
Trotz des Titels fange ich jetzt erst mal mit der Abreise aus dem russischen Nordwesten an. Keine Sorge, kein Etikettenschwindel – es wird auch über die Rückkehr zu lesen sein. Also, Abfahrt nach Wolgograd vor ca. zwei Wochen, Mitte April. Archangelsk – eine einzige Eisplatte. Es liegt noch sehr viel Schnee, die Sonne scheint aber bereits kräftig. Der geschmolzene Schnee verwandelt sich nachts in unglaublich glatte, unheimlich große Eisplatten. Ich komme des Öfteren ins Schlingern und wundere mich, wie rüstige und vor allem weniger rüstige Pensionäre diese Wetterperiode ohne Knochenbrüche überstehen.

Aber zurück zum Thema. Also, raus aus der winterlich-glatten Archangelsker Misere, ab nach Wolgograd. Eine Email im Computer, die leichte Kleidung für das warme Wetter empfiehlt. Gesagt, gepackt. Ich nehme also nur den normalen Wintermantel und eine Übergangsjacke mit. Am stalinbarocken Flughafen von Wolgograd trifft mich dann auch fast der Schlag: es hat gefühlt über 30°.

Wolgograd ist dufte, eine interessante Stadt, die sich unendlich am Wolgaufer entlangzieht (über 100km). Die Wolga ist tiefblau, die Landschaft schon sehr steppenhaft und außerdem ist Frühsommer. Wunderbar. Im Laufe der Woche bleibt ein wenig Zeit für die Sehenswürdigkeiten. Kurzum, trotz viel Arbeit amüsiert man sich.

Was sich aber irgendwie eigenartig anfühlt, denn die Geschichte der Stadt lässt sich zumindest für Neuankömmlinge nicht so selbstverständlich hinnehmen. Dafür ist das Thema Krieg auch viel zu sehr in der Stadtarchitektur und im Stadtmarketing verankert: Wo in Berlin Bären, in München komische Löwenfiguren und in Ulm Spatzen herumstehen (wohl als Identifikationsfiguren für Einheimische und vor allem für Touristen zum Posieren), stehen in Wolgograd allerorten Panzergeschütztürme auf Steinsäulen. Zusammen mit viel anderem ausrangierten Kriegsgerät und einer hinreichend monumentalen Nachkriegsarchitektur bleibt die Schlacht um Stalingrad präsent.

Das war also Wolgograd.
Bei meiner Rückkehr nach Archangelsk empfing mich ein vorsichtig beginnender Frühling, vereinzelte Schneehäufchen erinnerten noch an den langen Winter. Hier beginne ich auch endlich, Euch den Grund für meinen Blogeintrag zu eröffnen.

Ich fühlte mich nämlich ein bisschen wie Schliemann beim Entdecken von Troja: Unter der schmelzenden Schneedecke (--> „Archangelsker Eisplatte“) kommt der angesammelte Zivilisationsmüll eines halben Jahres zum Vorschein. Sofas, halbe Waschbecken, sehr viele Toilettenschüsseln, Flaschen, Plastik mannigfaltiger Provenienz und Zigarettenstummel.

Abschließen möchte ich heute mit einem Kompliment an die Archangelsker Stadtreinigung, bzw. die Damen und Herren vom Gebäudemanagement: All dieser herrliche Zivilisationsmüll verschwand, zumindest im Zentrum, innerhalb weniger Tage nach der Schneeschmelze. Überall fein gerechte Grasflecken, gefegte Schlaglöcher und ausgeastete Gebüsche. Das Ergebnis harter Arbeit wird in Form von schwarzen Plastikmüllsäcken noch mehrere Tage auf den Grünflächen ausgestellt.

Anstelle eines müden Kalauers à la BSR („We kehr for you“-Slogan aus den 90ern) oder öden Stadtmöbeln lieber temporäre Installationen mit schwarzen Plastiksäcken. Nicht nur die wichtige Arbeit einer Stadtreinigung wird demonstriert, nein auch an die Vergänglichkeit des Seins und die Nebenwirkungen der modernen Zivilisation wird denkwürdig erinnert. Bei eindrucksvollen Performances wurden in den letzten Tagen die Installationen von Hand verladen. Verladen auf sehr urige, in sowjetischen Planungsbüros erdachte Lastwagen. Da soll keiner sagen, zeitgenössische Kunst sei in Archangelsk nicht im öffentlichen Raum angekommen!

Und weil Bilder gucken super ist und Texte lesen nich so (mit dem Bilder machen und Texte schreiben verhält es sich ähnlich...), gibt es hier noch ein paar Fotos aus Archangelsk und Wolgograd. Bis zum nächsten Mal...









Cornelius Stiefenhofer, Archangelsk











