Khamis nicht zu weit ging mit seinen Theaterstücken, die Kritik an der israelischen Besatzung genauso beinhaltete wie auch das Infragestellen konservativer Werte oder die Forderung nach Gleichberechtigung beider Geschlechter. Ein Mann an einem Kaffeestand im Zentrums Jenins ist sich sicher, dass die Palästinensische Autonomiebehörde intensiv an dem Fall arbeitet. „Die sind dran an dem Fall und sie werden den Mörder finden.“ Wieder ein anderer vermutet, dass die Fatah dahinterstecke, der Hamas aber gerne die Schuld in die Schuhe schieben würde.
Rennahd Arquewi brät sich Hackfleisch in der kleinen Pfanne der Theaterküche. Dann setzt sie sich geräuschvoll auf das Sofa, zieht sich den Schal noch einmal fest um den Hals und hustet etwas. Die 35-jährige Jeninerin ist die Koordinatorin der Schauspielschule am Freedom Theatre. Gerade haben sechs junge Männer und zwei Frauen ihre Prüfungen abgelegt und sind nun „graduated“ - offizielle Schauspieler. Im nächsten Jahr geht wieder eine Truppe von ihnen auf Tournee, dieses Mal nach Finnland mit dem aktuellen Stück „Warten auf Godot“. „Wir haben nach Julianos Tod einfach weitergemacht.
Wir waren so damit beschäftigt, neue Projekte aufzustellen, dass wir die Suche nach seinem Mörder nicht mehr verfolgt haben“, sagt Rennahd Arquewi. Aber:„Wir hätten schon längst eine Demonstration für ihn und für mehr Aufklärung auf die Beine stellen sollen“, bekennt sie selbstkritisch. Keiner aus dem Freedom Theatre habe das gemacht oder diese Idee auch nur geäußert - „auch ich nicht.“ Dabei wolle jeder hier eine Antwort auf die Frage, wer Juliano Mer Khamis damals im Flüchtlingscamp, in dem rund 20.000 Menschen leben, ermordet habe.
Jenny Nymann, die Witwe von Mer Khamis, war hochschwanger mit Zwillingen, als ihr Mann vor dem Theatereingang getötet wurde. Vor kurzem hat sie ein Interview in der israelischen Tageszeitung Haaretz gegeben.
Darin kam deutlich zum Ausdruck, wie enttäuscht Nymann von der Haltung Jenins ist. Die Bewohner hätten die Tat nicht ein einziges Mal öffentlich verurteilt, kritisiert die Mutter dreier Jungen. Kontakte zu Jenin und dem Freedom Theatre gebe es keine mehr. Die Witwe lebt jetzt in Haifa. „Ich kann sie gut verstehen“, sagt Rennahd Arquewi dazu. „Wir haben Fehler gemacht, uns zu sehr in die Arbeit gestürzt. Wir haben die Ermordung Julianos fast vergessen.“ Ihre Arbeit sieht die Palästinenserin als aktives Gedenken an Juliano Mer Kahmis und seine enorme Aktivität an. „Wenn wir mit dem Theaterspielen aufhören, dann wird Juliano vergessen und all das, was er für uns getan hat.“ Ihr Kollege Ahmed Alarag (26) nickt nachdenklich. „Wir vermissen ihn.“
Rennahd Arquewi glaubt nicht, dass der Theatermacher Mer Khamis von Palästinensern umgebracht wurde. „Von unseren eigenen Leuten? Wer sollte so etwas Brutales tun?“, sagt sie entsetzt. Man munkelt, dass israelische Scharfschützen dahinterstecken, um die Stadt, aus der einst die Mehrzahl palästinensischer Selbstmordattentäter stammte, wieder in Verruf zu bringen. Vor dem Eingang zum Theater steht keine Kerze, keine Tafel zum Gedenken, nichts. Der Photoworkshop beginnt gleich hinter der Metalltür mit der Aufschrift „Alice is alive.“ Alice im Wunderland lebt. Das letzte Theaterstück, das Mer Khamis noch vor seinem Tod mit seinen Kindern auf die Bühne gebracht hatte.
Liva Haensel schreibt in ihrem Blog www.dreiecksbeziehung.net über ihre Erlebnisse als ökumenische Begleitperson in Palästina und thematisiert darin das Verhältnis Israel-Deutschland-Palästina
Dem Theater, das Juliano Mer Khamis 2006 gründete und das die Kinder der Intifada aus Terror und Zerstörung führen sollte. Aber Mer Khamis lebt nicht mehr, er wurde am 4. April 2011 erschossen. Die Schüsse brachten einen Mann zu Fall, der sich als jüdischer Palästinenser zwischen den Stühlen befand, ein Grenzgänger zwischen Israel und den besetzten Gebieten mit Wohnsitz in Haifa und Jenin. Einen, der gerne experimentierte und damit die Jugend begeisterte.
Aber sie trafen auch mitten in das Herz einer Stadt, die alte Werte und Patriarchat betont. „Ich habe keine Ahnung, wer Juliano ermordet hat“, sagt ein junger Handyverkäufer im Zentrum Jenins achselzuckend. Er habe zwar gehört, dass die Hamas dahinterstecke und man auch schon wisse, wer der Mörder sei. „Aber die dürfen das nicht sagen, weil Israel sonst Stress macht.“ Wenn sich also herausstellen sollte, dass die Hamas den Namen preisgibt, könnten zur Strafe wieder israelische Truppen in die Stadt einmarschieren wie noch vor ein paar Jahren. Darauf habe aber niemand Lust, meint er.
