Ägypten. Zwei Wochen vor dem 25. Januar 2012, dem Jahrestag der ägyptischen Revolution, wurde die “Mad Graffiti Week” als Straßenkunst-Protest gegen das Militärregime losgetreten. Christoph Sanders war dabei – und berichtet von Schablonen, Parolen und erzürnten Passanten.
Sonntag, 29. Januar 2012
Mad-Graffiti-Week – Street-Art für die Revolution
Ägypten. Zwei Wochen vor dem 25. Januar 2012, dem Jahrestag der ägyptischen Revolution, wurde die “Mad Graffiti Week” als Straßenkunst-Protest gegen das Militärregime losgetreten. Christoph Sanders war dabei – und berichtet von Schablonen, Parolen und erzürnten Passanten.
Treffpunkt ist um 23.00 Uhr hinter dem Shooting-Club in Dokki, ein Stadtteil im Westen von Kairo. Wir sind spät dran und beeilen uns, ein Taxi zu finden. Es ist ein Abend während der Mad-Graffiti-Week, zu der der bekannte ägyptische Street-Art-Künstler Ganzeer aufgerufen hat. Ziel ist es, das Land vom 13. bis zum 25. Januar, dem Jahrestag der Revolution, mit so viel subversiver Kunst zu überziehen wie nur irgend möglich. Die Gewaltverbrechen des Militärs sollen nicht in Vergessenheit geraten.

Zur Inspiration verweist Ganzeer darum explizit auf die Internetseite scaf-crimes.blogspot.com, auf der in einer Galerie des Schreckens Gräueltaten gegen Zivilisten dokumentiert sind. Genau diese versucht der Militärrat (SCAF) derzeit in weite Ferne zu rücken. Graffitis und Stencils werden in der ganzen Stadt überstrichen – SCAF putzt die Stadt zum Festtag heraus. Derweil tobt im Land ein Kampf um die Deutungshoheit über die Revolution. Die Mad-Graffiti-Week ist Teil davon. Er erreicht derzeit sogar Berlin, wo in Solidarität mit Ägypten ebenfalls Graffitis und Stencils entstehen.

Meine dokumentierwilligen Mitstreiter und ich sind wider Erwarten zu früh am Treffpunkt und müssen noch eine Weile warten bis eine kleine Gruppe Ägypter mit säuberlich ausgeschnitten Schablonen unter den Armen aufkreuzt. Einer von ihnen ist Mandoun. Er ist, wie seine beiden Freunde, politisch motivierter Stencil-Amateur, der Street-Art bewundert und liebt. Einer der beiden Stencils, die heute gesprayt werden sollen, stammt aus einem vorgefertigten Stencil-Booklet, wie es auch Ganzeer zum freien Download anbietet. Ich frage mich wo die Stencils angebracht werden sollen und bin ziemlich verblüfft als Mandoun mitten auf der vielbefahrenen Tahrir-Street vor einer großen weißen Wand stehen bleibt und verkündet, dass dies der richtige Ort sei. Spraydosen werden ausgepackt, Handschuhe und Mundschutz übergezogen.

Ein Stencil ist schnell gemacht. Einer hält die Schablone an die Wand. Ein Zweiter besprüht die Flächen, die die Schablone zur Wand freihält. So entstehen unter unseren Augen und Kameralinsen auf mehreren hundert Meter Wand, immer wieder die gleichen beiden Stencil. Ein Fernseher, der auf Arabisch mit „khatar 'ala dimaghak“ untertitelt ist, was so viel heißt wie „Damage to your brain“. Das zweite Stencil ist noch deutlicher. Eine Handgranate wird als „SCAF Gift“ ausgewiesen.
Ein paar Passanten halten kurz inne und schauen sich das Treiben an. Manchmal hält sogar ein Auto, aus dem kurz ein Foto mit dem Handy geschossen wird. Insgesamt scheint sich aber niemand an der dreisten Zurückgewinnung des öffentlichen Raums zu stören – bis wir die Straße überqueren und an einem kleinen Kiosk vorbeikommen.

„We cannot trust these people“ meint Mandouns Freund und ist nicht erfreut, als Mandoun schon dabei ist, mit Hilfe der begeisterten Kioskbesucher ein Stencil an die Wand zu sprühen. Er sollte Recht behalten. Als der Stencil fertiggestellt ist, folgen auf ratlose Gesichter… Fragen. Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion, wie sie gerade in Ägypten häufig zu erleben ist: Die offensichtlich sozio-ökonomisch weniger privilegierten Kioskbesucher finden die Aktion der bessergestellten Stencil-Amateure gar nicht mehr so witzig als sie realisieren, worum es sich dabei eigentlich handelt. Vorwürfe und Drohungen fallen. Solches Verhalten ruiniere das Land. Und die Jungs sollten nicht auf dem Tahrir-Platz demonstrieren gehen. Und falls doch, wär es nur richtig, wenn sie dort erschossen würden. Ungläubig beobachte ich die Szene und frage mich, ob es nicht langsam an der Zeit wäre von hier zu verschwinden. Nach einer Weile trennen sich die Kontrahenten endlich. Die Stencil-Aktion ist zu Ende. Wir winken ein Taxi herbei und fahren zurück nach Downtown.

