Die saudi-arabischen Frauen führen ihren Kampf um Gleichberechtigung nicht nur über Blogs und Sitzstreiks. Im Mai 2011 starteten einige Frauen eine Kampagne um die Regierung dazu zu zwingen ihnen das Autofahren zu erlauben. Der saudi-arabische Blogger Ahmed Alwasel denkt, dass dies nur ein Vorbote ist.
Mittwoch, 19. Oktober 2011
Die Revolution der saudi-arabischen Frauen (Teil II)
Die saudi-arabischen Frauen führen ihren Kampf um Gleichberechtigung nicht nur über Blogs und Sitzstreiks. Im Mai 2011 starteten einige Frauen eine Kampagne um die Regierung dazu zu zwingen ihnen das Autofahren zu erlauben. Der saudi-arabische Blogger Ahmed Alwasel denkt, dass dies nur ein Vorbote ist.
Mitten in der von Frauenrechtprotesten aufgeheizten Stimmung verkündete am 2. Mai eine Frauengruppe ihren Plan für die Kampagne „Es ist mein Recht, Auto zu fahren!“. Die Kampagne hat am 17. Juni begonnen und ihre Ziele verkündet:
1. Wir fordern das Ende sämtlicher Arten der Diskriminierung von Frauen, die auf gesellschaftlichen Traditionen welche der Scharia widersprechen, beruhen.
2. Wir werden unsere Anstrengungen vereinen und uns von keinen Hindernissen aufhalten lassen.
Die große Überraschung kam am 20. Mai, als auf youtube ein Video veröffentlicht wurde, das die politische Aktivistin Manal al-Sharif (geb. 1979) beim Autofahren zeigt. In dem Video, welches bereits über 800.000 Menschen sahen, fährt Manal in ihrem Auto unbehelligt durch die Stadt Dammam.
Einen Tag später ist sie mit ihrem Bruder, seiner Frau und deren Kindern unterwegs, als die Verkehrspolizei sie anhält: Manal wird vor das „Komitee für die Verbreitung von Tugend die Verhinderung von Lastern“ zitiert. Nach ein paar Stunden darf sie zwar wieder gehen, aber schon am nächsten Tag frühmorgens wird sie erneut festgenommen. Dieses Mal bleibt sie neun Tage in Haft. Dann wird sie unter der Bedingung entlassen, dass sie in Saudi-Arabien nie wieder Auto fährt. Ist damit die Sache erledigt?
Gibt man bei google die Suchbegriffe „Saudi-Araberin fährt Auto Festnahme“ ein, findet man eine Menge ähnlicher Fälle:
23. Mai: Eine über vierzigjährige Frau wird in der Provinz Al-Ras festgenommen.
09. Juni: Sechs junge Frauen zwischen 20 und 30 werden im Hittin-Viertel in Riad festgenommen.
10. Juni: Rasha al-Duwisi und fünf andere Frauen, die gemeinsam in Riad Autofahren lernen, werden festgenommen.
11. Juni: Eine Frau wird in der Provinz Bisha festgenommen.
19. September: Eine Saudi-Araberin und ihr Bruder werden im Stadtviertel Suleimaniya in Jidda festgenommen.
26. September: Eine etwa zwanzigjährige Frau wird in Dammam festgenommen; das ist bereits die fünfte Festnahme dieser Art allein in Dammam.
Diese Frauen haben dem Verbot getrotzt und sind – ob alleine oder mit Verwandten – in ihren Autos gefahren. Dafür haben sie Festnahme und öffentliche Verurteilung bewusst in Kauf genommen. Die Geschichte ist also keineswegs zu Ende.
Blick in die Zukunft
Soziale Bewegungen haben in Saudi-Arabien das Bewusstsein für Menschen- und insbesondere Frauenrechte, wie auch für politische Reformen gestärkt. Ihr wachsender Einfluss ist auf soziale Netzwerke, Blogs und Internetforen zurückzuführen, aber auch dank Petitionen, Klagen, Berichte, Kampagnen, Demonstrationen und andere Protestformen ermöglicht worden.
Und trotzdem ist die Frau weiterhin eine Gefangene des muharrim, ihres männlichen Aufpassers. Sie darf nur mit seinem Einverständnis reisen – ja selbst heiraten. Es ist daher unabdingbar, dass die sozialen Bewegungen enger zusammenarbeiten, ihre Forderungen ausweiten und die Unabhängigkeit aller Beteiligten gewährleistet ist. Nur so kann ein menschenwürdiges Leben garantiert werden.
Der „Arabische Frühling“ und frühere Bewegungen haben gezeigt, dass das Bewusstsein der Völker dem seiner Herrscher überlegen ist. Ich persönlich glaube, dass der Reformweg der jungen Menschen mit der konservativen Haltung der Regierung kollidieren wird. Erwartet eine Explosion!
Ahmed Alwasel ist ein saudi-arabischer Dichter, Schriftsteller und Kulturanthropologe. 2005 gewann er den von der Zeitung Al-Riad ausgeschriebenen „Preis des arabischen Dichters“ und 2006 den vom Verlagshaus Al-Sada verliehenen „Preis für den Besten Roman“. Sein letzter Gedichtband „Die Schrecken der Heiterkeit“ erschien 2009. Neben mehreren literaturkritischen Büchern hat er zwei Romane verfasst: „Die Riad-Sure“ (2007) und „Rosen und Cappuccino“ (2011).
Übersetzt von Fabian Ledwon.
Links
Die Initiative „Mein Recht ist meine Würde“ auf dem Blog von Manal al-Sharif.
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