Hamburg. Henriette Heise berichtet was ihr durch den Kopf geht, während sie die Umbrüche in Ägypten von Deutschland aus miterlebt. Monday, 9. January 2012
Brennende Augen – ganz ohne Tränengas
Hamburg. Henriette Heise berichtet was ihr durch den Kopf geht, während sie die Umbrüche in Ägypten von Deutschland aus miterlebt. Als im November 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo die Polizei auf die Demonstranten losgeht und sich große Teile der Stadt wieder hinter den Midan (arab: Platz) stemmen, sind mein Mann Mostafa und ich schon seit vier Monaten in Deutschland. Nach den 18 Tagen im Januar beobachteten wir nun den 19., 20., 21., … Tag der Revolution auf unseren Bildschirmen. Nicht da sein zu können tat weh – es brannte in den Augen wie das Tränengas im Januar. Und jedes Mal wenn die Kamera über den Platz schwenkte wussten wir, dass in der Menge Freunde waren. Unser Platz wäre neben ihnen, wenn wir jetzt in Kairo wären. Sind wir aber nicht, sagen wir uns immer wieder. Obwohl es sich anders anfühlt. Einem Freund schreibe ich in einer SMS: „Mein Herz bricht, weil es bei Euch ist. Der Rest meines Körpers aber ist hier“.
Nach dem ersten Teil der Revolution im Januar zogen wir, wie schon lange geplant, von Kairo nach Deutschland. Bei der Ankunft in Europa schlägt mir eine Bö Arroganz entgegen. Zum Beispiel in Gesprächen über die politische Zukunft Ägyptens: „Eine Demokratie wie bei uns, die kriegt man nicht von heut´ auf morgen hin.“ Denen, die solche Sprüche klopfen, ist die Arroganz ihrer Aussagen meist gar nicht bewusst, denn sie fragen sich nicht, ob ihr System eigentlich so erstrebenswert ist. Oder wie demokratisch die europäischen Demokratien eigentlich sind.
An meinem ersten Tag zurück in Berlin gehe ich mit meiner Mutter und meinem Bruder zur Anti-Atom-Demo. Zigtausende umstellen das Regierungsviertel. Seit Jahrzehnten gibt es in Deutschland immer wieder große Proteste zu dem Thema und in diesem Jahr sind besonders viele Leute gegen Atomkraft auf der Straße. Und nicht nur die Steineschmeißer. Auch Eltern mit ihren Kindern. Vor Kurzem war dann mal wieder Castortransport angesagt. Für viele ein fester Termin im Kalender: Alle Jahre wieder organisieren Gegner der Atomkraft Protestaktionen in den Großstädten, stellen sich dem Transport von hoch radioaktivem Material in den Weg oder ketten sich an die Gleise. Dies Jahr haben die Proteste alle vorherigen Rahmen gesprengt. Und dennoch kam von den Politikern keine tatkräftige Reaktion. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen. Der antidemokratische Dauerbrenner in Deutschland ist der Lobbyismus. In Ägypten nennt man das Korruption.
Arroganz begegnet man nicht nur auf politischer Ebene. Eine beliebte Frage in Deutschland lautet etwa so: „Kann man denn da als Frau überhaupt leben?“ Ich will jetzt nicht die ganzen Vorurteile aufrollen, die hinter dieser und ähnlichen Fragen stecken. Wer dies liest, kennt die vermutlich allzu gut. Was mir auffällt ist die Selbstgerechtigkeit, mit der dergleichen Fragen gestellt werden. Als wäre das Leben in Deutschland – ob das der Frauen oder Männer – ausschließlich von Freiheit ausgezeichnet.
Meiner Überzeugung nach ruht man sich in Ländern wie Deutschland zu schnell auf vermeintlichen Lorbeeren aus. Die ständige Reproduktion von klischeehaften Darstellungen der Situation der Frau in der „arabischen Welt“ hilft dabei, die eigene Lage nicht so viel in Frage stellen zu müssen. Obwohl es äußerst nötig wäre. Denn Gerechtigkeit, denke ich, gibt es nicht. Es gibt immer nur eine Annäherung. Und die will erkämpft sein. Deshalb darf es kein Ausruhen geben. Dabei schließe ich mich selbst übrigens nicht aus, immerhin strotzt auch dieser Artikel vor Selbstgerechtigkeit – die ich mir nicht leisten kann!
Trotz allem lebe ich natürlich gerne in Deutschland und Europa. Doch gerade seit sich die Revolution in Ägypten zum zweiten Mal erhoben hat, schwirren mir gewisse Fragen durch den Kopf: Könnte man an der Cairo University nicht als Dozentin etwas bewegen? Und ist es nicht vielleicht doch vorstellbar, Kinder in Kairo großzuziehen, ohne sie auf eine (undemokratische) Privatschule schicken zu müssen?
Wie? Ach, ich überleg nur so...
Henriette Heise: 170cm groß, 30 Jahre alt, dunkelbraune Augen, dunkles Haar. Besondere Kennzeichen: übermäßiger Schokoladenverbrauch. Gesucht wegen grenzüberschreitendem Herumlungerns. Halten Sie besonders die Augen auf in: Deutschland – England – Ägypten. Aber so richtig sicher ist man vor ihr nirgendwo…
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