
Nach der Arbeit geht es nach Hause und ich schalte den Fernseher ein. Ein Ablauf, den viele Menschen überall auf der Welt kennen. Doch wenn wir nach Hause kommen und den Fernseher einschalten, dann wollen wir nicht entspannen, wir wollen wissen, ob die Lage in der Heimat unserer Mütter und Väter sich weiter verschlechtert hat. Wenn ich von „wir“ spreche, dann spreche ich von den Millionen arabischstämmigen Menschen in Europa.
Der Fernseher geht an und ich sehe Al Dschasira, den Sender der Revolution, den Sender, der uns die Menschen in der alten Heimat näher bringt. Ich sehe die Bilder von Menschen in der Stadt Daraa in Syrien, die in ihrem eigenen Blut liegen, aufgenommen mit Handykameras, weil das Regime die Grenzen dichtmacht, um sich vor der „Öffentlichkeit zu schützen“. Der Funke der Revolution hat gezündet und er hat auch Syrien erfasst, dieses Land, in das viele Verwandte meines Vaters geflohen sind, um Repressionen zu entgehen. Ein Land, das durchsetzt ist von Polizeispitzeln, allerdings auch ein Land, das den meisten arabischstämmigen Menschen als relativ offen galt. Doch diese vermeintliche Offenheit gibt es nicht!
Wenn ich mir anschaue, wie Menschen in Daraa erschossen werden, von Sicherheitskräften, die das Volk eigentlich schützen sollen. Daraa, die Stadt in der viele Verwandte leben, die wir nun nur noch mit Glück erreichen können, da die Handynetze immer wieder gesperrt werden und das Internet ebenfalls zensiert ist. Wenn die Kugeln fliegen, versuchen wir die Menschen, die wir kennen zu erreichen, doch die Hoffnung ist meist vergebens.
Die Menschen, die wir im Fernseher sehen, wollen nicht viel, sollte man meinen. Sie wollen die Freiheiten, die wir, ihre Verwandten in Europa schon haben. Frauen und Männer, Kinder und Alte – sie alle sind aufgestanden gegen die Regime, die das Volk unterdrücken, die nur der herrschenden Klasse dienen und ihren Bürgern keine Freiheit lassen. Es erfüllt mich und die meisten anderen Menschen, die diese Bilder sehen, mit Trauer, wenn wir daran denken, wie Menschen erschossen werden, weil sie sich für ihren Wunsch nach Freiheit einsetzen.
Die Menschen lassen sich nicht mehr unterdrücken, denn sie haben erkannt, dass in der Masse ihre Stärke liegt und sich keine Regierung gegen ein ganzes Volk stellen kann. Auch wenn viele sterben, so steigt der Mut für die Freiheit zu kämpfen, so denke ich, wenn ich die Bilder aus Syrien und der gesamten arabischen Welt im Fernsehen sehe. Ich hoffe und ich wünsche mir, dass nicht zu viele Menschen sterben müssen in Daraa und in allen anderen Gebieten, in denen die Menschen für ihre Freiheit demonstrieren. Dies ist nicht nur mein Wunsch, dies ist der Wunsch der meisten Menschen hier in Europa und vor allem derjenigen, die aus diesen Ländern kamen.
Unsere Herzen sind voll Trauer und Hoffnung, wenn wir diese Bilder sehen, von Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen. Doch noch mehr alles andere sind wir stolz – stolz darauf, dass in der weit entfernten Heimat unserer Familien, die Menschen aufstehen für ihre Rechte und ihre Träume. Für ihre Freiheit und für eine Gesellschaft, in der nicht nur eine kleine Gruppe das Schicksal aller bestimmt. Und so denkt man jeden Morgen daran, dass es Bekannte, Verwandte und Tausende andere Menschen gibt, die aufstehen und für ihren Traum demonstrieren. So erfüllt einen der Morgen zwar mit Angst vor schlechten Nachrichten, doch noch viel mehr erfüllt er einen mit Hoffnung und Stolz. So bleibt der Gedanke in Syrien, im Jemen, in Jordanien, in Algerien und all den Ländern, in denen die Menschen friedlich für ihre Rechte demonstrieren. Denn der Gedanke und die Sehnsucht nach Freiheit sind größer als die Angst vor dem stärksten Regime!
Jules Jamal El Khatib
اتمني لك النجاح والتوفيق