Natürlich beschäftigt es die Ägypter sehr, wie mit den Hauptverantwortlichen des gestürzten Regimes umgegangen werden soll. Viele Menschen fordern, jede Person, die in irgendeiner Beziehung zum alten Regime gestanden hat, möglichst schnell zu verurteilen. Andere rufen dazu auf, sie aus ihren Ämtern zu vertreiben und aus dem öffentlichen Leben zu entfernen.
Sonntag, 7. August 2011
Können wir verzeihen?
Natürlich beschäftigt es die Ägypter sehr, wie mit den Hauptverantwortlichen des gestürzten Regimes umgegangen werden soll. Viele Menschen fordern, jede Person, die in irgendeiner Beziehung zum alten Regime gestanden hat, möglichst schnell zu verurteilen. Andere rufen dazu auf, sie aus ihren Ämtern zu vertreiben und aus dem öffentlichen Leben zu entfernen.
In Südafrika gab es nach dem Erfolg der Revolution gegen das Apartheid-Regime ein vergleichbares Problem. Als Nelson Mandela 1994 die Macht übernahm, setzte ihn das Volk unter Druck: Alle, die ungerecht gehandelt, ihre Macht missbraucht oder Verbrechen gegen unschuldige schwarze Bürger begangen hatten, sollten vor Gericht gestellt werden. Mandela schaffte es diese Situation zu entschärfen, indem er sogenannte „Wahrheits- und Versöhnungskommissionen“ einsetzte.
Die Idee beruht darauf, dass die Hauptfiguren des gestürzten Regimes ihre Verbrechen zugeben und im Gegenzug bitten, begnadigt zu werden. Könnte ein solches Vorgehen auch in Ägypten Erfolg haben?
Im El Sawy Culturewheel im Kairoer Stadtteil Zamalek haben sich die Diskussionen um genau diese Frage gedreht. Die südafrikanische Botschaft hatte hierzu zusammen mit dem „Master Peace“-Projekt – ein Jugendprojekt, das sich dem Frieden in der Welt verschrieben hat – eine Veranstaltung organisiert. An den Diskussionen haben junge Menschen aus Ägypten und Vertreter der südafrikanischen Botschaft, unter ihnen die Botschafterin Noluthando Mayende-Sibiya teilgenommen.
Mayende-Sibiya redete über die bitteren Erfahrungen, die sie in Südafrika erlebt hat. Über das Leid des südafrikanischen Volkes. Über 45 Jahre Unrecht und rassistische Segregation: „Menschen wurden auf der Straße umgebracht. Leichen wurden ins Meer geworfen. Söhne sind weggegangen und bis heute nicht zurückgekehrt. Der Schmerz ist sehr groß gewesen. Aber Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu haben uns vor zwei Alternativen gestellt: Entweder bleiben wir in der Vergangenheit und seinen Schmerzen verhaftet oder wir schauen auf die Zukunft, die vor uns liegt.“
Nachdem die Botschafterin ihre Rede gehalten hatte, haben sich die jungen Ägypter mit den Gästen aus Südafrika über die Details dieser Erfahrung unterhielten. Unter den Ägyptern gingen die Meinungen auseinander, ob man diese Idee auch in ihrem Land umsetzen könnte. Mohammed Esmat, ein angehender Ingenieur, sagt: „Ich denke, dass wir von dieser Erfahrung lernen sollten. Schließlich gibt es viele Schuldige, die der Gerechtigkeit vielleicht entkommen, weil es nicht genug Beweise gegen sie gibt. Dadurch könnten die Leute noch ewig wütend sein. Die diskutierte Lösung würde ihnen vielleicht helfen. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass die Geschäftsmänner, die Milliarden gestohlen haben, ihre Vergehen zugeben, das Geld zurückgeben und im Gegenzug begnadigt werden – warum nicht?!“
Soma Mohammed – von Beruf Künstlerin – hat eine völlig andere Meinung: „Was für Südafrika richtig ist, muss nicht unbedingt für Ägypten oder irgendeinen anderen Ort richtig sein. Warum sollen wir immer andere Erfahrungen übernehmen? Warum können wir nicht unsere eigenen Lösungen schaffen? Dann wird die ganze Welt über diese einzigartige Lösung berichten. Ich finde es schwer, den Menschen zu verzeihen, die die Rückständigkeit Ägyptens zu verantworten haben und die es sich zum Ziel gemacht haben, Ägypten zu zerstören und ihre Reichtümer zu stehlen.“
Momen – ein Internetdesigner – sagt: „Die Ägypter reagieren immer sensibler auf jeden, der in einer irgendeiner Beziehung zum alten Regime gestanden hat. Das ist ein Fehler. Wir müssen unterscheiden zwischen den Verantwortlichen, den Leuten mit Einfluss und den Leuten, die sich mitten in diesem autoritären, despotischen System befanden und die gezwungen waren, mit ihm zu leben und seine Befehle auszuführen. Auf jeden Fall müssen die Leute entlassen werden, die das Land ausgeraubt haben oder Unschuldige umgebracht haben, aber es geht nicht, dass wir alle Menschen verfolgen, nur weil wir sie für ein Teil des Systems halten. In Wirklichkeit waren wir alle Teil des Systems.“
Ich denke, dass es in jedem Fall wichtig ist, sich mit verschiedenen Revolutionen vertraut zu machen. Natürlich stellt die ägyptische Revolution eine neue Erfahrung dar, mit ihrer ganz eigenen Note. Es schadet aber nicht, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, damit wir nicht die Fehler vergangener Revolutionen begehen und damit wir in möglichst kurzer Zeit zum Erfolg kommen.
Ihab Hassan
Übersetzt von Fabian Ledwon
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