
Als am Nachmittag die russische Delegation im einheitlichen Gruppenlook mit Deutsch- Russischen Freundschaftstshirts ankommt und nach und nach die deutschen Teilnehmer des Jugendparlaments eintrudeln, ist noch nicht absehbar, Zeuge welch wundersamen Schauspiels wir werden.
Ok, dass Tags darauf Sakkos angezogen und Schlipse gebunden werden und die Schuhe poliert glänzen – geschenkt. Ein regelrechtes Schaulaufen der Dressmen, eine Präsentation weiblicher Businesseleganz – nichts Anderes war zu erwarten. Ein wenig kennen wir die Russen ja und wissen ihre Fähigkeit, sich in Schale zu werfen, wohl zu schätzen.
Die Deutschen kultivieren dagegen ja manchmal – zumindest die To4ka Redaktion – den gepflegten Schlabberlook, wohlwissend, dass man es sich leisten kann, weil ja sonst alles andere funktioniert. Doch dann das! Ein Stromausfall! Gleich am ersten Abend! Was sollen denn jetzt wohl bitte unsere internationalen Gäste von uns denken?! Das sind doch genau die Geschichten, mit denen die anspruchsvollen Deutschen schockiert von ihrer ersten Russlandreise („Urlaub“ nennen sie es ja betont nicht) wiederkommen.
Wir im easy Schlabberlook beschweren uns dagegen über die „Dezhurnajas“ aus den Wohnheimen, die Wachtanten, die dafür sorgen, dass niemand mehr nach zwölf in die Studentenwohnheime oder sonstwo reinkommt – zum Glück gibt’s hier sowas nicht. Bozhe moi!
Aber da waren wir wohl lange nicht mehr in einer Jugendherberge, deren Hausordnung
sich eher am Tagesrythmus betagter Rentner orientiert: der Billardtisch wird um halb zehn geschlossen – und die Herberge nur unwesentlich später verbarrikadiert... Zum Glück haben die Russen nicht das Thema „Menschenrechte“ auf die Tagesordnung gesetzt – da hätten wir uns wohl ganz schön blamiert.
Stattdessen „Chancen und Risiken der Globalisierung“. Fragt sich bloß, ob die Dezhurnajas eine Chance oder ein Risiko sind. Eine Frage, die im edel getäfelten Konferenzsaal der TUI im Beisein des CEOs am ersten Tag leider nicht gestellt wurde. Und das, obwohl immer wieder daran erinnert wurde, wie großartig es doch ist (und das ist es wirklich, zieht euch das mal rein!), dass es sowas wie ein deutsch russisches Jugendparlament überhaupt gibt, denn viel Staub liegt noch nicht auf den Raketen von einst und böse Worte werden noch immer ohne viel Nachdenkens abgeschossen.
Denn ehe man sich versieht, haben die Dezhurnajas bestimmt einen Wedel in der Hand und stauben in ihrem Ordnungswahn die Raketen wieder ab und dann wird der Billardtisch noch früher geschlossen. Wie schön, dass es auch noch Menschen mit Herz gibt. Eine Dame zum Beispiel, die nur mit Mühe ihre Tränen der Rührung zurückhalten konnte, als sie aussprach, was wir alle insgeheim denken und hoffen: dass so ein Jugendparlament erst dann wirklich komplett ist, wenn die Völkerverständigung so weit gedeiht, dass zwei Teilnehmer heiraten.