Neuseeland
Kuala Lumpur
Meine Reise liegt hinter mir,
somit habe ich eine andere Sicht, als wenn ich aus dem erlebten Moment schreibe.
Ich gebe mir Zeit, um an die Prozesse ran zu kommen, die in mir durch die Begegnungen mit den Menschen in Malaysia und Neuseeland ausgelöst worden sind... Prozesse, die mich verstehen lassen, was sie persönlich bei mir bewirken und verändern, um irgendwann eine Aussage für meine Arbeit machen zu können.
Ich fange einfach mal an.
Wie ich es auch mit den Zufällen halte....
Jedenfalls verschlug es mich zufällig im Januar 2010 für drei Monate nach KL. Meine erste und nicht die letzte Reise in den südostasiatischen Raum sollte es sein. Malaysia, meine Herausforderung für eine völlig neue Raumerfahrung.
An die Hochschule für darstellende Kunst ASWARA werde ich vom Goethe Institut eingeladen, zeitgenössischen Tanz und Komposition zu unterrichten. Ich steige mutig ein und bin völlig ahnungslos, wie sich der Kulturmix bestehend aus Moslimen, Chinesen, Indern und der indigenen Bevölkerungen auf die Körperlichkeit der jungen Tänzerinnen und Tänzern auswirkt.

ASWARA. Kuala Lumpur
Innerhalb des Unterrichts tragen die moslemischen Frauen keine Kopftücher, auch ist der Stil der Tanzbekleidung genauso wie in Europa. Die Körper sind nicht verhüllt.
Ich arbeite mit ihnen über ‚limitierten’ Raum. Es geht um die Verknüpfung der körperlichen Erfahrungen in einem architektonisch begrenzten Raum mit den eigenen persönlichen Erfahrungen die du mit deinem Körper als deinen begrenzten Raum machst. Wir kleben ganz simpel mit Tesaband Quadrate auf den Boden.
Wie sollte es auch anders sein bei meiner Liebe zu geometrischen Formen. Sowohl die Zuordnung der Quadrate im Raum als auch der Prozess des Bauens von einem Raum mit Hilfe der Linien, erhält in der Gruppenarbeit eine Wichtigkeit. Die Studenten zeigen sich gegenseitig die entstandenen Arbeiten, wir sprechen über die Prozesse die jeder macht und geben Kommentare ab.
Spannend ist die Verbindung zur Sprache.
Auch für sie ist die englische Sprache nicht ihre Muttersprache.
Sie lieben es untereinander malaysisch zu sprechen.
Wir müssen nach den Worten suchen.
Worte, die gekoppelt sind mit den eigenen persönlichen Erfahrungen.
Worte, die unzugänglich werden, da sie fremd sind im Zusammenhang mit der Körpersprache.
Für mich beginnt ein wichtiger Moment, der sich über die Körpersprache hinaus zu einem Körperbewusstsein entwickelt. Oder anders gesagt, die Körperarbeit wird mit den eigenen Erfahrungen angereichert.
Ich mache Interviews am Ende meiner Arbeit.
Ich befrage sie nach ihrem kulturellen Reichtum, der sich in den traditionellen Tänzen ausdrückt,
und wie sie die Verbindung zum zeitgenössischem Tanz auf dieser Basis empfinden.

ASWARA. Kuala Lumpur
Gibt es eine Verbindung zwischen der Tradition und der Moderne?
Und wenn ja, wie kann sie den zeitgenössischen Tanz befruchten?
Wie sieht das konkret aus?
Wo ist die Tradition eine Bereicherung, wo könnte sie ein Fundament bilden für den modernen/zeitgenössischen Tanz. Oder steht das eine neben dem anderen ohne im Austausch zu sein, ohne sich wirklich zu berühren?
Wie kann meine Arbeit mit ihnen aussehen, die ich die Frage anders oder neu stelle?
Oder wie komme ich an etwas ran, was sie wirklich bewegt?
Wie verknüpfe ich das mit ihrer eigenen Körpersprache?

