Alexandria, Ägypten. Am Freitag, den 9. Dezember 2011, wurde ich entführt, angegriffen und in den Straßengraben neben die Schnellstraße geworfen. Warum? Weil ich Mitglied des Aktionsbündnisses „Keine Militärprozesse gegen Zivilisten“ bin.
Mittwoch, 14. Dezember 2011
Als ich entführt wurde
Alexandria, Ägypten. Am Freitag, den 9. Dezember 2011, wurde ich entführt, angegriffen und in den Straßengraben neben die Schnellstraße geworfen. Warum? Weil ich Mitglied des Aktionsbündnisses „Keine Militärprozesse gegen Zivilisten“ bin.
Was der Reihe nach geschehen ist:
1. Freitag, 21 Uhr 40. Ich habe mich mit einem Freund getroffen, befinde mich jetzt auf dem Heimweg und stehe gerade an der Corniche, der Uferstraße in Alexandria, etwa 300 Meter von der berühmten Bibliothek entfernt. Plötzlich hält ein Kleinbus. Der Fahrer fragt: „Wohin?“ In der Annahme, es handele sich um ein ganz normales Sammeltaxi, nenne ich mein Fahrziel und steige ein.
2. Außer dem Fahrer sitzen noch zwei andere Männer im Wagen. Auf den Sitzbänken liegen diverse Sachen verteilt. Nur auf der Rückbank ist noch ein Platz für mich frei.
3. Ich erkundige mich nach dem Fahrpreis und zahle.
4. Plötzlich biegt der Fahrer in Richtung Suez-Brücke ab. Die Uferpromenade, behauptet er, sei wegen eines Unfalls verstopft.
5. Einer der beiden Männer wirft sich auf mich. Der andere wechselt den Sitzplatz, so dass ich im Rückraum des Wagens gefangen bin.
6. Der Mann, der sich auf mich geworfen hat, hält ein Messer in der Hand. Mit der anderen Hand drückt er mich gegen die Seitenwand des Fahrzeugs.
7. Zu diesem Zeitpunkt bin ich überzeugt, dass es sich um einen spontanen Raubüberfall handelt. Dann aber fragt mich der Angreifer nach meinem Namen. Ich gebe einen falschen Namen an. Er sagt: „Stimmt nicht. Du bist Zeyad. Wir kennen dich.“
8. Unfähig, mich zu bewegen, muss ich mich von dem Mann ins Gesicht küssen lassen. „Ihr habt meinen Bruder ins Gefängnis gebracht“, sagt er. „Und das Leben von meinem Cousin ruiniert“, ergänzt der zweite. Ich frage ihn, wen er mit „ihr“ meint. „Vergiss es“, antwortet er, „du kannst nicht jeden hochgehen lassen“.
9. Der, der auf mir hockt, hält mir das Messer an die Kehle und droht: „Ich murks dich ab und schmeiß’ dich einfach irgendwo in die Landschaft“. „Kein Problem“, erwidere ich, „ich bin bereit, zu sterben. Ich könnte mir keinen besseren Zeitpunkt vorstellen“.
10. Er packt mich an den Haaren, sagt „Du bist doch viel zu schön, um zu sterben“ und belästigt mich weiter. Als er seine Position ändern will, gelingt es mir, mich zur Wehr zu setzen. Ich versuche ihn wegzuschieben und mit den Fäusten zu boxen. Doch sein Komplize eilt ihm zu Hilfe. Gemeinsam halten sie mich fest.
11. Einer der beiden beginnt, meine Taschen zu leeren. Der andere hält mich an den Genitalien gepackt. Ich habe keine Chance, mich freizumachen.
12. Ich sage, dass ich nicht mehr besitze und es jetzt besser wäre, mich laufen zu lassen. Die Männer versprechen mir vier Mal, mich freizulassen, überlegen es sich aber jedes Mal anders. Schließlich darf ich doch gehen. Einer drückt mir fünf Pfund in die Hand und reißt die Tür auf. Ich springe nach draußen. Meine Tasche kommt hinterher geflogen. Von den Sachen in der Tasche fehlt fast nichts, einzig das Handy unseres Aktionsbündnisses, das ich seit der Gründung vor einigen Monaten stets bei mir trage.
