Ägypten. In zahlreichen Provinzen haben Anfang letzter Woche die ersten Parlamentswahlen seit der Revolution im Januar 2011 begonnen. Wahlen dieser Art hat es in Ägypten so noch nicht gegeben. Mohamed Amged, aus der Provinz Sohag im Landesinneren, beschreibt die Unterschiede zu früher anhand der Stimmung in Oberägypten.Dienstag, 6. Dezember 2011
Wahlen auf Oberägyptisch
Ägypten. In zahlreichen Provinzen haben Anfang letzter Woche die ersten Parlamentswahlen seit der Revolution im Januar 2011 begonnen. Wahlen dieser Art hat es in Ägypten so noch nicht gegeben. Mohamed Amged, aus der Provinz Sohag im Landesinneren, beschreibt die Unterschiede zu früher anhand der Stimmung in Oberägypten.Als erstes fiel die regelrechte Flut von Kandidaten auf. Allein in Sohag wurden insgesamt 308 Einzel- und Listenkandidaten verzeichnet, bei nicht weniger als 15 Listen. Oberägypten unterscheidet sich nicht nur geografisch vom Norden des Landes an der Mittelmeerküste.
Die Gegend ist wesentlich stärker von Stammeskultur geprägt als der Norden, was natürlich bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus ins Gewicht fällt. In Sohag lässt sich oft beobachten, dass renommierte Familien ihren ganz „persönlichen“ Kandidaten haben, der die Interessen seiner Angehörigen und seines Herkunftsortes vertreten soll. Bei den Parlamentswahlen steht also nicht der Wettstreit von Ideologien oder politischen Ausrichtungen im Vordergrund, sondern Familienfehden, die nicht selten blutig ausgetragen werden.
Listenkandidaten haben unter anderem die Muslimbrüder mit ihrer „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“ ins Rennen geschickt, ferner die „Wafd“-Partei, die Hizb El-Adl („Gerechtigkeitspartei“), die „Al-Wasat“-Partei, sowie die vom Geschäftsmann Naguib Sawiris gegründete „Partei der Freien Ägypter“. Auch ehemalige Mitglieder der aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (NDP) sind in allen Wahlkreisen der Provinz Sohag angetreten, und zwar vorwiegend als Listenkandidaten, zum Beispiel für die „Partei der Einheit“ oder die „Partei der Freiheit“.
Was die Wahlpropaganda angeht, ist kein großer Unterschied zu früher zu erkennen. Man hat sich auf Wahlplakate in den Straßen beschränkt, hier und da gab es Versammlungen oder Diskussionsrunden in den Häusern der Kandidaten. Und trotzdem ließ sich vor allem unter den jungen Leuten eine bislang ungekannte Resonanz beobachten.
In einem Café in Girga, im Süden der Provinz Sohag, sah ich einen riesigen Aushang, der erklärte wie die Wahl funktioniert und welche Regeln man bei der Stimmabgabe beachten sollte. Die Erklärung war einwandfrei, neugierig fragte ich den Besitzer des Cafés danach. Er antwortete einfach und genial: „Wenn sich die Rolle des Bürgers weiterhin bloß darauf beschränkt, seine Stimme abzugeben, kann von Veränderung keine Rede sein“.
In Gesprächen mit Angehörigen jeder Altersgruppe und Herkunft habe ich versucht herauszufinden, was die Menschen in Sohag von den Wahlen halten.
Einer meiner ersten Interviewpartner war Mina Kamal, der kurz vor dem Abschluss der Handelsakademie-Diploms steht. Er gehört zu denen, die beim Referendum am 19. März mit „nein“ gestimmt haben, weil er Parlamentswahlen vor einer Verfassungsreform ablehnt. Er hält die Wahl für wenig aussagekräftig, weil die Rolle der jungen Revolutionäre beim Entwurf der neuen politischen Landkarte quasi unter den Tisch gefallen ist. Außerdem kann er nicht akzeptieren, dass die sogenannten „Fulul“, die ehemaligen Parteigänger von Mubaraks korrupter NDP, weiterhin ungehindert kandidieren können. Seiner Meinung nach müsste man diesen Leuten rigoros per Gesetz das Handwerk legen. Seine Stimme will er nicht abgeben.
