
Nachdem die Staatsanwaltschaft in Muharram Bik angeordnet hatte, dass ich für vier Tage in Untersuchungshaft muss, wurde ich von einem Justizbeamten in Handschellen abgeführt und in ein Fahrzeug verfrachtet, das mich, zusammen mit anderen Untersuchungshäftlingen, zum örtlichen Polizeirevier bringen sollte.
Im Wagen fand ich mich zum ersten Mal in meinem Leben neben Ganoven und Knastbrüdern wieder. Unter ihnen war auch eine Frau, deren Gesicht nichts über ihr Alter verriet, so dicht war es mit mehr oder weniger frischen Narben übersät. Kaum dass wir abfuhren, zückte sie ein Rasiermesser und ging wahllos auf die anderen Gefangenen los. Zitternd vor Angst versuchte ich, vor der scharfen Klinge in Deckung zu gehen, mit der sie wild in der Gegend herumfuchtelte.
Auf dem Polizeirevier von Muharram Bik wurde ich in die einzige Arrestzelle gesteckt, die für sämtliche Untersuchungshäftlinge zur Verfügung stand. Die meisten von ihnen hatten ein Verfahren wegen irgendwelcher Drogendelikte laufen. Noch heute muss ich an einen jungen Mitinsassen namens Iman denken, der mir erzählte, dass er Bediensteter der Staatsanwaltschaft gewesen sei, bis man ihn eines Tages bei dem Versuch erwischt hatte, einen Zentner Cannabis zu verticken. Später traf ich Iman nochmal im Burj-al-Arab- Gefängnis wieder, wo er eine sechsjährige Haftstrafe verbüßen musste. Seine beiden Freunde, die mit im Auto gesessen hatten, ohne etwas von dem Rauschgift zu wissen, waren zu jeweils drei Jahren verurteilt worden.
In der Arrestzelle verbrachte ich insgesamt zwanzig Tage, zusammen mit Dealern und Dieben, manche von ihnen menschliche Wracks, wie ich sie mein Lebtag noch nie gesehen hatte. Am hellichten Tag wurde in der Zelle, unter den Augen der Wärter, mit Drogen gehandelt, die sich die Gefangenen teilweise auch von ihren Angehörigen in den Nahrungsmitteln versteckt ins Gefängnis schmuggeln ließen. Nach diesen zwanzig Tagen wurde ich, zusammen mit anderen Gefangenen, ins Untersuchungsgefängnis im Stadtteil Al-Hadra verlegt, wo wir, egal ob vorbestraft oder nicht, noch schlechter behandelt wurden. Mit einer stumpfen Schermaschine musste ich mir die Haare eher ausrupfen als abrasieren lassen. Und obwohl ich weder rauche noch trinke oder andere Drogen nehme, zwang man mich, genau wie die anderen, noch am Tag unserer Ankunft unter Androhung von Schlägen zu einer entwürdigenden Prozedur, bei der in einer eigens für diesen Zweck eingerichteten Zelle der Magen- und Darminhalt auf möglicherweise versteckte Drogen untersucht wird.
Normalerweise wird diese demütigende Untersuchung elf Tage lang täglich wiederholt. Auch ich musste mich am nächsten Morgen der Prozedur noch ein weiteres Mal unterziehen. Doch dann, am Mittag, kamen wir glücklicherweise in eine andere Zelle, und es folgten keine weiteren Untersuchungen dieser Art. Tags darauf wurde ich zum Gefängnisdirektor bestellt. Nachdem er mich ausführlich über meinen Fall befragt hatte ließ er mich in eine Einzelzelle sperren.
Damit begann für mich ein neuer, letzter Abschnitt der Haft: Vom 22. November 2006 an war ich in Einzelhaft, mit einer einzigen sechswöchigen Unterbrechung im Februar und März 2009. In diesem Zeitraum brachte man auf Anordnung eines Offiziers der Staatssicherheit einen mutmaßlichen Spion für Israel namens Magdy El-Nour Tawfiq bei mir in der Zelle unter, weil er seines Lebens nicht mehr sicher sein konnte, nachdem Angehörige der Muslimbruderschaft, mit denen er vorher in einer Zelle gewesen war, herausgefunden hatten, dass er über die Vorgänge in der Zelle Aufzeichnungen machte, um diese an die Staatssicherheit weiterzuleiten.
Kareem Amer, 27, ägyptischer Blogger, studiert Informatik an der Kairoer Universität. „Ich glaube, dass jeder Mensch sein eigener Gott ist“ sagt er. „Niemand sollte ihn aufzwängen, an undiskutierbare Dinge zu glauben“. Niemandem sollte ein Glauben aufgezwungen werden.