Christoph Sanders stammt aus Deutschland und lebt zur Zeit in Kairo.
Links:
Weitere Fotos der Mad Graffiti Week findet man auf der Facebookseite.

Zur Inspiration verweist Ganzeer darum explizit auf die Internetseite scaf-crimes.blogspot.com, auf der in einer Galerie des Schreckens Gräueltaten gegen Zivilisten dokumentiert sind. Genau diese versucht der Militärrat (SCAF) derzeit in weite Ferne zu rücken. Graffitis und Stencils werden in der ganzen Stadt überstrichen – SCAF putzt die Stadt zum Festtag heraus. Derweil tobt im Land ein Kampf um die Deutungshoheit über die Revolution. Die Mad-Graffiti-Week ist Teil davon. Er erreicht derzeit sogar Berlin, wo in Solidarität mit Ägypten ebenfalls Graffitis und Stencils entstehen.

Meine dokumentierwilligen Mitstreiter und ich sind wider Erwarten zu früh am Treffpunkt und müssen noch eine Weile warten bis eine kleine Gruppe Ägypter mit säuberlich ausgeschnitten Schablonen unter den Armen aufkreuzt. Einer von ihnen ist Mandoun. Er ist, wie seine beiden Freunde, politisch motivierter Stencil-Amateur, der Street-Art bewundert und liebt. Einer der beiden Stencils, die heute gesprayt werden sollen, stammt aus einem vorgefertigten Stencil-Booklet, wie es auch Ganzeer zum freien Download anbietet. Ich frage mich wo die Stencils angebracht werden sollen und bin ziemlich verblüfft als Mandoun mitten auf der vielbefahrenen Tahrir-Street vor einer großen weißen Wand stehen bleibt und verkündet, dass dies der richtige Ort sei. Spraydosen werden ausgepackt, Handschuhe und Mundschutz übergezogen.

Ein Stencil ist schnell gemacht. Einer hält die Schablone an die Wand. Ein Zweiter besprüht die Flächen, die die Schablone zur Wand freihält. So entstehen unter unseren Augen und Kameralinsen auf mehreren hundert Meter Wand, immer wieder die gleichen beiden Stencil. Ein Fernseher, der auf Arabisch mit „khatar 'ala dimaghak“ untertitelt ist, was so viel heißt wie „Damage to your brain“. Das zweite Stencil ist noch deutlicher. Eine Handgranate wird als „SCAF Gift“ ausgewiesen.
Ein paar Passanten halten kurz inne und schauen sich das Treiben an. Manchmal hält sogar ein Auto, aus dem kurz ein Foto mit dem Handy geschossen wird. Insgesamt scheint sich aber niemand an der dreisten Zurückgewinnung des öffentlichen Raums zu stören – bis wir die Straße überqueren und an einem kleinen Kiosk vorbeikommen.

„We cannot trust these people“ meint Mandouns Freund und ist nicht erfreut, als Mandoun schon dabei ist, mit Hilfe der begeisterten Kioskbesucher ein Stencil an die Wand zu sprühen. Er sollte Recht behalten. Als der Stencil fertiggestellt ist, folgen auf ratlose Gesichter… Fragen. Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion, wie sie gerade in Ägypten häufig zu erleben ist: Die offensichtlich sozio-ökonomisch weniger privilegierten Kioskbesucher finden die Aktion der bessergestellten Stencil-Amateure gar nicht mehr so witzig als sie realisieren, worum es sich dabei eigentlich handelt. Vorwürfe und Drohungen fallen. Solches Verhalten ruiniere das Land. Und die Jungs sollten nicht auf dem Tahrir-Platz demonstrieren gehen. Und falls doch, wär es nur richtig, wenn sie dort erschossen würden. Ungläubig beobachte ich die Szene und frage mich, ob es nicht langsam an der Zeit wäre von hier zu verschwinden. Nach einer Weile trennen sich die Kontrahenten endlich. Die Stencil-Aktion ist zu Ende. Wir winken ein Taxi herbei und fahren zurück nach Downtown.

Christoph Sanders stammt aus Deutschland und lebt zur Zeit in Kairo.
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