Shaban Gharib, ein Fabrikarbeiter, erzählt mir, dass er seine Stimme bisher immer für 20 Pfund an den NDP-Kandidaten verkauft hat. Nach der Revolution ist ihm klar geworden, dass seine Stimme mehr wert ist, auch wenn er nicht aktiv an Protesten teilgenommen hatte.
Am 19. März ist er zu Hause geblieben, weil er nicht verstand was das Referendum sollte. Bei den bevorstehenden Parlamentswahlen wollte er eigentlich wählen und seine Stimme nicht verkaufen, aber den Vorgang findet er so kompliziert, dass er jemanden bräuchte, der es ihm erklärt. Er wundert sich, warum er auch im Fernsehen nichts darüber erfahren konnte. Außerdem weiß er nicht, wen er wählen soll. Er fragt: Was bringt es, nicht für die ehemaligen NDP-Leute zu stimmen, wenn viele der unabhängigen Kandidaten bis vor Kurzem davon geträumt haben, Parteimitglieder zu werden?
Für die Hausfrau Iman Amr kommt nur ein Wahlboykott in Frage. Sie hält die Wahlen für eine Farce, weil sie den Falschen zur Legitimation verhelfen. Ihrer Meinung nach gibt es in der ganzen Provinz Sohag keinen Kandidaten, der auch nur annähernd qualifiziert ist, in der bevorstehenden schwierigen Legislaturperiode im Abgeordnetenhaus zu sitzen. Sie will deshalb am Wahltag nur ins Wahllokal gehen, um ihren Stimmzettel ungültig zu machen – damit er nicht zum Zweck der Wahlfälschung missbraucht werden kann.
Meiner Ansicht nach wird in Sohag die Bedeutung dieser Parlamentswahlen völlig verkannt. Stammesinteressen und Familienangelegenheiten werden über das Gemeinwohl gestellt. Und genau aus diesem Grund werden die „Fulul“ in Oberägypten den besten Schnitt machen.
Mohammed Amgad, BWL-Student, sagt über sich selbst: „Die meiste Zeit geht es mir nicht um mich.“ Lesen und Schreiben sind seine Leidenschaft. Er ist seit 2009 aktiv politisch tätig und koordiniert derzeit die „Bewegung 6. April“ in Sohag.
Die Gegend ist wesentlich stärker von Stammeskultur geprägt als der Norden, was natürlich bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus ins Gewicht fällt. In Sohag lässt sich oft beobachten, dass renommierte Familien ihren ganz „persönlichen“ Kandidaten haben, der die Interessen seiner Angehörigen und seines Herkunftsortes vertreten soll. Bei den Parlamentswahlen steht also nicht der Wettstreit von Ideologien oder politischen Ausrichtungen im Vordergrund, sondern Familienfehden, die nicht selten blutig ausgetragen werden.
Listenkandidaten haben unter anderem die Muslimbrüder mit ihrer „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“ ins Rennen geschickt, ferner die „Wafd“-Partei, die Hizb El-Adl („Gerechtigkeitspartei“), die „Al-Wasat“-Partei, sowie die vom Geschäftsmann Naguib Sawiris gegründete „Partei der Freien Ägypter“. Auch ehemalige Mitglieder der aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (NDP) sind in allen Wahlkreisen der Provinz Sohag angetreten, und zwar vorwiegend als Listenkandidaten, zum Beispiel für die „Partei der Einheit“ oder die „Partei der Freiheit“.
Was die Wahlpropaganda angeht, ist kein großer Unterschied zu früher zu erkennen. Man hat sich auf Wahlplakate in den Straßen beschränkt, hier und da gab es Versammlungen oder Diskussionsrunden in den Häusern der Kandidaten. Und trotzdem ließ sich vor allem unter den jungen Leuten eine bislang ungekannte Resonanz beobachten.
