Vor fünf Monaten – also einen Monat vor Ausbruch des Volksaufstandes – wurde ich zusammen mit einer Gruppe von syrischen Bloggern zu einer inoffiziellen Gesprächsrunde mit Frau Dr. Bouthaina Shaaban, der Politik- und Medienberaterin von Präsident Assad, eingeladen. Unter den Anwesenden war auch der syrische Blogger Anas Maarawi.
Donnerstag, 14. Juli 2011
Syrien: Zwischen nationalem Dialog und der Verhaftung des Bloggers Anas Maarawi
Vor fünf Monaten – also einen Monat vor Ausbruch des Volksaufstandes – wurde ich zusammen mit einer Gruppe von syrischen Bloggern zu einer inoffiziellen Gesprächsrunde mit Frau Dr. Bouthaina Shaaban, der Politik- und Medienberaterin von Präsident Assad, eingeladen. Unter den Anwesenden war auch der syrische Blogger Anas Maarawi.
Wir redeten in aller Offenheit über nahezu alles und sagten ihr klipp und klar: „Nach Tunesien ist nichts mehr, wie es vorher war. Im Volk hat sich längst Frust angestaut, und nun hat die Erfahrung der Tunesier und Ägypter in ihm den festen Glauben geweckt, es könne einen Wandel hin zu einem demokratischen Syrien herbeiführen. Einem, das nicht vom Sicherheitsapparat im Würgegriff gehalten wird und in dem die Freiheit, die Rechte und die Würde des Menschen gewahrt sind. Wir gaben unserer Überzeugung Ausdruck, dass der Wandel unmittelbar bevorsteht: Entweder würde ihn die Obrigkeit unter Einbeziehung des Volks, der Intellektuellen, der Opposition und des gesamten gesellschaftlichen Spektrums Syriens einleiten, oder die Lage würde von einem Moment auf den anderen unweigerlich explodieren.“ Unsere Diskussionsbeiträge wurden durchweg mit zuckersüßen Worten quittiert.
Es trat ein, was jeder erwartet hatte, der bereit war, die Realität so zu sehen, wie sie ist, und nicht, wie er sie sich erträumt. Seitdem sind Tausende festgenommen worden, gerade die fähigsten Leute aus dem Kreise der syrischen Jugend. Die meisten von ihnen wurden gefoltert, einige wieder freigelassen – was mit den anderen ist, weiß niemand. Unter den Festgenommenen ist auch der syrische Blogger und Aktivist Anas Maarawi, der am Freitag dem 1. Juli 2011 unter bislang unbekannten Umständen verschwunden ist. Alle Versuche, ihn frei zu bekommen, haben nichts bewirkt.
Anas – wir Blogger kennen ihn alle. Wir, die wir nichts besitzen außer der Möglichkeit, schreibend ein winziges Stück jener Angst um unsere Heimat auszudrücken, die in unseren Herzen nagt – Angst vor jenem Monster namens Korruption, das von der Allmacht des Sicherheitsapparats geschützt wird, welcher kein Gesetz unter sich duldet. Wir alle schätzen unseren Freund als einen kultivierten, redegewandten und ruhigen Gesprächspartner. Er zählt in der arabischen Welt zu den bedeutendsten Experten auf dem Gebiet der neuen Technologien, insbesondere der Open-Source-Software. Er war es, der die erste arabische Website ins Leben gerufen hatte, die sich – unter der Adresse www.ardroid.com – mit dem Betriebssystem Android beschäftigte.
Anas enthielt niemandem sein Wissen und seine Kenntnisse vor, ganz im Gegenteil: Alles, was er schrieb, wurde allen kostenlos zur Verfügung gestellt. Jeder sollte davon profitieren können, der seinen kleinen Beitrag zum Aufbau des Landes leisten wollte. Die da oben mögen aber keinen, der aufbaut, sondern der sich ihnen unterwirft, der nur sagt, was ihren Ohren schmeichelt und der seine Augen vor ihren Taten verschließt. Deshalb haben sie Anas Maarawi und Tausende andere festgenommen.
Es führt zu nichts, wenn wir weiterhin schweigen. Wir wollen Anas und seine Mitstreiter wieder unter uns und im Kreise ihrer Familien sehen. Wir wollen kein Land, in dem wir wegen eines falschen Worts gleich ins Gefängnis kommen. Wir wollen ein Land, das allen Worten Platz bietet. Nach allem was gewesen ist, sehe ich sie auf ihren Fernsehkanälen, wie sie in Partylaune am Runden Tisch sitzen, so als würde nicht mehr geschossen, als gäbe es keine Verhaftungen mehr, als hätte die Gerechtigkeit Einzug gehalten bei denen, die das Blut der Syrer vergossen haben. Vor Monaten war es noch ein inoffizieller Dialog, von nun an soll er auch offiziell geführt werden.
In der Zwischenzeit sind Anas und seine Brüder und Schwestern verhaftet worden, versperren mir ständig Sicherheitsschranken den Weg, müssen Hunderte wie ich Tag für Tag mehrmals anhalten, um unsere Ausweise mit den langen Fahndungslisten abgleichen zu lassen. Wer weiß, wann mein Name auf einer von denen stehen wird.
An die Leuten vom Geheimdienst und von der Staatssicherheit sei folgende Bemerkung erlaubt: Wenn euch meine Worte nicht gefallen und ihr mich verhaften wollt, braucht ihr mir nur eine Nachricht zu senden, und ich werde euch meine vollständige Adresse zukommen lassen. Dann kann der Dialog ganz nach eurer Vorstellung weiterlaufen.
Übersetzt von Rafael Sanchez
Vor fünf Monaten – also einen Monat vor Ausbruch des Volksaufstandes – wurde ich zusammen mit einer Gruppe von syrischen Bloggern zu einer inoffiziellen Gesprächsrunde mit Frau Dr. Bouthaina Shaaban, der Politik- und Medienberaterin von Präsident Assad, e
Aufgenommen: Jul 18, 14:44