Als ich mich das erste Mal durch die Seite der Facebook-Gruppe "Tut mir leid, Präsident" klickte, lag der Abtritt Mubaraks gerade einen Tag zurück. Samstag, 10. September 2011
Wir sind da: Die Söhne Mubaraks
Als ich mich das erste Mal durch die Seite der Facebook-Gruppe "Tut mir leid, Präsident" klickte, lag der Abtritt Mubaraks gerade einen Tag zurück. Ich war etwas fassungslos darüber, dass Mubaraks Anhänger überhaupt den Mut besaßen, und es auch noch so flink schafften, sich zu propagieren. Da war ein öffentlicher Aufruf zur Teilnahme an einem "Wiedergutmachungsmarsch", organisiert von Mubaraks Fans, oder besser "Mubaraks Söhnen", wie sie sich untereinander auf Facebook nennen, zum Zeichen ihrer Dankbarkeit und im Sinne der Anerkennung seiner Wohltaten für die Ägypter.
Der Termin für den Marsch war an dem Freitag, der direkt auf Mubaraks Rücktrittsrede folgte. Es gab Gerüchte, die Gruppe sei von dem einen oder anderen Mitglied der Nationalen Partei ins Leben gerufen worden, oder gar, dass Jamal Mubarak, der Sohn des Ex-Präsidenten, als direkter Sponsor dahintersteckte.
Sicher, wenn der Name jener Gruppe zwischen mir und meinen Freunden fiel, dann höchstens als Anekdote über eine Versammlung von Anhängern des alten Regimes um obsolete Heiligtümer herum.
Wir alle erwarteten, dass diese Gruppe und ihresgleichen innerhalb weniger Wochen aus Facebook und dem Internet wieder verschwinden würden. Aber in den folgenden Monaten kam es ganz anders.
Die Gruppe "Tut mir leid, Präsident" hat heute mehr als hunderttausend "Likes", und das sind überraschend viele. Das lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass die Gruppe die bekannteste und beliebteste unter den Facebook-Gruppen für "Mubaraks Söhne" ist. Über sie werden alle Einladungen und Aufrufe zu sämtlichen Aktionen kommuniziert, die Mubaraks Fans organisieren.
Dann gibt es noch die verbreitete These, dass etwa zwei Drittel der "Likes" gar nicht unbedingt von "Mubaraks Söhnen" stammen, sondern von Leuten, die einfach nur aus Neugier oder zum Spott auf der Seite sind. Die große Menge höhnischer oder vulgärer Kommentare, die sich unter jedes neues Statusupdate reihen, würde diese These bekräftigen.
Bemerkenswert sind die Geschicklichkeit und die erstaunliche Effektivität, mit der "Mubaraks Söhne" die sozialen Medien benutzen. Versuch mal, eine neue Anti-Mubarak Facebook-Gruppe zu gründen. Innerhalb von Minuten wirst du einen ganzen Rattenschwanz aggressiver und höhnischer Kommentare finden, unterstützt von Videos und Photos über Präsident Mubaraks Errungenschaften.
Bei einem kleinen Streifzug über die Profile solcher Nutzer auf Twitter oder Facebook wird dir auffallen, dass die meisten von ihnen, wohl um ihre Haltung zusätzlich visuell zu betonen, bis heute noch Fotos des Präsidenten als Profilbilder verwenden: Fotos in schwarz-weiß oder in matten Farben, aus den Achtzigern oder vom Beginn der Neunziger – der Zeit, zu der Mubarak sich noch großer Akzeptanz beim Volk erfreute. Kunstvoll gestaltete Bilder mit Sprüchen, dem Helden des Oktober-Krieges zu Ehren.
Hinzu kommt, dass "Tut mir leid, Präsident" mit der Zeit zu einer interessanten journalistischen Bezugsquelle geworden ist, aus der Tageszeitungen Eindrücke und Erklärungen der Gruppe zu den neuesten Entwicklungen zitieren, etwa über das Entfernen von Mubaraks Namen aus öffentlichen Einrichtungen, den Prozess gegen Mubarak, u.s.w.
Jedoch bleiben die "Söhne Mubaraks" im Grunde vielen ein Rätsel. Wäre es bei ein paar spärlichen Demonstrationen auf dem Mustafa-Mahmoud-Platz geblieben (der inzwischen zum offiziellen Aktionsstandort der "Tut mir leid, Präsident"-Jugend geworden ist), mit einer einzigen Tribüne und einer handvoll Transparenten, hätte die Sache wahrscheinlich weiter keine großen Fragen aufgeworfen.
