Die Beamten führten mich zu einem von Gittern umgebenen Bereich. Zu meiner Überraschung war der Gerichtssaal bis auf den letzten Platz voll besetzt mit Zuschauern, die ich nicht weiter kannte, ja von denen ich den meisten nie vorher begegnet war.
Saturday, 18. June 2011
Jahre der Haft und der Freiheitsberaubung (1)
Die Beamten führten mich zu einem von Gittern umgebenen Bereich. Zu meiner Überraschung war der Gerichtssaal bis auf den letzten Platz voll besetzt mit Zuschauern, die ich nicht weiter kannte, ja von denen ich den meisten nie vorher begegnet war.
Der Richter hatte schon auf mein Eintreffen gewartet und rief wie aus der Pistole geschossen meinen Namen auf. Ich bestätigte meine Anwesenheit im Gerichtssaal, woraufhin er unvermittelt mit der Urteilsverkündung begann. Deren Einzelheiten gingen im ersten Moment an mir vorüber, da ich damit beschäftigt war, die Gesichter der Anwesenden nach möglichen Bekannten zu durchkämmen. Auch nachdem der Richter das Urteil verlesen und die Sitzung aufgehoben hatte, war mir die Sache noch gar nicht so richtig bewusst, und kein Anzeichen von Schock oder Erschütterung war in meinem Gesicht zu lesen.
Von Anfang an hatte ich ja mit dem Schlimmsten gerechnet und kümmerte mich nicht weiter darum, wie diese Gerichtsverhandlung ausgehen würde, so als hätte die ganze Sache nichts mit mir zu tun. Gleichzeitig war ich auf jedes Urteil gefasst, das an jenem Sitzungstag gegen mich ergehen würde. Jener Tag, das war – um genau zu sein – der 22. Februar 2007. Exakt jenes Datum, welches ich immer wieder in die Wand meiner Gefängniszelle geritzt hatte, und zwar schon bevor mein Prozess überhaupt begonnen und der Termin der Urteilsverkündung festgestanden hatte.
Und warum? Nun, ich war sehr von der Geschichte der drei deutschen Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst berührt. Diese waren auch an einem 22. Februar des Jahres 1943 von einem deutschen Militärgericht während der Nazizeit zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet worden.
Vor allem zwei Spielfilme über sie hatten mein Interesse geweckt. Eine Zeit lang beschäftigte ich mich mit der Geschichte der Bewegung „Weiße Rose“ und dem Leben ihrer Gründer, welche sie an der Universität München als gewaltlose Widerstandsbewegung gegen das Hitler-Regime initiiert hatten. Aus meiner Beschäftigung mit dem Thema ging ein längerer Artikel hervor, in dem ich meiner tiefen Betroffenheit durch deren Geschichte Ausdruck verlieh und welchen ich genau ein Jahr vor der Verkündung meiner Haftstrafe in meinem Blog veröffentlicht hatte.
Manch einem mag das alles als bloßer Zufall ohne jede weitere Bedeutung erscheinen. In meinen Augen jedoch manifestiert sich darin eine höhere Wahrheit, welche besagt, dass sich Tyrannen und Unterdrücker in jederlei Hinsicht gleichen, so als hätte man sie geklont. Was wäre bezeichnender dafür als die Tatsache, dass das Hitler-Regime schon gut zwei Jahre nach der Hinrichtung Sophie Scholls und ihrer Gefährten stürzte? Viel länger war die Zeitspanne zwischen meiner Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe und dem Zusammenbruch des Mubarak-Regimes auch nicht.
Ich will mir damit gar nicht ein Heldentum andichten, das ich nicht verdiene, oder mich auf eine Stufe mit großen Kämpfern stellen, die ihr Leben für die Freiheit ihres Landes opferten, sondern lediglich an eine Wahrheit erinnern, die jeder, der einmal in den Genuss des weichen Polsters der Macht gekommen ist, gern vergisst: Die Geschichte wiederholt sich – bis hinein in ihre kleinsten Details. Die Ereignisse ähneln einander in der gleichen Weise wie die Zahlen auf den Kalenderblättern, welche die Diktatoren auf ihren Schreibtischen liegen haben.
