Sie hatten sich freie und verantwortungsbewusste Medien erhofft. Jetzt sind vor allem viele junge Tunesier maßlos enttäuscht. Sie denken, den Journalisten fehle es an der nötigen Neutralität und Professionalität.Monday, 12. December 2011
Tunesische Jugend hat kein Vertrauen in die Medien
Sie hatten sich freie und verantwortungsbewusste Medien erhofft. Jetzt sind vor allem viele junge Tunesier maßlos enttäuscht. Sie denken, den Journalisten fehle es an der nötigen Neutralität und Professionalität.„Wir haben euch Freiheit gegeben – geht sorgsam damit um!“ Mit diesem Appell haben sich die jungen Revolutionäre in Tunesien an die Medien gerichtet. Die Aufforderung ist eindeutig: Die Journalisten sollen endlich neutral und unabhängig berichten und der Verantwortung gerecht werden, die ihnen nach der Revolution vom 14. Januar 2011 übertragen worden ist. Doch die Medien stellen sich taub. Bereits im Vorfeld der Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung sind sie in ihre altbekannten Loyalitätsbekundungen zurück verfallen und ergreifen seither ungeniert Partei.
Insbesondere die Berichterstattung über die Vorfälle an der Universität in Manouba hat viele der betroffenen Studenten in Rage gebracht. Bei einer Protestaktion hatten Salafisten Ende November Teile der Hochschule für Literatur, Kunst und Geisteswissenschaften in Manouba, bei Tunis, besetzt, Professoren angegriffen und den Unterricht zum Erliegen gebracht. Die Protestaktion richtete sich gegen den Hochschulausschuss, der zuvor beschlossen hatte, Studentinnen mit Gesichtsschleier den Zutritt zum Universitätsgelände zu verwehren.
Der Vorfall in Manouba hat nicht nur die Studentenschaft verärgert, er wurde auch in Presse, Rundfunk und Fernsehen regelrecht breit getreten. Mit der Art der Berichterstattung waren viele Studenten alles andere als zufrieden. Es stellt sich deshalb die Frage: Was halten die jungen Tunesier heute, nach den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung, von den tunesischen Medien?
Malak Boukhris, Studentin am Institut für Presse- und Informationswesen und aktives Mitglied des Studentenbundes, sagt: „Früher war die Berichterstattung der Medien violett gefärbt; violett war die Farbe von Ben Alis regierender RCD. Heute schimmert bei vielen Berichten und Reportagen das Blau der islamischen El-Nahda-Partei durch, die die Wahlen für sich entschieden hat. Die Journalisten tanzen also weiterhin nach der Pfeife der Mächtigen. Ich wünsche mir, dass die Medien sachlicher arbeiten und sich nicht länger auf Kosten des Volkes und des journalistischen Ehrenkodexes kaufen lassen.“
Mohammed Al-Bahti, Student an der Hochschule für Literatur, Kunst und Geisteswissenschaften, ist der offizielle Sprecher der Uni-Besetzer und Befürworter des Gesichtsschleiers an der Hochschule: „Die politische Linke versucht nach wie vor die öffentliche Meinung mit Hilfe der Medien zu manipulieren und den Islam und die Muslime zu verunglimpfen. Bestes Beispiel dafür ist die Art in der über unsere Protestaktion berichtet wurde: Man hat die Angelegenheit zu einem Horrorszenario aufgebauscht, bei dem Salafisten und Bärtige die Uni stürmen, um sie in eine Arena für politische Scharmützel und ideologische Rangeleien zu konvertieren.“
Khaireddin Abdali, Student in Manouba, sagt: „Über elf Monate ist es jetzt her, dass in Tunesien die glorreiche Revolution ausbrach. Die Medien haben ihr regimetreues Gebaren aber immer noch nicht abgelegt und lassen sich weiterhin von den Mächtigen im Land steuern, wie Marionetten. Entsprechend parteiisch fällt dann auch die Berichterstattung aus, was sich besonders eindrücklich während und nach der Protestaktion an unserer Uni gezeigt hat. Ich hoffe sehr, dass unsere Journalisten in Zukunft neutraler und verantwortungsbewusster handeln, damit wir Hitlers Vorstellung „Medien ohne Gewissen schaffen ein Volk ohne Bewusstsein“ nicht wahr machen.“
Die schlechte Meinung, die viele junge Tunesier von den staatlichen und privaten Medien haben, wird auch historisch begründet sein. Unter Präsident Bourguiba arbeiteten Presse, Rundfunk und Fernsehen für das Regime. Unter Ben Ali war es nicht anders. Die parteiische Berichterstattung in den tunesischen Medien vor und nach den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung kommt deshalb vielen, nicht zu Unrecht, wie ein nahtloser Übergang vor. Unmittelbar nach den Wahlen erschien ein Bericht der unabhängigen Presseaufsicht, der besagte, dass die meisten Medienberichte über die Wahlen von einem pro-El-Nahda Grundtenor geprägt gewesen seien. Eindeutiger geht es nicht.