13. In der Tasche befinden sich noch lauter Dinge, die bestimmt wertvoller sind als das höchstens 50 Pfund teure Handy: Mein Blackberry, mein iPod und ein Schlüsselanhänger von Pierre Cardin.
14. Der Kleinbus ist weg. Um mich herum ist alles dunkel. Es stellt sich heraus, dass sie mich neben der Schnellstraße rausgeworfen haben. Ich muss eine ganze Weile laufen bis ich an eine einigermaßen beleuchtete Stelle komme, an der mich meine Freunde auflesen können.
15. Zu diesem Zeitpunkt fühle ich mich wirklich elend.
Ich habe zahlreiche Gründe, anzunehmen, dass es sich nicht um einen spontanen Überfall gehandelt hat, sondern um ein geplantes Vorhaben, mit dem uns irgendeine Botschaft vermittelt werden sollte:
1. Die Männer kannten meinen Namen.
2. Sie haben nur das Handy des Aktionsbündnisses mitgenommen, kannten aber nicht einmal die PIN-Nummer. Ich habe ihnen auch nicht gesagt, welches der beiden Handys mein persönliches ist.
3. Einige Tage vor dem Überfall hatte ich seltsame Anrufe erhalten. Die Anrufer wussten stets meinen Namen, und dass ich das Handy des Aktionsbündnisses „Keine Militärprozesse gegen Zivilisten“ bei mir verwahre.
4. Andere aus der Organisation haben schon Ähnliches erlebt.
5. Schon seit über vier Wochen hatte ich Drohanrufe auf besagtem Handy erhalten, sie aber ignoriert.
Was auch immer uns widerfährt: Wir setzen unseren Kampf gegen die Unterdrückung fort und werden eines Tages auch über den Obersten Militärrat siegen. Eines Tages werden wir die Freiheit unserer Brüder, Schwestern und Freunde feiern, die jetzt noch unschuldig in Haft sitzen. Wir werden die Freiheit unseres Landes feiern und unser Recht auf Selbstbestimmung.
Ich habe immer noch nicht genau verstanden, was die drei Männer eigentlich wollten. Jedenfalls habe ich hier das Wichtigste zusammengefasst. Wenn ihr meint, dass es nützt, dürft ihr diesen Artikel gerne weitergeben, veröffentlichen oder übersetzen.
Links
Zeyad Salem hat zusätzlich eine Video-Aussage gemacht.
Der Originaltext auf der Website von Zeyad Salem.
1. Freitag, 21 Uhr 40. Ich habe mich mit einem Freund getroffen, befinde mich jetzt auf dem Heimweg und stehe gerade an der Corniche, der Uferstraße in Alexandria, etwa 300 Meter von der berühmten Bibliothek entfernt. Plötzlich hält ein Kleinbus. Der Fahrer fragt: „Wohin?“ In der Annahme, es handele sich um ein ganz normales Sammeltaxi, nenne ich mein Fahrziel und steige ein.
2. Außer dem Fahrer sitzen noch zwei andere Männer im Wagen. Auf den Sitzbänken liegen diverse Sachen verteilt. Nur auf der Rückbank ist noch ein Platz für mich frei.
3. Ich erkundige mich nach dem Fahrpreis und zahle.
4. Plötzlich biegt der Fahrer in Richtung Suez-Brücke ab. Die Uferpromenade, behauptet er, sei wegen eines Unfalls verstopft.
5. Einer der beiden Männer wirft sich auf mich. Der andere wechselt den Sitzplatz, so dass ich im Rückraum des Wagens gefangen bin.
6. Der Mann, der sich auf mich geworfen hat, hält ein Messer in der Hand. Mit der anderen Hand drückt er mich gegen die Seitenwand des Fahrzeugs.
7. Zu diesem Zeitpunkt bin ich überzeugt, dass es sich um einen spontanen Raubüberfall handelt. Dann aber fragt mich der Angreifer nach meinem Namen. Ich gebe einen falschen Namen an. Er sagt: „Stimmt nicht. Du bist Zeyad. Wir kennen dich.“
8. Unfähig, mich zu bewegen, muss ich mich von dem Mann ins Gesicht küssen lassen. „Ihr habt meinen Bruder ins Gefängnis gebracht“, sagt er. „Und das Leben von meinem Cousin ruiniert“, ergänzt der zweite. Ich frage ihn, wen er mit „ihr“ meint. „Vergiss es“, antwortet er, „du kannst nicht jeden hochgehen lassen“.