In einem Café in Girga, im Süden der Provinz Sohag, sah ich einen riesigen Aushang, der erklärte wie die Wahl funktioniert und welche Regeln man bei der Stimmabgabe beachten sollte. Die Erklärung war einwandfrei, neugierig fragte ich den Besitzer des Cafés danach. Er antwortete einfach und genial: „Wenn sich die Rolle des Bürgers weiterhin bloß darauf beschränkt, seine Stimme abzugeben, kann von Veränderung keine Rede sein“.
In Gesprächen mit Angehörigen jeder Altersgruppe und Herkunft habe ich versucht herauszufinden, was die Menschen in Sohag von den Wahlen halten.
Einer meiner ersten Interviewpartner war Mina Kamal, der kurz vor dem Abschluss der Handelsakademie-Diploms steht. Er gehört zu denen, die beim Referendum am 19. März mit „nein“ gestimmt haben, weil er Parlamentswahlen vor einer Verfassungsreform ablehnt. Er hält die Wahl für wenig aussagekräftig, weil die Rolle der jungen Revolutionäre beim Entwurf der neuen politischen Landkarte quasi unter den Tisch gefallen ist. Außerdem kann er nicht akzeptieren, dass die sogenannten „Fulul“, die ehemaligen Parteigänger von Mubaraks korrupter NDP, weiterhin ungehindert kandidieren können. Seiner Meinung nach müsste man diesen Leuten rigoros per Gesetz das Handwerk legen. Seine Stimme will er nicht abgeben.
Shaban Gharib, ein Fabrikarbeiter, erzählt mir, dass er seine Stimme bisher immer für 20 Pfund an den NDP-Kandidaten verkauft hat. Nach der Revolution ist ihm klar geworden, dass seine Stimme mehr wert ist, auch wenn er nicht aktiv an Protesten teilgenommen hatte.
Am 19. März ist er zu Hause geblieben, weil er nicht verstand was das Referendum sollte. Bei den bevorstehenden Parlamentswahlen wollte er eigentlich wählen und seine Stimme nicht verkaufen, aber den Vorgang findet er so kompliziert, dass er jemanden bräuchte, der es ihm erklärt. Er wundert sich, warum er auch im Fernsehen nichts darüber erfahren konnte. Außerdem weiß er nicht, wen er wählen soll. Er fragt: Was bringt es, nicht für die ehemaligen NDP-Leute zu stimmen, wenn viele der unabhängigen Kandidaten bis vor Kurzem davon geträumt haben, Parteimitglieder zu werden?
Für die Hausfrau Iman Amr kommt nur ein Wahlboykott in Frage. Sie hält die Wahlen für eine Farce, weil sie den Falschen zur Legitimation verhelfen. Ihrer Meinung nach gibt es in der ganzen Provinz Sohag keinen Kandidaten, der auch nur annähernd qualifiziert ist, in der bevorstehenden schwierigen Legislaturperiode im Abgeordnetenhaus zu sitzen. Sie will deshalb am Wahltag nur ins Wahllokal gehen, um ihren Stimmzettel ungültig zu machen – damit er nicht zum Zweck der Wahlfälschung missbraucht werden kann.
Meiner Ansicht nach wird in Sohag die Bedeutung dieser Parlamentswahlen völlig verkannt. Stammesinteressen und Familienangelegenheiten werden über das Gemeinwohl gestellt. Und genau aus diesem Grund werden die „Fulul“ in Oberägypten den besten Schnitt machen.
Mohammed Amgad, BWL-Student, sagt über sich selbst: „Die meiste Zeit geht es mir nicht um mich.“ Lesen und Schreiben sind seine Leidenschaft. Er ist seit 2009 aktiv politisch tätig und koordiniert derzeit die „Bewegung 6. April“ in Sohag.
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