In Jenin gehen Frauen nur verschleiert auf die Straße, nach sechs Uhr abends werden die Bürgersteige hochgeklappt. Während in Ramallah bis zum Morgengrauen in grellen Clubs getanzt wird, achtet man in Jenin auf einen guten Ruf und seine Ehre. Das Wort Harram – unheilig, schmutzig – fliegt hier öfters durch die Luft als anderswo und hängt wie ein Dunstschleier über der Stadt.
Jenin ist eine Kleinstadt und es wird viel geredet. Auch darüber, ob Juliano Mer Khamis nicht zu weit ging mit seinen Theaterstücken, die Kritik an der israelischen Besatzung genauso beinhaltete wie auch das Infragestellen konservativer Werte oder die Forderung nach Gleichberechtigung beider Geschlechter. Ein Mann an einem Kaffeestand im Zentrums Jenins ist sich sicher, dass die Palästinensische Autonomiebehörde intensiv an dem Fall arbeitet. „Die sind dran an dem Fall und sie werden den Mörder finden.“ Wieder ein anderer vermutet, dass die Fatah dahinterstecke, der Hamas aber gerne die Schuld in die Schuhe schieben würde.
Rennahd Arquewi brät sich Hackfleisch in der kleinen Pfanne der Theaterküche. Dann setzt sie sich geräuschvoll auf das Sofa, zieht sich den Schal noch einmal fest um den Hals und hustet etwas. Die 35-jährige Jeninerin ist die Koordinatorin der Schauspielschule am Freedom Theatre. Gerade haben sechs junge Männer und zwei Frauen ihre Prüfungen abgelegt und sind nun „graduated“ - offizielle Schauspieler. Im nächsten Jahr geht wieder eine Truppe von ihnen auf Tournee, dieses Mal nach Finnland mit dem aktuellen Stück „Warten auf Godot“. „Wir haben nach Julianos Tod einfach weitergemacht.
Wir waren so damit beschäftigt, neue Projekte aufzustellen, dass wir die Suche nach seinem Mörder nicht mehr verfolgt haben“, sagt Rennahd Arquewi. Aber:„Wir hätten schon längst eine Demonstration für ihn und für mehr Aufklärung auf die Beine stellen sollen“, bekennt sie selbstkritisch. Keiner aus dem Freedom Theatre habe das gemacht oder diese Idee auch nur geäußert - „auch ich nicht.“ Dabei wolle jeder hier eine Antwort auf die Frage, wer Juliano Mer Khamis damals im Flüchtlingscamp, in dem rund 20.000 Menschen leben, ermordet habe.
Jenny Nymann, die Witwe von Mer Khamis, war hochschwanger mit Zwillingen, als ihr Mann vor dem Theatereingang getötet wurde. Vor kurzem hat sie ein Interview in der israelischen Tageszeitung Haaretz gegeben.
Darin kam deutlich zum Ausdruck, wie enttäuscht Nymann von der Haltung Jenins ist. Die Bewohner hätten die Tat nicht ein einziges Mal öffentlich verurteilt, kritisiert die Mutter dreier Jungen. Kontakte zu Jenin und dem Freedom Theatre gebe es keine mehr. Die Witwe lebt jetzt in Haifa. „Ich kann sie gut verstehen“, sagt Rennahd Arquewi dazu. „Wir haben Fehler gemacht, uns zu sehr in die Arbeit gestürzt. Wir haben die Ermordung Julianos fast vergessen.“ Ihre Arbeit sieht die Palästinenserin als aktives Gedenken an Juliano Mer Kahmis und seine enorme Aktivität an. „Wenn wir mit dem Theaterspielen aufhören, dann wird Juliano vergessen und all das, was er für uns getan hat.“ Ihr Kollege Ahmed Alarag (26) nickt nachdenklich. „Wir vermissen ihn.“
Rennahd Arquewi glaubt nicht, dass der Theatermacher Mer Khamis von Palästinensern umgebracht wurde. „Von unseren eigenen Leuten? Wer sollte so etwas Brutales tun?“, sagt sie entsetzt. Man munkelt, dass israelische Scharfschützen dahinterstecken, um die Stadt, aus der einst die Mehrzahl palästinensischer Selbstmordattentäter stammte, wieder in Verruf zu bringen. Vor dem Eingang zum Theater steht keine Kerze, keine Tafel zum Gedenken, nichts. Der Photoworkshop beginnt gleich hinter der Metalltür mit der Aufschrift „Alice is alive.“ Alice im Wunderland lebt. Das letzte Theaterstück, das Mer Khamis noch vor seinem Tod mit seinen Kindern auf die Bühne gebracht hatte.
Liva Haensel schreibt in ihrem Blog www.dreiecksbeziehung.net über ihre Erlebnisse als ökumenische Begleitperson in Palästina und thematisiert darin das Verhältnis Israel-Deutschland-Palästina
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