Aber jetzt, nach den jüngsten Vorfällen, sieht die Lage anders aus. Der bekannteste dieser Vorfälle spielte sich vor der Polizeiakademie ab, wo der erste Tag des Prozesses gegen Mubarak stattfand. Es war eine ziemliche Menge von ihnen vor Ort, nachdem sie in mehreren Bussen angefahren worden waren, alle einheitlich gekleidet: Sie trugen weiße T-Shirts, bedruckt mit Solidaritätsbekundungen zu Mubarak.
Da kamen große Zweifel auf, ob nicht doch von irgendwo her eine Finanzierung - und die dazugehörige Indoktrination - gekommen war. Das war noch nicht alles. Trotz der gewalttätigen Auseinandersetzungen, die es an jenem Tag zwischen ihnen und den Familien der Märtyrer gab, und trotz der vielenVerletzten auf der Seite der "Söhne Mubaraks", revanchierten sich jene mit ungaublicher Beharrlichkeit, und zwar gleicherorts, am Tag der zweiten Sitzung des Prozesses. Spätestens dann fragte sich jeder: Wer steht eigentlich hinter ihnen? Wer nimmt Auseinandersetzungen und Schlägereien in Kauf, und steht dabei auch noch in der sengenden Hitze herum, und alles für den Ex-Präsidenten Mubarak?
Zwar begegne „Mubaraks Söhne“ viel Ablehnung und Spott; aber immerhin tauchen sie auf Pressefotos in der einen oder anderen Szene auf, und alle paar Tage findet man hier und da eine Meldung über sie, wenn auch nur in der Spalte der Anekdoten und seltsamen Begebenheiten. Interessant ist auch, dass sie sich derselben Strategien der revolutionären Jugend bedienen.
Mal steigen sie hinab in eine U-Bahn-Station die von "Mubarak" in "Die Märtyrer" umgetauft wurde, sprayen den alten Namen des Ex-Präsidenten darüber und dokumentieren das alles mit Videos und Fotos. Oder, wie es heute der Fall war, versuchte eine Gruppe die sich selbst "Organisation Söhne Mubaraks" nennt, im Morgengrauen den Sitz der Partei für Gerechtigkeit zu stürmen, und ihre Sprüche auf alle Transparente und Schilder der Partei zu sprühen.
Mahmoud Ezzat, ägyptischer Dichter, studierte Medizin an der Kairoer Universität. Er arbeitet als Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen. Er hat zwei Gedichtsbücher veröffentlicht.
Übersetzt von Sandra Hetzl
Der Termin für den Marsch war an dem Freitag, der direkt auf Mubaraks Rücktrittsrede folgte. Es gab Gerüchte, die Gruppe sei von dem einen oder anderen Mitglied der Nationalen Partei ins Leben gerufen worden, oder gar, dass Jamal Mubarak, der Sohn des Ex-Präsidenten, als direkter Sponsor dahintersteckte.
Sicher, wenn der Name jener Gruppe zwischen mir und meinen Freunden fiel, dann höchstens als Anekdote über eine Versammlung von Anhängern des alten Regimes um obsolete Heiligtümer herum.
Wir alle erwarteten, dass diese Gruppe und ihresgleichen innerhalb weniger Wochen aus Facebook und dem Internet wieder verschwinden würden. Aber in den folgenden Monaten kam es ganz anders.
Die Gruppe "Tut mir leid, Präsident" hat heute mehr als hunderttausend "Likes", und das sind überraschend viele. Das lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass die Gruppe die bekannteste und beliebteste unter den Facebook-Gruppen für "Mubaraks Söhne" ist. Über sie werden alle Einladungen und Aufrufe zu sämtlichen Aktionen kommuniziert, die Mubaraks Fans organisieren.
Dann gibt es noch die verbreitete These, dass etwa zwei Drittel der "Likes" gar nicht unbedingt von "Mubaraks Söhnen" stammen, sondern von Leuten, die einfach nur aus Neugier oder zum Spott auf der Seite sind. Die große Menge höhnischer oder vulgärer Kommentare, die sich unter jedes neues Statusupdate reihen, würde diese These bekräftigen.