Ghazi Mabrouk, 21, Student am Institut für Presse- und Informationswesen in Tunis, hat nach der Revolution vom 14. Januar zusammen mit Kommilitonen das Online-Magazin „kalima hurra“ („Freie Rede“) gegründet: „Wir haben das Projekt selbst finanziert und mussten dazu etwas vom Studiengeld abzweigen, das wir von den Eltern bekommen. Manchmal waren wir gezwungen, Abstriche beim Essen zu machen, damit wir in verschiedene Landesteile reisen konnten, um von dort zu berichten. Eine wunderbare Erfahrung.“ Das Projekt musste inzwischen aus finanziellen Gründen eingestellt werden.
Insbesondere die Berichterstattung über die Vorfälle an der Universität in Manouba hat viele der betroffenen Studenten in Rage gebracht. Bei einer Protestaktion hatten Salafisten Ende November Teile der Hochschule für Literatur, Kunst und Geisteswissenschaften in Manouba, bei Tunis, besetzt, Professoren angegriffen und den Unterricht zum Erliegen gebracht. Die Protestaktion richtete sich gegen den Hochschulausschuss, der zuvor beschlossen hatte, Studentinnen mit Gesichtsschleier den Zutritt zum Universitätsgelände zu verwehren.
Der Vorfall in Manouba hat nicht nur die Studentenschaft verärgert, er wurde auch in Presse, Rundfunk und Fernsehen regelrecht breit getreten. Mit der Art der Berichterstattung waren viele Studenten alles andere als zufrieden. Es stellt sich deshalb die Frage: Was halten die jungen Tunesier heute, nach den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung, von den tunesischen Medien?
Malak Boukhris, Studentin am Institut für Presse- und Informationswesen und aktives Mitglied des Studentenbundes, sagt: „Früher war die Berichterstattung der Medien violett gefärbt; violett war die Farbe von Ben Alis regierender RCD. Heute schimmert bei vielen Berichten und Reportagen das Blau der islamischen El-Nahda-Partei durch, die die Wahlen für sich entschieden hat. Die Journalisten tanzen also weiterhin nach der Pfeife der Mächtigen. Ich wünsche mir, dass die Medien sachlicher arbeiten und sich nicht länger auf Kosten des Volkes und des journalistischen Ehrenkodexes kaufen lassen.“
Mohammed Al-Bahti, Student an der Hochschule für Literatur, Kunst und Geisteswissenschaften, ist der offizielle Sprecher der Uni-Besetzer und Befürworter des Gesichtsschleiers an der Hochschule: „Die politische Linke versucht nach wie vor die öffentliche Meinung mit Hilfe der Medien zu manipulieren und den Islam und die Muslime zu verunglimpfen. Bestes Beispiel dafür ist die Art in der über unsere Protestaktion berichtet wurde: Man hat die Angelegenheit zu einem Horrorszenario aufgebauscht, bei dem Salafisten und Bärtige die Uni stürmen, um sie in eine Arena für politische Scharmützel und ideologische Rangeleien zu konvertieren.“
Khaireddin Abdali, Student in Manouba, sagt: „Über elf Monate ist es jetzt her, dass in Tunesien die glorreiche Revolution ausbrach. Die Medien haben ihr regimetreues Gebaren aber immer noch nicht abgelegt und lassen sich weiterhin von den Mächtigen im Land steuern, wie Marionetten. Entsprechend parteiisch fällt dann auch die Berichterstattung aus, was sich besonders eindrücklich während und nach der Protestaktion an unserer Uni gezeigt hat. Ich hoffe sehr, dass unsere Journalisten in Zukunft neutraler und verantwortungsbewusster handeln, damit wir Hitlers Vorstellung „Medien ohne Gewissen schaffen ein Volk ohne Bewusstsein“ nicht wahr machen.“
Die schlechte Meinung, die viele junge Tunesier von den staatlichen und privaten Medien haben, wird auch historisch begründet sein. Unter Präsident Bourguiba arbeiteten Presse, Rundfunk und Fernsehen für das Regime. Unter Ben Ali war es nicht anders. Die parteiische Berichterstattung in den tunesischen Medien vor und nach den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung kommt deshalb vielen, nicht zu Unrecht, wie ein nahtloser Übergang vor. Unmittelbar nach den Wahlen erschien ein Bericht der unabhängigen Presseaufsicht, der besagte, dass die meisten Medienberichte über die Wahlen von einem pro-El-Nahda Grundtenor geprägt gewesen seien. Eindeutiger geht es nicht.
Ghazi Mabrouk, 21, Student am Institut für Presse- und Informationswesen in Tunis, hat nach der Revolution vom 14. Januar zusammen mit Kommilitonen das Online-Magazin „kalima hurra“ („Freie Rede“) gegründet: „Wir haben das Projekt selbst finanziert und mussten dazu etwas vom Studiengeld abzweigen, das wir von den Eltern bekommen. Manchmal waren wir gezwungen, Abstriche beim Essen zu machen, damit wir in verschiedene Landesteile reisen konnten, um von dort zu berichten. Eine wunderbare Erfahrung.“ Das Projekt musste inzwischen aus finanziellen Gründen eingestellt werden.
Trackbacks
Trackback specific URI for this entry
No Trackbacks