ASWARA. Kuala Lumpur
Wie kann ich sie herausfordern eine Erfahrung im Tanz zu machen, die nicht nur darin besteht, eine Befriedigung zu finden in der Beherrschung der Technik, sondern darüber hinaus eine Empfindsamkeit für die eigene Geschichte zu entwickeln.
Am 7. April verlasse ich ASWARA und reise wieder zurück nach Berlin. Kurze Zeit später folge ich einer Einladung nach Neuseeland, um dort für das Body Festival in Christchurch ein neues Stück für die „Southern Lights Dance Company“ zu erarbeiten. Für diese Reise plane ich einen Zwischenstop in KL, und zwar auf der Rückreise von
Neuseeland nach Berlin. Ich möchte meine Studenten und Kollegen in KL wieder sehen.

ASWARA. Kuala Lumpur
Am 20. August fliege ich nach Christchurch, NZ. Nach einer intensiven zweiwöchigen Probenphase mit den Tänzern wird infolge des schweren Erdbebens am 4. September das gesamte Tanzfestival abgesagt. Eigentlich müsste ich an dieser Stelle mit meiner ganz persönlichen Geschichte über das Erdbeben beginnen. Aber es gibt da für mich ein Gefühl des ‚Ausgebremstseins’, was mir sozusagen die Sprache verschlagen hat, über diese Zeit zu schreiben.
Für die Fakten finde ich Worte.
7.1 auf der Richterskala ist in der Stärke mit dem Beben in Haiti zu vergleichen.
Keiner wird schwer verletzt, da die geringe Bevölkerungsdichte und die gute Bauweise der neuseeländischen Architekten das Schlimmste verhindern. Ich entscheide mich die restlichen zwei Monate meiner Residenz dort zu verbringen. Zusammen mit dem Goethe Institut und dem Direktor des Body Festivals knüpfe ich Kontakte mit der Universität in Aukland und einer Hochschule in Wellington. Für mich beginnt eine wunderbare Begegnung und Kommunikation.
Ich nehme mir viel Zeit um ein Verständnis für den zeitgenössischen Tanz in NZ und für die Situation der Tänzer zu finden.
Mein Körper scheint in den 40 Sekunden, die das Erdbeben dauerte, die Angst gespeichert zu haben.
Es gab für mich keine Äußerung eines Affekts, eines Schreis. Alles ging nach innen.
Vielleicht setze ich an anderer Stelle wieder an, um über meine Raumerlebnisse zu erzählen, die ich seit dem Erdbeben in NZ speziell in den modernen Wohnhäusern hatte und natürlich ganz besonders in der Natur.
Mein Abschied aus NZ ist getragen von dieser sehr eindrücklichen Zeit.
Ich kann mich noch nicht zu einem Resümee herausfordern. Dazu bin ich zu dicht an den Ereignissen.
Meine Rückreise über KL mit meinem einwöchigen Arbeitsaufenthalt beginnt sehr entspannt. Irgendwie ist die Ankunft für mich in KL sehr vertraut.
Ich genieße den Kontakt zu den Menschen, die mir mit ihrem Vertrauen zu verstehen geben, dass ich einen Platz bei ihnen finden kann.
Geplant sind workshops in der Akademie ASWARA, mit Studenten aus der Universität und eine kurzfristig angesetzte Performance in The Actors Studio@Lot 10.
Bilqis Hijjas von Dancebox organisiert u.a. mit mir einen Mix von Kulturen und Tanzstilen. Es ist mein erster Versuch meine künstlerische Arbeit life in Malaysia zu zeigen.
Die Reaktionen sind gewiß sehr ambivalent. Super interessant sind die Reaktionen der Studenten, die mit mir am gleichen Tag der Performance einen workshop machen. Sie können benennen was sie bewegt hat, weil sie verbunden sind mit ihrer eigenen Erfahrung während der Arbeit mit mir.
In den Klassen arbeite ich mit meinem Repertoire. Ich habe das Gefühl, dass die Tänzer meine Arbeit viel klarer aufnehmen, dass sie eine Akzeptanz gefunden haben die es ihnen ermöglicht, mit mehr Freiheit und Unabhängigkeit sich der Arbeit mit mir zu stellen.
Ich empfand diesen 'stop over' als sehr gelungen.
Eine wunderschöne Zeit die auch mir eine Offenheit gegenüber den Studenten ermöglichte, die ich bei meiner ersten Reise noch längst nicht so zeigen konnte.
Riki von Falken, im Dez. 2010