9. Der, der auf mir hockt, hält mir das Messer an die Kehle und droht: „Ich murks dich ab und schmeiß’ dich einfach irgendwo in die Landschaft“. „Kein Problem“, erwidere ich, „ich bin bereit, zu sterben. Ich könnte mir keinen besseren Zeitpunkt vorstellen“.
10. Er packt mich an den Haaren, sagt „Du bist doch viel zu schön, um zu sterben“ und belästigt mich weiter. Als er seine Position ändern will, gelingt es mir, mich zur Wehr zu setzen. Ich versuche ihn wegzuschieben und mit den Fäusten zu boxen. Doch sein Komplize eilt ihm zu Hilfe. Gemeinsam halten sie mich fest.
11. Einer der beiden beginnt, meine Taschen zu leeren. Der andere hält mich an den Genitalien gepackt. Ich habe keine Chance, mich freizumachen.
12. Ich sage, dass ich nicht mehr besitze und es jetzt besser wäre, mich laufen zu lassen. Die Männer versprechen mir vier Mal, mich freizulassen, überlegen es sich aber jedes Mal anders. Schließlich darf ich doch gehen. Einer drückt mir fünf Pfund in die Hand und reißt die Tür auf. Ich springe nach draußen. Meine Tasche kommt hinterher geflogen. Von den Sachen in der Tasche fehlt fast nichts, einzig das Handy unseres Aktionsbündnisses, das ich seit der Gründung vor einigen Monaten stets bei mir trage.
13. In der Tasche befinden sich noch lauter Dinge, die bestimmt wertvoller sind als das höchstens 50 Pfund teure Handy: Mein Blackberry, mein iPod und ein Schlüsselanhänger von Pierre Cardin.
14. Der Kleinbus ist weg. Um mich herum ist alles dunkel. Es stellt sich heraus, dass sie mich neben der Schnellstraße rausgeworfen haben. Ich muss eine ganze Weile laufen bis ich an eine einigermaßen beleuchtete Stelle komme, an der mich meine Freunde auflesen können.
15. Zu diesem Zeitpunkt fühle ich mich wirklich elend.
Ich habe zahlreiche Gründe, anzunehmen, dass es sich nicht um einen spontanen Überfall gehandelt hat, sondern um ein geplantes Vorhaben, mit dem uns irgendeine Botschaft vermittelt werden sollte:
1. Die Männer kannten meinen Namen.
2. Sie haben nur das Handy des Aktionsbündnisses mitgenommen, kannten aber nicht einmal die PIN-Nummer. Ich habe ihnen auch nicht gesagt, welches der beiden Handys mein persönliches ist.
3. Einige Tage vor dem Überfall hatte ich seltsame Anrufe erhalten. Die Anrufer wussten stets meinen Namen, und dass ich das Handy des Aktionsbündnisses „Keine Militärprozesse gegen Zivilisten“ bei mir verwahre.
4. Andere aus der Organisation haben schon Ähnliches erlebt.
5. Schon seit über vier Wochen hatte ich Drohanrufe auf besagtem Handy erhalten, sie aber ignoriert.
Was auch immer uns widerfährt: Wir setzen unseren Kampf gegen die Unterdrückung fort und werden eines Tages auch über den Obersten Militärrat siegen. Eines Tages werden wir die Freiheit unserer Brüder, Schwestern und Freunde feiern, die jetzt noch unschuldig in Haft sitzen. Wir werden die Freiheit unseres Landes feiern und unser Recht auf Selbstbestimmung.
Ich habe immer noch nicht genau verstanden, was die drei Männer eigentlich wollten. Jedenfalls habe ich hier das Wichtigste zusammengefasst. Wenn ihr meint, dass es nützt, dürft ihr diesen Artikel gerne weitergeben, veröffentlichen oder übersetzen.
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Zeyad Salem hat zusätzlich eine Video-Aussage gemacht.
Der Originaltext auf der Website von Zeyad Salem.
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