Bemerkenswert sind die Geschicklichkeit und die erstaunliche Effektivität, mit der "Mubaraks Söhne" die sozialen Medien benutzen. Versuch mal, eine neue Anti-Mubarak Facebook-Gruppe zu gründen. Innerhalb von Minuten wirst du einen ganzen Rattenschwanz aggressiver und höhnischer Kommentare finden, unterstützt von Videos und Photos über Präsident Mubaraks Errungenschaften.
Bei einem kleinen Streifzug über die Profile solcher Nutzer auf Twitter oder Facebook wird dir auffallen, dass die meisten von ihnen, wohl um ihre Haltung zusätzlich visuell zu betonen, bis heute noch Fotos des Präsidenten als Profilbilder verwenden: Fotos in schwarz-weiß oder in matten Farben, aus den Achtzigern oder vom Beginn der Neunziger – der Zeit, zu der Mubarak sich noch großer Akzeptanz beim Volk erfreute. Kunstvoll gestaltete Bilder mit Sprüchen, dem Helden des Oktober-Krieges zu Ehren.
Hinzu kommt, dass "Tut mir leid, Präsident" mit der Zeit zu einer interessanten journalistischen Bezugsquelle geworden ist, aus der Tageszeitungen Eindrücke und Erklärungen der Gruppe zu den neuesten Entwicklungen zitieren, etwa über das Entfernen von Mubaraks Namen aus öffentlichen Einrichtungen, den Prozess gegen Mubarak, u.s.w.
Jedoch bleiben die "Söhne Mubaraks" im Grunde vielen ein Rätsel. Wäre es bei ein paar spärlichen Demonstrationen auf dem Mustafa-Mahmoud-Platz geblieben (der inzwischen zum offiziellen Aktionsstandort der "Tut mir leid, Präsident"-Jugend geworden ist), mit einer einzigen Tribüne und einer handvoll Transparenten, hätte die Sache wahrscheinlich weiter keine großen Fragen aufgeworfen.
Aber jetzt, nach den jüngsten Vorfällen, sieht die Lage anders aus. Der bekannteste dieser Vorfälle spielte sich vor der Polizeiakademie ab, wo der erste Tag des Prozesses gegen Mubarak stattfand. Es war eine ziemliche Menge von ihnen vor Ort, nachdem sie in mehreren Bussen angefahren worden waren, alle einheitlich gekleidet: Sie trugen weiße T-Shirts, bedruckt mit Solidaritätsbekundungen zu Mubarak.
Da kamen große Zweifel auf, ob nicht doch von irgendwo her eine Finanzierung - und die dazugehörige Indoktrination - gekommen war. Das war noch nicht alles. Trotz der gewalttätigen Auseinandersetzungen, die es an jenem Tag zwischen ihnen und den Familien der Märtyrer gab, und trotz der vielenVerletzten auf der Seite der "Söhne Mubaraks", revanchierten sich jene mit ungaublicher Beharrlichkeit, und zwar gleicherorts, am Tag der zweiten Sitzung des Prozesses. Spätestens dann fragte sich jeder: Wer steht eigentlich hinter ihnen? Wer nimmt Auseinandersetzungen und Schlägereien in Kauf, und steht dabei auch noch in der sengenden Hitze herum, und alles für den Ex-Präsidenten Mubarak?
Zwar begegne „Mubaraks Söhne“ viel Ablehnung und Spott; aber immerhin tauchen sie auf Pressefotos in der einen oder anderen Szene auf, und alle paar Tage findet man hier und da eine Meldung über sie, wenn auch nur in der Spalte der Anekdoten und seltsamen Begebenheiten. Interessant ist auch, dass sie sich derselben Strategien der revolutionären Jugend bedienen.
Mal steigen sie hinab in eine U-Bahn-Station die von "Mubarak" in "Die Märtyrer" umgetauft wurde, sprayen den alten Namen des Ex-Präsidenten darüber und dokumentieren das alles mit Videos und Fotos. Oder, wie es heute der Fall war, versuchte eine Gruppe die sich selbst "Organisation Söhne Mubaraks" nennt, im Morgengrauen den Sitz der Partei für Gerechtigkeit zu stürmen, und ihre Sprüche auf alle Transparente und Schilder der Partei zu sprühen.
Mahmoud Ezzat, ägyptischer Dichter, studierte Medizin an der Kairoer Universität. Er arbeitet als Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen. Er hat zwei Gedichtsbücher veröffentlicht.
Übersetzt von Sandra Hetzl
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