Als ich das Urteil realisierte, war ich nicht schockiert, denn ich war ja von Anfang an auf alles Mögliche gefasst gewesen. Ich erkannte nun in aller Deutlichkeit, dass das Gerede von Meinungsfreiheit in Ägypten ein schlechter Scherz war. Seit ich begonnen hatte, meine ersten Texte zu veröffentlichen, wusste ich ganz genau, dass das kein leichter Weg sein würde, dass da mehr Stolpersteine lauern würden, als manche glaubten. Dennoch entschied ich mich ganz bewusst dazu – aus dem Gefühl heraus, im Schreiben ein anderes Leben finden zu können, eines, das keinem anderen Leben gleichkommt.
Die Szene, in die ich mich zu Beginn dieses Artikels wieder zurückzuversetzen versucht habe, war nicht der erste Akt des Dramas, und natürlich auch nicht der letzte. Ich war ja schon vor jenem Datum mehr als 100 Tage lang meiner Freiheit beraubt gewesen, nachdem die Staatsanwaltschaft den Beschluss gefasst hatte, mich in Untersuchungshaft zu nehmen.

Es wurden mehrere Anklagepunkte gegen mich erhoben, die allesamt mit meinen Texten zu tun hatten, welche ich in meinem Blog und einer Reihe anderer Internetseiten veröffentlichte. Das Verfahren gegen mich fand auf der Grundlage einer Anzeige durch die islamische Al-Azhar-Universität statt. Dort war ich an der Rechtsfakultät eingeschrieben gewesen und wurde dann zwangsexmatrikuliert, nachdem der universitätsinterne Disziplinarausschuss mich für schuldig befunden hatte. Angeblich hatte ich in einigen Artikeln meines Blogs den Islam verächtlich gemacht und den verstorbenen Großscheich der Al-Azhar-Universität beleidigt und angegriffen, sowie Professoren der Universität verunglimpft.
Während des Gerichtsverfahrens, bei der mir eine Anwältin zur Seite stand, die für eine Menschenrechtsorganisation arbeitete, erhob die Staatsanwaltschaft mehrere Vorwürfe gegen mich, darunter: Verächtlichmachung der Gemeinschaft der Muslime; Aufwiegelung gegen die Pfeiler der herrschenden Ordnung; Hass auf den Präsidenten der Republik sowie Beleidigung des selbigen.
Das Verfahren ähnelte mehr einem Possenspiel. Der mit meiner Befragung betraute Untersuchungsrichter hatte immer scharenweise Kollegen um sich herum, was den Bestimmungen für ein ordnungsgemäßes Verfahren völlig widersprach. Auch als ein Ermittlungsbeamter in dessen Büro mir drohte, er werde mich in der Polizeidienststelle, wo er arbeite, foltern, ließ er das unkommentiert stehen. Ebenso wenig achtete jener auf die völlig aus dem Rahmen fallenden Fragen seiner Kollegen, in denen massive Kränkungen und Verletzungen der Privatsphäre mitschwangen. Selbst als der Oberstaatsanwalt ins Büro kam, sprach er in einem unangemessenen Ton mit mir und stieß in Anwesenheit meiner Anwältin Drohungen gegen mich aus. All dies ließ die ganze Befragung als eine einzige schwarze Komödie erscheinen.
Kareem Amer, 27, ägyptischer Blogger, studiert Informatik an der Kairoer Universität. „Ich glaube, dass jeder Mensch sein eigener Gott ist“ sagt er. „Niemand sollte ihn aufzwängen, an undiskutierbare Dinge zu glauben“. Niemandem sollte ein Glauben aufgezwungen werden.
Tracked: Sep 25, 19:39