
Man muss ganz schön Sitzfleisch haben, wenn man in den Moskau den Grand Prix bis zum Ende schauen will. Da das Event für die mitteleuropäischen Zuschauer einst konzipiert wurde und dort natürlich in der Hauptsendezeit am Samstagabend liegen muss, geht es in Moskau (mit zwei Stunden Zeitverschiebung zu Berlin) eben erst um 23 Uhr los.
Nachdem ich ja die Probe bereits live gesehen hatte und die Akkreditierung nichts nützte für das große Finale, beschloss ich, dass es auch mal ganz spannend sein könnte, das TV-Event auch im TV anzuschauen. Und dass aber nicht anonym im Pressezentrum des Olympijskij-Stadions oder zuhause auf der Couch, sondern nett mit Freunden in einer Kneipe.
Wir trafen uns also mit ein paar Leuten so gegen 10 im "Probka" (konnte man sich gleich noch mal an die im Halfinale ausgeschiedene lettische Band mit ihrem gleichnamigen Song "Probka" erinnern); Probka heißt Stau, aber den gab es am Samstagabend in Moskau nicht. Es war so wie immer, eher ruhig - vom dem großen Ereignis war außer am Stadion selbst in der Stadt nichts mitzubekommen.
Immerhin wurden im Probka um 11 die Flachbildschirme mit Ton versehen und es ging los mit der Guckerei.
Der Auftakt - klar, ein Spektakel. Und das schöne am Fernsehen ist, dass einem die Bilder vorselektiert präsentiert werden. Während man in der großen Halle alles auf einmal sieht - die Bühne mit den ständige wechselnden Projektionen und Kunststücken, hinten im Himmel der Halle Seilkünstler und Akrobaten, dazu die Musik und das Licht ... Da weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Im TV gibt es immer nur ein Bild, abwechselnd Totalen und Details. Hat auch was - zumindest, wenn man schon vorher gesehen hat, was es sonst noch gibt ;-))
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Ausgestattet mit Stimmzetteln schauten wir dann die Musikbeiträge - begleitet von diversen Kommentaren, Applaus und viel Heiterkeit.
Das W steht für Winner, sagt Claudio, als er nach dem Beitrag von Alexander Rybak aus Norwegen den Buchstaben in sein Kommentarfeld malt. Der Austauschstudent aus Dortmund, der für ein Jahr in Moskau ist, ist sich sicher, wer am Ende siegt. Und seine russische Freundin malt gleich noch ein dickes Plus dahinter, wie zur Bestätigung.
Die Wertungen unserer Runde reichen am Ende von Portugal bis Israel. Die meisten der Deutschen schicken ihre SMS vom russischen Handy dann aber doch für die Nummer 17 - Deutschland - ab. Ja, wir können auch Patrioten sein. Wobei ich ja für den schönen Griechen Sakis gestimmt habe, hat allerdings nichts genützt. Der zweite Favorit kam am Ende nur auf Platz sieben, was definitiv schlechter ist, als sein Ergebnis von 2004, wo er auf Platz 3 war.Jedenfalls hätte man am Ende gar nicht so lange ausharren müssen - wobei die Abstimmung mit den Liveschalten in die Hauptstädte ja auch ihren Reiz hat.
So vergab Deutschland in diesem Jahr 5 Punkte an Russland, 8 an die Ukraine, 10 an die Türkei und - wie so viele auch 12 an Norwegen. Russland seinerseits vergab seine Höchstpunktzahlen an Estland (8), Frankreich (10) und eben auch Norwegen (12).
Für den deutschen Beitrag sah es von Anfang an schlecht aus, zwischendurch lagen die swingenden Alexs und Oscars sogar eine Weile auf dem letzten Platz. Dann gab's zur Rettung mal 7 Punkte aus Großbritannien ... am Ende reichte es nur für Platz 20. Nicht gerade ein berauschendes Ergebnis, zumal die Künstler auf einen Platz unter den ersten 10 spekuliert hatten ...Dass der niedliche Norweger gewinnt, war schon nach der Hälfte aller abgegebenen Stimmen aus den 42 Ländern klar. Zumal er von fast überall her die Höchstpunktzahl bekam. Die Kommentatorin aus Island überschlug sich fast vor Euphorie, als sie dem "cutest guy in the contest" ihre 12 points gab ;-))
Und es bewahrheitete sich eine These, die ich kürzlich im russischen Radio gehört hatte - Norwegen hat immer dann den Grand Prix gewonnen, wenn sie einen Künstler geschickt hatten, dessen Wurzeln aus dem jeweiligen Land kommen, wo die Eurovision stattfindet. Rybak wurde in Weißrussland geboren (zählt dann in dem Fall großzügig zu Russland). Stimmt also.
Immerhin hat mit dem sympathischen 23-Jährigen (der am Mittwoch, kurz vorm Halbfinale in Moskau seinen Geburtstag feierte) einer gewonnen, der auch was von Musik versteht. Er spielt seit dem Kindergarten Geige und Klavier, seine Eltern sind Musiker und seinen "Fairytale"-Song über die erste große Liebe hat er selbst geschrieben, komponiert und in Szene gesetzt. Klar, dass das dann viel authentischer ist, als ein Musicalstar in Silberleggings, der den Song eines DJs trällert und mit einer gezähmten Striptänzerin anbandeln soll ...
Also, the winner is - Norwegen. Die nächste Eurovision kommt also bestimmt, in Oslo im Frühling 2010. Bis dahin haben die Deutschen jetzt Zeit, sich eine neue Strategie zu überlegen. Kann man ja jetzt analysieren, was die anderen Nationen so viel richtiger gemacht haben. Island zum Beispiel, die mit ihrer 18-jährigen Yohanna (einer Sängerin und Musiklehrerin) und einem romantischen Song den zweiten Platz holten oder Aserbaidschan, die auf Folkore und Showeffekte setzten und damit auf Platz 3 kamen.
Die großen Namen, Patricia Kaas und Jade Ewen mit Sir Andrew Loyd Webber am Klavier kamen allerdings auch nur auf Platz 8 (Frankreich) und 5 (UK).
Russland landete mit Anastasija Prichodko auf Platz 11. Es hätte schlimmer kommen können.



















